Annona, Bauernhof, Apotheke, Fischzucht, Bahnhof, Kiosk

Der Vatikan, das unbekannte Wesen

Vatikan 3: Annona, Bauernhof, Apotheke, Fischzucht, Bahnhof, Kiosk

Gerne lade ich Sie nun ein, mit mir erstmals den Staat der Vatikanstadt zu besuchen. Unser Ziel ist der Supermarkt, Annona genannt, an der Via della Tipografia.

Die „Annona“ war bei den alten Römern der Getreidespeicher einer Bürgerschaft und zugleich Göttin des Überflusses. Wir benutzen den Eingang St. Anna, wo die Schweizergardisten werktags in blauer Uniform kontrollieren, und engagieren  einen Kellner der Garde-Kantine, der eine Plastikkarte zum Eintritt in die Annona besitzt. Uns erwartet ein Supermarkt wie bei Ihnen zuhause. Sie können hier alles kaufen nach vatikanischer Devise: Die Ware muss Ia-Qualität besitzen, dafür setzen wir normale Preise. Also beispielsweise  Ia-Qualität beim Butter aus Oesterreich, Ia-Schokolade und Käse aus der Schweiz oder Ia-Fleisch aus den EU-Ländern. 2 x in der Woche wird dieses Fleisch mit einem 40-Tonnen-Lastwagen frühmorgens um 05.45 Uhr bei St. Anna zugeführt, so früh, weil dann in diesen engen Strassen noch kein Verkehrszusammenbruch möglich ist. – Ia-Qualität bei frischen Blumen und frischem Gemüse aus dem nahegelegenen Garten. Blumen für die Papst- und Kardinalswohnungen werden täglich direkt überbracht. – Frische, abgepackte  Milch, Butter, Yoghurt und frisches Gemüse (beispielsweise Zucchetti, Tomaten und wunderschöne Blumen) vom päpstlichen Bauernhof in den Gärten von Castel Gandolfo.  Jeden Morgen fährt der  Bauernhof-Lieferwagen in den Vatikanstaat ein, zuvor lädt er aber im Caffè Carosi in Castel Gandolfo, wohl zum Vatikanstaat gehörend, die ersten Produkte ab.

Dieser Bauernhof (einer von drei vatikanischen Bauernhöfen: →Nuzzi, Gianluigi) ist von Papst Pius XI. im Jahre 1932, also kurz nach der Gründung des Vatikanstaates, vorgeschlagen  und bereits 1935 erweitert worden. Heute ist er mit Maschinen und Computern sehr modern eingerichtet. Ziel des Bauernhofes ist es, landwirtschaftliche Produkte für die Einwohnerinnen und Einwohner des Vatikanstaates zu schaffen. Auf dem Bauernhof werden auch Heilpflanzen angebaut, z. B. die Königskerze. Seit kurzem sind Reben angepflanzt; im Jahre 2014 sei die erste Ernte. Viele Olivenbäume sind über 100 Jahre alt. Seit neustem steht leckerer Bienenhonig vom Bauernhof auf des Papstes Frühstückstisch.

Die Viehzucht wurde nach Ende des 2. Weltkrieges vom Vatikanstaat nach Castel Gandolfo ausgelagert. Sie sei, so der heutige päpstliche Stallmeister Giuseppe Bellapadrona, gänzlich frei von „Rinderwahn“. Die Tiere würden seit jeher als Biorinder gezüchtet und ihr Dung auf die apostolischen Wiesen geschüttet. Der verstorbene Bauernsohn und ehemalige Pfarrer von Morschach-Schwyz, Aloys von Euw,  meinte nach einem Besuch des Bauernhofes, es würden  36 schwarz-weiss-Fribourgerkühe Milch abgeben. Ein bayrischer Journalist sagte hingegen am Fernsehen mit sichtlichem Stolz, es würde sich um Friesenkühe handeln. Wie dem auch sei, sie geben täglich 600 Liter Milch ab. Die Kühe trifft man auf weiten Weiden in den grossen Papst-Gärten. Gackerndes Federvieh und Ziegen sucht man hingegen vergebens.

Zurück in die Annona. Sie ist immer gut besucht. Personen mit einer entsprechenden Plastikkarte, es sind Bürgerinnen und Bürger, Einwohnerinnen und Einwohner des Vatikanstaates, auch solche von vatikanischen Hoheitsgebieten, Leute vom Diplomatenkorps und alle Vatikanangestellten,  sind hier willkommen. Halb Rom kaufe hier ein, sagt mir ein Gardist, der 10 Jahre auf dem Buckel hat. Zu erwähnen ist noch, dass hier für Klöster, Kollegien und andere Einrichtungen Grosseinkäufe, sogenannte Cush and Carry-Einkäufe, möglich sind.

In dieser Annona gibt es keine Tabakwaren. Da muss ich Sie weiterführen Richtung vatikanischen Bahnhof. Bevor wir kurz nach dem Start den Palazzo Belvedere passieren, muss ich Sie kurz noch mit der vatikanischen Apotheke bekannt machen. Wenn diese Apotheke in der Stadt Rom läge, würde sie zur grössten gezählt. Sie ist eine der wenigen, in der fast alle ausländischen Arzneien sehr preisgünstig und wieder steuerfrei zu kaufen sind. Gegründet von Pius IX. im Jahre 1874, wird sie vom Orden der Barmherzigen Brüder vom hl. Johannes von Gott geführt. Die Ordensleute sind alle ausgebildete Apotheker, ihnen zur Seite stehen rund 20 bis 25 Angestellte. Hier können alle Personen einkaufen, die ein Arztrezept vorweisen können, also auch Personen aus der Stadt Rom. Ein Familienvater als Gardeangehöriger wird einen Einkauf in der Apotheke gerne vollziehen. Ihn kostet ein Medikament einen Euro, egal, welcher Verkaufspreis aufgeklebt ist.

Aufgabe der Apotheke war es beispielsweise bei der  letzten Bischofssynode von 2012, sich auf alle erdenklichen Notfälle vorzubereiten und grosse Mengen an Medikamenten und medizinischem Material bereitzuhalten. –  Nach dem 2. vatikanischen Konzil von 1962 – 65 sagte der australische Direktor, Bruder Dr. Fabian Heynes, aus, dass Vitamin-C-Tabletten und Hustensäfte am meisten abgegeben werden mussten. Im Schnitt hätten vormittags 20 Bischöfe die Apotheke besucht. Diese Konzilsjahre bleiben dem Direktor sicher auch von den Einnahmen her in bester  Erinnerung.

Auf dem weiteren Weg zum Bahnhof schlagen wir einen winzigkleinen Umweg zum Galeerenbrunnen ein. Dort wurden für Johannes Paul II. einige Zeit lang Fische frisch gehalten, später im Brunnen des Sakramentes auf dem Areal der Casina Pius’ IV. Man kann dazu wiederholen, dass nach dem 2. Weltkrieg der Vatikanstaat die Viehzucht, die Milchwirtschaft und den Weinbau ausgelagert hatte. Eine Ausnahme bildete eine kleine Fischzucht im Brunnen des Sakramentes. Damals wurden Forellen, Hechte, Flussbarsche und Karpfen gezüchtet. – Ich kann Ihnen zu diesem Thema einen Lausbubenstreich nicht vorenthalten: Eine Gruppe deutscher Behinderter hatte vor wenigen Jahren das Vergnügen, das Areal der Casina zu besichtigen. Hier entnahm ein Besucher dem Brunnen einen Goldfisch und setzte ihn später in einem der beiden grossen Weihwasserbecken im Petersdom aus.

In diesem Brunnen des Sakramentes hat man im Jahre 2009 10 Wasserschildkröten, sogenannte Rotwangenschmuck-Schildkröten im Alter zwischen 7 und 10 Jahren ausgesetzt. Das ist kein Zufall: Diese Schildkröten sind in Mosaiken über dem Brunnen dargestellt. In einem anderen der 100 Brunnen auf Staatsgebiet, im Klippenbrunnen hinter dem Governatorat, den wir auf unserem Gang zum Bahnhof von weitem sehen, gab es in der Vergangenheit keine Fische. Vor einiger Zeit sind dort Goldfische der Spezies Carassius auratus L. eingesetzt worden, dazu die gemeinen Erdkröten der Spezies Bufo bufo L. Auch Amphibien, von denen jedes Weibchen im Mai bis zu 10’000 schwarze Eier in den Brunnen ablegt. Wasserfrösche und Ringelnattern bis zu einer Länge von 120 cm gehören weiter zum Inventar des Klippenbrunnens.

Jetzt sind wir am Bahnhof des Vatikanstaates angelangt, wo wir nicht nur den Tabakladen vorfinden, sondern auch ein Kleider- und Elektrofachgeschäft auf zwei Stockwerken. Hier gilt im ganzen Haus der normale Vatikanausweis für den steuerfreien Einkauf, nicht nur für Zigaretten, Zigarren und Tabak, für elektrische und elektronische Artikel, sondern auch für Kleider und Unterwäsche im Damen- und Herren-Kleidergeschäft. Mehr noch, auch für Uhren und Parfums. Alles zu christlichen Preisen, etwa 30 % billiger als in der Stadt Rom.

Der Bahnhof sei einer der schönsten Bahnhöfe der Welt. Er wurde anlässlich der Unterzeichnung der Lateranverträge dem neu erstandenen Vatikanstaat von Italien geschenkt. Erbaut hat ihn der Lieblingsarchitekt von Pius XI., Giuseppe Momo. Das Gebäude misst rund 20 auf 15 m. Der Vatikanbahnhof hat eine eigene Schönheit. Im Innern befindet sich ein Ehrensaal, reich an wertvollem Marmor. Die Aussenseite ist aus Travertinstein mit zwei Flachreliefs, die den Propheten Elias auf dem Feuerwagen und das Wunder des Fischfangs darstellen. Der Bahnhof ist mit Marmorsäulen und Bronzevasen geschmückt. Er wurde schon 1930 eingeweiht. Die vatikanische Bahnlinie, sie ist 200 m lang, ist an das italienische Eisenbahnnetz  angeschlossen und diente ausschliesslich dem Güterverkehr. Italien stellte Loks, Wagen und Personal.

Ein Personenzug fuhr am 14. Oktober 1962 zum ersten Mal vom Bahnhof ab, kurz vor Beginn des 2. Vatikanischen Konzils. Johannes XXIII., der diese Fahrt nach Loreto und Assissi viel zu spät anmelden liess, löste  deswegen überall auf der Strecke  wegen der grossen Menge an Schaulustigen und den zeitlich fehlenden Vorbereitungen ein Chaos aus. Er handelte sich dabei mahnende  Worte  der Italienischen Eisenbahn-Direktion ein. Ebenfalls nach Assisi reiste Johannes Paul II. im Januar 2002. Mit dabei waren in diesen 7 Waggons 250 Reisende. Schon früher benutzte dieser Papst den Vatikan-Bahnhof: Er liess sich im November 1979 zum Depot der Staatlichen Eisenbahnen in Rom führen, um dort zum Tag der Eisenbahner eine Messe zu feiern.

Der Güterverkehr ist seit 2002 aufgehoben. Er wird jetzt mit Camions sichergestellt, die beim unbekannten Eingang Vicolo del Perugino in den Vatikanstaat gelangen. Jener Eingang, wo der ehemalige Generalsekretär Michael Gorbatschow einst, unbemerkt für Journalisten und Schaulustige, auf Vatikangebiet gelangte. Noch ein Wort zum aufgehobenen Güterverkehr: Beim kürzlichen Gartenbesuch sah ich Personal, das einen Güterwagen entlud. Anscheinend rollen die Güterwagen immer noch hinein und die Lokomotivführer müssen immer noch auf eine Klingel an der Vatikanmauer drücken, um die Einfahrt zu ermöglichen.

Wir hingegen begeben uns jetzt Richtung Petersplatz. Dabei treffen wir  auf eine Benzintankstelle IP (Italien Petroleum), deren es auf Staats- und Hoheitsgebieten einige gibt. Sie werden mit dem Vatikanausweis äusserst  rege benutzt, den das ganze katholische Bodenpersonal Roms besitzen muss. Den Liter Normalbenzin kann man rund 30 % billiger erstehen als in der Stadt, so preisgünstig, wie auf den Inselgruppen Bahrains im Persischen Golf. Die Höhe des Bezuges ist begrenzt. Kanister dürfen im Vatikanstaat wie in Italien nicht gefüllt werden.

Es geht weiter Richtung Petersplatz. Ich möchte Ihnen noch eine  deutsche und schweizerische Tageszeitung zeigen, beide mit grossem rotem, kurzem Titel (Blick und Bild), und bitte Sie, mir zum Kiosk zwischen Gardekaserne und der rechten Kolonnade zu folgen. Dieses kleine, keilförmige Gelände vom Kiosk entlang der Kolonnade Richtung Papstpalast ist immer noch Streitobjekt. Die Republik Italien beansprucht nach Ihrer „Gazzetta Ufficiale“ dieses Gebiet für sich, der Staat der Vatikanstadt weist in ihrer „Acta Apostolicae Sedis“ nach, dass ihm diese wenigen Quadratmeter zugesprochen wurden. Diese unterschiedlichen Kartierungen der dortigen Grenze passierten in jener Nacht vor der Unterzeichnung der Lateranverträge, wo es sehr schnell und hektisch zugegangen sein muss, auch bei den Geometern. Es passierte ein Fehler, der heute noch nicht korrigiert ist. Falls Sie nun für den Vatikanstaat  Partei ergreifen, können Sie diese beiden bestbekannten Zeitungen auf dem Gebiet des Vatikanstaates erstehen. Ob Ihnen das wirklich jemand glaubt?

Liebe Leserin, lieber Leser, in der nächsten Einheit (Vatikan 4, in Vorbereitung) stelle ich Ihnen unter anderem die prächtigen vatikanischen Gärten vor. Sie sind auf einem der wichtigsten Tuffsteinhügel der Welt angelegt.
Werner Affentranger