Päpste, ihre Pontifikate: H bis J, wahlweise

 

Nachweise

Alb = Päpste, Albatros-Verlag; AS = Alexander Smoltczyk, Vatikanistan; HK = Hans Küng, Ist die Kirche noch zu retten?/Erkämpfte Freiheit/Erlebte Menschlichkeit; JE = Jürgen Erbacher, Der Vatikan, das Lexikon; Kirche heute, kath. Pfarrblatt Basel, OR = L’Osservatore Romano; Katholische Wochenzeitung Schweiz, u. a. m.
Hadrian II.
867-872
Römer
Er war glücklich vermählt und hatte eine Tochter, bevor er im Jahre 867 auf den Thron Petri gewählt wurde. Er bestand sogar darauf, seine Familie in den Lateranpalast mitzunehmen. Als Unbekannte daraufhin Frau und Tochter entführten, forderte Hadrian militärische Unterstützung vom französischen König Louis I. an. Aber da hatten die Häscher die beiden Frauen bereits umgebracht. Die Killer wurden nie aufgespürt.

Alb S. 83: Hadrian II. war etwa 75 Jahre alt, als er gewählt wurde, und er erwies sich als schwacher und unfähiger Papst. Aber im Unterschied zu vielen seiner Nachfolger war er ein tugendhafter Mann. Er entstammte einer römischen Familie, die im 3. Stadtbezirk wohnte – der hatte schon 2 andere Päpste hervorgebracht, Stephanus V. und Sergius II.. Hadrians Vater Talarius war selbst Bischof, und auch Hadrian war verheiratet und hatte mindestens ein Kind. Seine Frau und seine Tochter zogen mit ihm in den Lateranpalast, aber das fand keine allgemeine Billigung, auch wenn er und seine Frau streng zölibatär lebten.

Hadrian III.
Römer
884-85
→Stephan VI.
Hormisdas
aus Frosinone
514-23
Innozenz I.
Die ersten Päpste waren ohnehin oft treue Ehemänner. Hormisdas war der Papa von Papst Silverius (536-37), was ihn nicht daran hinderte, wundertätig zu sein und sich um die Beilegung des Schismas mit der Ostkirche zu bemühen.

Innozenz I. (401-417) war der erste eigentliche Papst im heutigen Sinne, der 401 die Nachfolge von Anastasius I. antrat.

Innozenz III. HK: Der glanzvollste Papst der ganzen Kirchengeschichte. Mit 37 Jahren zum Papst gewählt, erweist er sich als scharfsinniger Jurist, fähiger Administrator und
1198-1216
Lothar
Graf von Segni
und raffinierter Diplomat, aber auch als theologischer Schriftsteller, gewandter Redner und geborener Herrscher. Unbestritten stellt er den Höhepunkt des mittelalterlichen Papsttums dar, aber auch den Wendepunkt. Unter Innozenz erreicht die Romanisierung der katholischen Kirche ihren Höhepunkt. 7 ineinander greifende Prozesse haben sich bis heute zu bleibenden Kennzeichen des römischen Systems entwickelt, unter dem die katholische Kirchengemeinschaft zunehmend leidet:

  1. Römisches Macht- und Wahrheitsmonopol
  2. Jurisdismus (Rechtssammlungen) und Klerikalismus (vom Volk abgehoben)
  3. Sexual- und Frauenfeindlichkeit
  4. Gewaltbereitschaft und Kreuzzugsmentalität
  5. Umschlag päpstlicher Weltmacht in päpstliche Ohnmacht (nach Avignon absteigendes System)
  6. Die Verweigerung der Reform (Konzil von Konstanz 1414-18)
  7. Die Reformation: radikale Antwort auf Reformunwilligkeit

Innozenz III. bevorzugte gegenüber dem Titel „Stellvertreter Petri“ den bis ins 12. Jahrhundert für jeden Bischof oder Priester gebrauchten Titel „Stellvertreter Christi“ („vicarius Christi“) und sah sich als Papst in die Mitte zwischen Gott und die Menschen gestellt. →Finanzen

HK, S. 104:
Innozenz III. wurde zum Papst der →Kreuzzüge, auch gegen Mitchristen. Er initiierte jenen 4. Kreuzzug (1202-04), der zur verhängnisvollen Eroberung und 3-tägigen Plünderung Konstantinopels, zur Errichtung eines lateinischen Kaisertums mit lateinischer Kirchenorganisation und zur Knechtung der byzantinischen Kirche führte. Das päpstliche Ziel – Aufrichtung des römischen Primats auch in Konstantinopel – schien endlich erreicht. Doch das Gegenteil war der Fall: Das Schisma war damit faktisch besiegelt.

Aber sogar einen ersten grossen Kreuzzug gegen Christen im Westen verkündete Innozenz III auf dem 4. Laterankonzil (1215): gegen die Albigenser in Südfrankreich. Der grauenhafte 20-jährige Albigenserkrieg, von bestialischen Grausamkeiten auf beiden Seiten begleitet, führte zur Ausrottung ganzer Bevölkerungsteile und stellte eine Schmähung des Kreuzes und eine Pervertierung (vom Normalen abweichend) des Christlichen sondergleichen dar. (Albigenser: nach der Stadt Albi [Hauptstadt des südfranz. Departements Tarn] benannte Sekte des 12. und 13. Jahrhunderts, die das Papsttum und die katholische Kirche verwarf [Katharer; griech. die Reinen, eine streng asketische Sekte von Bulgarien aus verbreitet, daher auch ‚Bulgari]).

Innozenz III. steht für eine Kirche des Reichtums und Prunks, der Raffgier und Finanzskandale. Innozenz III. steht für eine Kirche der Macht und der Herrschaft, der Bürokratie und der Diskriminierung, der Repression und der Inquisition.

Innozenz III. steht für eine Kirche dogmatischer Überkomplexheit, moralistischer Kasuistik (Lehre von der Anwendung sittlicher und religiöser Normen auf den Einzelfall) und juristischer Absicherung, der alles regelnden Kanonistik, der alles wissenden Scholastik (mittelalterliche Philosophie) und der Angst des „Lehramts“ vor dem Neuen. Er führte eine Weltherrschaft.

Innozenz III. verstarb ein Jahr nach dem Vierten Laterankonzil, völlig unerwartet im Alter von 56 Jahren. Am 16. Juli 1216 fand man die Leiche dessen, der Macht, Besitz und Reichtum des Heiligen Stuhles wie keiner vor ihm zu mehren wusste, in der Kathedrale von Perugia, von allen verlassen und völlig nackt, von seinen Dienern ausgeraubt.

HK, S. 449: Gegenüber dem bisher üblichen „Stellvertreter Petri“ bevorzugt und monopolisiert Innozenz III. auf dem Höhepunkt päpstlicher Macht den bis zum 12. Jahrhundert für jeden Bischof oder Priester gebrauchten Titel „Stellvertreter Christi“, ja, sogar „Stellvertreter Gottes“: allein der römische Bischof ist „Vicarius Christi“, gar „Vicarius Dei“.

GEOEPOCHE Nr. 10, S. 173:
Kein Papst hat jemals den Anspruch des „Stellvertreters Christi“ so machtvoll realisiert wie Innozenz III. „Oh weh, der Papst ist zu jung, hilf Herr, Deiner Christenheit“ – so kritisiert der Dichter und Minnesänger Walther von der Vogelweide das Alter des Grafen Lothar von Segni, der am 8. Januar 1198 zum Papst gewählt wird. Mit 37 Jahren ist Innozenz einer der jüngsten Päpste überhaupt, hat Theologie und Kanonistik studiert und gilt als der brillanteste Kirchenjurist des Mittelalters.

Seinen universellen Anspruch verkündet Innozenz in der Weihepredigt, so heisst es an einer Stelle, er sei geringer als Gott, aber grösser als der Mensch. Der Papst als Vicarius Christi, als Stellvertreter Christi – dies macht Innozenz zum festen Bestandteil päpstlicher Titulaturen. Und mit diesem Anspruch erhebt er sich zum Weltenrichter.

Innozenz IV.
Fieschi
1243-54Innozenz VII.
1404-06
Napolitaner
römische Obedienz
Als Nachfolger von Innozenz III. bezeichnete er sich sogar als „Vicarius Dei – Stellvertreter Gottes“, und er war es, der die Folter für Ketzerprozesse einführte.

HK, S. 221: Ketzereiprozesse (Inquisition): Ausgerechnet dieser Papst, ein grosser Juristenpapst, ging noch einen Schritt weiter (→ Gregor IX.). Er ermächtigte die Inquisition, zur Erzwingung des Geständnisses auch die Folter durch die weltliche Obrigkeit anwenden zu lassen. Welche konkreten Qualen dies für die Opfer bedeutete, spottet jeder Beschreibung.

Klaus Schelle, Das Konzil von Konstanz, S. 11:
Als 1404 der römische Papst Bonifaz IX. das Zeitliche segnete und sein Nachfolger Innozenz VII. nach nur 2-jähriger, von wahnwitzigen Bluttaten erfüllter Regierung starb, schworen die Kardinäle im Konklave, dass jeder von ihnen, wenn er Papst würde, wegen der Union unterhandeln und aus Rücksicht auf sie die Tiara niederlegen wolle. (siehe „Gregor XII.“)

Innozenz VIII.
Giovanni
Battista Cybo
1484-92
HK S. 110: Dieser Papst hatte 16 (uneheliche) Kinder und zahllose homosexuelle Affären. Zu seiner Entschuldigung muss gesagt werden, dass er sich um alle Kinder liebevoll kümmerte, sie verheiratete oder ihnen Jobs im Vatikan verschaffte. Innozenz VIII., der mit Sohn und Tochter im Vatikan einzog, und der mit seiner Bulle den Hexenwahn gewaltig anstachelte, liess seine unehelichen Kinder öffentlich anerkennen und feierte deren Hochzeit mit Glanz und Gloria im Vatikan.

OR Nr. 50 vom 16.2.2011:
Grabmal von Innozenz VIII. restauriert. Die Restaurierung des Grabmals von Papst Innozenz VIII. im Petersdom ist abgeschlossen. Das 1498 von Antonio Pollaiolo geschaffene Bronzegrabmal wurde bereits für den Vorgängerbau der Petersbasilika geschaffen und ist das älteste Grabmal, das sich heute noch im Petersdom befindet. Es zeigt den Papst als Liegefigur sowie mit Segensgeste auf einem Thron sitzend. In der linken Hand hält er die Reliquien der Heiligen Lanze, die ihm der Sultan von Konstantinopel, Bajazet II., als Geschenk gesandt hatte. Die umfassenden Restaurierungsarbeiten einschliesslich der Säuberung und Konsolidierung wurden von zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen ergänzt. Ermöglicht wurden die Arbeiten auch dank der grosszügigen finanziellen Unterstützung durch die Kolumbusritter. Standort des Grabmals im Petersdom: linkes Schiff, im 1. Durchgang (nach dem Denkmal Johannes’ XXIII.). Im gleichen Durchgang befindet sich das Grabmal von Pius X.

Basler Zeitung vom 15. März 2013, S. 2, Hansjörg Müller und Michael Bahnerth

Innozenz VIII., der Hexenjäger im Vatikan. Mit ihm erreichte die Inquisition einen ihrer Höhepunkte. – Furchtbar müssen die Qualen gewesen sein, welche die Angeklagten erleiden mussten. Da gab es zum Beispiel die „Judenwiege“. Mithilfe einer Seilwinde wurde das Opfer nach oben gezogen und auf die Spitze einer hölzernen Pyramide gesetzt. Sein gesamtes Gewicht ruhte nun auf der Scheide, dem Hodensack und dem Steissbein. Oder es gab die „vaginale Birne“, ein Instrument, dass es den Folterknechten ermöglichte, durch Drehung einer Schraube Eingeweide und Gebärmutter ihres Opfers zu zerreissen -. Ob Innozenz VIII. von derartigen Instrumenten geträumt hat? Ob ihn die Schreie der Opfer im Schlaf verfolgten? Relativ wenig ist über den Genueser bekannt, dessen Pontifikat von 1484 bis 1492 dauerte. Vielleicht gab es brutalere Päpste: Die Inquisition, die unter seiner Ägide einen Höhepunkt erreichte, war nicht seine Erfindung. Dennoch bleibt Innozenz‘ Name für immer mit dem unrühmlichsten Kapitel in der Geschichte der Römischen Kirche verbunden. 1484 erliess er die Bulle „Summis desiderantes“, die vor allem in Deutschland zu einer drastischen Zunahme von Hexenprozessen führte. Noch im 17. Jahrhundert liess der Bischof von Bamberg 600 Frauen, der Erzbischof von Salzburg 97 Frauen, und der Bischof von Würzburg 219 Hexen und Zauberer verbrennen, darunter ein neunjähriges Mädchen. – Der Papst war ein Kind seiner Zeit. Wir müssen annehmen, dass er sich keines Unrechts bewusst war. „Innozenz“, der Papstname, den er wählte, bedeutet nichts anderes als „der Unschuldige“. hjm

Englisch Andreas, FRANZISKUS, S. 26
Päpstliche Sekretäre, die über so etwas wie das Vorzimmer des Oberhauptes der katholischen Kirche wachen, gibt es bereits im Mittelalter. Die Zahl der Sekretäre variiert jedoch sehr stark. Papst Innozenz VIII. verfügte über 24 Apostolische Sekretäre, die unter anderem damit beschäftigt waren, sich mit seinen zahlreichen Kindern (angeblich 16 an der Zahl) herumzuschlagen.

Innozenz X.
Pamphilj
1644-55
Nachfolger von →Urban VIII. Innozenz liess alle Nepoten (Vetternwirtschaft) zum Teufel nach Frankreich jagen und den Schandfrieden von Westfalen akzeptieren. Die Tauben aus seinem Wappen sind im Dom überall zu finden (67 verschiedene Tiere im Petersdom dargestellt). Er soll der Christenheit das Rauchen verboten haben.
Johanna
Päpstin im
9. Jh.?
Alb S. 83: Die erste Erwähnung der Päpstin Johanna, steht in Chroniken aus dem 13. Jahrhundert, 400 Jahre nach der Zeit, in der sie regiert haben soll. Aber etwa um 1400 glaubten immerhin so viele Leute an die Legende, dass in der Kathedrale von Siena eine Statue von ihr aufgestellt wurde. Es gibt Variationen der Geschichte. Nach einer Version war Johanna Engländerin, wenn auch in Mainz geboren. Als Mädchen hatte sie sich in einen englischen Mönch verliebt und war ihm, als Mann verkleidet, nach Athen gefolgt. Dort studierte sie, und als sie später nach Rom kam, wurde sie Schreiber, päpstlicher Notar, Kardinal und am Ende Papst. Eine Legende lässt sie zweieinhalb Jahre lang regieren und ihr Geschlecht erst nach ihrem Tod entdeckt werden. Eine dramatische Erzählung berichtet, sie sei bei ihrer Wahl schwanger gewesen und habe während der Krönungsprozession geboren. Die Menge, so fährt die Geschichte fort, sei wütend geworden, dass man sie für dumm gehalten habe, hätte sie vom Pferd gezerrt, vor die Stadttore geschleift und gesteinigt. Es ist eine grausige, höchst unwahrscheinliche Geschichte. In der Geschichte begründbarer Raum, so schattenhaft und ungeordnet auch vieles in dieser Zeit war. Diejenigen, die die Legenden erdacht, konnten sich zuerst nicht einmal über ihren Namen einigen. Für Johanna entschied man sich erst im 14. Jahrhundert, bis dahin waren Agnes und Ghiberta mögliche Alternativen gewesen. Was der Geschichte aber eine gewisse Glaubhaftigkeit verschaffte, war nicht so sehr die Verderbtheit des Papsttums im späteren 9. und frühen 10. Jahrhundert, sondern die Tatsache, dass eine bestimmte Familie – die des Theophylactus – und besonders die Frauen dieser Familie, eine grosse Rolle im Leben und in den Entschlüssen der Bischöfe von Rom spielte. Dieses Kapitel trägt die wichtigsten Ereignisse zusammen, soweit sie bekannt sind, die zum Niedergang des Papsttums in diesem dunklen und chaotischen Zeitalter beitrugen.

HK, Erlebte Menschlichkeit, S. 141
Nun war ja tatsächlich durch die Jahrhunderte von einer Johanna, „Frau Jutte“, erzählt worden, die als Mann verkleidet in Athen studiert haben und ihrer grossen Gelehrsamkeit wegen 855 zum Papst gewählt worden sein soll. Aber während einer Prozession sei sie niedergekommen und gestorben. Bis ins 15. Jahrhundert  wurde die Päpstin allgemein als historisches Faktum genommen, doch seit der Reformation wird um ihre Historizität (Überbetonung des Geschichtlichen) heftig gestritten. Heute steht fest: Es handelt sich um eine Legende, die vermutlich auf eine antike Priesterstatue mit Knaben in Rom zurückgeht, die aufgrund einer in der Nähe gefundenen Inschrift als Päpstin mit Kind gedeutet wurde. Erste Hinweise auf diese Legende gibt es tatsächlich erst seit dem 12./13. Jahrhundert. Vor allem von Dominikanern und Franziskanern, aber auch von Schriftstellern wie Boccaccio und Petrarca wurde sie verbreitet. Doch so verschieden ihre Interpretationen auch sind, allesamt stimmen sie überein in der negativen Wertung.: Eine Päpstin ist, beziehungsweise wäre schrecklich! Der Skandal liegt im Frausein!

Johannes VIII.
Römer
872-82
Der erste Papst, der von seiner unmittelbaren Gefolgschaft ermordet wurde. Der Trank wirkte so langsam, dass er zu Tode geprügelt wurde.
Johannes X.
aus Tossi-
gnano
(Imola)
914-28
Er wurde im Gefängnis von der verrückten und tyrannischen Marozia vergiftet, der Tochter seiner Mätresse und Mutter von Johannes XI., →Sergius III.
Johannes XI.
Römer
931-36
→Sergius III.
Johannes XII.
955-63
HK S. 83: Ihm schlug ein eifersüchtiger Römer den Schädel ein, als er seine Frau im Bett des Papstes erwischte. Von Tusculum mit 16 Jahren zum Papst gewählt, im Jahre 963 vom Sachsen Otto dem Grossen abgesetzt. Er führte ein lasterhaftes Leben.

Alb S. 83: Er wurde auf dem Weg zu seiner Geliebten ermordet. Das Jahrhundert zwischen dem Tod von →Nikolaus I. und dem von Johannes XII. war eines der schlimmsten in der Geschichte der Päpste. Das Amt mag noch manchmal Respekt erheischt haben, aber die Menschen, die es ausübten, konnten das sehr oft nicht. Und es waren viele. Zwischen Nikolaus und Johannes gab es 24 Päpste, alle waren Italiener, die meisten Römer. Einer regierte 14 Jahre, das Pontifikat anderer konnte nach Tagen gezählt werden. Sie gingen flüchtig vorüber, dass man wenig von ihnen weiss, und in dieser Zeit wird die Geschichte von der Päpstin →Johanna angesiedelt.

Johannes XIV.
Pietro
983-84Johannes XXII.
Jacques Arnaud Dueze
1316-1334
Avignon
Vergiftet

Kirche heute 35/2016 August, S. 20, A. Brüggemann, KNA
Johannes XXII. residierte in der französischen Heimat. Vor 700 Jahren (2016) befand sich der Sitz der päpstlichen Kurie vorübergehend in Avignon. „Ubi papa, ibi Roma“ – wo der Papst ist, da ist Rom, lautete eine weit verbreitete Devise im Mittelalter. 1309 bis 1376 war die südfranzösische Kleinstadt Avignon Schauplatz des „Exils“ der Päpste. Eine der prägnantesten Papstgestalten dieser Zeit war Johannes XXII., der vor 700 Jahren, am 7. August 1316, gewählt wurde. – Wie kam Rom an die Rhone? Frankreichs König Philipp IV., der Schöne genannt, hat seinen Dauerrivalen Papst →Bonifaz VIII. (1294-1303) mit Gewalt zum Sterben gebracht. Bald darauf holt er den neuen Papst Clemens V. (1305-1314), einen Franzosen, in seinen Einflussbereich. Nach dem Tod des kränklichen und willensschwachen Papstes bleibt der Stuhl Petri für 2 1/2 Jahre unbesetzt. Der Tod Philipps IV. 1314 rückt eine Rückkehr des Papsttums nach Rom in den Bereich des Möglichen. Doch obwohl der Dichter Dante die 7 italienischen Kardinäle beschwört, können diese gegen die inzwischen 17z Franzosen im Kollegium nichts ausrichten. Man einigt sich wieder auf einen Gascogner: Jacques Arnaud Dueze gibt sich den Papstnamen Johannes XXII. Der Sohn eines kleinen Handwerkers aus Cahors wird im hohen Alter von bereits 72 Jahren gewählt. Dennoch regiert er über 18 Jahre – länger als die meisten Päpste der Kirchengeschichte (→Pontifikate). – Als früherer Bischof von Avignon (seit 1310) verlegt der „Fuchs von Cahors“ den päpstlichen Sitz dauerhaft dorthin. Kränklich und klein von Wuchs, agiert Johannes XXII. dennoch leidenschaftlich und enorm tatkräftig. Als gewiefter Jurist und Verwaltungsexperte baut er die päpstlichen Finanzinstitute wie den Pfründen- und Ablasshandel konsequent aus. (…)
Der „Fuchs von Cahors“ vergrössert aber auch den Besitz der Päpste in der Region: 1317 kauft er die benachbarten Dörfer Valreas und Grillon und erhält 3 Jahre später auch die wohlhabende Templer-Komturei von Richerenches, einen militärischen, geistlichen, aber vor allem landwirtschaftlichen Stützpunkt des Ordens. Damit trug er weiter bei zu einem Kirchenstaat in Frankreich. (…)
Nachfolger verjubeln den Besitz: Johannes‘ Nachfolger verbauen und verjubeln alles, was der Finanzgenie an Gütern angehäuft hatte. Benedikt XII. (1334-1342), als Zisterziensermönch eigentlich der Armut verpflichtet, beginnt 1335 den Bau des gigantischsten Papstpalastes in Avignon – nachdem seine versuchte Rückkehr nach Rom an dortigen Adelsfehden scheitert. Und der prunksüchtige →Clemens VI. (1342-1352) lässt Benedikts schmucklosen, aber standesgemäss massiven „Alten Palast“ anschliessend durch den „Neuen“, wesentlich luxuriöseren erweitern – zum grössten Gebäude des Mittelalters.

Johannes XXIII.
Baldassare Cossa,
Neapolitaner,
1410-15, Obedienz von Pisa, mit ihm jetzt 3 regierende  Päpste.
(Siehe vorher: „Alexander V.“) 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Johannes XXIII.
1958-63
aus Sotto il Monte/Bergamo.
Angelo Giuseppe Roncalli,
heiliggespr. am
27.04.2014:
260. rechtmässiger
Papst.
Heiligenkalender:
11. Oktober
→Konzil

 

Klaus Schelle, Das Konstanzer Konzil, S. 12:
Die Gegenpäpste Gregor XII. (römische Obedienz/Gehorsam) und Benedikt XIII. (Obödienz von Avignon) wurden von 23 „Pisaner“ Kardinälen als Schismatiker und Ketzer für gebannt und abgesetzt erklärt (Juni 1409). Die Kardinäle in Pisa verständigten sich nun auf einen Kompromiss-Kandidaten, den 70-jährigen Kreter Petros Philargos, der sich als Papst Alexander V. (Obedienz von Pisa) nannte. Nun gab es 3 Päpste. Alexander blieb in Bologna, starb aber dort schon ein knappes Jahr später, am 3. Mai 1410. Man munkelt, dass der Kardinal, der ihm zur Tiara verholfen und während seiner Amtszeit alle Drähte gezogen hatte, auch wesentlich an seinem Ableben beteiligt gewesen sei. Das Gerücht war vielleicht nicht unberechtigt, wenn man den Lebenslauf des Neapolitaners Baldassare Cossa verfolgt. Er hatte als junger Mann wohl das ehrsame Gewerbe eines Seeräubers ausgeübt, war in der Kurie durch obskure (fragwürdige) Geschäfte reich geworden und nun ohne Zweifel der mächtigste der Kardinäle. Dass er von geistlichen Dingen nichts verstand, um so mehr von militärischen, störte niemanden. Jedenfalls wählten ihn die in Bologna versammelten 17 Kardinäle im Juni 1410. Er nahm den Papstnamen Johannes XXIII.  mit Obedienz von Pisa an. – Aber was nun? Nach wie vor gab es 3 Päpste, und eine Lösung war nicht in Sicht ausser einem Konzil, nach dem nun immer lauter gerufen wurde. Hatten nicht die Kardinäle in Pisa beschlossen, das Konzil innerhalb dreier Jahre fortzusetzen? Aber jeder der 3 Päpste musste die Macht und die Entscheidungskraft einer allgemeinen Kirchenversammlung fürchten, so heuchlerisch jeder von den dreien auch die Einheit der Kirche befürwortete. Baldassare Cossa  als Johannes XXIII. mochte hoffen, mit Rückendeckung durch den neuen deutschen König Sigismund, mit militärischen Mitteln und unehrlichen Verträgen schliesslich die Oberhand zu gewinnen. – Im April 1412 berief er ein „Konzil“ nach Rom, aber daraus wurde nur eine wenig besuchte Synode (Kirchenversammlung), die niemand ernst nahm. Indessen nahm der Druck auf ihn zu. Die angesehene Universität Paris schickte Gesandte nach Rom, König Sigismund drängte auf die Einberufung eines Konzils. So war der Papst gezwungen, im März 1413 schliesslich für Dezember 1414 ein Konzil „an einem noch zu bestimmenden Ort“ zu berufen. Johannes XXIII. hoffte noch, dass dieser Ort ausserhalb des Einflussbereiches von Sigismund gefunden werden könne. Da traf ihn ein schwerer Schlag. Der neapolitanische König Ladislaus liess durch seinen Condottiere Tartaglia, einen begabten Bandenführer, Rom erstürmen und plündern. Mit Mühe entkam der Papst nach Viterbo, schliesslich nach Florenz, wo ihn die Florentiner nur widerwillig aufnahmen. Ein Jammerbrief an König Sigismund, der mit seinen Truppen in der Lombardei stand, führte zur Vereinbarung eines Treffens in Lodi. Der Ausgang dieses Treffens musste über das Schicksal des Baldassare Cossa entscheiden. Er hatte sich schliesslich im Ränkespiel seiner Intrigen verfangen. (…)
Sigismund war jetzt über 40 Jahre alt und hatte genügend Gelegenheit gehabt, politische Erfahrungen zu sammeln. Es musste wichtig für ihn sein, sich durch die Schutzherrschaft über ein Konzil auf deutschem Boden zu profilieren. Auf der anderen Seite glaubte sich Johannes XXIII. (Obedienz von Pisa) zwar in einer starken Position, aber durch das Drängen der Kardinäle konnte er die Einberufung eines Konzils nicht mehr umgehen. So trafen sich Papst und Kaiser Anfang Dezember 1413 in Lodi – man nannte Sigismund damals allgemein schon den Kaiser, obwohl er noch nicht einmal zu Aachen zum König gekrönt war. Nach mehrtägigen Verhandlungen wurde Einigkeit erzielt. Am 9. Dezember 1413 erging die Bulle „Ad pacem et exaltacionem“, mit der die zum Konzilsbesuch Berechtigten und Verpflichteten nach Konstanz berufen wurden (Konzil von Konstanz von 1414 – 1418).Im Dezember  1419 starb Cossa in Florenz.  Das Grabdenkmal von Johannes XXIII. Cossa befindet sich im Florentiner Baptisterium, von Cosimo Medici in Auftrag gegeben, von Donato geschaffen.
.
HK, S. 134: Erst Johannes XXIII. und mit ihm das 2. Vatikanische Konzil (im Gegensatz zu Pius XII.) sprachen sich eindeutig für Demokratie und Menschenrechte aus, und auch Papst Paul VI. war aufgrund seiner Familientradition ein überzeugter Demokrat.HK, S. 152: Johannes XXIII., der am 28.10.1958 gewählte Nachfolger Pius XII., galt mit seinen 77 Jahren als ein „Übergangspapst“ und wurde in ganz anderem Sinne zum Papst eines epochalen Übergangs („Paradigmenwechsel“). Er löste die katholische Kirche aus ihrer inneren Erstarrung und hauchte ihr neues Leben ein. Er ist (nicht nur für mich) der bedeutendste Papst des 20. Jahrhunderts, und sein kaum 5-jähriges Pontifikat hat sich als echter Petrusdienst in biblischem Sinn erwiesen. Er wollte die Fenster der Kirche öffnen:

  • Weg der Erneuerung (aggiornamento)
  • Kontakt zu den östlichen Staaten
  • Zur internationalen sozialen Gerechtigkeit („Mater et magistra, 1961)
  • Offenheit gegenüber der modernen Welt
  • Bejahung der Menschenrechte („Pacem in terris“, 1963)
  • Stärkung der Rolle der Bischöfe (Selbstbewusstsein, eigenständige Autorität)
  • Neue Einstellung zum Judentum: „Ich bin Joseph, euer Bruder.“

Dieser Papst manifestierte ein neues pastorales Verständnis des Papstamtes. Die historisch folgenreichste Tat dieses Papstes war die am 25.01.1959 alle Welt überraschende Ankündigung des Zweiten Vatikanischen →Konzils. Dieses korrigierte Pius XII. in fast allen entscheidenden Punkten: Liturgiereform, Ökumenismus, Antikommunismus, Religionsfreiheit, „moderne Welt“ und vor allem in der Einstellung zum Judentum. Er liess schon im Jahr nach seiner Wahl, was sein Vorgänger immer abgelehnt hatte, in den Fürbitten der Karfreitagsliturgie das Gebet gegen die „treulosen Juden“ (oremus pro perfidis Judaeis“) zu Gunsten von judenfreundlichen Fürbitten entfernen.

Von Papst Johannes ermutigt, zeigten die Bischöfe endlich wieder Selbstbewusstsein und fühlten mit eigenständiger apostolischer Autorität. Gegen vehemente Opposition der traditionell antijüdischen Kurie wurde gegen Ende des Konzils schliesslich doch die Erklärung „Nostra aetate“ über die Weltreligionen verabschiedet.

HK, Erkämpfte Freiheit, S. 232:
Johannes XXIII. rettete als Apostolischer Delegat in der Türkei während des 2. Weltkrieges tausende von Juden, insbesondere Kinder (durch Blanko-Taufscheine) aus Rumänien und Bulgarien. Auch dass er als Nuntius in Paris trotz diplomatischer Pannen den durch Kollaboration (mit dem Feind zusammengearbeitet) mit dem Vichy-Regime kompromittierten (blossgestellten) 30 Bischöfe recht geschickt zu helfen vermochte, so dass schliesslich nur wenige der Forderung de Gaulles entsprechend ihren Bischofssitz aufgeben müssen. Erst nach Roncallis Versetzung nach Venedig ist die Kurie gegen die Arbeiterpriester vorgegangen.

HK, Erkämpfte Freiheit, S. 426:
Zu seinem Testament, wichtiger als alle privaten Äusserungen, wird seine letzte Enzyklika mit dem Titel „Pacem in terris“ vom 11. April 1963: nicht wie üblich in kurialer, sondern in moderner Sprache; nicht wie bisher nur an die Bischöfe, den Klerus und die katholischen Laien gerichtet, sondern ausdrücklich „an alle Menschen guten Willens“. Darin spricht er sich für einen dauer-haften Frieden auf der Grundlage einer gerechten Weltordnung aus. Doch während frühere Päpste die Menschenrechte verdammten, sieht er gerade in ihnen – allerdings stets verbunden mit Menschenpflichten – die Grundlage der neuen Weltordnung. Und während frühere Päpste immer nur von der „Freiheit der Kirche“, ungehindert zu wirken sprachen, bekennt er sich deutlich zur „Freiheit des Christen“, ja zur Gewissens- und Religionsfreiheit eines jeden Menschen. Frühere Päpste hatten die Katholiken zum Kampf oder mindestens zur Abgrenzung von Andersdenkenden (Protestanten, Juden, Liberale, Sozialisten, Kommunisten) aufgefordert, Johannes aber ruft zur Zusammenarbeit im Dienste des Gemeinwohls.

Bei aller unbestreitbaren Führungsschwäche des allzu guten Johannes XXIII.: Während der kurzen 5 Jahre seines Pontifikates hat sich die Lage der katholischen Kirche und der Ökumene mehr verbessert als vorher in 50, ja fast mehr als in 500 Jahren. Es hat sich bestätigt: Dieser Papst war kein Übergangspapst, sondern der Papst des grossen Übergangs.

S. 428: Papa Roncalli – ein Heiliger? Kein Zweifel, er erschien den Menschen nicht nur als ein guter Mensch, sondern als wahrhaftiger Christ.

S. 430: Eine historische Wende bedeutete es schliesslich auch, dass Johannes XXIII. den sterilen Antikommunismus Pius’ XII., der alle kommunistischen Parteimitglieder exkommuniziert hatte, stillschweigend begrub. Als erster Papst seit der Staatsgründung 1870 hielt er sich ganz aus der italienischen Innenpolitik und den Wahlen heraus und übte gegenüber allen politischen Parteien, auch gegenüber der Democrazia Cristiana, Distanz.

S. 431: Dieser Papst liess einen aus der Kirche (wegen Unter-stützung des Faschismus) ausgetretenen Kommunisten, den ebenfalls aus Bergamo stammenden grossen Bildhauer, Giacomo Manzù, in den Vatikan kommen, um sein Porträt und das äusserste linke der sieben grossen Portale der Peterskirche (la porta del morte für die verstorbenen Kardinäle) zu gestalten.

Eindeutig wie kein Papst vor ihm verurteilt er Kolonialismus (auf Erwerb und Ausbau von Kolonien ausgerichtete Politik eins Staates) und Unterentwicklung (Enzyklika „Mater et magistra 1961). Er wird für „Time Magazine“ der „Mann des Jahres“ und empfängt den hochdotierten Balzan-Friedenspreis (von A. L. Danieli-Balzan (gest. 1957) durch Stiftung errichtete Preise aus dem Vermögen ihres Vaters, Eugenio Balzan. Sie sollen jährlich vergeben werden für Frieden und Humanität, Literatur, Philosophie und Künste, Wissenschaft). Noch nie seit der Reformation, ja, noch nie seit der ost-westlichen Kirchenspaltung im 11. Jahrhundert fand ein Papst so breite Zustimmung.

S. 432: Weder dem zögerlichen Paul VI. noch dem allzu kurz lebenden Johannes Paul I. oder gar dem autoritär-gespaltenen Johannes Paul II. wird es wie Johannes XXIII. zusammen mit dem von ihm einberufenen 2. Vatikanischen Konzil gelingen, die tiefsten Sehnsüchte der Menschen in und ausserhalb der Christenheit anzusprechen – die Sehnsucht nach Verständigung, Frieden, Gemeinschaft, die Sehnsucht nach einer erneuerten Kirche in einer besseren Welt. Papa Roncalli wollte die Fenster der Kirche öffnen und hat sie geöffnet. Wahrhaftig, er ist der grösste Papst des 20. Jahhunderts.

Klaus Koziol, Johannes XXIII., Seine Spiritualität für heute, S. 61:
So gesehen war das Diktum über Johannes XXIII., er sei ein Mann der Tradition und der Erneuerung, kein Widerspruch, sondern logische Folge seiner Sicht der Notwendigkeit einer geschichtlichen Betrachtung. Wer wie Roncali auf so sicherem Fundament der Jahrhunderte steht, kann gut neue Wege gehen. Auch wenn er 1909 sagt: „Zum Alten zurrückzukehren wird ein Fortschrtt sein“, dann wollte er, wie Alberigo zeigt, betonen, „dass die Wiederentdeckung der westlichen Grundzüge und die Ablösung von den nebensächlichen Dingen erleichtert werden könnte durch den Rückbezug auf die tragenden Elemente der grossen Tradition.“ Solche „tragenden Elemente der grossen Tradition“ waren es auch, die es Roncalli ermöglichten, dass es „zu einem Zweiten Vatikanischen Konzil – und nicht zur Fortsetzung des abgebrochenen Ersten Vatikanums – kommen konnte.“ Eine solche Tat konnte nur dem Geschichtsbewusstsein Roncallis entspringen.

S 93: In nicht seltenen Fällen erhob Johannes XXIII. dabei Prälaten in einflussreichen Positionen, von denen er wissen musste, dass sie den Plänen, die er in seinem Pontifikat zu verwirklichen suchte, keine aktive Unterstützung zollen würden. Er hat die sich daraus ergebenden Hemmnisse und sogar scheinbare Widersprüche in seiner eigenen Haltung nicht nur in Kauf genommen und für unvermeidlich angesehen, sondern in gewisser Weise bejaht. In seinen Entscheidungen ging der Papst über alle taktischen Erwägungen weit hinaus. Gerade in wichtigen Fragen verzichtete er bisweilen offenbar bewusst auf eigene Führung und liess die Zeit ihr Werk tun. Wenn es ihm auf etwas wirklich ankam, war er jedoch unerschütterlich. Die Kurie bekam er niemals ganz in die Hand, wollte er wohl auch gar nicht; massgebliche Initiativen entwickelte er unabhängig von ihr. Man sollte sich also nicht täuschen und Geduld und Vertrauen in Gottes Bahn mit Führungsschwäche, gar mit Orientierungslosigkeit gleichsetzen. „Wer alles Heil von einer straffen Führung, von der perfekten Organisation und von klaren und scharfen Definitionen erwartet, konnte diesem geduldigen und gläubigen Optimismus kein Verständnis entgegenbringen und musste meinen, dem Papst sei die Führung entglitten. Er selbst täuschte sich auch nicht darüber, wie leicht seine zielbewusste Geduld missverstanden werden konnte. So sagte er einmal: „Oft ist diese Demut Schweigen; oft mag diese Milde wie Schwäche erscheinen. In Wirklichkeit ist es Charakterstärke und eine hohe Würde im Leben; es ist Zeichen eines sicheren Wertes.“

S. 99: Für Johannes XXIII. heisst diese Einfachheit die Rückführung auf einen Fixpunkt: „Tu autem, o homo Dei – du aber Mann Gottes, habe Mut, wirf alle Sorgen und Dein ganzes Vertrauen auf den Herrn und lass Dich führen wie ein Kind.“ Dieses Führen-lassen ist für Roncalli so einfach und konsequent, dass es von aussen als naiv, wenn nicht gar als dumm erscheint. Wie anders ist es zu deuten, wenn er von sich lapidar sagt: „Man denkt und sagt, ich sei ein Trottel.“ Mit diesem latenten (vorhanden, aber nicht in Erscheinung tretenden) Vorwurf wird Roncalli sein ganzes Leben konfrontiert sein – die Kurie wird den Papst Johannes XXIII. nicht viel anders gesehen haben.

Alb S. 226:
Ein Jahr lang lebt Johannes. XXIII. mit einer schmerzhaften Krebserkrankung, liess sich dadurch aber nicht daran hindern, kaum einen Monat vor seinem Tod den ersten Besuch eines Papstes bei einem Präsidenten von Italien zu machen. Er ging in den Amtssitz des Präsidenten, im einstigen Papstpalast Quirinal, um Preisträgern der Balzan-Stiftung zu gratulieren. Ihm selbst war am Tag zuvor der Friedenspreis dieser Stiftung verliehen worden. Es war der passende Höhepunkt im Leben eines Mannes, der seine Amtszeit als Papst begonnen hatte mit der Klage, der Markuslöwe, der für den Bischofsstuhl von Venedig auf seinem Papstwappen stand, sehe viel zu grimmig aus. Er hatte Monsignore Bruno Heim (Schweizer), dem Fachmann für kirchliche Heraldik und späteren Apostolischen Bevollmächtigten in Grossbritannien, aufgetragen, einen Löwen zu zeichnen, der freundlicher wirkte.

Papst Johannes XXIII. starb am 3. Juni 1963. In Moskau gab es Sympathiekundgebungen. Juden, Moslems, Buddhisten drückten mit den Christen ihre Trauer aus. Die Flagge der Vereinten Nationen sank auf Halbmast. Das alles waren keine leeren Gesten. Die Warmherzigkeit und Freundlichkeit, das Mitempfinden und der Humor, die Johannes ausstrahlte, hatten sich auch Menschen mitgeteilt, die weit ausserhalb der Grenzen der katholischen Kirche lebten. Die ganze Welt trauerte um den Verlust eines geistlichen Führers.

GEOEPOCHE Nr. 10, S. 177:
Johannes XXIII., der Erneuerer

Als Angelo Giuseppe Roncalli am 28. Oktober 1958 zum Nachfolger des asketischen Pius XII. gewählt wird, ist der Patriarch von Venedig schon 76 Jahre alt. Die erwartete kurze Dauer dieses Pontifikates soll, so hoffen viele Kardinäle, eine Zeit der Ruhe werden, ehe die Kirche auf die Herausforderungen der durch den Kalten Krieg veränderten Welt reagieren muss.

Doch Johannes XXIII. ist kein Papst des Abwartens, sondern er gibt den Anstoss für Veränderungen. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern geht er hinaus zu den Menschen: in Krankenhäuser und Gefängnisse, auf Wallfahrten und in die Gemeinden. Und als er am 25. Januar 1959 die Einberufung eines ökumenischen →Konzils ankündigt, öffnet er die Kirche wie ein Fenster, „damit frische Luft hereinkomme.“

Seine Menschennähe und das Zweite Vatikanische Konzil, das Johannes in seiner Eröffnungsrede vom 11. Oktober 1962 unter den Begriff „aggiornamento“ (Erneuerung/Öffnung für die Gegenwart) stellt, bestimmen das Bild von Roncalli und machen aus ihm einen modernen Mythos (Sage und Dichtung von Göttern, Helden und Geistern, Legende).

Einen Mythos freilich, der die Widersprüchlichkeiten dieses Papstes verschleiert. Denn eigentlich ist er ein konservativer Theologe. So erklärt er noch 1962 Latein zur unveränderlichen Liturgiesprache, und erst das Konzil setzt durch, dass in der Liturgie fortan die Muttersprache gebraucht wird.

Die menschliche Offenheit von Johannes XXIII. verändert das Papsttum. Der Oberhirte wird vom entrückten Kirchenfürsten zum Seelsorger aller Menschen.

Kirche heute 4/2014 Juni, S. 2
50 Jahre nach Johannes XXIII.

Am 3. Juni 2013 jährte sich der Todestag von Johannes XXIII. zum 50. Mal. Trotz seiner kurzen Amtszeit von nur 5 Jahren hinterliess er sichtbare Spuren in der Kirchengeschichte. So berief er das Zweite Vatikanische Konzil ein, welches die Kirche zutiefst veränderte und den Dialog mit den anderen Konfessionen und den Nichtgläubigen ermöglichte. Als er starb, hatte das Konzil noch kein Dokument verabschiedet. Es wurde zweieinhalb Jahre nach seinem Tod abgeschlossen. Die Erinnerung an Johannes XXIII. wird in seinem Heimatort Sotto il Monte mit Gedenksteinen, Statuen und Strassennamen gepflegt.

kath.net/News/35862, 28. März 2012
Erzbischof: Johannes XXIII. exkommunizierte Castro nicht

Langjähriger Sekretär des Konzilspapstes, Capovilla, rückt Berichte von 1962 zurecht, verweist aber auf generelle Exkommunikationen von Mitgliedern kommunistischer Parteien durch Pius XII, 1949. Fidel Castro ist nach Worten des langjährigen Sekretärs von Papst Johannes XXIII. (1958-63), Erzbischof Loris Capovilla, von diesem nicht exkommuniziert worden. „Das Wort Exkommunikation hat es im Vokabular des Johannes-Papstes nicht gegeben“, sagte Capovilla der Mailänder Tageszeitung „Corriere della sera“ (Mittwoch). Er äusserte Unverständnis darüber, dass immer wieder über einen angeblichen Kirchenausschluss am 3. Januar 1962 berichtet werde. Dafür habe es nicht einmal einen Grund gegeben, so der 96-Jährige. Eine Exkommunikation ergebe nur für Menschen einen Sinn, die innerhalb der katholischen Kirche stehen. Allerdings habe es  bereits 1949 ein Dekret von Papst Pius XII. gegeben, der jeden, der einer kommunistischen Partei beitritt, für exkommuniziert erklärte. Capovilla erklärte weiter, dass der Heilige Stuhl „nie die Initiative“ ergreife, um diplomatische Beziehungen zu zerbrechen. Sogar die Anweisung des Weihbischofs in Havanna und von 131 Priestern aus Kuba im September 1961 habe Johannes XXIII. bei einer Generalaudienz nur in „gemässigter Form“ angesprochen.

Kirche heute 19/20, Mai 2014
Vier Päpste, zwei neue Heilige

Bei einer grossen Messe auf dem Petersplatz und Umgebung hat Papst Franziskus am Sonntag, 27.04.2014, seine Vorgänger Johannes XXIII. Roncalli (1958-63) und Johannes Paul II. Wojtyla (1978-2005) offiziell in das Verzeichnis der Heiligen eingetragen. Zur Messe mit 150 Kardinälen, 1’000 Bischöfen und 5’000 Priestern verliess der emeritierte Papst Benedikt XVI. Ratzinger sein vatikanisches Kloster und trat zum 2. Mal seit seinem Rücktritt in die Öffentlichkeit. Der Vatikan schätzte die Zahl der Gläubigen auf 800’000, der römische Bürgermeister geht davon aus, dass 1,5 Millionen Menschen an der Heiligsprechung teilgenommen haben. Nach Angaben der römischen Polizei gab es keine kritischen Momente. Im Interview des TV-Senders RAI 24 zeigte sich der Bürgermeister Ignazio Marino bewegt darüber, dass Papst Franziskus ihm und der Stadt beim Abschluss der Zeremonie für ihren Einsatz gedankt hatte.

Johannes Paul I.
1978,
Albino Luciani
John Cornwell, Wie ein Dieb in der Nacht, 1988, Zusammenfassung (Der Todestag von Johannes Paul I.:  28. September 1978):
Der Papst
der 33 Tage.
Aus Forno
di Canale,
heute:
Canale d’Agordo/I
1230 Uhr: Mittagessen mit den Sekretären Don Diego Lorenzi und John Magee. Der Papst machte während des ganzen Vormittags (Audienzen) einen fröhlichen, energiegeladenen Eindruck. Am Nachmittag fühlt er sich nicht besonders wohl. Den vorgeschlagenen Anruf an Dr. Buzzonetti im
Pfarrer
Aloys von Euw:
„Man geht nicht mit
Bergschuhen in den
Vatikan“.Erstes Konklave,
an dem Kardinäle
über 80 kein akti-
ves Wahlrecht
mehr hatten
vatikanischen Ambulatorium lehnt er ab (Die Krankheitsgeschichte aus Venedig ist nach 33 Tagen noch nicht bei ihm eingetroffen.). Buzzonetti mutierte zum Leibarzt. Trotz dem Unwohlsein des Papstes verlässt Magee von 1430 bis 1630 Uhr die Papstwohnung, um einige Bücher zu holen. Der Papst macht im Salone seine Runden. Don Diego ist auch nicht hier. 1730 Uhr: Der Papst gibt ein hartes Hustengeräusch von sich. „Ich habe Schmerzen“. Einen Arztanruf lehnt er wieder ab. Schwester Vincenza bringt irgend ein Medikament. Der Papst hat mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine kleinere Lungenembolie erlitten. Er ist schwer erkrankt und bräuchte sofortige, fachärztliche Hilfe. 1830 Uhr. Staatsekretär Villot kommt zu einer Besprechung. Die Sekretäre orientieren ihn nicht. 1940 Uhr: Der Papst klagt bei Don Diego wieder von einem fürchterlichen Schmerz. Seit 14 Uhr zum 3. Mal. Don Diego: wir sollten einen Arzt rufen. Der Papst wehrt wiederum ab. – Abendessen. Der Papst spricht, wie jeden Tag bei den Sekretären und den Schwestern zum Thema Tod: Er möchte sterben und dem Ausländer (im Konklave war das Gegenüber Carol Wojtyla) Platz machen. Der Papst scheint eine Vorahnung seines kommenden Todes zu haben. Nach dem Abendessen: Don Diego soll Telefonverbindung zu Kardinal Colombo in Mailand herstellen. Der Papst geht wie immer zu den Nonnen, um ihnen „gute Nacht“ zu wünschen. Er bittet Magee, bei ihm zu bleiben. Als der Anruf kommt, rennt der Papst mit sensationellem Tempo über den Flur. Es ist die letzte kraftvolle Handlung seines Lebens, die Bewegung, die die grössere Embolie auslöst (Telefonat: Der Papst möchte Kardinal Colombo zu seinem Nachfolger in Venedig ernennen, Colombo, der beim kommenden Konklave eine Wahl ablehnt und den Weg für Wojtyla freigibt.). Magee begleitet den Papst in seine privaten Gemächer und zeigt die Alarmknöpfe. Schwester Vincenza sagt, Magee sei für längere Zeit in die Küche gekommen. Der Papst liegt in seinem Zimmer im Sterben. Magee sagt, Don Diego sei ausgegangen und ziemlich spät zurückgekehrt. Don Diego behauptet, er sei nicht ausgegangen.

John Cornwells Hypothese: Magee ist längere Zeit in der Küche. Er denkt an die Anfälle am Nachmittag und Abend, die ihm Angst eingejagt haben. Er begibt sich zu Bett, geht aber an der Schlaftür des Papstes vorbei und sieht Licht. Öffnet die Tür einen Spalt und späht hinein. Der Papst liegt in der Embryohaltung tot auf dem Boden, weit von den Alarmknöpfen entfernt. Er ist noch angekleidet, die Hände sind in Agonie (Todeskampf) an die Brust geklammert, sein Kopf, nach rechts geneigt, drückt auf den Boden. Der Tod ist alles andere als „plötzlich“. Magee wartet Don Diegos Rückkehr ab. Sie heben gemeinsam den Toten auf. Sie ziehen ihm die Soutane aus, darunter trägt er sein Oberhemd und die Unterwäsche. Sie haben Mühe, also zerreissen sie das sommerliche Kleidungsstück aus Leinen an den Ärmeln. Sie heben den Toten, der immer noch in Embryohaltung und halb bekleidet ist, auf das Bett. Das sieht nicht richtig aus. Sie stützen ihn mit Kissen auf, damit sein Kinn auf die Brust sinkt, aber schief nach rechts geneigt. Sie setzen ihm die Brille auf die Nase, geben ihm Papiere in die Hand. Es ist entscheidend, dass es so aussieht, als wäre er ohne Vorwarnung gestorben, während einer normalen Tätigkeit.

Don Diego und Magee bleiben den grössten Teil der Nacht auf, reden, machen untereinander vieles im Flüsterton aus, versuchen zu beten, weinen, betreten und verlassen das Zimmer wieder, vergewissern sich, dass der Körper und der Lesestoff in der richtigen Haltung bleiben. Um halb fünf ziehen sie sich zurück, um den Anschein eines normalen Tagesablaufes zu erwecken.

Aber sie wissen nicht von der diskreten Routine der Nonne, die den Kaffee tatsächlich ins Schlafzimmer von Johannes Paul I. bringt, möglicherweise um zwanzig nach fünf oder sogar früher. Schwester Vincenza stösst auf den toten Papst. Magee wird von den aufgescheuchten Nonnen gerufen, dann Don Diego.

Nachvermerk zur zerrissenen Soutane: Lina Petri, Ärztin und Nichte des toten Papstes und einzige Tochter der Schwester des Papstes. Sie besuchte am Vormittag des Todestages den toten Papst im päpstlichen Schlafzimmer, wo sie lange Zeit alleine war. Sie entdeckte, dass die Ärmel der Soutane völlig zerrissen waren. – Sie war ¨über den Gesundheitszustand des Papstes sehr wohl orientiert, sagt sie aus (Lina Petri, medizinisches Studium und Praxis an der Gemelli-Klinik, Rom):

  • „Er litt unter den üblichen Altersbeschwerden
  • Leichte Arthritis, eine Gallensteinoperation, eine operative Hämorrhoidenbehandlung
  • Atembeschwerden, die bis in die Jugend zurückreichten
  • Einmal Verdacht auf Tbc, eine zeitlang in einem Sanatorium
  • Hier eine einfache Lungenentzündung
  • Er hat eigentlich ein einigermassen vitales Leben geführt: Bergwanderungen
  • wenig Rad gefahren
  • 1975 Probleme mit den Augen: Embolie oder Thrombose in der Netzhautarterie:
  • Das ist wirklich von Bedeutung, weil das heisst, dass das Blut nicht mehr richtig zirkuliert. Wenn so etwas passiert, gibt es ernsthafte Kreislauf- und Gerinnungsprobleme. Es ist ein Warnzeichen – das, was im Auge passiert ist, könnte auch im Bein, im Unterleib oder in der Lungenschlagader eintreten. Der Papst hat mir ausdrücklich erklärt, dass er ernstlich erkranken könnte, falls sich das wiederhole. Die entscheidenden Medikamente sind die Anti-Gerinnungsmittel, die ausnehmend gefährlich sein können. Eine Überdosis Effortil, wie in der Presse behauptet wurde, ist völlig harmlos. Als Papst hat er, bei der ganzen hektischen neuen Lebensweise, wichtige medikamentöse Verordnungen wahrscheinlich vernachlässigt. Und das ist lebensgefährlich. Wenn die grosse Schlagader, die das Blut zu den Lungen bringt, blockiert wird, sterben sie auf der Stelle. Ohne Vorwarnung. Eine andere Sache ist, dass er geschwollene Beine hatte; das war während seines Pontifikates allen bekannt. Er konnte überhaupt keine Schuhe tragen, weder die neuen noch die alten. Seine Beine waren stark geschwollen. Ein Zeichen von venöser Stauung, das heisst – das Blut in den Venen zirkuliert nicht, und wahrscheinlich haben sich in den Arterien Gerinnsel gebildet. Ausserdem weiss ich von meinem Professor der pathologischen Anatomie an der Gemelli-Klinik, dass er gehört hat, es hätte beim Präparieren der Leiche grosse Schwierigkeiten gegeben, die Flüssigkeiten zu injizieren. Das könnte ein weiteres Indiz sein für eine massive Verstopfung der Lungenschlagader.

Cornwell: Soweit ich erfahren habe, ist Buzzonetti nie sein Arzt gewesen und hat ihn auch nie behandelt. Es scheint, dass er im Vatikan gar keinen Arzt gehabt hat, obwohl er wirklich viel Aufmerksamkeit und Pflege brauchte. Sein Arzt in Venedig war Dr. Da Ros“.

John Cornwell sprach im Anschluss an die Aussagen von Dr. Lina Petri mit einem befreundeten Arzt (Polizeiarzt mit grosser Erfahrung auf dem Gebiet der forensischen [gerichtlichen] Medizin): „Die meisten Anti-Gerinnungsmittel sind äusserst gefährlich. Abgesehen davon, dass sie die Gerinnung verhindern, können sie auch das Gegenteil bewirken: man kann zu Tode bluten. Verbluten ist eine der sanftesten Todesarten, die mir je begegnet sind; man gleitet einfach hinüber. Bei Anti-Gerinnungsmitteln könnte die Zunahme von Aspirin (Cornwell: Der Papst litt in den vergangenen Wochen unter starken Kopfschmerzen, nach Aussage der Schwester Vincenza, und war ein ausgesprochener Kaffeetrinker) entscheidend sein. Aspirin – das Magenblutungen verursachen kann – könnte in Verbindung mit Kaffee und Anti-Gerinnungsmitteln die denkbar gefährlichste Wirkung ergeben, insbesondere wenn der Patient unter sehr grossem Stress stand. – Warum fragst du nicht seinen Arzt, welches Anti-Gerinnungsmittel er genommen hat und ob er noch etwas anderes einnehmen musste? Du musst herausfinden, ob er regelmässig Anti-Gerinnungsmittel eingenommen hat. Sie können dir das nicht vorenthalten, wenn sie dich nicht zu einem Vollidioten stempeln wollen!“

Wie Cornwell schreibt, hat Dr. Da Ros ihm nie darüber Auskunft, überhaupt nie irgendwelche Auskunft gegeben. Er schwieg, wie das Dr. Buzzonetti gemacht hätte, hätte Johannes Paul II. Wojtyla hier nicht eingegriffen.

Personen in diesem Zusammenhang (September 1978):

  • Prof. Mario Fontana, Direktor der sanitarischen Dienste im Vatikan
  • Dr. Renato Buzzonetti, zugeteilter persönlicher Leibarzt von Johannes Paul I.
  • Prof. Cesare Gerin, Direktor des Gerichtsmedizinischen Instituts, Rom Leiter der Konservierung
  • Prof. Fucci, Prof. Mariggi, Prof. Maragin, Assistenten bei der Konservierung
  • Ernesto und Arnaldo Signoracci, technische Assistenten bei der Konservierung (nach ihren eigenen Aussagen erst am späteren Nachmittag im Vatikan). Dauer der Konservierung gemäss Buzzonetti: 29.09.1978, 1900 Uhr bis gegen 03.30 Uhr in der Nacht (8,50 Stunden). Gemäss italienischem Gesetz (nicht nach Vatikanischem) darf bis 24 Stunden nach eingetretenem Tod nichts an der Leiche gemacht werden.

Regina Kummer, Papst Johannes Paul I. begegnen, 2008, Seite 82:
Todestag Donnerstag, 28. September 1978. Was geschah nun?

Um 18.30 Uhr empfängt Johannes Paul I. den Kardinalstaatssekretär Villot. Nach dem Abendessen bittet der Papst Don Diego, ihm eine telefonische Verbindung mit Kardinal Giovanni Colombo in Mailand herzustellen. Nach Beendigung des Gesprächs zieht sich der Papst in seine Zimmer zurück und telefoniert noch mit Dr. Antonio Da Ros in Vittorio Veneto. Er stirbt gegen 23 h.

Seite 84, Interview mit dem langjährigen Hausarzt, Dr. Antonio Da Ros: In Rom, als Papst, habe ich ihn 3 x besucht, und ich habe am Abend des 28.09.mit ihm telefoniert. – Dr. Da Ros, wann haben Sie Papa Luciani besucht? – Ich sah ihn am Sonntag, den 3. September 1978, am Tag seiner Arbeitsübernahme, nach der Audienz für die Pilger aus Vittorio Veneto, ich habe ihm den Blutdruck gemessen und die üblichen Untersuchungen angestellt. Dann bin ich am Mittwoch, den 13. September 1978, in den Vatikan zurückgekehrt. Das dritte und letzte Mal habe ich ihn am Samstag, den 23. September 1978 gesehen, und ich bin vom Papst zum Essen eingeladen worden. – 3 Besuche in einem Monat. Gab es etwas, was Ihnen an seinem Gesundheitszustand Sorgen bereitete? – Ich habe ihn nicht 3 x besucht, weil es ihm schlecht ging. Schon seit den Zeiten in Vittorio Veneto habe ich ihn einmal in der Woche untersucht. – Sie sagen, Sie hätten am Abend, an dem Luciani starb, mit der päpstlichen Wohnung telefoniert. Aber die Sekretäre des Papstes haben ausgeschlossen, dass im Laufe des Abends des 28. September 1978 Ärzte gerufen worden seien, weder vatikanische noch auswärtige. – Sie können ruhig abstreiten, mich angerufen zu haben. Sie haben mich auch nicht angerufen. Ich habe im Vatikan angerufen. Von Zeit zu Zeit rief ich an, um mich zu erkundigen, wie es geht. Auch an diesem Abend habe ich mich nach dem Wohlergehen des Papstes erkundigt, wie er den Tag verbracht hat, ob es Probleme gibt. – Um wie viel Uhr haben Sie in den päpstlichen Gemächern angerufen? – Ich erinnere mich, dass ich an jenem Abend an einer Konferenz teilnehmen musste. Es muss so gegen neun Uhr gewesen sein. Ich habe mit dem Papst geplaudert, ich habe auch mit Sr. Vincenza Taffarel gesprochen, die ja Krankenschwester ist und dem Heiligen Vater den Haushalt besorgt. – Wie haben Sie Papa Luciani am Telefon vorgefunden? Gab es etwas, was darauf schliessen liess, dass er 2 Stunden später tot ist? – Nein, alles wie immer. Auch Sr. Vincenza hat mir nichts von aussergewöhnlichen Problemen gesagt. Sie hat mir gesagt, der Papst hätte den Tag wie immer zugebracht. Wir haben uns über meinen nächsten Besuch abgestimmt, den ich am folgenden Mittwoch gemacht hätte.

OR Nr. 34 vom 24. August 2012, S. 1:
Das Erbe des Luciani-Papstes steht im Zeichen der Hoffnung

Vatikanstadt. 33 Tage, die die Welt zutiefst beeindruckt und bewegt haben und die sie niemals vergessen hat: das Erbe Johannes Paul I. ist reich und sehr lebendig, eines Papstes, der es – trotz der kurzen Dauer seines Pontifikates – verstand, jene Hoffnung anzufachen, die er selbst als „das Lächeln des christlichen Lebens“ definierte. Ein Erbe, das in all seiner Aktualität bei den Feierlichkeiten wieder zutage tritt, die anberaumt worden sind, um an den 100. Jahrestag seiner Geburt zu erinnern: er wurde am 17. Oktober 1912 in Forno di Canale (heute Canale d’Agordo) im Kreis Belluno geboren. Gerade in diesen Tagen sind die Strassen von Canale d’Agordo voll mit Bildhauern aus aller Welt, die dort ihre Werke schaffen und dazu als Leitfaden den Worten Lucianis folgen, die dieser am 6. Januar 1959 bei seinem ersten Besuch als Bischof in Canale d’Agordo gesagt hatte: „Ich bin immer noch der kleine Junge von einst.“ Am Sonntag, 26. August, wird an den 34. Jahrestag seiner Wahl zum Papst erinnert und am 28. September an seinen Tod. Für denselben Tag hat die Diözese Belluno-Feltre eine Pilgerfahrt organisiert, um an seinem Grab in den vatikanischen Grotten zu beten. Am 13. Oktober findet in seinem Namen ein Treffen in New York statt und am 17. Oktober, an seinem Geburtstag, werden das ihm gewidmete neue Museum und das Studienzentrum eingeweiht.

OR Nr. 40 vom 5. Oktober 2012, S. 2:
Papst über Seligsprechungsverfahren Johannes Paul I. informiert

Vatikanstadt. Papst Benedikt XVI. ist über das Seligsprechungs-verfahren für Johannes Paul I. informiert worden. Bischof Giuseppe Andrich von Belluno-Feltre, dem Heimatbistum des 33-Tage-Papstes, stellte die Ergebnisse dem Heiligen Vater nach der Generalaudienz vor. Zum 100. Geburtstag des Papstes, mit bürgerlichem Namen Albino Luciani, am 17. Oktober solle der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsverfahren eine Auflistung dessen „heroischer Tugenden“ überreicht werden. Das Seligsprechungsverfahren war im November 2003 eröffnet worden.

Katholische Wochenzeitung Nr. 41 vom 12. Oktober 2012, S. 8, Th. Jansen:
Vor 100 Jahren wurde Johannes Paul I. geboren, 33 Tage im Amt

Es war eines der kürzesten →Pontifikate in der Geschichte des Papsttums. Nur 33 Tage nach seiner Wahl zum Papst starb Johannes Paul I. am 28. September 1978. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen, beschäftigt der vor 100 Jahren, am 17. Oktober 1912, im norditalienischen Forno di Canale geborene Albino Luciani, Sohn eines eingefleischten Sozialisten,  auch heute noch die Gemüter.

Johannes Paul I. war nicht nur der erste Nachfolger Petri, der einen Doppelnamen wählte. Auch sonst brach er mit zahlreichen Gepflogenheiten des päpstlichen Hofes. Zum Beispiel mit dem „Pluralis Maiestatis“. Bislang sagten die Päpste „Wir“, wenn sie von ihrer eigenen Person sprachen. So war es für Monarchen üblich. Johannes Paul I. hingegen sagte „Ich“. Auch den traditionellen tragbaren Papstthron, die sedia gestatoria (→Pfarreien des Vatikans), wollte er in die Abstellkammer des Apostolischen Palastes verbannen. Die Kurie überredete ihn jedoch schliesslich, das sänftenähnliche Gefährt doch zu benutzen. Auch für die Schweizergardisten wurde das Leben bequemer: Der bis dahin verpflichtende Kniefall In Anwesenheit des Papstes entfiel fortan.

Vom Hilfspriester zum Papst
Johannes Paul I. kam aus sehr armen Verhältnissen. Sein Vater verdingte sich als Saisonarbeiter im Ausland, etwa in Frankreich, Deutschland oder Österreich, und war kaum zu Hause. Sein Elternhaus, in dem er mit 3 Geschwistern und 2 Stiefschwestern aufwuchs, erinnert an →„Don Camillo und Peppone“: Der Vater ist Mitglied der dezidiert antiklerikalen Sozialistischen Partei Italiens, die Mutter strenggläubige Katholikin. Ungeachtet seiner schon seit Kindertagen angeschlagenen Gesundheit, macht Luciani, der eigentlich am liebsten Dorfpfarrer geblieben wäre, in der Kirche Karriere. Seine erste Stelle als Hilfspriester und Religionslehrer erhält er nach seiner Priesterweihe 1935 in seiner Heimatgemeinde Belluno in Venetien.

Anschliessend lehrte er von 1937 bis 1947 Dogmatik am Priesterseminar von Belluno. 1958 wurde er Bischof von Vittorio Veneto, einer beschaulichen Provinzstadt in Venetien. 12 Jahre später schliesslich wurde er Patriarch von Venetien. Im Juli 1978 sagte er in einer Predigt, es sei ein Fehler gewesen, dass Paul VI. ihn zu diesem Amt berufen habe. Am 26. August des gleichen Jahres wählten ihn die Kardinäle im Konklave zu dessen Nachfolger.

Herzversagen
Ein theologischer Bilderstürmer war Johannes Paul. I. gleichwohl nicht: Er stand fest in der Tradition seiner Vorgänger Paul VI. und Johannes XXIII. So verteidigte er die wegen ihrer Ablehnung künstlicher Empfängnisverhütung auch innerkirchlich strittige Enzyklika „Humanae vitae“. Seinen Einstellungen nach sei Joannes Paul I. „theologisch und politisch konservativ“ gewesen, urteilt der katholische Münchener Kirchenhistoriker Georg Schwaiger. Von einem kirchenpolitischen Programm lässt sich nach einer Amtszeit von gut einem Monat allerdings ohnehin nicht sprechen.

Für ein fundiertes Urteil sind 33 Tage zu wenig, für Spekulationen eignen sie sich um so besser. Und so ist es kein Zufall, dass der frühe Tod Johannes Paul I. – in diesem Umfang erstmals seit der Renaissance – wieder Mutmassungen über die Todesumstände eines Papstes ins Kraut schiessen liess. Am 28. September 1978 schob Schwester Vincenza Taffarel um 4.30 Uhr wie gewöhnlich ein Kännchen Kaffee in das Arbeitszimmer des Papstes und klopfte an der Schlafzimmertür. Als sie nach einiger Zeit den Kaffee immer noch unberührt fand und ihr abermaliges Klopfen ohne Antwort blieb, öffnete sie die Tür und fand den Papst regungslos im Bett sitzend. Er hatte seine Brille auf, der Kopf hing leicht zur Seite. In seinen Händen hielt er einige Blätter Papier. Die Leselampe brannte noch.

„Akuter Myokardinfarkt“, Herzversagen, lautete die Diagnose des päpstlichen Leibarztes Renato Buzzonetti später. Als Zeitpunkt des Todes nahm er 23 Uhr an. Soweit die historische Rekonstruktion.

OR Nr. 46 vom 16. November 2012, S. 9:
„Ostensus magis quam datus“, Kongress zum 100. Geburtstag von A. Luciani

Vatikanstadt. Vor 100 Jahren wurde Albino Luciani, Papst Johannes Paul I., geboren. Aus diesem Anlass hat der „Osservatore Romano“ zusammen mit dem „Messaggero di Sant’Antonio“ am 8. November 2012 in der alten Synodenaula im Vatikan einen Kongress mit dem Titel „Ostensus magis quam datus“ organisiert. Nach der Begrüssung durch unseren Direktor, Prof. Giovanni Maria Vian, und der Einführung von Ugo Sartorio hielten die folgenden Referenten einen Vortrag: Gianpaolo Romanato („Der Mann, der aus Venetien kam“), Roberto Pertici („Die Leidenschaft des Kommunizierens“), Sylvie Barnay („Vier Wochen Lehramt) und Juan Manuel de Prada („Mysterium im Vatikan“). Das Schlussreferat hielt der Patriarch von Venedig, Francesco Moraglia. Der Kongress sollte auch Gelegenheit bieten, die neue Auflage des Bandes von Albino Luciani „Illustrissimi, Lettere ai grandi del passato“ (Padua, Edizioni Messaggero, 2012, 335 S., 16 €) zu präsentieren. Der Band enthält eine Chronologie und ein Nachwort unseres Direktors. Die Einführung schrieb Igino Giordani, sie wurde bereits in der ersten Auflage von 1970 abgedruckt.

Johannes
Paul II.
Pole (J.P.II.)
Karol Wojtyla,
*Wadowice, Papst
vom 16.10.1978 – 02.04.2005
→Seligsprechung.
Heiliggesprochen am 27.04.2014.
Heiligenkalender:
22. Oktober

Ihm werden autokratische (selbstherrliche) Neigungen nachgesagt.
HK, Ist die Kirche noch zu retten? S. 134:
In Polen, wo ohnehin schon eine stark einschränkende Gesetzgebung bezüglich der Pille herrschte, versuchte Papst Wojtyla, das Parlament mit drohender öffentlicher Rede von der Verabschiedung eines liberaleren Abtreibungsgesetzes abzuhalten. Beide Versuche scheiterten. Ein Zeichen dafür, dass sich die römische Kirchenleitung auf einem Kurs ohne Zukunft befand. Das hing mit einer weiteren Infektion zusammen, mit der römisch-katholischen Restaurations-begeisterung (Wiederherstellung der alten Ordnung).
.
HK, Ist die Kirche noch zu retten? S. 158:
Nach dem in manchen Punkten durchaus toleranten Paul VI. und nach dem unter unaufgeklärten Umständen verstorbenen 33-Tage-Papst Johannes Paul I. kam am 16.10.1978 ein ganz anderer Papst an die Macht: der erste nichtitalienische Papst seit Hadrian VI. (Adrian Florensz, Utrecht, 1522-23), ein Papst aus Polen und mit ihm der Rückfall in die vorkonziliare Konstellation. Er zeigte sich der Weltöffentlichkeit von Anfang an als ein Mann von Charakter, tief verwurzelt im christlichen Glauben, ein eindrucksvoller Vorkämpfer des Friedens, der Menschenrechte, der sozialen Gerechtigkeit, später auch des interreligiösen Dialogs, zugleich aber auch einer starken Kirche. Ein Mann mit Charisma, keine Frage, der die Sehnsucht der Massen nach dem – in der heutigen Welt so selten gewordenen – moralisch vertrauenswürdigen Vorbild in imponierender und medial höchst gewandter Weise zu befriedigen wusste. Erstaunlich rasch war er ein Superstar der Medien und in der katholischen Kirche für viele zunächst eine Art lebendige Kultfigur geworden. Doch darf man sich durch wohlorganisierte Massenveranstaltungen und von Spezialisten inszenierte sakrale Medienspektakel nicht täuschen lassen. Im Vergleich zu den sieben fetten Jahren der katholischen Kirche, deckungsgleich mit dem Pontifikat Johannes’ XXIII. und dem 2. Vatikanischen Konzil (1958-65), nahmen sich die 4 x 7 Jahre des Wojtyla-Pontifikates in der Substanz (in der Wesentlichkeit, im Dauernden) eher mager aus: trotz einer Unzahl von Reden und kostspieligen „Pilgerreisen“ (mit Millionenschulden für manche Ostkirchen) gab es wenig ernstzunehmende Fortschritte in katholischer Kirche und Ökumene. Obwohl Nicht-Italiener, aber aus einem Land, wo sich aufgrund des Drucks der ausländischen Grossmächte (Habsburger, Preussen und Russland) weder die Reformation noch die Aufklärung (die das europäische 18. Jahrhundert beherrschende Geistes-bewegung) durchsetzen konnte, war Johannes Paul II. ganz nach dem Geschmack der Kurie. Als Kardinal fiel er in der heiklen päpstlichen Geburtenregelungs-kommission durch ständige Abwesenheit auf, intrigierte (hinterhältige Machen-schaften, Ränkespiele) aber mit Briefen im Hintergrund.
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Kurzzusammenfassung HK, Ist die Kirche noch zu retten? ab S. 160:

  • J. P. II. war ohne Zweifel mit charismatischer Ausstrahlung, mit Schauspieltalent.
  • Klimawechsel: zu spüren bekamen es die (jetzt meist vergeblich) Laisierung beantragenden Priester, dann die Theologen, bald aber auch die Bischöfe und schliesslich die Frauen zu spüren (Laisierung = einen Kleriker in den Laienstand versetzen).
  • Die konziliare Bewegung sollte gebremst, die innerkirchliche Reform gestoppt, die ehrliche Verständigung mit Ostkirchen, Protestanten und Anglikanern durch die alte Rückkehrstrategie ersetzt werden und der Dialog mit der modernen Welt wieder mehr durch einseitiges Belehren und Dekretieren erfolgen.
  • Verrat am Konzil: statt der konziliaren Programmworte wieder die Parolen eines erneut konservativ-autoritären Lehramtes.
  • statt Aggiornamento im Geist des Evangeliums wieder die traditionelle integrale (für sich bestehende) „katholische Lehre“ (rigorose Moralenzykliken, traditionalistischer „Weltkatechismus“);
  • statt der „Kollegialität“ des Papstes mit den Bischöfen wieder ein straffer römischer Zentralismus, der sich bei Bischofsernennungen und bei der Besetzung theologischer Lehrstühle über die Interessen der Ostkirchen hinwegsetzt;
  • statt der „Apertura“ zur modernen Welt wieder zunehmend ein Anklagen, Beklagen und Verteufeln einer angeblichen „Anpassung“ und eine Förderung traditioneller Frömmigkeitsformen (Marianismus);
  • statt des „Dialogs“ wieder verstärkt Inquisition und Verweigerung der Gewissens- und Lehrfreiheit in der Kirche;
  • statt des „Ökumenismus“ wieder das Akzentuieren alles eng Römisch-Katholischen: keine Rede mehr wie im Konzil von der Unterscheidung zwischen Kirche Christi und römisch-katholischer Kirche, zwischen der Substanz der Glaubenslehre und ihrer sprachlich-geschichtlichen Einkleidung, von einer „Rangordnung der Wahrheiten“, die nicht alle gleich wichtig sind.
  • Die mit 1,5 Millionen Unterschriften in Rom vorgebrachten Reformpostulate der KirchenVolksBewegung blieben ohne die geringste Antwort. Im Vatikan gilt das Volk offenbar nichts, ein Pfarrer auch nicht viel mehr, selbst ein Bischof nur wenig, nur ein Kardinal, solange er beim Papst „persona grata“ ist.

Was seine eigene polnische Heimat angeht, so geriet Papst Wojtyla nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems in eine geradezu tragische Situation: Er, der das angeblich intakte antimoderne polnisch-katholische Kirchenmodell der angeblich dekadenten (im Verfall begriffenen) westlichen Welt nahebringen wollte, musste ohnmächtig zusehen, wie der Prozess in die umgekehrte Richtung verlief. Das Paradigma der Moderne ergriff von Polen genauso Besitz wie vom katholischen Spanien oder Irland. Statt einer erfolgreichen (auf Reisen und in zahllosen Verlautbarungen propagierten) Rekatholisierungs-Kampagnen erfolgte auch in Polen ein faktischer Entkatholisierungs-prozess. Allenthalben breitet sich – Papst hin oder her – westliche Säkularisierung, Individualisierung und Pluralisierung aus. Was freilich nicht nur negativ zu bewerten, nicht nur kulturkritisch zu bejammern ist.

Als Joseph Ratzinger am 6. April 2005 auf dem Petersplatz für den verstorbenen Papst J. P. II. den Totengottesdienst zelebrierte, entrollten Anhänger des Papstes aus den „Movimenti“ wohlvorbereitete riesige „Transparente“ mit einer Parole, die von Sprechchören begleitet wurden: „Santo subito¨“ – „Sofort heilig!“. Als neugewählter Papst unterstützte Joseph Ratzinger die organisierte Heiligsprechungskampagne, indem er den Massen auf dem Petersplatz erklärte, was er als Theologieprofessor sicher nie zu sagen gewagt hätte: Er sehe J. P. II. aus dem Himmelsfenster auf sie herunterschauen. Schon 2 Monate später leitete Papst Benedikt – entgegen der kirchenrechtlich vorgeschriebenen Frist von 5 Jahren – das Verfahren für die Selig-sprechung ein. (Movimenti: →Gruppierungen)

Aber 5 Jahre nach seinem Tod waren im Vatikan dann doch Zweifel aufgetaucht, die im Zusammenhang mit der →Missbrauchskrise stehen, wegen:

  • dem pädophilen Wiener Kardinal Hermann Groer (→Skandale?)
  • dem Bischof von St. Pölten Kurt Krenn (→Skandale?)
  • dem amerikanischen Kardinal Bernard Law (Missbrauchsskandale in seiner
    Erzdiözese Boston/Massachusetts, dann leitender Erzpriester in S. Maria Maggiore) Vasallentreue schien bei J. P. II alles Versagen und Vergehen zu entschuldigen.
  • Pater Marcial Maciel Degollado, Gründer und jahrzehntelanger Leiter der Legionäre Christi, Mexikaner, ein besonderer Schützling J. P. II. (→Skandale?)
    →Gruppierungen).

Das höchst zögerliche Vorgehen gegen den sexuellen Missbrauch und besonders das Versagen im Falle Maciel gilt unter Kennern als der eigentliche Grund, warum im Vatikan am „Santo subito“ Zweifel aufkamen. Unter J. P. II. „stiegen die rustikal kämpferischen Legionäre Christi neben dem elitären Opus die zu einer der mächtigsten Seilschaften im Kurienapparat auf. Beide sind reich und halfen dem Pontifex gerne. J. P. II. wurde nie müde, sie und ihresgleichen als ‚Frühling’ und ‚Hoffnung der Kirche’ zu rühmen – obwohl er um den konkreten sexuellen Kindesmissbrauch durch Maciel wusste. Wojtyla verschwieg und verhinderte“ (Hanspeter Oschwald, Der Freund und Kinderschänder, in Publik-Forum, Nr. 19/2010).

Dennoch ist Karol Wojtyla am 1. Mai 2011 selig gesprochen worden, obwohl das für die Seligsprechung notwendige beglaubigte Heilungswunder, das auf die Fürsprache des polnischen Papstes erfolgt sein soll, höchst umstritten ist. Mediziner bezweifeln nämlich, dass eine französische Ordensfrau, die kurz nach dem Tod J. P. II. auf unerklärliche Weise von ihrer Parkinson-Krankheit geheilt worden sein soll, jemals an dieser Krankheit gelitten hat.

In merkwürdigem Kontrast zu diesem Wundermangel für seinen eigenen Seligsprechungsprozess stehen die massenhaften Seligsprechungsprozesse, die der offensichtlich sehr wundergläubige Papst selbst durchgeführt hat: nicht weniger als 1’338 Seligsprechungen und 482 Heiligsprechungen, mehr als doppelt so viele wie all seine Vorgänger in den vergangenen 4 Jahrhunderten zusammen. J. P. II. vernachlässigte gerne das Aktenstudium, liebte aber über die Massen öffentliche Auftritte. Er war überzeugt, mit diesen Zeremonien die Volksfrömmigkeit zu stärken, auch wenn es sehr oft um Heilige einzelner Orden oder religiösen Gemeinschaften ging. Und sicher wusste er auch um das einträgliche Geschäft, das Selig- und Heiligsprechungsprozesse für die Vatikan darstellen, auch wenn darüber öffentlich wenig verlautete: Einträglich nicht nur wegen vieler zusätzlicher Pilgerscharen, sondern auch wegen der hohen Verfahrenskosten, so dass eine bestimmte religiöse Gemeinschaft, wie mir einer ihrer Oberen berichtete, auf eine Seligsprechung verzichtete, um die dafür fälligen 100’000 Euro für andere Aufgaben verwenden zu können. (später im gleichen Buch: mehrere 100’000 Euro je Sprechung)
→Finanzen

HK, Ist die Kirche noch zu retten?, S. 225:
(Diffamierungen [verleumderische Bosheit] in der Kirche). Wie viele katholische Männer und Frauen mögen in dieser römisch-katholischen Kirche unter repressiven Massnahmen gelitten haben. Einige Fälle wurden bekannt, mehr blieben unbekannt. Wenn ich daran denke, was mir in den 28 Jahren des Regimes Wojtyla-Ratzinger von Betroffenen alles schriftlich mitgeteilt wurde oder mündlich zu Ohren kam, müsste ich ungezählte Seiten füllen: Mahnungen, Warnungen, Drohungen, Vorladungen, Versetzungen, Absetzungen, „Bussschweigen“, Entzug der kirchlichen Lehrbefugnis, Entzug der Predigtbefugnis, Suspension vom priesterlichen Amt …Siehe National Catholic Reporter (NCR) mit einem „Special Report: Liste der „Zielscheiben“, um nicht zu sagen „Opfer von „28 Jahren päpstlicher Disziplinierung“ unter J. P. II.

S. 230: J. P. II trägt persönlich die Verantwortung für die Zurückweisung der ausführlichen Ordnung für eine kirchliche Verwaltungsgerichtsbarkeit, wie sie noch der Entwurf des neuen Codex von 1980 enthielt. Akte oder Massnahmen der kirchlichen Verwaltung sollen also unkontrollierbar bleiben, das bisweilen willkürliche Vorgehen von Kurie und bischöflichen Ordinariaten nicht durch ein unabhängiges Gericht geahndet werden können.

S. 556: In der Stiftung „Concilium“ (während des Konzils gegründete Zeitschrift) werden wir nach dem Konzil überlegen, ob nicht eine Delegation von uns zum neuen Erzbischof von Krakau, Karol Wojtyla, fahren soll, der als offener gilt als der Primas, Kardinal Stefan Wyszynski; dieser hatte damals den Weihbischof Wojtyla auf die sechste, die letzte Stelle seiner Vorschlagsliste gesetzt. Unsere Reise kam aus technischen Gründen nicht zustande, hätte aber, sagt man sich im nachhinein, wohl kaum viel genützt. Denn auch von Wojtyla hat man im Konzil bisher nichts Kühnes gehört; nur eine sehr konventionelle Rede über die Berufung zur Heiligkeit als dem Ziel der Kirche und über die “evangelischen Räte“, natürlich ohne das Problem von Ehelosigkeit und Zölibatsgesetz auch nur zu erwähnen. Persönlich habe ich den Weihbischof, dann Erzbischof Wojtyla im Konzil nie bewusst wahrgenommen, während ich guten Grund habe anzunehmen, dass er mich als allgemein bekannten jüngsten Konzilstheologen mit dem blonden Schopf, statt im üblichen Talar im schwarzen Anzug, sehr wohl wahrgenommen hat, ohne mich aber je anzusprechen. Wojtyla, an der Gregoriana als Doktorand abgelehnt, verfügt schon früh über Beziehungen zum finanzkräftigen Opus Dei. Er wird zum Mitglied der päpstlichen „Pillenkommission“ ernannt, nimmt aber an keiner einzigen Sitzung teil. Stattdessen schickt er, intrigierend hinter dem Rücken der progressiven Kommissionsmehrheit, in den Vatikan Texte, die vermutlich zur Vorbereitung der Enzyklika „Humanae vitae“ benützt worden sind.

OR Nr. 42 vom 21.10.2011:
Deutsche Kirche erhält Blutreliquie von J. P. II.
Als erste deutsche Kirche erhielt die Sandkirche in Aschaffenburg eine Reliquie des sel. J. P. II. Die Blutreliquie wurde am vergangenen Sonntag eingeführt, sagte Pfarrer Walenty Cugier von der polnischen katholischen Mission in der Region Untermain. Die Kirche ist Sitz der polnischen Mission, die bereits mit Zustimmung des Würzburgers Bischofs Friedhelm Hofmann das Patronat des einstigen Papstes aus Polen erhielt. Nach dem Gottesdienst hatten die Gläubigen Gelegenheit, die Blutreliquie in der Monstranz auf dem Altar zu sehen und zu verehren. Die Reliquie erhielt die Mission vom Krakauer Kardinal und ehemaligen Sekretär von J. P. II, Stanislav Dziwisz. Den Gottesdienst leitete der Delegat der polnischen Mission in Deutschland, Prälat Stanislav Budyn.

OR Nr. 43 vom 28.10.2011:
Blutreliquie von J. P. II. im „Bambino Gesù“
Blutreliquie von Papst J. P. II. ausgestellt. In einer kurzen Zeremonie unter Leitung von Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone wurde die Ampulle in das Spital auf dem Gianicolo-Hügel unweit des Petersdomes überführt. Es handelt sich um eine von insgesamt vier Blutproben, die J. P. II. wenige Tage vor seinem Tod im März 2005 von Ärzten der Gemelli-Klinik zur Vorbereitung einer möglichen Blut-transfusion abgenommen wurde. Wie das Krankenhaus mitteilte, steht noch nicht fest, ob die Reliquie auch für auswärtige Besucher zugänglich sein wird. Bisher war die in ein Reliquiar eingesetzte Ampulle von den Ordensschwestern des Krankenhauses aufbewahrt worden.

OR Nr. 4 vom 27.01.2012:
Blutreliquie von Johannes Paul II. in Kolumbien
Bogota. Eine Blutreliquie von Papst Johannes Paul II. ist in der kolumbanischen Millionenstadt Cali eingetroffen. Die katholische Kirche erinnert damit an den Kolumbien-Besuch von Papst Johannes Paul II. vor 25 Jahren. Bei der Reliquie handelt es sich um eine von insgesamt vier Blutproben, die Johannes Paul II. wenige Tage vor seinem Tod im März 2005 entnommen wurden. Erst vor wenigen Wochen wurde die Reliquie in Mexiko zur Verehrung gezeigt.

BUNTE Spezial Nr. 4/2005 Titel erwähnt):

S. 5: Gebannt blickten zehntausende Gläubige am Abend des 2. April 2005 hinauf zu den 3 erleuchteten Fenstern im 3. Stock rechts des Apostolischen Palastes. Sie warteten auf ein Lebenszeichen des Papstes. Stattdessen kam die Todesnachricht um 21.37 Uhr.

  • S. 13: Mit Tränen, Kerzen und Rosenkränzen trauern junge Mädchen auf dem Petersplatz (Bild)
  • S. 19: Er wollte diesen Abschied. Ein Papst, der die Menschen suchte und liebte. So wird er in Erinnerung bleiben
  • S. 20: Sein letzter Weg führt in die Ewigkeit. J. P. II. liess die Menschheit auch an seinem Sterben teilhaben. Sein Leichnam war 4 Tage im Petersdom aufgebahrt. Viele Gläubige verehrten ihn jetzt schon wie einen Heiligen.
  • S. 22: Ein heiliger Mann – und allen so nah. Noch nie verfügte ein Papst über so viele Gesten, setzte Rituale so wirksam ein. Nie zuvor wurde ein Papst so zum Idol der Massen. J. P. II. hatte eine innere Kraft, der jeden berührte. Ein Mensch, der Menschen anzog, weil er auf sie zuging.
  • S. 25: En Papst zum Anfassen, mit dem Gespür für medienwirksame Auftritte.
  • S. 29: Der lange Weg vom Arbeiter zum Papst. Schon in frühester Jugend wurde Karol Wojtyla mit Leid und Tod konfrontiert. Dennoch zweifelt er nicht an seinem Glauben – und flüchtet oft tagelang in die Natur.
  • S. 32: Die Schauspielerin Halina Kwiatkowska war die Freundin des jungen Karol Wojtyla – sie hat ihn nie vergessen.
  • S. 39: Wie ein Engel flog er um die ganze Welt. J. P. II. galt als der Reise-Papst. Er besuchte in 26 Jahren auf 104 Auslandreisen 129 Staaten. Kein Weg war ihm zu weit und zu mühsam, um das Evangelium zu verbreiten.
  • S. 44: J. P. II. in Mexiko – er zieht die Massen in seinen Bann, wird verehrt wie ein Heiliger.
  • S. 55: Der Heilige Vater eroberte die Herzen der Deutschen. J. P. II. besuchte Deutschland dreimal, wurde gefeiert und umjubelt. Im August wollte er wieder kommen
  • S. 60: Er kämpfte für Frieden und Versöhnung. Als Diplomat, machtvoller Kirchenfürst und unbeugsamer Theologe traf er die grössten Staatsmänner – und veränderte die Welt.
  • S. 68: Er liebte Geselligkeit. Zum Frühstück lud J. P. II. oft Gäste ein. Er wohnte bescheiden: in der obersten Etage des Apostolischen Palastes.
  • S. 72: Der Athlet Gottes. J. P. II. war der sportlichste aller Päpste. Er war sogar Mitglied bei Schalke 04. (WA: Sein Sekretär Stanislaw schrieb nach dem Tod ein Buch über J. P. II. Darin erwähnt er, dass sie beide über 100 x inkognito (unerkannt) mit dem Auto und 2 weiteren polnischen Priestern den Vatikan verlassen hätten. Grund in den meisten Fällen: Ski fahren.)
  • S. 81: Erfüllt von tiefer Liebe zur Muttergottes. J. P. II. versank oft in tiefe Meditation, In diesen Augenblicken grenzenloser Hingabe glaubte er, der Jungfrau Maria ganz nah zu sein.
  • S. 87: Für die Kinder der Welt war er ein Star. Der Heilige Vater war ein Idol der Jugend in aller Welt. Für sie war er eine himmlische Gestalt.

Alb S. 244:  J. P. II.
Zu seinem christlichen Humanismus gehört auch das Bestehen auf einigen traditionellen Moralforderungen der katholischen Kirche: ein festes Nein zu Empfängnisverhütung, Abtreibung und Ehescheidung. So stark ist die Anziehungskraft seiner Persönlichkeit, dass viele, die seine Überzeugungen in diesen Fragen nicht teilen, ihm zuhören und ihn bewundern. J. P. II sieht diese Überzeugungen aber als Teil ein und derselben Botschaft.

Man hat ihn definiert als „konservativ in der Substanz und modern im Stil“. Das ist kein schlechtes Motto für einen Bischof von Rom, dessen Aufgabe es ist, dafür zu sorgen, dass der Glaube der Kirche bewahrt und gleichzeitig für jede Generation neu interpretiert wird.

OR Nr. 19 vom 11. Mai 2012, S. 4:
Der Vatikan prüft gegenwärtig mehrere besonders vielversprechende Berichte über unerklärliche Heilungen, die auf Fürsprache von J. P. II. erfolgt sein sollen. In „drei oder vier Fällen“ seien erste medizinische Untersuchungen eingeleitet worden, sagte der Postulator des Heiligsprechungs-verfahrens für den im April 2005 verstorbenen Papst, Slawomir Oder, in einem Interview mit der italienischen Tageszeitung „Avvenire“.

GEOEPOCHE Nr. 10
Editorial, Michael Schaper
25 Jahre nach Stalins Tod, am 16. Oktober 1978, wird ein vergleichsweise junger polnischer Kardinal zum Stellvertreter Christi auf Erden gewählt – und mit ihm erlebt das Papsttum eine von vielen kaum noch erwartete Renaissance. Denn Karol Wojtyla, der neue Pontifex J. P. II., macht schon bald deutlich, dass er sich den Heraus-forderungen des ausgehenden Millenniums offensiver stellen wird als seine Vorgänger. Dazu gehört, dass er wie kein anderer Papst vor ihm auf die Menschen zugeht: bei seinen – auch für Nicht-Gläubige beeindruckenden – Messen vor dem Petersdom; bei seinen Reisen in bislang 132 Länder der Erde; in seiner Bereitschaft, sich mit den Vertretern anderer Religions-gemeinschaften auszusöhnen.

Dazu gehört aber auch sein Wille, zu polarisieren und mit Wider-sprüchen zu leben. Denn so energisch J. P. II. immer wieder die ungerechten Lebensbedingungen von Millionen Menschen in aller Welt anprangert (und damit deren Verursacher), so rigoros massregelt er jene Geistliche, die aus dieser Analyse revolutionäre Konsequenzen ziehen. Und so offen er sich im Dialog mit anderen Religionen zeigt, so steinern reagiert er auf jeden Versuch, die Lehren der eigenen Kirche zu liberalisieren.

Vor allem aber ist der Mann aus Krakau ein politischer Papst. Wie kaum ein anderer hat er daran mitgewirkt, die Erosion des sozialistischen Ostblocks zu beschleunigen, etwa durch seine frühe Hilfe für die polnische Opposition – und hat damit eine späte Antwort auf Stalins Frage von 1935 gegeben (Wie viele Divisionen hat der Papst?). Und im Frühjahr 2003 hat J. P. II. vernehmlich wie kein anderer Kirchenführer seine Stimme gegen die hegemonialen Ambitionen (Herrschaftsbereich eines Staates) der letzten verbliebenen Supermacht erhoben.

Auch aus diesem Grunde ist das Papsttum so einflussreich wie lange nicht mehr. Aber in jeder Macht liegt die Gefahr der Hybris (frevelhafter Übermut) – eine Gefahr, der der Heilige Stuhl im Laufe seiner Geschichte allzu oft erlegen ist.

Bunte Spezial 4/056, Eva Kohlrusch
Der Tod von Johannes Paul II.
Ein Mann, der für viele Millionen Menschen ein leuchtendes Vorbild war

Johannes Paul II., der am Abend des 2. April 2005 verstarb, hatte eine innere Kraft, die jeden berührte. Ein Mensch, der Menschen anzog, wie er auf sie zuging. Wer es bislang nicht geglaubt hatte, sah es nun tagelang in den Medien: Papst Johannes Paul II. war der grösste Magier der Jetztzeit. Superstar seiner Kirche, Papa Popstar, der ernsteste Sehnsüchte auf sich zog. Wie trunken starrte die Welt erst auf das Sterben dieses Papstes, dann auf das Ritual seiner Grablegung. Da gehörte alles zusammen: die nicht enden wollenden Schlangen vor dem Petersdom, das brummende, summende Geräusch der Schritte, als zehntausende Tag und Nacht am aufgebahrten Leichnam vorüberzogen, die Feierlichkeit des hohen Doms, Weihrauch, Gesänge und ferne Glockenschläge von den Kirchen Roms. Aber da geschah mehr als der Abschied von einem Toten. Wieder einmal überliessen sich Millionen Menschen rund um den Globus einer Sehnsucht – der Suche nach Orientierung, nach einem Fixpunkt. Warum konnte das dieser Mann sein, der so charismatisch war und gleichzeitig kompromisslos? Der autoritär und trotzdem herzlich auf Nähe bedacht war. Er hatte eine innere Kraft, die jeden berührte, etwas ungewöhnlich Intensives, sagen diejenigen, die ihm begegnet sind. Ein Mensch, der Menschen anzog, weil er auf sie zuging. Hunderttausende hingen an seinen Lippen, vor allem junge Menschen, die dies besondere Feeling (Einfühlungsvermögen, Gefühl) suchten, wie es sonst nur Popstars vermitteln – ein Hauch von *Woodstock, gepaart mit tiefernster Sinnsucht und Auseinandersetzung mit Gott.

*Woodstock (Wikipedia). Das Woodstock Music und Art Festival war ein Musikfestival, das als musikalischer Höhepunkt der US-amerikanischen Hippiebewegung gilt. Es fand offiziell vom 15. bis 17. August 1969 statt, endete jedoch erst am Morgen des 18. August. Der Veranstaltungsort war eine Farm in Bethel im US-amerikanischen Bundesstaat New York. Auf dem Festival traten 32 Bands und Solisten der Musikrichtungen Folk, Rock, Soul und Blues für insgesamt rund 200’000 US-Dollar auf. Auf dem Festivalgelände herrschten chaotische Zustände, da die erwarteten Besucherzahlen um ein Vielfaches übertroffen wurden. Trotzdem blieb die Stimmung bei den hunderttausenden Besuchern friedlich. Das Woodstock-Festival verkörpert bis heute den Mythos des „anderen Amerikas“, des künstlerischen und friedliebenden Amerikas, das sich damals im umstrittenen Vietnamkrieg befand.

OR Nr. 23 vom 8. Juni 2012, S. 12:
Warschau. Papst J. P. II. ist jetzt offiziell Schutzpatron seiner südpolnischen Geburtsstadt Wadowice. Wadowice ist damit die zweite polnische Stadt nach dem schlesischen Swidnica (Schweidnitz), die unter dem Schutz des vor einem Jahr seliggesprochenen J. P. II. steht.

Kath. Wochenzeitung Nr. 25 vom 22. Juni 2012, S. 7:
Neue Wunderberichte über J. P. II.

Der Vatikan prüft gegenwärtig mehrere besonders vielversprechende Berichte über unerklärliche Heilungen, die auf Fürsprache von J. P. II, erfolgt sein sollen. In „drei oder vier Fällen“ seien erste medizinische Untersuchungen eingeleitet worden, sagte der Postulator des Heiligsprechungs-verfahrens für den im April 2005 verstorbenen Papst, Slawomir Oder, in einem Interview mit der italienischen Tageszeitung „Avvenire“.

Insgesamt seien seit der Seligsprechung im Mai des vergangenen Jahres einige Dutzend Berichte über Gnadenerweise eingegangen, die dem seligen Papst zugeschrieben würden, berichtete er. Diese kämen vor allem aus Europa, etwa aus Polen, Italien und Spanien, aber auch aus den Vereinigten Staaten, Mexiko, Kolumbien und Brasilien. – Für eine Heiligsprechung ist die offizielle Anerkennung eines weiteren auf Fürsprache des Verstorbenen gewirkten Wunders erforderlich. Dieses muss nach der Seligsprechung erfolgt sein. Im Rahmen des Seligsprechungsverfahrens war die Heilung einer französischen Ordensfrau von der Parkinson-Krankheit im Juni 2005 als Wunder anerkannt worden.

OR Nr. 35 vom 31. August 2012, S. 3:
Würzburg erhält Reliquie von Johannes Paul II.

Eine Reliquie des seligen Johannes Paul II. kann künftig in Würzburg verehrt werden. Das teilte die Bischöfliche Pressestelle mit. Die beiden Brüder Dominik Josef und Simo Kilian Renka überreichten die aus Krakau stammende Blutreliquie sowie einen Rosenkranz des Papstes an den Provinzial der Mariannhiller Missionare, Pater Hubert Wendl, und an den Hausoberen des Mariannhiller Piusseminars, P. Siegfried Milz. Das Geschenk ist ein Dank an den Orden für die Unterstützung beim Bau eines Kinderwaisenhauses in Lemberg in der Ukraine.

Die Blutreliquie, ein Tropfen Blut auf einem Stoffteilchen der Albe des Seligen, wollen die Ordensleute in ein Reliquiar fassen lassen, wie es in der Mitteilung heisst. Dieses soll mit dem Rosenkranz, mit dem Johannes Paul II. bei seinen Apostolischen Reisen gebetet hatte, und einer Ikone des Seligen in der Krypta der Mariannhiller Herz-Jesu-Kirche aufgestellt werden.

Die Reliquie erhielt Dominik Renka laut Pressestelle vom Krakauer Kardinal Stanislaw Dziwisz. Der einstige Sekretär des Papstes hatte zwei Ampullen mit Blut aufbewahrt, das dem schwer kranken Papst wenige Tage vor seinem Tod zur Vorbereitung einer möglichen Bluttransfusion abgenommen worden war.

Als erste deutsche Kirche hatte im Hebst vergangenen Jahres die Sandkirche in Aschaffenburg eine Reliquie von Johannes Paul II. erhalten.

OR Nr. 39 vom 28.09.2012, S. 6:
Papststatue am römischen Bahnhof Termini wird umgestaltet

Rom. Die umstrittene Statue von Papst Johannes Paul II. vor dem römischen Hauptbahnhof Termini soll nach einer grundlegenden Umgestaltung am 1. Oktober enthüllt werden. Der italienische Künstler Oliviero Rainaldi habe das Gesicht des Papstes neu gestaltet, berichten römische Zeitungen. Zudem seien Änderungen am Papstgewand vorgenommen worden. Kritiker bemängelten, dass der Mantel wie eine Höhle ausgesehen habe. Die Oberfläche der neuen Statue soll künftig komplett aus Bronze sein. Der grünliche Kupferbelag sei entfernt worden. Zudem werde das Denkmal auf einen Podest gesetzt.
→Wallfahrtsorte

Kath. Wochenzeitung Nr. 46 vom 16.11.2012, S. 8:
Slowakei: Seliger Johannes Paul II. neuer Patron der Bergretter

In seiner Homilie unterstrich der Apostolische Nuntius in der Slowakai den gewaltigen Einsatz und die grosse Opferbereitschaft der Bergrettung. Der selige Papst Johannes Paul II. (1978-2005) ist neuer offizieller Patron der slowakischen Bergretter. Bei einem Festgottesdienst in Terchova überreichte der Apostolische Nuntius in der Slowakei, Erzbischof Mario Giordana, das Dekret des Heiligen Stuhles dem Leiter der slowakischen Bergrettung, Josef Janiga. In seiner Homilie unterstrich der Nuntius den gewaltigen Einsatz und die grosse Opferbereitschaft der Bergrettung. So sei „jeder einzelne Einsatz im Licht des Evangeliums und deren Lehre Christi betrachtet eine einzelne gute Handlung an jenen, die dies brauchen“.

Das Patronat des Papstes über die Bergrettung geht zurück auf eine Bergtour des slowakischen Militärbischofs Frantisek Rabek, zu dessen Wirkungsbereich auch die Bergrettung gehört. Im Gespräch mit einem Bergretter sei die Rede darauf gekommen, dass die Bergrettung keinen eigenen Patron habe. Rabeks Frage, wen er dafür vorschlage, nannte der Bergretter Johannes Paul II., weil dieser in den slowakischen Bergen selbst unterwegs gewesen sei. (…)

Kath. Wochenzeitung Nr. 15 vom 12.04.2013, S. 11

Der emeritierte Kurienkardinal Jose Saraiva Martins erwartet noch in diesem Jahr die Heiligsprechung von Papst Johannes Paul II. (1978 bis 2005). Der ehemalige Präfekt der vatikanischen Heiligsprechungs-Kongregation sagte der Lissaboner Boulvardzeitung „Correio da Manha“, es gebe in diesen Dingen zwar nie Gewissheit. Es sei aber „wahrscheinlich“, dass der Wojtyla-Papst im Oktober 2013 heiliggesprochen werde. (…)

OR Nr. 25 vom 21. Juni 2013, S. 3
Johannes-Paul-II.-Heiligtum in Krakau fertiggestellt

Krakau. Gut acht Jahre nach dem Tod des seligen Papstes Johannes Paul II. ist das ihm gewidmete Heiligtum im südpolnischen Krakau fertig. Die Hauptkirche und das Johannes-Paul-II.-Museum der mehr als 13’000 m2 grossen Anlage werden am 23. Juni geweiht, wie das Erzbistum Krakau mitteilte. Zu der Zeremonie werden mehr als 100 polnische Bischöfe erwartet, die in der Stadt eine Vollversammlung abhalten. Die weltweit grösste Erinnerungsstätte für den früheren Papst ist einer der wichtigsten kirchlichen Neubauten in Polen seit Jahrzehnten. Das Johannes-Paul-II.-Heiligtum mit dem Beinamen „Habt keine Angst“ wurde vor den Toren der Stadt errichtet, wo Karol Wojtyla während des 2. Weltkrieges in einer Chemiefabrik arbeiten musste. Von 1964 bis 1978 war er Erzbischof von Krakau.

Den Innenraum der achteckigen Hauptkirche dominiert Sichtbeton. Die Mosaike des Hauptaltars und der Seitenwände fertigte der bekannte slowenische Künstler und Jesuit Marko Ivan Rupnik. Die Initiative für das Grossprojekt ging 2006 vom Krakauer Kardinal Stanislaw Dziwisz aus, dem einstigen Privatsekretär von Johannes Paul II. Den Grundstein weihte Papst Benedikt XVI. während einer Apostolischen Reise nach Polen im Jahre 2006.

Die Unterkirche mit zwei Blutreliquien von Johannes Paul II., ein nach dem Papst benanntes Institut und ein Freiwilligenzentrum wurden bereits 2011 eröffnet. Noch im Bau befinden sich unter anderem das Konferenzzentrum, das Pilgerhaus und ein Hotel.

Kirche heute17/2014 April, S. 2
Neues Johannes-Paul-II.-Museum

Zweieinhalb Wochen vor der Heiligsprechung haben der Krakauer Kardinal Stanislaw Dziwisz und der polnische Ministerpräsident Donald Tusk im Geburtshaus von Papst Johannes Paul II. im südpolnischen Wadowice ein grosses Museum eröffnet. Auf mehr als 1’000 Quadratmetern widmet sich die Ausstellung dem Leben und Wirken des einstigen Kirchenoberhauptes. Zu sehen sind Fotos und Handschriften von Karol Wojtyla/Johannes Paul II. und die Soutane, die er 1978 in den ersten Tagen nach seiner Papstwahl trug.

Kirche  heute 18/2014 April, S. 2
Mit Johannes Paul II. kritisch umgehen

Kirchliche Reformgruppen haben trotz der Heiligsprechung von Johannes Paul II. (1920-2005) zu einer kritischen Auseinandersetzung mit seiner Person aufgerufen. Ohne Zweifel habe dieser Papst in seinem langen Pontifikat vieles getan, das hohe Achtung verdiene, heisst es in einer zusammen mit Organisationen aus Deutschland und Österreich veröffentlichten Erklärung der Herbert-Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche. Die Tragik von Johannes Paul II. liege in der grossen Diskrepanz zwischen dem Einsatz für Reformen und für Dialog in der Welt und dem unter seiner Verantwortung vollzogenen „innerkirchlichen Rückfall in zentralistische und autoritative Strukturen“.

Kirche heute 19/20 Mai 2014
Vier Päpste, zwei neue Heilige

Bei einer grosse Messe auf dem Petersplatz und Umgebung hat Papst Franziskus seine Vorgänger Johannes XXIII. Roncalli (1958-63) und Johannes Paul II. Wojtyla (1978-2005) offiziell in das Verzeichnis der Heiligen eingetragen. Zur Messe mit 150 Kardinälen, 1’000 Bischöfen und 5’000 Priestern verliess der emeritierte Papst Benedikt XVI. Ratzinger sein vatikanisches Kloster und trat zum 2. Mal seit seinem Rücktritt in die Öffentlichkeit. Der Vatikan schätzte die Zahl der Gläubigen auf 800’000, der römische Bürgermeister geht davon aus, dass 1,5 Millionen Menschen an der Heiligsprechung teilgenommen haben. Nach Angaben der römischen Polizei gab es keine kritischen Momente. Im Interview des TV-Senders RAI 24 zeigte sich Bürgermeister Ignazio Marino bewegt darüber, dass Papst Franziskus ihm und der Stadt beim Abschluss der Zeremonie für ihren Einsatz gedankt hatte.

OR Nr. 18 vom 2. Mai 2014, S. 1
Rom befand sich rund 2 Wochen lang im absoluten Ausnahmezustand. Der Petersdom war feierlich geschmückt. Rund eine Million Pilger und Besucher war gekommen, um an den österlichen Zeremonien und der Heiligsprechung der beiden Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II. teilzunehmen.

HK, Erlebte Menschlichkeit, S. 188
Wojtyla ist zusammen mit seinem Chefideologen Kardinal Ratzinger verantwortlich für den in unseren Tagen sichtbaren Niedergang der katholischen Kirche. Er konnte die Mehrheit der Katholiken in den entwickelten Ländern nicht mehr von seinen rigoristischen (überaus strengen) Positionen überzeugen. Wohl aber vermochte er durch eine autoritäre Personalpolitik und die Ernennung vatikankonformer, oft unfähiger, ja moralisch zweifelhafter einen servilen (unterwürfigen) Episkopat (alle Kardinäle und Bischöfe der Welt) und zunehmend totalitäre Kirchenstrukturen zu schaffen, die keinen Dissens (Meinungsverschiedenheit) und keine Opposition zulassen wollen. Wojtyla ist durch seine Abschaffung oder von Paul VI. eingeführten einfachen Dispenspraxis vom Zölibat und durch die weltweite systematische Vertuschung der massiven sexuellen Übergriffe im KIerus verantwortlich für den katastrophalen Vertrauenszerfall der katholischen Kirche und, besonders in den fortgeschrittenen Demokratien des Westens, für den Auszug Hunderttausender aus der katholischen Kirche und der inneren Emigration (Loslösung) von Millionen. (…)

HK, Erlebte Menschlichkeit, S. 528
Katholisch Polen in Gefahr

Für die katholische Kirche erweist sich dieser Pontifikat trotz seiner positiven Aspekte als ein grosse enttäuschte Hoffnung. Denn durch seine Widersprüche hat dieser Papst (J.P. II.) die Kirche zutiefst polarisiert, ihr zahllose Menschen entfremdet und sie in eine epochale Krise gestürzt: eine Strukturkrise, die nach dem Vierteljahrhundert dieses Pontifikats fatale Entwicklungsdefizite und einen enormen Reformstau offenbart. So ist denn die hohe Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche  zur Zeit Johannes‘ XXIII. und des Zweiten Vatikanischen Konzils dahin. Sie ist in den ersten Jahren des 3. Jahrhunderts  zum Beispiel in der Bundesrepublik nach einer Internet-Umfrage unter 350’000 Befragten auf 11 % abgesunken. Die Hoffnungskrise erweist sich genauer besehen vor allem als Vertrauenskrise in die gegenwärtige Kirchenleitung. Wer sich heute in unseren Ländern noch in der katholischen Kirche engagiert, identifiziert sich zumeist mit der Ortsgemeinde und ihrem Seelsorger, nur bedingt mit einem papsthörigen Bischof; den Papst selber nimmt man halt in Kauf. Die vom polnischen Papst forcierte Restauration (Wiederherstellung der alten Ordnung) führt ihn in eine geradezu tragische persönliche Situation. Seine polnisch-katholische antimoderne Modellvorstellung von Kirche, in welche Karol Wojtyla hineingeboren worden war, will er als Papst der angeblich dekadenten (im Verfall begriffenen)  westlichen Welt nahebringen. Doch das Gegenteil tritt ein: Ohnmächtig muss er zusehen, wie das Paradigma (Beispiel, Muster)  der Moderne nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems  von seiner polnischen Heimat genauso Besitz ergreift wie von Spanien oder Irland: statt der propagierten Rekatholisierungskampagne faktisch ein Entkatholisierungsprozess, nämlich durch westliche Modernisierung, Säkularisierung, Individualisierung und Pluralisierung. Die grosse Sorge des Papstes ist, je länger desto mehr: Was wird aus katholisch Polen nach Wojtyla? (…)

Katholische Wochenzeitung 34/2014 August, S. 6
Umgehauen

JP2 – wie er von Freunden genannt wird – ist ein Gigant. Mich beeindruckt sein tiefes Vertrauen in Gott. Er setzt auf die Jugend, ermutigt uns, uns nicht mit Mittelmässigkeit zufrieden zu geben, sondern Heilige des neuen Jahrhunderts zu sein. Ausserdem hat er ein unglaubliches Charisma. Als ich ihn das erste Mal am Weltjugendtag live gesehen habe, hat  er mich umgehauen. – Xenia Schmidlin (28), Leiterin des katholischen Jugendradios „Fisherman.fm“, spricht im Interview mit dem St. Galler-Tagblatt (30. April über ihre Begegnung mit Papst Johannes Paul II.).

OR Nr. 44 vom 31.10.2014, S. 2
Gedenktag vom Johannes Paul II.

Die katholische Kirche hat am Mittwoch, 22. Oktober 2014, zum ersten Mal den liturgischen Gedenktag für Johannes Paul II. begangen. Franziskus rief bei der Generalaudienz dazu auf, das „geistliche Erbe“ von Johannes Paul II. nicht zu vergessen und zum Wohl der Kirche, der Familien und der Gesellschaft anzuwenden. Dieser Papst habe der Welt das „Geheimnis der göttlichen Barmherzigkeit“ in Erinnerung gerufen, sagte Franziskus an polnische Pilger gerichtet.  In der römischen Gemelli-Klinik (auf dem Monte Mario), wo Johannes Paul II. mehrfach behandelt wurde, erhielt am gleichen Tag eine Kapelle auf seinen Namen.

Kirche heute 47/2014 November, S. 2
Papst gab Rückenwind bei Mauerfall

Bei einer Festveranstaltung zum 25. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer betonte Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, die Rolle von Papst Johannes Paul II. Mit seinem Einsatz für die Freiheitsbewegung in seinem Heimatland Polen habe er auch dem Fall der Mauer den Weg gebahnt. Er habe sich als „Genie der politischen und spirituellen Vision“ erwiesen. Damit habe er auch den Christen in der DDR „Rückenwind“ gegeben, die friedliche Revolution zu unterstützen.

bz BASEL vom 16.02.2016, S. 11, René Schmutz
Er nannte sie „Geschenk Gottes“ – liebte der Papst eine Verheiratete?

Papst Johannes Paul II. verbrachte mit einer US-Philosophin mehrere Urlaube. – Der frühere Papst Johannes Paul II. hat laut BBC-Recherchen jahrzehntelang eine intensive Verbindung zu einer verheirateten Frau gehabt. Es deute aber nicht auf einen Bruch des Zölibats hin. Ein Dokumentarfilm, den der britische Sender am Montagabend ausstrahlen wollte, enthüllt Auszüge aus Briefen, die Johannes Paul II. der US-Philosophin Anna-Teresa Tymieniecka schrieb. Laut BBC machten der Papst und die verheiratete Philosophin gemeinsam Ski- und Campingurlaubs und gingen wandern. Einige der Briefe deuteten demnach auf intensive Gefühle hin. So nannte der damalige Kardinal Karol Wojtyla Thymieniecka in einem Brief vom September 1976 ein „Geschenk Gottes.“ (…)

Privatbriefe eines Heiligen
Dokumentarfilm, arte, Dienstag, 16.02.2016, 20.15 Uhr: „Des Papstes über 30-jährige Beziehung zu einer Frau.“ Gekürztes Protokoll WA

  • Das bestgehütete Geheimnis des Vatikans
  • Intensive Beziehung zu einer attraktiven Frau
  • Hunderte von Briefen und Postkarten an die Philosophin Anna Teresa Thymieniecka von Papst Johannes Paul II. Karol Wojtyla (KW), beide polnischen Ursprungs. Diese Briefe und Postkarten seien jetzt im polnischen Nationalmuseum in Warschau aufbewahrt
  • KWs 343 Briefe wurden auf Echtheit geprüft, die die Polin nach seinem Tode verkaufte
  • Wegen eines seiner Bücher trat die Frau (verheiratet, 3 Kinder, wohnhaft in die USA) in Kontakt mit KW
  • Sie trafen sich in Polen und Rom (noch als Kardinal)
  • Spiel mit dem Feuer (Skifahren). Gefährliche Freundschaft
  • Sie spielte eine wichtige Rolle in seinem Leben
  • Sie hat sich in ihn verliebt (Sommer 1975)
  • Er schenkte ihr ein Skapulier (ähnlich einer kleinen Kette mit Kreuz oder Medaille um den Hals), das er von seinem Vater geschenkt erhielt: Madonna als heilige Reliquie. Wert unbezahlbar. Zeichen der Hingabe zu Christus
  • Das Skapulier hatte für beide eine grosse Bedeutung; etwas sehr intimes
  • 1976: beide trafen sich in den Ferien: „Niemand wird uns stören“. (Es ist nicht sicher, ob das ging.)
  • Anna Teresa M. besuchte ihn mehrmals in Polen und in Rom. Sie liess ihre Familie zurück
  • Ihr Mann war Professor und Berater amerikanischer Präsidenten (z. B. von Nixon). Er wusste vermutlich nichts von der Leidenschaft des Verhältnisses
  • KW als Kardinal wohnte einmal mit seinem Privatsekretär Stanislaw D. in ihrem Hause
  • KW: Ihre Beziehung sei eine Vorsehung Gottes. „Sie ist für mich ein Gottes Geschenk, ein Geschenk des Himmels“
  • Anna Teresa hat er umgekehrt genannt. Am Namenstag von „Teresa von Avila“ (15. Oktober) hat er ihr stets eine Postkarte zugestellt (Kartenbild: Die heilige Teresa, von Bernini in Marmor geschaffen. In einer Ekstase dargestellt. Zu finden in der Kirche Santa Maria della Vittoria, Rom [siehe unter gleichem Namen in Google], nahe der Piazza della Repubblica, Rom)
  • KW lud sie in ein Campinglager ein
  • Vor dem 2. Konklave 1978 schickte er ihr die bekannte Postkarte
  • Wenige Tage nach der Papstwahl von KW: Er schickte ihr einen Brief. – Das Buch, das beide zusammen erarbeitet hatten, gab sie sofort auf den Markt. Der Vatikan war dagegen. KW hat sich hinter sie gestellt
  • 13.05.1981: KW wird auf dem Petersplatz angeschossen. Sie schickt ihm ein Telegramm. Sie flog sofort nach Rom und wurde zu ihm vorgelassen (Gemelli-Spital auf dem Monte Mario, Rom)
  • Sie besuchte ihn mit der Zeit immer häufiger
  • Er lud sie zum Abendessen ein (Papstgemächer). Der Vatikan war dagegen. Sie kam regelmässig in den Vatikan
  • In den 90er-Jahren, in denen KW immer abhängiger wurde wegen seiner Parkinson: Briefe mit dem Computer oder am Schlusse diktiert
  • Diese Freundschaft hatte eine besondere Auswirkung auf seinen Charakter
  • Die Karten wurden auch geschrieben, als seine Schrift nicht mehr gut lesbar war. Im herzlichsten Ton
  • „Ich denke an Sie und reise jeden Tag zu Ihnen“
  • Sein letzter Brief (April 2005) war am Schluss mit KW unterzeichnet
  • Anna Teresa T. ging an sein Begräbnis
  • 2008: Sie verkaufte alle Briefe und Postkarten KWs. Die Kirchenhierarchie war recht aufgebracht. Ein Mitarbeiter des Vatikans beschimpft sie während eines Telefonanrufes
  • Anna Teresa T. schrieb über 400 Briefe an KW
  • Der Privatsekretär Stanislaw D., 40 Jahre als Sekretär im Dienste KWs, wusste von dieser langen Beziehung
  • Es war eine intensive Beziehung zu einer Frau. Für einen Papst ungewöhnlich, aber nicht Verbotenes. Eine ungewöhnliche Freundschaft und Zusammenarbeit über 30 Jahre lang. Eine keusche Leidenschaft.
  • Eine ungewöhnliche Freundschaft mit einer Frau.  Wie ist  deshalb u. a. seine strikte Ablehnung gegen die Frauenordinationen und die strikte Verweigerung einer Aufgabe des Priesterstandes wegen einer Partnerschaft zu erklären?
  • Tymieniecka Anna Teresa, *12.08.1923 in Marianowo/Pommern, + 07.07.2014, polnisch-amerikanische Philosophin und Phänomenologin (Lehre von den Wesenserscheinungen der Dinge). Philosophie-Studium an der Jagiellon-Universität Krakau, Philosophische Studien an der Krakauer Akademie. Philosophische Studien an der Universität Fribourg/CH. Doktorat der Phänomenologie, Doktorat in französischer Philosophie und Literatur (Sorbonne Paris). 1956 Heirat mit Hendrik Houthakker, Professor für Ökonomie an der Universität Stanford und der Haward Universität. Sie: Assistenz-Professorin in Mathematik am Oregan State College, Pennsylvanin State University, Professorin für Philosophie an der New Yorker St. John’s University.
  • Johannes Paul II. Karol Wojtyla, * 18.05.1920 in Wadowice/Nähe Krakau, + 02.04.2005 in der Vatikanstadt
OR Nr. 9 vom 4. März 2016, S. 7
Pressekonferenz mit dem Heiligen Vater Franziskus auf dem Rückflug von Ciudad Juárez nach Rom (18.02.2016)
(…) Frage von der Journalistin Antoine-Marie Izoard: „Eine etwas saloppe (ungezwungene) Frage an Sie, Heiligkeit. Zahlreiche Medien haben es hervorgeholt und einen Wirbel um den „intensiven Briefwechsel“ zwischen Johannes Paul II. und der amerikanischen Philosophin Anna Tymieniecka gemacht, die, wie man sagt, eine grosse Zuneigung für den polnischen Papst hegte. Darf ein Papst, Ihrer Meinung nach, eine solch intime Beziehung zu einer Frau haben? Und dann – wenn Sie mir erlauben: Auch Sie haben eine bedeutende Korrespondenz; kennen Sie – oder kannten Sie – diese Art von Erfahrung?“
Antwort von Papst Franziskus: „Ich wusste davon, von dieser freundschaftlichen Beziehung zwischen dem heiligen Johannes Paul II. und dieser Philosophin, als ich noch in Buenos Aires war. Man wusste davon; auch ihre Bücher sind bekannt. Und Johannes Paul II. war ein lebhafter Mensch … Im Übrigen würde ich sagen, dass ein Mann, der keine freundschaftliche Beziehung zu einer Frau zu unterhalten vermag – ich spreche hier nicht von den Misogynen (Frauenfeind): die sind krank – ein Mensch ist, dem etwas fehlt. Wenn ich einen Rat suche, wende ich mich an einen Mitarbeiter oder an einen Freund, einen Mann, aber schon aus persönlicher Erfahrung höre ich auch gerne die Meinung einer Frau. Sie geben dir einen so grossen Reichtum! Sie sehen die Dinge auf eine andere Weise. Ich sage gerne, dass die Frau diejenige ist, die das Leben in ihrem Schoss aufbaut; sie hat – das ist ein Vergleich, den ich mache -, sie hat dieses Charisma, die Dinge zum Aufbauen zu geben.  – Die Freundschaft mit einer Frau ist keine Sünde; sie ist eben eine Freundschaft. Eine Liebesbeziehung mit einer Frau, die nicht deine Ehefrau ist, ist Sünde. Der Papst ist ein Mann; der Papst braucht auch die Gedanken der Frauen. Auch der Papst hat ein Herz, das eine gesunde, heilige Freundschaft mit einer Frau unterhalten kann. Es gibt heilige Freunde: Franziskus und Klara, Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz. Kein Grund, sich zu erschrecken. Aber die Frauen sind immer noch ein wenig … nicht gut angesehen, nicht völlig … Wir haben noch nicht das Gute erkannt, das eine Frau dem Leben des Priesters und dem Leben der Kirche zu geben vermag, im Sinne eines Ratschlages, im Sinne einer Hilfe oder einer gesunden Freundschaft. Danke.  (…)
Katholische Wochenzeitung 7/2016 Febr., S. 16
Segenskraft des Krankensegens, Guido Becker
Beim ersten Besuch von Papst Johannes Paul II. in Deutschland 1980 hat sich folgendes zugetragen: Ein Priester der Diözese Mainz war an Kehlkopfkrebs erkrankt und operiert worden. Bei einer Nachuntersuchung wurden neuerdings Knötchen festgestellt und ein Termin für eine neue Operation festgelegt. Ludwig Wissel bat den Professor, die Operation  zu verschieben, denn er möchte noch gerne nach Fulda am Treffen der Priester mit dem Papst teilnehmen. Im Fulder Dom stand er in der ersten Reihe an der Absperrung. Da kam ein Domherr, der ihn kannte, sah den Verband und fragte, was er denn habe. Der Priester erzählte ihm, es sei alles schon für eine Operation vorbereitet. Der Domherr nahm ihn mit in die Sakristei und stellte ihm den Papst vor, mit der Bitte um den Segen für die bevorstehende Operation. Am nächsten Tag fuhr Ludwig Wissel in die Klinik, um sich operieren zu lassen. Der Oberarzt kam zur Voruntersuchung, schüttelte den Kopf und rief den Professor. Der stellte fest: Die Knötchen waren verschwunden. Die Operation wurde deshalb abgeblasen. Ludwig Wissel hat mir das selbst erzählt. Da sagte ich: „Mensch, das musst du doch nach Rom melden!“ – „Habe ich getan. Die Römer wollen nicht, dass das schon zu Lebzeiten des Papstes bekannt wird.“ Geistlicher Rat Ludwig Wissel lebte danach noch 14 Jahre. Er starb 1995 im Alter von 81 Jahren.
Kirche heute 12/2016 März, S. 2
Papsthaar als Reliquie in Lausanne CH
Die Lausanner Kirche St. Stephan erhält eine Reliquie, ein Haar, des früheren Papstes Johannes Paul II. Die Einsetzung der Reliquie fand am Sonntag, 13. März 2016, im Rahmen einer feierlichen Zeremonie statt. Das Gefäss mit dem Haar ist wie eine Flamme gestaltet und symbolisiere das Feuer der Liebe. Célestin Kabundi, Pfarrer von St. Stephan, erinnerte daran, dass Papst Johannes Paul II. den zweiten Sonntag der Osterzeit der göttlichen Barmherzigkeit gewidmet habe und hofft, die Aussetzung der Haarreliquie werde die Gläubigen dazu ermutigen, intensiver über die Barmherzigkeit zu meditieren. kath.ch
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OR Nr.  36 vom 09.09.2016, S. 8
Köln. Der Kölner Dom erhält eine neue Reliquie von Papst Johannes II. Kardinal Rainer Maria Woelki wolle eine ihm zum 60. Geburtstag vom Krakauer Kardinal Stanislaw Dziwisz geschenkte Blutreliquie des Heiligen der Kathedrale überlassen, teilte die Erzdiözese Köln mit. Die erste Reliquie, ebenfalls Blutstropfen des Papstes aus Polen, war Anfang Juni aus dem Dom gestohlen worden. Von den Tätern fehlt bisher jede Spur.
OR Nr. 4 vom 27.01.2017, S. 4
Der frühere Leibarzt der Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XI. ist tot. Der Italiener Renato Buzzonetti starb in der Nacht zum 21.01.2017 im Alter von 92 Jahren in Rom. Buzzonetti betreute Johannes Paul II. 27 Jahre lang, von dessen Wahl 1978 bis zum Tod im April 2005. Auch Benedikt XVI. diente er bis zu seiner Pensionierung im Juni 2009 als persönlicher Arzt. Bereits unter Paul VI. (1963-78) war er Assistent des damaligen Leibarztes Mario Fontana gewesen. Buzzonetti stand im April 2005 am Sterbebett Johannes Pauls II. 2006 veröffentlichte er ein Buch, in dem er die Endphase der Parkinson-Krankheit schildert.
OR Nr. 17 vom 28.04.2017, S. 9
Reliquie von Papst Johannes Paul II. für Paderborner Dom
Der Paderborner Dom hat eine Blutreliquie des heiligen Papstes Johannes Paul II. (1920-2005) bekommen. Sie wurde im Rahmen eines Gottesdienstes am 23.04.2017 feierlich in den Dom überführt, wie das Erzbistum mitteilte. Bei der Reliquie handelt es sich um einen Blutstropfen auf einem Stück Stoff. Es befindet sich in einem vom Würzburger Künstler Matthias Engert geschaffenen, 30 mal 30 Zentimeter grossen goldenen Kreuz. Der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker hatte den Angaben zufolge den Vatikan um die Reliquie gebeten. Damit habe er auf den Wunsch zahlreicher Menschen reagiert. Die Reliquie ist an der Nordseite des Domes unterhalb der Büste von Papst Johannes Paul II. ausgestellt, die an seinen Besuch in Paderborn 1996 erinnert. Domprobst Joachim Göbel leitete den Gottesdienst am 23. April. Es war der Tag, an dem Johannes Paul II. heiliggesprochen wurde. In der Mitte des vergoldeten Kreuzes befindet sich laut Erzbistum eine Bergkristallpyramide, in der die 5 Zentimeter grosse Reliquienkapsel Platz findet.
→Totus tuus
→Johannes Paul II. Wojtyla Karol
Julius II.
della Rovere Julius
1503-13 Albisola
(Savona)
Gründer der
Schweizergarde
1506

AS: Er besass 3 aussereheliche Töchter (Giulia, Felice, Clarice) und litt an der Syphilis.

OR Nr. 6 vom 10. Februar 2012:
500 Jahre alte Handschrift für Papst Julius II. entdeckt.

Göttingen. Rund 500 Jahre lang hat die „Felsinais“, ein Epos des italienischen Dichters Marco Girolamo Vida (1485-1566), als verschollen gegolten. Nun entdeckte der Göttinger Philologe Thomas Haye das Werk in der Vatikanischen Bibliothek. Vida verherrlichte in der „Felsinais“ den Kampf von Papst Julius II. (1443-113) um die Stadt Bologna, dem antiken „Felsina“, zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Bei dem nun entdeckten Schriftstück handelt es sich laut Universität um die Widmungshandschrift, die dem Papst im Jahr 1507 überreicht wurde.

Karlheinz Deschner, Kriminalgeschichte des Christentums, Band 8, 15./16. Jh. Wie beurteilt Deschner, Autor der „Kriminalgeschichte des „Christentums“ den Papst Julius II.?:

♦ „Blutsäufer Julius“ tritt an (Seite 341) (…)
♦ Auf Pius III. folgte einer aus ganz anderem Schrot und Korn: Julius II. della Rovere
♦ Onkel Sixtus IV. hatte ihn 1471, gleich zu Beginn seiner Regierung, zum Bischof und Kardinal ernannt, worauf er rasch weitere Bistümer, mindestens acht, viele Abteien und Pfründen bekam, was ihn zu einem der reichsten Kardinäle machte.
♦ Schon wiederholt Papstkandidat, war er, wie sein Onkel, durch schier unversiegliche Versprechungen und Bestechungen an einem Tag (fast) einstimmig auf den Stuhl der Stühle gelangt. Danach aber erwies er sich in einer Bulle vom 14.01.1506 unverschämt genug, künftigen Papstkandidaten die Simonie (Erwerb von geistlich/weltlichem Gut durch Geld), mittels derer er selbst aufgestiegen, unter Androhung schwerster Strafen zu verbieten und eine solche Wahl für null und nichtig zu erklären.
♦ Auch dem Nepotismus (Vetternwirtschaft) hat Julius II., der ja selbst päpstlicher Vetternwirtschaft alles verdankte, seinen Tribut gezollt.
♦ Längst hatte der Papst auch einen anderen Verwandten, Francesco Maria Rovere, einen 13-jährigen Jungen zum Stadtpräfekten Roms erhoben, auch dafür gesorgt, dass dieser 1508 Herzog von Urbino wurde, als welcher er, der Neffe des Papstes, 1511 in Rom auf offener Strasse einen Kardinal abstach. Julius II. berauschte sich zuweilen an Luxus; etwa an einer Handvoll Edelsteine, die er für 12’000 Dukaten gekauft; an einem berühmten, noch teureren Diamanten, neben anderen Preziosen (Kostbarkeiten) auf seinem Rauchmantel prangend; oder an seinen beiden Tiaren im Wert von 300’000 Dukaten. (→Heraldik, Vestonknöpfe Gendarmen). Auch richtete er dem Neffen 1505 eine pompöse Hochzeit im Vatikan aus.
♦ Julius II. bedrohte zwar im Konkubinat lebende Kleriker, war aber grosszügig genug – man erinnere sich an Onkel Sixtus – per Bulle die Errichtung eines Bordells zu verfügen, ein auch von Leo X. und Klemens VII. toleriertes Etablissement, allerdings unter der Auflage, dass ein Viertel von Hab und Gut der dort tätigen Damen nach deren Tod die Nonnen von Sainte-Marie-Madeleine bekommen sollten.
♦ Auch hatte Julius seinerseits 3 Töchter, dazu die Syphilis, die Zeitgenossen sprachen von Päderastie (Knabenliebe) und Sodomie (Unzucht von Menschen mit Tieren), ja von einem „grossen Sodomiten“. Ranke attestiert ihm ganz generell „Unmässigkeiten und Ausschweifungen“ – denn „auch er liebte die Wollust“ (Theiner). Sein Leben war so lasterhaft gewesen wie „das der meisten Prälaten seiner Zeit“ (Gregorovius), was auch, fast wörtlich gleich, von Pastor zugibt, sogar ohne die zeitliche Begrenzung. Natürlich: „als Papst lebte er anders“.
♦ Überhaupt präsentiert der Historiker der Päpste seinen Helden als Inbegriff der Lauterkeit: im Allgemeinen „eine gerade Natur von rücksichtsloser Offenheit“
♦ Verstellung widersprach der Natur Julius’ II.“
♦ In Italien nannte man den Franziskaner Julius II. denn auch „Il terribile“, den Schrecklichen, was Pastor allerdings so – auch noch „wohl am Besten“ – verdeutscht: „ganz ausserordentlich, gewaltig, grossartig, überwältigend“. Der „feurige Greis“, ein „eiserner Mann“, wie ihn Pastor wieder rühmt, „der alle Mittel für sein grosses Ziel anwandte“, der sicherheitshalber stets Gift bei sich trug, lieber unter dem Helm als der Tiara auftrat, rückte auch bei Eis und Schnee ins sogenannte Feld, wie 1511 bei dem legendären Winterkrieg um Mirandola. Passioniert handhabte er einen Stock, mit dem er auch Michelangelo schlug, den er ebenso wie Bramante und Raffael beschäftige, während er Lodovico Ariosto, dem grössten italienischen Dichter der Zeit, dem Vollender der italienischen Renaissanceliteratur, ihn wie einen Hund im Tiber ersäufen zu lassen – ein dem Trunk ergebener und bösartiger Papst“, so Kaiser Maximilian.

Als Ludwig XII., der Kaiser und der Papst, dem man die begehrten Städte inzwischen ausgeliefert, Friedensangebote abschlagen, rät der Sohn des Dogen, Marco Loredano, bei den Türken Hilfe zu suchen „Gegen den Henker des Menschengeschlechtes, der sich dessen Vater nenne“. (…)

Alb S. 148: Julius genoss die Erregung des Krieges. Er führte z. B. sein Heer selbst aus Rom, und bei der Belagerung von Mirandola wurde er ungeduldig, als in die Wälle eine kleine Bresche gebrochen war. Er zog das Schwert und kletterte an der Spitze seiner Landsknechte hindurch.

Alb S. 149: Julius II. war der kriegerischste unter den Päpsten. Aber er war auch ein Förderer der Künste und der Anreger für das Rom der Renaissance. Im April 1506 legte er den Grundstein zum neuen Petersdom.

Alb S. 151: Julius II. holte Michelangelo 1505 nach Rom, damit er für ihn ein Grabmal in 40 lebensgrossen Figuren errichtete. Der Künstler war aber so gefragt, dass er den Vertrag erst mit den Erben Julius’ abschloss. Eine bescheidene Version schmückt heute eine Kapelle in San Pietro in Vincoli in Rom. Sie wurde 1545 beendet. Drei Jahre zuvor hatte Michelangelo geschrieben: „Ich habe das Gefühl, meine Jugend verloren und meine Mannesjahre an dieses Grabmal gefesselt zu haben.“

DER SCHWEIZERGARDIST Nr. 2/2013,
S. 3, von Horst Oertle
Porträt eines unvorstellbaren Papstes

Der bärtige, alte Papst sitzt in einem Lehnstuhl (Titelbild). Seine linke Hand umklammert fest die Armlehne, die rechte hält ein weisses Taschentuch. Seinen gedankenversunkenen, melancholischen Blick wendet er vom Betrachter ab. Das Porträt von Julius II. gilt als eines der berühmtesten Gemälde des Renaissance-Künstlers Raffaello Sanzio und prägte in den folgenden Jahrhunderten die repräsentative Darstellung der Päpste. Geschaffen wurde es zwischen 1511 und 1512, ein Jahr vor dem Tod des  Papstes. Julius II. war ein Kirchenoberhaupt, wie es heute unvorstellbar ist. Konsequent baute er seinen Anspruch weltlicher und kirchlicher Macht aus, schloss politische Bündnisse, zog als Feldherr in den Krieg, entriss Teile Norditaliens der Herrschaft des mächtigen französischen Königs und berief zu seinem persönlichen Schutz eine eigene Leibwache nach Rom – die Päpstliche Schweizergarde. Zu seiner Zeit wurde Julius II deshalb „Il terribile“, „der Schreckliche“, genannt. Er engagierte die bedeutendsten Künstler an seinem Hof, die nach seinen Ideen Kunst- und Bauwerke schufen, welche die Welt bislang noch nie gesehen hatte und die bis heute unübertroffen geblieben sind. Das von ihm geplante und von Michelangelo geschaffene monumentale Grabmal wurde jedoch nie zu dem, wofür er es sich selber ausersehen hatte. Nur eine unscheinbare Grabplatte kennzeichnet seine letzte Ruhestätte in St. Peter. Der äussere Glanz aber, den er der Kirche verlieh, versetzt uns auch heute noch in Staunen. Und richtet unseren eigenen Blick auf ihre innere Schönheit.

V.-J. Dieterich, Martin Luther, 2017, S. 29
Julius II. della Rovere (1503-1513) ganz Staatsmann, der seine zahlreichen Kriege zu Anfang des 16. Jahrhunderts persönlich zu führen pflegte, wurde in einer Streitschrift als „Julius exclusus“ charakterisiert, als der vom Himmel „Ausgeschlossene“. Luther bezeichnete ihn später kurz und bündig als „Blutsäufer“.

Julius III.
Ciocchi del
Monte,
1550-55
Er liess sich Pfauen braten.