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Nahschutz (Bodyguard) im Vatikan

Nahschutz für den Papst im Vatikan: Jeep, Gottesdienste, Audienzhalle. Höhere Unteroffiziere und Offiziere der Schweizergarde und Mitglieder des Korps der Gendarmerie SCV in Zivil werden hiefür aufgeboten. Die Schweizer werden drei Wochen in der Schweiz ausgebildet im Bundesrats-Sicherheitsdetachement (mit jährlichen Wiederholungskursen). Im Hintergrund bei diesem Nahschutz steht das Inspektorat der italienischen Polizei beim Vatikan (Helikopter, Motorradbegleitung usf.) falls im Vatikan etwas passieren würde. Zwischen diesen drei Einheiten soll bis heute keine Abstimmung vereinbart worden sein, auch nicht  zwischen der Schweizergarde und der Gendarmerie SCV. Der Nahschutz beim weissen Jeep auf dem Petersplatz besteht aus der Gendarmerie SCV und der Schweizergarde,  je 4 bis 6 Mann (links die Gendarmerie, rechts die Garde). Das Inspektorat der italienischen Polizei ist beim Jeep nicht mehr zugegen, im Gegensatz zum Anschlag auf Johannes Paul  II am 13.05.81, wo der Chef der italienischen Polizei, Bassanisi, eine aktive Rolle nach den Schüssen spielte. Nach dem weihnächtlichen Zwischenfall von 2010, wo nur die beiden Kommandanten im Petersdom bis anhin die Bodyguards stellten, ist jetzt der Nahschutz auf je 4 bis 5 Mann aufgestockt worden.

Nahschutz in Rom und in Italien: Zusammenarbeit zwischen Korps der Gendarmerie SCV und dem Inspektorat der italienischen Polizei im Vatikan. Die Polizei übernimmt hier die Führung.

Nahschutz auf Reisen ausserhalb Italiens: Vatikan zum Flugplatz und zurück: Inspektorat Vatikan. Im bereisenden Land: Nahschutz und Polizei dieses Landes inkl. 2 Schweizergardisten und 6 bis 10 Gendarmen SCV.

Die Sicherheitskontrollen unter den Kolonnaden links und rechts werden vom Inspektorat der italienischen Polizei im Vatikan durchgeführt vor Audienzen und Gottesdiensten auf dem Petersplatz/im Dom. Sicherheitskontrolle in jedem Fall bei persönlichem Besuch des Domes/der Kuppel/der Papstgräber auf der rechten Kolonnadenseite. Vor dem Einritt bei der Glaubenskongregation (Petriano, →Eingänge)  wird ebenfalls kontrolliert.
→Polizei italienische

Namen im Vatikanorganigramm (Präfekten, Präsidenten)

→Organisation Vatikan, Besetzung Kurie, Heraldik (Buchstabe O, dann Nebenregister)

Nationalfahne/-flagge des Vatikans

→Heraldik des Vatikans   →Fahnen und Farben, päpstliche

National-Feiertag des Vatikans

(NFT); Staatsfeiertag   →Arbeit

Der NFT wechselt mit jedem Papst, denn der Nationalfeiertag ist der Tag der jeweiligen Papstwahl (gemäss Nuntiatur Bern und Art. 50 des Kurien-Reglementes). Dieser Tag ist arbeitsfrei. Siehe aber →Grundgesetz (am Schlusse des erwähnten Artikels)

Papst-Wahltag von

Franziskus 13. März (2013). Jorge Mario Bergoglio. Das Jahr
2013 blieb ohne NFT.
Benedikt XVI. 19. April (2005). Joseph Alois Ratzinger. Rücktritt
28.02.2013. Das Jahr 2005 blieb ohne NFT.
Johannes Paul II. 16. Oktober (1978). Karol Wojtyla, gestorben am
2. April 2005. 1978 mit NFT.
Johannes Paul I. 26. August (1978),  Albino Luciani, gestorben am
29. September 1978. 1978 mit NFT.
Paul VI. 21. Juni (1963). Giovanni Battista Montini, gestorben  am
6. August 1978. Das Jahr 1963 blieb ohne NFT.
Johannes XXIII. 28. Oktober (1958). Angelo Giovanni Roncalli, gestorben  am 3. Juni 1963. 1958 mit NFT.
Pius XII. 2. März (1939). Eugenio Pacelli, gestorben am
9. Oktober 1958. 1939 mit NFT, weil Pius XI. am 05.02.1922 gewählt wurde.
→Folie  Nationalfeiertag

Der 29. Februar erschien erst ab Gregor XIII. (1572-85) nach Einführung des Gregorianischeren Kalenders, 1582 eingeführt. Ab diesem Datum wurde nie ein Papst am Schalttag „29. Februar“ gewählt.

Feiertage in der Vatikanstadt (Jahr 2005):

1. Januar, 6. Januar (Epifania)
11. Februar (Lateranvertrag: Unabhängigkeitstag)
19. März  (Josephstag)Gründonnerstag
Karfreitag
Ostermontag
Auffahrt
Pfingstmontag
Fronleichnam
29. Juni (Peter und Paul)
15. August Maria Himmelfahrt
1. November (Allerheiligen) und 2. November Allerseelen
8. Dezember (Maria Empfängnis)
25. Dezember (Weihnachten)
26. Dezember (Stephan)
31. Dezember (Silvester)
       Papst-Namenstag (Jorge) und Datum der Papstwahl (13.03.) sind Feiertage.
Dazu kommen noch die vacanze-Tage, beispielsweise
6 arbeitsfreie Tage über Ostern und
4 arbeitsfreie Tage über Weihnachten

Im Jahre 2005 (gemäss Kalender im Telefonbuch  2004/2005) sind rund 75 arbeitsfreie Tage (inkl. Sonntag, aber ohne Samstag) zu verzeichnen. Am Samstag wird im Vatikan gearbeitet, auch die Priester.

Von Montag bis und mit Samstag arbeiten Priester und Laien 6 Stunden je Tag, d. h. 36 Stunden die Woche. Arbeitet  ein Angestellter die 36-Stunden-Woche bis Freitagabend, und das soll es geben, hätte er rund 127 arbeitsfreie Tage, d. h. rund 4 Monate (Ferien nicht gerechnet). Am Samstag arbeiten immer: Apotheke, Ambulatorium, Museen, Info-Büro, Gendarmen, Gardisten usw. Priester-Usanz: 6 x 6 Stunden im Vatikan arbeiten, der Rest in der Seelsorge in der Stadt Rom und Umgebung (nach einem Interview mit Kardinal Ratzinger). – Der Vatikan zählt am meisten Schwarzarbeiter: die in Schwarz gekleideten Priester und die Angestellten, die bereits um 14 Uhr mittags und/oder Freitagabend ihren Arbeitsschluss pflegen und (vermutlich) nachher zu den Dutzenden von  Milliarden Euro Schwarzarbeit Italiens beitragen (2010).

National-Hymne des Vatikans 

Man versteht darunter die Hymne des Papstes. Sie stammt aus dem Papstmarsch des französischen Komponisten Charles Gounod und wurde 1869 erstmals auf dem Petersplatz gespielt, aber erst im Dezember 1949 zum Auftakt des Heiligen Jahres 1950 offiziell als Hymne eingeführt. Der Text folgte noch viel später: 1993 sang der Chor des Mitteldeutschen Rundfunkes aus Leipzig bei einem Konzert für den Papst in der Audienzhalle „O Roma felix, o Roma nobilis“ zur Weltaufführung:

Oh glückliches Rom, oh edles Rom, Sitz des Petrus, der in Rom sein Blut vergossen hat.

Der Text stammt vom liturgischen Kanoniker Raffaello Lavagna und ist im Original lateinisch.

Alexander Smoltczyk, Vatikanistan:
Zur Nationalhymne hat Pius XII. (1939-58) am 16. Oktober 1949 einen Marsch erklärt, nämlich den „Marché Pontificale“ des französischen Komponisten Charles Gounod (1818-93). Gounod hatte schon seine Oper „Faust“ geschrieben und in seinen späteren Tagen den berüchtigten Ohrwurm „Ave Maria“, auf Grundlage des C-Dur-Präludiums aus dem „Wohltemperierten Klavier“ von Johann Sebastian Bach. Seinen Marsch hatte Gounod für Pius IX. (1846-78) komponiert, in F-Dur maestoso und mit Trompetenstössen  zu Beginn. Sieben Blasorchester und Militärkapellen sorgten für die Uraufführung 1869 auf dem Petersplatz, 1’000 Soldaten sagen im Chor, und das Publikum war dermassen aus dem Häuschen, dass, wie der Osservatore Romano notierte, „die Musik mehrere  Male wiederholt wurde.“

Kurioserweise gab es bis 1993 keinen lateinischen Text zur Hymne. Das wurde dann zum 15. Jahrestag der Wahl von Papst Johannes Paul  II. nachgeholt. Kaplan Raffaello Lavagna hatte einen lateinischen Text verfasst, und Chor und Orchester des Mitteldeutschen Rundfunks brachten ihn zur ersten öffentlichen Aufführung:

„O felix Roma, o Roma nobilis, Sedes es Petri, qui Romae effudit sanguinem, Petri, cui claves datae sunt regni caelorum.“
„Glückliches Rom, edles Rom, du bist Sitz des Petrus, der in dieser Stadt sein Blut vergoss und dem die Schlüssel des Himmelreiches übergeben wurden.“

Die tatsächlich sehr eingängige Hymne lässt sich hören unter dem Link:
www.vatican.va/news_services/press/documentazione/documents/sp_ss_scv/inno/inno_scv_musica.mid

Ulrich Nersinger, Liturgien und Zeremonien am Päpstlichen Hof,  Seite 152: Geschichte der Vatikanhymne:

  1. Nach der Krönung von Papst Pius IX. am 21.06.1846 wurde Giacomo Rossini aufgefordert, ein Stück zu Ehren des neuen Papstes zu komponieren: „Grido di Esultazione riconoscente alla paterna clemenzia di Pio“. Text dazu von Kanonikus Golfieri, beginnend mit den Worten: „Su fratelli, letizia si canta“. – Auf Brüder, singt mit Freude.
  2. Rossini schaffte noch zwei weitere Kompositionen zu Ehren Pius’ IX. (Kantate 1847, Coro 1848)
  3. 1863: Franz Liszt (1811-86) schafft eine Papsthymne, erst 1865 veröffentlicht. Später nahm er es in sein bekanntes Christus-Oratorium auf.
  4. 1871: 25jähriges Thronjubiläum von Pius IX.: Johann J. H. Verhulst komponiert eine Pius-Kantate.
  5. Zum gleichen Jubiläum: Charles Gounod, französischer Komponist: Marche pontificale.
  6. Der Kirchenstaat besass seit 1857 eine eigene Hymne, die der österreichische Kapellmeister Viktorin Hallmayr komponierte (Kapellmeister beim Regiment „Graf Kinsky“, dem 7. Linieninfanterie-Regiment der im Päpstlichen Staate stationierte n österreichischen Schutztruppe). Zum ersten Mal gespielt: 09. Juni 1857, eine andere Quelle: 21.08.1857., die dritte: 05.09.1857.
  7. Unmittelbar nach der Wahl Pius IX. im Jahre 1846 komponierten Giovanni Longhi und Domenico Silveri den marcia trionfale und den largo religiosi, die bis zum Pontifikat von Paul VI. bei Pontifikalämtern zum Ein- und Auszug und bei der Erhebung der Eucharistischen Gestalten von Nobelgardisten von der inneren Loggia des Domes gespielt wurden.  →Internet
  8. In der Vorbereitungsphase für das Heilige Jahr 1950 wurde dem Papst von verschiedenen Seiten geraten, an Stelle der alten Papsthymne doch Gounods Marche Pontificale zu setzen. Er stimmte zu. Am 24.12.1949, dem Tag der Öffnung der Heiligen Pforte, fand im Damasushof eine besondere militärische Zeremonie statt. Die Päpstliche Palatingarde war feierlich aufgezogen, begleitet von ihrer Gardekapelle, 70 Musikern und 16 Trommlern. Mit Tagesbefehl wurde bestimmt, dass dieser Marsch offiziell als neue Hymne des Papstes und des Vatikanstaates zu gelten habe. Ein letztes Mal spielte die Kapelle den Marsch von Viktorin Hallmayr, unmittelbar darnach erklang Gounods Werk.
  9. Der lateinische Text zu dieser Hymne erklang zum ersten Mal am 15.06.1991, als Johannes Paul II. die vor den Toren Roms gelegene Sende-Anlage Santa Maria di Galeria aus Anlass der 60-Jahr-Feier des Vatikanischen Rundfunks aufsuchte. Gesungen wurde sie vom Chor Jubilate Deo, der unter der Leitung von  Schwester Dolores Aguirre stand. Der lateinische Text (siehe eingangs) schuf Monsignore Raffaelo Lavagna, ein Mitarbeiter von Radio Vatikan, im Jahre 1991.

Nationalwappen des Vatikans

→Staatswappen

Navona, Piazza

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Piazza Navona, Rom: Der Obelisk, heute mit der Taube, dem Wappentier Innozenz‘ X., stammt aus dem Circus des Maxentius. Der Obelisk steht auf dem Vierströmebrunnen (Fontana dei Fiume), ein Hauptwerk Berninis und seiner Schule (1651). Er ist einer der 8 ägyptischen Obelisken, trägt den Namen „Dogali“ und ist 6 Meter hoch (drittkleinster der total 14 Obelisken in Rom).

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Piazza Navona, Rom, Stadtteil (Rione) VI, gleiche Masse wie das Stadio di Domiziano (86 n. Chr. erbaut), das zur Römerzeit hier stand. Die Piazza Navona gilt – wohl mit Recht – als einer der schönsten Plätze der Welt.

Nero, römischer Kaiser

(röm. Kaiser 37 bis 68 n. Chr.)

Nicht Christiani (Christen), sondern Chrestiani (Wucherer, Grundstückspekulanten) sollen für den Brand Roms während seiner Kaiserzeit verantwortlich sein.

Neuevangelisierung in der maritimen Welt

OR Nr. 46 vom 16. November 2012, S. 7:

Vatikanstadt. Fragen von Schifffahrt, Fischereiwesen, Seemannsmission aber auch der Meerespiraterie stehen im Mittelpunkt eines internationalen Kongresses vom 19. bis 23. November 2012 im Vatikan. Veranstalter ist der Päpstliche Rat der Seelsorge für Migranten und Menschen unterwegs, der den 23. Weltkongress des Apostolates des Meeres unter das Thema „Neuevangelisierung in der maritimen Welt“ gestellt hat. Mehr als 36 Millionen Menschen seien weltweit allein im Fischereiwesen tätig, betonte der zuständige Kurienkardinal Antonio Maria Veglio bei der Präsentation der Initiative. Das „Volk des Meeres“ umfasst mehr als 300 Millionen Menschen. Nach vatikanischer Definition sind es Seeleute, Hafenarbeiter, Fischer und die Besatzungen der Bohrinseln samt deren Familien. Der Kongress werde sich mit menschlichen und wirtschaftlichen Problemen von Seeleuten, aber auch mit den verschiedenen Formen von Gewalt in der Seefahrt befassen. Dazu gehöre etwa die Piraterie auf den Meeren samt deren Folgen für Seeleute und ihre Familien, so Kardinal Veglio. Um diese kümmere sich die Seemannsseelsorge in besonderer Weise, ebenso um die Besatzungen von Schiffen, die von ihren Reedereien im Stich gelassen wurden. Die technische Entwicklung habe die Seefahrt heute schneller, bequemer und den Warentransport effizienter gemacht. Allerdings bleibe das Leben der Seeleute weiterhin oft hart und auf den mitunter wochen- und monatelangen Fahrten über die Weltmeere entbehrungsreich.

Das „Apostolat des Meeres“ hatte seine Anfänge in der Mitte des 19. Jahrhunderts in den grossen Hafenstädten wie London, Dublin, New Orleans, Philadelphia, Québec oder Sydney.

Niklaus von Flüe, Hl.

Bruder Klaus

Nikolaus, Sankt

Maite Kelly und Bonifatiuswerk rufen Weihnachtsmannfreie Zone aus
Kath. Wochenzeitung Nr. 50 vom 13.12.2013, S.  9

München: Mit der Aktion „Weihnachtsmannfreie Zone“ setzte sich das Bonifatiuswerk für die wertvollen Traditionen des Nikolausfestes ein und machte so augenzwinkernd gegen den Weihnachtsmann mobil. Das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken und der „echte“ Nikolaus haben gemeinsam mit der Entertainerin Maite Kelly die bundesweite Aktion „Weihnachtsmannfreie Zone“ in München eröffnet. Zusammen mit 50 Kindergartenkindern besuchten sie das Altenheim „Kreszentia-Stift“, sangen Nikolauslieder und verteilten Schoko-Nikoläuse an die Heimbewohner. Die Sängerin Maite Kelly unterstützt bereits seit 5 Jahren die „Weihnachtsmannfreie Zone“ als Botschafterin. „Nikolaus und Weihnachtsmann zu unterscheiden, fällt den Kindern zunehmend schwerer, zu sehr ist der Weihnachtsmann mit Bommelmütze und rotem Mantel zu den Medien und auf der Strasse präsent“, sagte Kelly. Dabei sei der Nikolaus mit seinen Legenden ein unschätzbar wertvolles Glaubensvorbild für die Kleinsten, und daher setzte sie sich dafür ein, dass die wertvollen Traditionen des Nikolausfestes wieder in den Mittelpunkt der Menschen rücken, fügte Kelly hinzu. (…)

Notunterkunft im Vatikan

→Verpflegungsstelle   →Kinderfürsorge-Zentrum   →Obdachlosenheim

Numismatik

→Münzen

Nuntius

(lateinisch: der Bote)
Ständiger Beobachter des Papstes bei weltlichen Regierungen. Nuntiatur, lat., Amt und Sitz eines Nuntius. Zur Zeit (Stand 03.2016) pflegt der Apostolische (Heilige) Stuhl zu 180 Staaten diplomatische Vertretungen.

Siehe auch →Völkerrecht (am Schlusse dort)   →Diplomatische Dienste
→Sonderbotschafter

Der Staat der Vatikanstadt besitzt 0,44 km2 Staatsgebiet. Er garantiert völkerrechtlich die Unabhängigkeit des Heiligen Stuhles. Er hat keine Botschaften.

Der Heiliger Stuhl ist nichtstaatliches souveränes Subjekt der völkerrechtlichen Beziehungen. Da der Heilige Stuhl kein Staat ist, bleibt der Papst selber das Subjekt völkerrechtlicher Beziehungen (einmalig). Deshalb hängt bei allen vatikanischen Nuntiaturen im Ausland und bei den zzt. 179 akkreditierten Botschaften beim Heiligen Stuhl in Rom  (keine liegt auf vatikanischem Staatsgebiet) beim Nuntiatureingang das Papstwappen (also weder das Staatswappen noch das Emblem). Der Staat der Vatikanstaat ist unter der Autorität des Heiligen (Apostolischen) Stuhles. „Heiliger Stuhl“ wird in der Diplomatie bei offiziellen und bilateralen (zweiseitigen) Interventionen verwendet.

Geschichte:
Im 16. Jahrhundert entstanden päpstliche Nuntiaturen (die ältesten Botschaften der Welt) als ständige Einrichtungen des Heiligen Stuhles zunächst an den katholischen Königshöfen, so zum Beispiel in Wien und Graz, in Madrid, oder bei Kurfürsten. Als älteste Einrichtung dieser Art gilt die ständige Nuntiatur am Hofe König Ferdinands I., 1529 in Wien.

Aufgaben:
Ein päpstlicher Gesandter/Nuntius, der zugleich eine Vertretung bei Staaten gemäss den Normen den völkerrechtlichen Usanzen ausübt, hat die besondere Aufgabe, das Verhältnis zwischen dem Heiligen  Stuhl und fremden Staaten zu fördern und zu pflegen, Fragen zu behandeln, welche die Beziehungen zwischen Kirche und Staat betreffen, und sich in besonderer Weise mit Konkordaten und anderen bilateralen Vereinbarungen zu befassen, sofern solche abzuschliessen und zur Durchführung zu bringen sind.

Amt:
Päpstliche Gesandte/Nuntien sind Titular-Erz-Bischöfe und werden vom Papst ernannt (nicht gewählt). Sie sollen höchstens 75 Jahre alt sein. Sie werden an der Diplomaten-Akademie (gegenüber der Kirche S. Maria sopra Minerva, Elefäntchen mit dem kleinen Obelisken auf dem Rücken) in Rom ausgebildet. Hat der Auszubildende bereits den Doktorhut, ist die Ausbildung 2 Jahre, kommt er ohne ihn, dauert die Ausbildung 4 Jahre mit Doktorabschluss.

Der Apostolische Nuntius ist seit dem Wiener Kongress 1815 in den meisten Staaten bis heute „geborener Doyen“ des Diplomatischen Corps. Er geniesst mit seiner Akkreditierung die übliche politische Immunität im Gastland. Die Anredeform des päpstlichen Nuntius ist wie bei allen anderen Botschaftern „Seine Exzellenz“.

Der Apostolische Nuntius (ital.: Nunzio  Apostolico) ist der ständige Vertreter des Heiligen Stuhles – und nicht des Staates der Vatikanstadt (dieser hat keine Landesvertretungen), was einen völkerrechtlichen Unterschied bedeutet – bei der jeweiligen Ortskirche und den Staaten.

Der Nuntius untersteht der 2. Sektion (Beziehungen zu den Staaten) des Kardinalstaatsekretariates (→Organigramm). Alle Nuntiaturen des Hl. Stuhles haben an ihrem Botschaftsgebäude das Papstwappen befestigt, also nicht das Staatswappen des Staates der Vatikanstadt noch das Emblem des Heiligen Stuhles. Damit will man direkt das eigentliche Völkerrechtssubjekt (den Papst selbst) andeuten.

Alle nach Meinung des jeweiligen Nuntius eingeholten Erkundigungen, erhaltenen Indiskretionen und bestehenden Tatsachen in „seinem“ Land werden nach Rom weitergeleitet (meistens an die Glaubenskongregation). Hans Küng behauptet in seinen Memoiren, dieses System sei das grösste Nachrichtensystem der Welt. Küng, Erkämpfte Freiheit, 2002, Piper, Seite 491: „ Das Sanctum Officium (Glaubens-kongregation) hat geheimen direkten Zugriff auf Nuntiaturen, Bischöfe und Ordensobere in allen Nationen. Tagtäglich empfängt der Chef des „Heiligen Officiums“ von überall her „die allergeheimsten Informationen“, um auf sie tagtäglich in allergeheimster Weise zu reagieren.“

Auch Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl bezeichnet den Vatikan als den Ort, der weltweit die meisten Informationen erhält (→Vatikan, am Schluss dort).

Schweiz am Sonntag, 31.01.2016, S. 1, Fabienne Riklin
Katholiken fordern Absetzung des Papst-Botschafters in Bern.
Der neue Nuntius spaltet die Schweizer Kirche. Nun soll der Bundesrat aktiv werden.

Der Botschafter des Heiligen Stuhles in der Schweiz, Nuntius Thomas Gullickson, polarisiert mit äusserst konservativen Positionen und einem undiplomatischen Stil. „Der religiöse Frieden in der Schweiz ist in Gefahr“, sagt Markus Arnold, Theologe und Studienleiter des Religionspädagogischen Instituts der Universität Luzern. Er gehört der Allianz  „Es reicht“ an. „Wir sind ernsthaft besorgt, dass der Nuntius die hiesige Kirche spaltet“, sagt Arnold. Der Theologe hat deshalb am Freitag einen Brief an Bundespräsident Johann Schneider-Amann geschrieben. Darin bittet Arnold den Bundesrat, „dass er nicht zulässt, dass Gullickson das Klima nachhaltig vergiftet“. – Auch der Katholische Frauenbund nutzt seine Beziehungen und schickt morgen einen Brief an Bundesrätin Doris Leuthard (CVP). Das Ziel beider Aktionen: die Absetzung des Nuntius. „Dass er sich ändert und für alle in der Kirche einsetzt, ist wenig wahrscheinlich“, sagt Simone Curau-Aepli vom Frauenbund.

Siehe  →Organigramm   →Völkerrecht

OR Nr. 43 vom 26. Oktober 2012, S. 8:
Treffen der Apostolischen Nuntien aus aller Welt 2013

Vatikanstadt. Papst Benedikt XVI. hat alle Apostolischen Nuntien für Juni 2013 zu einer Versammlung nach Rom einberufen. Das teilte Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone bei der zur Zeit im Vatikan tagenden Bischofssynode mit. Auch Diplomaten des Heiligen Stuhles im Rang eines Apostolischen Delegaten oder ständigen Beobachters seien zu der Zusammenkunft eingeladen. Es gehe darum, im „Jahr des Glaubens“ über die Aufgaben der Apostolischen Nuntien in der heutigen Zeit zu beraten, so der Kardinalstaatssekretär.

Das letzte Treffen dieser Art fand im Jahre 2000 statt; Anlass war damals das von der katholischen Kirche begangene Heilige Jahr. Bertone hob hervor, dass die Diplomaten des Heiligen Stuhles einen bedeutenden Beitrag zur Gl aubensverkündigung leisteten. Sie wachten an ihrem jeweiligen Einsatzort über die Freiheit der Kirche. (→Glaubenskongregation)

Der Heilige Stuhl hat als Leitungsorgan der katholischen Kirche den Status eines Völkerrechtssubjekts. Als solches unterhält er gegenwärtig zu 180 Staaten diplomatische Beziehungen.

OR Nr. 37 vom 11.09.2015, S. 4
Am 5. September 2015 ernannte der Papst zum Apostolischen Nuntius in der Schweiz und im Fürstedntum Liechtenstein: Thomas E. Gullickson, Titularerzbischof von Bomarzo, bisher Apostolischer Nuntius in der Ukraine.

OR Nr. 38 vom 23.09.2016, S. 4
Treffen der Apostolischen Nuntien der ganzen Welt im Vatikan

Im Vatikan haben sich Spitzendiplomaten des Heiligen Stuhles zu einem Treffen versammelt. Bis Samstag, 17.09.2016, tagten insgesamt 106 Apostolische Nuntien und Ständige Beobachter bei internationalen Organisationen in der Zentrale der katholischen Weltkirche.
Auf dem Programm standen 4 Begegnungen mit Papst Franziskus. Anlass des Treffens der Apostolischen Nuntien war das heilige Jahr der Barmherzigkeit. Das Treffen wurde am Donnerstag, 15.09.2016, mit einem Gottesdienst, den Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin leitete, eröffnet. Auf dem Programm standen zudem 2 Vorträge, einer davon über die ⇒Gender-Theorie. Am Freitag fanden unter anderem Gespräche im vatikanischen Staatssekretariat, in der Sektion für die Beziehungen mit den Staaten, statt.
Von den derzeit 108 päpstlichen Repräsentanten sind 103 Apostolische Nuntien im Rang eines Erzbischofs. 5 Erzbischöfe sind Ständige Beobachter  bei verschiedenen internationalen Organisationen. Der heilige Stuhl unterhält diplomatische Beziehungen mit 180 Staaten auf allen Kontinenten; nicht vertreten sind unter anderem Saudi-Arabien und China.
Die übrigen 163 Mitarbeiter im diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhles sind zu einer gesonderten Begegnung mit Franziskus im Vatikan am 18. November 2016 eingeladen.
(Heiliger Stuhl mit 108 Repräsentanten und 163 Mitarbeitern, total 271 Personen als Bürger des Vatikanstaates.)
→Unter Buchstabe D „Diplomatische Beziehungen Heiliger Stuhl“
→Buchstabe D das Nebenregister „Diplomatie Heiliger Stuhl“
→Nuntien (separates Register unter N)

Nuzzi, Gianluigi, Alles muss ans Licht, 2015, ecowin

Das geheime Dossier über den Kreuzweg von Papst Franziskus (Auszüge)

Papst Franziskus erhebt schockierende Vorwürfe
Seite 19: Auf der Sitzung vom 3. Juli 2013 (Papstwahl im März 2013) war das Schreiben (Das C8-Beratergremium orientiert darin über die finanziellen Zustände) für die anwesenden Kardinäle ein Schock. Es listet alle Notfallmassnahmen auf, die sofort ergriffen werden müssen, um dem Bankrott der vatikanischen Finanzen abzuwenden. S. 20: Es heisst u. a. darin: „Der Rechnungslegung des Heiligen Stuhles und des Governatorats mangelt es an jeglicher Transparenz. Die fehlende Transparenz macht es unmöglich, eine Aussage über die tatsächliche finanzielle Situation sowohl des Vatikans insgesamt als auch seiner einzelnen Teile zu treffen. – Die allgemeine Finanzverwaltung im Vatikan kann man bestenfalls als dürftig bezeichnen. Vor allem die Prozesse für Budgetplanung und Budgetfestlegung sind sowohl für den Heiligen Stuhl als auch im Governatorat vollkommen willkürlich (nicht nach einem System folgend, vom eigenen Willen gesteuert), obwohl die geltenden internen Richtlinien klar definierte Mindestanforderungen enthalten. – Was die Kapitalanlagen betrifft, ist es uns nicht gelungen, klare Richtlinien auszumachen, nach denen dabei vorgegangen wird. Die Kosten sind ausser Kontrolle geraten. Das gilt insbesondere für die Personalkosten, aber auch für andere Kosten.
Seite 22: Und dann ergreift der Heilige Vater das Wort. Ein Akt der Anklage, der sich 16 endlos lange Minuten hinzieht. Noch nie hat ein Papst auf einer Sitzung so harsche Worte geäussert. Und solche Worte müssen unbedingt geheim bleiben, weil sie zu schwer wiegen und weil alle, die diesen Saal betreten haben, absolutes Stillschweigen gelobt haben. Doch es sollte anders kommen. Jemand ahnte, auf welche Hindernisse der völlig neue Stil des Papstes stossen würde – Sabotage, Manipulation, Diebstahl, Einbruch und Kriminalisierung der Reformanhänger – und schnitt die Vorwürfe des Papstes Wort für Wort mit.

Die Worte des Papstes
Seite 24: Papst Franziskus beschreibt einen Zustand, der von völliger Sorglosigkeit in wirtschaftlichen Angelegenheiten geprägt ist. Ein unvorstellbares Szenario. Der Papst ist wütend. Siebenmal wiederholt er „Wir zahlen nicht“. Zu lange schon wurden Millionen bedenkenlos und mit schier unglaublicher Leichtfertigkeit aus dem Fenster geworfen, zur Bezahlung von Arbeiten, für die es weder Kostenvoranschläge noch die erforderlichen Überprüfungen gab, jedoch bis zur Unglaubwürdigkeit aufgeblasene Rechnungen. Viele profitierten davon und steckten das Geld der Gläubigen ein, die Spenden, die eigentlich für die Bedürftigsten gedacht waren. Der Papst wendet sich damit an jene Kardinäle, die den Dikasterien vorstehen und die mit dem Geld der Kirche jahrelang zu sorglos umgegangen und ihren Aufsichtspflichten nicht nachgekommen sind. Es ist eine deutliche Anklage, hart, direkt und unverblümt und durchaus demütigend für die Purpurträger.

Die Vorwürfe des Papstes: „Sämtliche Kosten sind ausser Kontrolle“
Seite 26: Die wirtschaftliche Lage, die die Revisoren beschreiben und die Papst Franziskus von Ratzinger geerbt hat, ist ausweglos und kommt einer Insolvenz (Zahlungsunfähigkeit) nahe. Auf der einen Seite herrscht völlige Anarchie (Gesetzeslosigkeit) bei der Verwaltung von Ressourcen (Geldmittel, Erwerbsquellen) und Ausgaben, die unkontrolliert wachsen, auf der anderen Seite lähmen undurchsichtige Finanzgeschäfte und Günstlingswirtschaft jede Veränderung und ersticken im Keim die Entscheidungen, die bereits der frühere Papst aus Deutschland getroffen hatte. – Die Kosten sind also „ausser Kontrolle“, die Verträge voller „Fallen“, die Lieferanten unehrlich und ihre Waren überteuert. Bis gestern war es unvorstellbar, dass ein Papst eine solche Aussage trifft. „Es fehlt jegliche Aufsicht über unsere Geldanlagen“.

Ein schlechtes Zeugnis
Seite 28: Es ist ein denkbar schlechtes Zeugnis, das den Finanzverwaltern der Kirche ausgestellt wird. Unruhe und Ängste wachsen noch, als der Papst – als Monarch und somit höchste geistliche und weltliche Macht im Kirchenstaat – ankündigt, den Problemen auf den Grund gehen zu wollen,  Körperschaft für Körperschaft, Spende für Spende, Ausgabe für Ausgabe. Zu diesem Zweck soll in Kürze eine neue Kommission geschaffen werden. – Nach Ansicht von Kardinal Vallini leiden die Kirchenoberen also an einem Mangel an Verwaltungskultur. Daraus seien die Fehler, die wirtschaftlichen Verluste und dass der eine oder andere einen Vorteil daraus schlägt, zu erklären.

Die Heiligenfabrik. Eine radikale Kehrtwende
Seite 37: Mit überraschenden Angriffen aus der Kurie kennt Papst Franziskus sich aus. Er weiss, sie können für Reformen tödlich sein, und er will vermeiden, dass das Eigeninteresse weniger und die Trägheit vieler im Vatikan alle Hoffnungen im Keim ersticken. Darum ernennt der Papst wenige Tage nach der dramatischen Sitzung vom 3. Juli 2013 eine neue Kommission, die die vatikanischen Finanzen untersuchen soll. Sie hat die Aufgabe, Informationen über die Wirtschaftsführung der Kurie zu sammeln, und soll direkt an den Papst berichten. Eine absolute Neuerung: Zwar wird der Kardinalsrat der 15 Kardinäle unter Vorsitz von Kardinal Bertone nicht abgesetzt, aber die etablierten Mächte werden offen infrage gestellt. Sie müssen nun Rechenschaft ablegen. Und damit setzt Franziskus alle unter Druck, die den Heiligen Stuhl unter Benedikt XVI. und davor unter Johannes Paul II. verwaltet haben.
Seite 39: Am 18. Juli 2013 unterzeichnet der Heilige Vater den Formalakt zur Gründung der Untersuchungskommission („Die Kommission sammelt Informationen, berichtet dem Heiligen Vater und arbeitet mit dem Kardinalsrat zur Untersuchung der organisatorischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten des Apostolischen Stuhles zusammen, um institutionelle Reformen des Heiligen Stuhles vorzubereiten, die das Ziel haben, bestehende Organisationen zu vereinfachen und zu rationalisieren und eine bessere Planung der wirtschaftlichen Angelegenheiten aller vatikanischen Verwaltungen zu ermöglichen.“). Die Kommission trägt den Namen Cosea (Pontificia Commissione Referente di Studio e di Indirizzo sull‘Organizzazione della Struttura Economico-Amministrativa della Santa Sede; Päpstliche Kommission zur Untersuchung der Wirtschafts- und Finanzorganisation des Heiligen Stuhles) für die ehrgeizigen Ziele.

Aufgabe Nummer eins: Wohin gehen die Gelder für die Heiligen und die Seligen?
Seite 42: Schon vier Tage nach der offiziellen Gründung geht die Cosea ans Werk und stellt einen Fragenkatalog zuhanden der Dikasterien auf. Dabei werden zahlreiche Unterlagen angefordert: die Abschlüsse der letzten 5 Jahre, Personallisten und Listen externer Mitarbeiter mit Lebensläufen, sämtliche Lohn-, Gehalts- und Honorarzahlungen und schliesslich alle seit 1. Januar 2013 abgeschlossenen Dienstleistungs- und Lieferverträge. – Doch besonders der vorletzte des umfangreichen Schreibens, das Kardinal Versaldi (Leiter der Präfektur) versendet, alarmiert die Machtzirkel der Kurie. Hier wird der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse der Streit verkündet. Sie ist für das komplexe Verfahren verantwortlich, das zur Heilig- oder Seligsprechung eines Menschen führt.
S. 44: Kardinal Angelo Amato, Leiter dieser Kongregation, kann sich die Anfrage, die er über Versaldi erhält, nur auf eine Weise erklären: Der Papst weiss genau, wo er suchen muss, und ist über die geheimen Pfründe der Mächtigen und ihre undurchsichtigen  Eigeninteressen bestens informiert. Und der Papst handelt rasch. Die Kommission lässt ihm nur wenig Zeit, um die Unterlagen zusammenzusammeln (bis 31. Juli 2013).

Die Heiligenfabrik, die keiner kennt
Seite 46: Nach einer Sitzung der Cosea mit dem Papst am 3. August 2013, 12.00 Uhr im Gästehaus Santa Marta, bittet die Kommission nach und nach namhafte Unternehmensberater um Unterstützung: von KPMG bis McKinsey, von Ernst & Young bis zur US-amerikanischen Promotory Financial Group. Eine Taskforce aus 70 externen Fachleuten soll für den Vatikan arbeiten. Viele Abteilungen im Vatikan reagieren postwendend auf die Anfrage nach Unterlagen, schicken Dokumente und bieten ihre Mitarbeit an. Aber nicht alle. Ausgerechnet von der Kongregation für Heilig- und Seligsprechungsprozesse kommt die enttäuschende Antwort der Organisation unter der Leitung von Kardinal Amato, „hat mit der Verwaltung der Postulatoren nichts zu tun und ist somit nicht im Besitz der gewünschten Unterlagen“ (Die Postulatoren betreuen die Akten der Heilig- und Seligsprechung, in den meisten Fällen Priester). – Kurzum, die Unterlagen sind nicht da. Rechnungs- und Budgetbelege für Abermillionen Euro fehlen oder sind in der Kongregation zumindest nicht vorhanden. Dabei handelt es sich um gigantische Summen, für die die Richtlinien des Vatikan eine akkurate (sorgfältige) Rechnungslegung vorschreiben. Allein zur Einleitung eines Seligsprechungsprozesses sind 50’000 Euro erforderlich, zu denen laufende Kosten in Höhe von mindestens 15’000 Euro kommen.
Seite 47: Im Durchschnitt erreichen die Prozess-Kosten etwa eine halbe Million (500’000) Euro. Und darin noch nicht inbegriffen sind die „Danksagungen“ für all die Prälaten, die sich zu Werken und Wundern des künftigen Heiligen oder Seligen äussern sollen und zu allen entscheidenden Festen und Feiertagen eingeladen werden. Einige Fälle kosteten gar rekordverdächtige 750’000 Euro, wie etwa das Seligsprechungsverfahren von Antonio Rosmini 2007 (Graf Antonio Rosmini Serbati, Priester, Ordensgründer, Philosoph, 1797-1855). – Die „Heiligenfabrik“ hat unter Johannes Paul II. in 147 feierlichen Riten die astronomische Zahl von 1’338 Seligen und in 51 Heiligsprechungsriten 484 Heilige produziert. Karol Wojtyla verfügte schon 1983, dass die Finanzen der Verfahren von den Postulatoren zu verwalten seien. → Heilig- und Seligprozesse.

Panik bei der Vatikanbank
Seite 51: Am Montag, 5. August 2013, um 10.11 Uhr, tritt bei der Vatikanbank IOR eine aussergewöhnliche Kontensperrung in Kraft. Warum? Kardinal Amato räumt indirekt ein, dass die Finanzen im Bereich „Heilig- und Seligsprechungsprozesse“ ausser Kontrolle geraten sind. Die Cosea reagiert mit aller Härte. Nach Rücksprache mit dem Papst fällt der Präsident der Cosea, Zahra, noch am 3. August eine bislang undenkbare Entscheidung. Er fordert Kardinal Versaldi auf, alle Girokonten bei der APSA und Vatikanbank sperren zu lassen, die einen Bezug zu Postulatoren oder Heilig- und Seligsprechungsprozesse haben. Die Angestellten sind in heller Aufruhr. Sie brauchen einen ganzen Tag, um die vielen Konten zu sperren. Über 400 Girokonten.

Der Luxus der Kardinäle und ihre mietfreien Residenzen
Seite 61: Im Herzen der Kirche klafft ein schwarzes Loch von Desinformation, Misswirtschaft, Verschleierung und Betrug. Sogar für den Papst ist es schwierig, sich ein Bild über die Verhältnisse zu machen. Nur dank der Taskforce, die dieser in einem in der Geschichte der Kurie beispiellosen Handstreich zur Klärung der Finanzverhältnisse des Vatikan ins Leben gerufen hat, erfährt der Papst schliesslich, dass für die Ausgaben der römischen Kurie Mittel verwendet werden, die eigentlich für die Bedürftigen bestimmt sind (Peterspfennig). Ein Skandal: Geld, das Katholiken aus der ganzen Welt nach Rom schicken, um damit karitative Aufgaben zu finanzieren, gelangt nicht zu den Armen, sondern wird benutzt, um die Finanzlöcher der Kurie zu stopfen. Und für diese Löcher sind Kardinäle und Männer an der Spitze des Verwaltungsapparates des Vatikan verantwortlich.
Seite 62: Ein Blick auf die Adresse der Kardinäle an der Spitze der Kurie genügt, um das zu bestätigen – und um herauszufinden, wo die Gelder landen, die eigentlich für karitative Aufgaben bestimmt sind. Luxuswohnungen im Herzen der Ewigen Stadt, von denen der Durchschnittskatholik nur träumen kann und die selbst Hollywoodstars vor Neid erblassen lassen. Kurienkardinäle wohnen in geradezu fürstlichen Behausungen mit 400, 500, manchmal 600 Quadratmeter Nutzfläche. Und zwar allein, bestenfalls mit zwei oder drei Missionsschwestern, bevorzugt aus Entwicklungsländern, die ihnen den Haushalt führen, für sie kochen, putzen oder als Hilfspersonal fungieren.
Seite 146: Liste der Mieter (die ersten 10 hier als Auszug), die grossflächige Wohnungen der APSA zur Nullmiete nutzen. Sie befinden sich alle in bevorzugten Wohnlagen Roms, in der Altstadt, unweit des Vatikan und auf vatikanischen Hoheitsgebieten. Die verfügbaren Angaben beziehen sich auf Verträge, die bis Ende 2013 Gültigkeit hatten: Kardinal William Joseph Levada, 524,75 m2; Kardinal Leonardo Sandri, 521,50 m2; Kardinal Roger Etchegaray, 472,05 m2; Kardinal Marc Quellet, 467,50 m2; Kardinal Javier Lozano Barragàn, 465,61 m2; Sekretär Eterovi Nikola, 454,73 m2;  Kardinal James Francis Stafford, 453,63 m2; Kardinal Velasio De Paolis, 445,20 m2; Kardinal Paul Poupard, 442,90 m2; Kardinal Ennio Antonelli, 440,70 m2.

Die desaströse (verhängnisvolle, katastrophale) Finanzlage der Kirche
Seite 74: Von jedem Euro, der an den Heiligen Vater geht, fliessen gerade einmal 20 Cents in konkrete Hilfsprojekte für Bedürftige. Grund dafür ist die ausser Kontrolle geratene, geradezu desaströse Finanzlage der Kurie. Fast alle Einrichtungen, an deren Spitze unter Papst Benedikt auf Betreiben des ehemaligen Kardinalstaatssekretärs Bertone diesem ergebene italienische Kardinäle berufen wurden, schreiben rote Zahlen: Aus der Bilanzübersicht geht hervor, dass das Jahr 2012 mit einem Defizit in Höhe von 28,9 Millionen Euro abgeschlossen hat, welches sich aus der Differenz der Einnahmen in Höhe von 92,8 Millionen Euro und Ausgaben in Höhe von 121,7 Millionen Euro ergibt. Die Ausgaben setzen sich zusammen aus dem Bilanzdefizit der →APSA (resultierend aus der Immobilienverwaltung) in Höhe von 66 Millionen Euro (APSA; Amministrazione del Patrimonium della Sede Apostolica; Vermögens- und Güterverwaltung des Heiligen Stuhles); 25 Millionen Defizit bei Radio Vatikan, 25,4 Millionen Euro für den Unterhalt der diplomatischen Vertretungen des Heiligen Stuhles sowie 5,3 für den laufenden Betrieb und die Ausgaben des Staatssekretariates. Angesichts der genannten Einnahmelage nimmt das Staatssekretariat monatlich und im Voraus einen Ausgleich des APSA-Defizites sowie im weiteren Sinne des Defizits der Kurie in ihrer Gesamtheit vor, da diese aus eigenen Mitteln nicht in der Lage ist, wie angestrebt zu einer ausgeglichenen Bilanz zu gelangen. Das Staatssekretariat ist demnach jedes Jahr aufs Neue gezwungen, gewaltige Geldmittel für den Unterhalt der Kurie aufzutreiben. Und es entnimmt diese Mittel aus den Spenden der Gläubigen für den Heiligen Vater: Das Staatssekretariat muss also jährlich auf die Mittel des Peterspfennigs zurückgreifen und einen beachtlichen Anteil davon für den Unterhalt der römischen Kurie abzweigen, insbesondere für die Personalkosten der dort Beschäftigten, die den grössten Posten in seiner Bilanz ausmachen.
Seite 76: Warum wird das Geld nicht in konkrete Projekte investiert und stattdessen zur Bildung von Reserven verwendet? Unseren Recherchen zufolge betragen die Rücklagen des Peterspfennigs 377,9 Millionen Euro, verteilt auf Girokonten bei insgesamt 12 verschiedenen Finanzinstituten. Die grösste Summe liegt auf einem Konto des IOR (89,5 Mio.) sowie bei der Fineco-Bank der Unicreditgruppe (78,5 Mio.); in den Tresoren der Investmentbank Merril Lynch schlummern gut 58 Millionen Euro, bei Credit Suisse sind 46 ,5 Millionen gebunkert.

Die Geisterkonten der Päpste
Seite 79: Die Bilanzen des Staatssekretariates schreiben nämlich nicht nur rote Zahlen, sie sind streckenweise auch kaum nachvollziehbar. Etwa das verwickelte Geflecht von Konten und Guthaben bei verschiedenen Bankinstituten. Die für die Feierlichkeiten des Heiligen Jahres 2000 eröffneten Konten etwa bestehen bis heute. Zwei laufen auf Namen der APSA, allein acht auf das Staatssekretariat. Von diesen wiederum verzeichnet eines unter der Kontobezeichnung „Radio Vatikan, slowakische Redaktion“ ein Guthaben von immerhin 134’000 US-Dollar. – Und der Papst, hat der Papst ein eigenes Konto? Jahrzehntelang herrschte Rätselraten in dieser Frage. Erst die Unterlagen, die Paolo Gabriele, der Kammerdiener Benedikts XVI., abgelichtet hat und die 2012 in meinem Buch „Seine Heiligkeit“ der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden, schufen endlich Klarheit. Demnach ordnete Joseph Ratzinger am 10.10.2007 die Eröffnung eines Kontos mit der Nummer 39887 beim IOR an, hierhin überweist seitdem eine Gesellschaft 50 % der Tantiemen aus den über 130 Buchveröffentlichungen des Theologen auf dem Stuhl Petri. Im Laufe der Jahre kam einiges zusammen, etwa 2,4 Millionen Euro, die dem Kontoinhaber im März 2010 von der Joseph Ratzinger Benedikt XVI.-Stiftung gutgeschrieben wurden. – Die bisher unveröffentlichten Unterlagen, die das Staatssekretariat Anfang 2014 der Cosea-Kommission zu Bilanzprüfungszwecken übermittelt hat, belegen nun endgültig: Jeder Papst hat ein Privatkonto. Ein Konto, das manchmal sogar lange nach dem Tod weiterläuft. Es sind dies:
Johannes Paul I. Luciani Albino, Kontonummer 25400-018, 110’864 Euro
Paul V. Montini Giovanni Battista, Kontonummer 26400-042, 125’310 Euro und
Kontonummer 26400-035, 296’151 US-Dollar.
Seite 85: Kaum einer weiss, dass der Vatikan neben dem IOR noch über eine zweite Bank verfügt. Auch die APSA – die kaum einer kennt, obwohl sie eine wichtige wirtschaftliche Schaltstelle im Geflecht der vatikanischen Finanzen darstellt – wird in der internationalen Finanzwelt ganz selbstverständlich als Zentralbank des Vatikanstaates anerkannt. Vor allem die Sonderabteilung der APOSA erfüllt eine ebenso delikate wie wichtige Funktion, befasst sie sich doch mit Investitionen in Wertpapieren und Anleihen, verwaltet Girokonten und Einlagen. Faktisch ist die APSA also für die Verwaltung der liquiden Mittel des Heiligen Stuhles zuständig.

Zehn Milliarden auf der Kippe
Seite 100: Verschiedene Einrichtungen des Vatikan verwalten Vermögenswerte des Heiligen Stuhles im Umfang von zirka 4 Milliarden Euro sowie Dritter in der Höhe von 6 Milliarden, insgesamt also 10 Milliarden Euro. Davon sind 9 Milliarden in Wertpapieren und 1 Milliarde in Immobilien angelegt. In Governance, Anlageverfahren und Verteilung dieser Mittel wurden erhebliche Mängel festgestellt.
Seite 102: Um kein negatives Aufsehen zu erregen, werden die Kardinäle der alten Garde allerdings nicht einfach ihrer Aufgaben enthoben, sondern vielmehr „unter Aufsicht gestellt“. So geschehen mit Kardinal Versaldi, dem Präsidenten der Präfektur, dem Monsignore Vallejo Balda aus der Cosea-Kommission zur Seite gestellt wird, oder mit Kardinal Calcagno, der praktisch unter Quarantäne gestellt wurde. – Aber der Papst geht noch weiter, der nächste Befreiungsschritt ist schon in Vorbereitung: Die gesamte Wirtschaftsstruktur des Heiligen Stuhles wird neu gestaltet, das Staatssekretariat wird aufgespalten, um dessen bisherige Übermacht zu beschneiden. Kardinal Parolin und seinem Stellvertreter Giovanni Angelo Becciu bleibt lediglich die Leitung der Diplomatie des Apostolischen Stuhles sowie der inneren Angelegenheiten des Vatikanstaates. – Papst Franziskus errichtet im Februar 2014 eine neue Koordinationsstelle für die wirtschaftlichen und administrativen Angelegenheiten des Heiligen Stuhles. Dieses vatikanische „Superwirtschaftsministerium ist zweigeteilt und besteht aus einem →Wirtschaftssekretariat unter der Leitung von Kardinal George Pell und einem →Wirtschaftsrat, der mit 8 Kardinälen und sieben Laien verschiedener Nationalitäten, sämtlich ausgewiesene Wirtschaftsfachleute, besetzt ist.

Sünden und Laster in der Kurie: Lebensmittel, Kleidung und Medikamente im Werte von 1,6 Millionen Euro verschwinden.
Seite 108: Nun rückt die Tätigkeit des Governatorats in den Fokus. Die Behörde mit 1’900 Beschäftigten stellt die Exekutive im Vatikanstaat dar. Sie spielt für die Wirtschaft des Vatikan eine bedeutende Rolle, da sie für die „Koordinierung der für das Funktionieren des Staates notwendigen Aktivitäten“ zuständig ist. Sie überwacht die kommerziellen und kulturellen Aktivitäten, die Erhaltung der Bausubstanz und damit die Bauaufträge, den Fuhrpark und die Beschaffungsvorgänge: von der Energie über Telefondienste und Tabak bis zu den Computern für die Büros. Dem Governatorat unterstehen auch jene Einrichtungen, die dank der Gewinne der Läden, Museen und anderen kommerziellen Tätigkeiten beträchtliche Geldmittel in die Kassen des Heiligen Stuhles spülen. Wie vielleicht nur wenige wissen, gibt es im Vatikan ein richtiges Vertriebsnetz mit Supermarkt, 2 der 7 vatikanischen Tankstellen, Bekleidungsgeschäft, Parfümerie, Tabakladen und einem Laden für Unterhaltungselektronik. – Auch von dieser Front erreichen den Papst Hinweise, die ihn stutzig machen, sodass er sofort nach genaueren und detaillierteren Informationen verlangt. Schon als die Kommission Ende Juli ein erstes Mal Unterlagen und Daten angefordert hatte, waren weder der Leiter des Governatorats, Kardinal Giuseppe Bertello, noch der Generalsekretär, Bischof Giuseppe Sacca, in der Lage gewesen, zufriedenstellende und erschöpfende Antworten zuliefern. – 2 Monate später, Ende September 2013, beginnt eine flächendeckende Kontrolle, die kein Büro verschont. Man setzt bei den Inventuren der Lager an, um herauszubekommen, ob die in der Bilanz ausgewiesenen Waren mit dem tatsächlichen Bestand übereinstimmen. Das Ergebnis ist unglaublich: „Beim Abzählen der Bestände wurden Waren nicht gefunden“, heisst es in dem vertraulichen Bericht an die Kardinäle. Es fehlen also etliche Waren, die in den Geschäftsbilanzen aber ausgewiesen sind. Die Situation ist alarmierend und betrifft beinahe alle Läden: „In den beiden vergangenen Jahren gab es Verluste in Höhe von 1,6 Millionen Euro aufgrund von Lagerbestandsabweichungen“. Da fragt man sich, wo all diese Ware geblieben sein mag. Wurde nicht richtig gezählt? Oder hat jemand Waren veruntreut? Wäre dies der Fall, könnte das bedeuten, dass es einen Schwarzmarkt mit Verkäufen unter der Hand gibt. Eine andere Vermutung löst hinter den Mauern des Vatikan noch grössere Beunruhigung aus. Man fragt sich, ob diese fehlenden Waren überhaupt je ein Lager gesehen haben.

Ein Steuerparadies, in dem kein Mensch Steuern zahlt
Seite 115: Man befürchtet, das sich hinter diesen Fehlbeständen ein enormer Finanzbetrug verbirgt. Dazu muss man Folgendes wissen: Das Governatorat stellt kaum bekannte „persönliche Umsatzsteuerbefreiungen“ aus. Mit einem solchen Papier können Staatsbürger und Bedienstete des Vatikan Waren oder Dienstleistungen ausserhalb des Vatikan zu deutlich niedrigeren Preisen erwerben, weil die Mehrwertsteuer entfällt, die es in 63 Ländern der Welt gibt. Um in den Genuss dieser steuerbefreiten, günstigen Einkäufe zu kommen, ist es erforderlich, dass diese „innerhalb des Vatikanstaates oder von Bewohnern des Vatikan“ konsumiert werden.
Seite 115: Die preisgünstigen Läden des Vatikan sind von Kunden überlaufen. Um in diesen Läden einzukaufen, braucht man eine „Tessera d’acquisto“, einen den Beschäftigten und Einwohnern des kleinen Staates vorbehaltenen Einkaufsausweis. 5’000 Menschen arbeiten im Vatikan, und es gibt gerade einmal 836 Einwohner, von denen die meisten im Vatikan beschäftigt sind und daher bereits zur ersten Gruppe gehören. Somit dürften höchstens 6’000 solcher Ausweise in Umlauf sein. Die tatsächliche Zahl der gültigen Ausweise liegt allerdings weitaus höher ist  eigentlich kaum zu rechtfertigen: 41’000 dieser Karten gibt es für ebenso viele Kunden, also beinahe siebenmal so viele, wie es geben dürfte. – Das Governatorat sichert sich gewaltige Einnahmen aus diesen Verkäufen. 2012 waren es 44,5 Millionen Euro: 15,3 Millionen Einnahmen aus den Lebensmittelläden, 13,1 Millionen aus Kraftstoffen, 7,8 Millionen aus dem Verkauf von Bekleidung, 4,8 aus Unterhaltungselektronik und 3,5 Millionen aus Tabakwaren. Mit manchen Unregelmässigkeiten und Begünstigungen, wie aus den genauen Daten hervorgeht, die von den Analysten von Ernst & Young Spanien erhoben wurden und die ich einsehen konnte:

  1. Supermarkt: sinkende Gewinnmarge (Erträge steigen um + 9 %, aber die Kosten
    um + 17 %; über 17’000 Produkte  bei einer Verkaufsfläche von 900 m2
    (Referenzwert sieht bei 1’000 m2 10’000 Produkte vor).
  2. Kraftstoffe: 27’000 Personen kaufen Benzin, wobei 550 mehr als 1’800 Liter pro
    Jahr beziehen (d. h. 150 Liter im Monat, ergibt eine Fahrstrecke von über
    2’000 km) . 18 % der Verkäufe werden mit „Dienstausweis“ getätigt (ohne
    Angabe des namentlichen Inhabers).
  3. Bekleidung und Elektronik: mehr als 16’000 Kunden; über 22’700 Produkte
  4. Tabak: über 11’000 Kunden, wovon 278 über 80 Stangen pro Jahr beziehen.
    14 % der Verkäufe werden mit „Dienstausweis“ getätigt (ohne Angabe
    des namentlichen Inhabers).
  5. Apotheke und Parfümerie: Einnahmen um – 17 % gesunken, 30 % der
    Verkäufe betreffen Parfümerie und Körperpflege; 1’900 Kunden täglich.

„Die Läden im Vatikan sollten geschlossen werden, sie beschädigen den Auftrag der Kirche“
Seite 116: Parfümerie, Verkauf von Unterhaltungselektronik, Tabakwaren, rezeptfreie Produkte der Apotheke und der Supermarkt (Annona) werden als (unpassende) „no fit“-Aktivitäten beschrieben. Es handelt sich um Geschäfte, die keinen Beitrag zum biblischen Auftrag leisten. Und durch die Art ihrer Geschäftstätigkeit riskieren sie, das Ansehen und das Image der Kirche zu beschädigen.

„Behindert nicht die Mission des Papstes“
Seite 123: Seit Franziskus Papst ist, weht ein anderer Wind. Die Vertragsentwürfe mit den mächtigen Tabakkonzernen werden aufmerksam geprüft, und die Haltung hat sich ganz allgemein gewandelt. Die „sanfte Revolution“ von Papst Franziskus reibt sich an Mentalitäten, die ganz anderes im Sinn haben. Dennoch setzt sich in den heiligen Palästen keineswegs immer der Wille des Papstes durch. Papst Luciani, der für Wandel stand, wollte die Kurie zu einer Zeit reformieren, als ganze Gruppen hoher Prälaten im Ruch standen, Freimaurer zu sein. Papst Wojtyla engagierte sich einerseits auf jede nur erdenkliche Weise gegen die kommunistischen Regimes, andererseits merkte er nicht, dass sein Hausbank, das IOR, in die schlimmsten Geldwäschegeschäfte des 20. Jahrhunderts verstrickt war. Ähnlich erging es Benedikt XVI., der angesichts der Intrigen im Vatikan, der Korruption und der weltweiten Glaubenskrise die historische Entscheidung traf, das Ruder des Schiffs Petri einem anderen Hirten zu überlassen.

Das gewaltige Immobilienvermögen des Vatikan. Einbruch durch die Wand.
Seite 129: Der Marktwert allein des APSA-Vermögens beläuft sich auf 2,7 Milliarden Euro, wie die Cosea-Kommission erstmals genau ermitteln vermochte. – Ich hatte exklusiven Einblick in sämtliche Miet- und Pachtverhältnisse der APSA. Bei etwa 5’000 Immobilien, die sich zum Grossteil in zentralen Lagen Roms oder in der Vatikanstadt  befinden, liegen die Mieten bei unter 1’000 Euro monatlich. Hunderte von Mietverhältnissen fallen unter einen Posten, der mit „A0“ bezeichnet wird, eine Abkürzung, die für „Affitto zero“ oder „Nullmiete“ steht, wie aus den von mir gesichteten Unterlagen hervorgeht. Ebenso viele Mieter zahlen eine Miete von weniger als 100 Euro jährlich.

Das schwarze Loch des Immobilienvermögens
Seite 135: Es stimmt schon, in ihrer jüngeren Geschichte hatte die katholische Kirche bei der Verwaltung ihrer Besitztümer nie eine glückliche Hand. Ob unter Johannes Paul II. oder unter Benedikt XVI., die Bewirtschaftung von Klöstern, Häusern und Kirchen erfolgte stets ohne eine gemeinsame Linie und war von Verschwendung, Günstlingswirtschaft und manchmal von echten Skandalen geprägt. – Ich habe die interne Datenbank der APSA (Immobilien- und Güterverwaltung) untersucht, die ein Portfolio (Wertbestand) von 5’050 Einheiten, darunter Wohnungen, Büros, Geschäftslokale und Grundstücke im Gemeindegebiet von Rom verwaltet.
Seite 141: Verschiedene Einrichtungen des Vatikan verwalten Vermögenswerte des Heiligen Stuhles im Umfang von zirka 4 Milliarden Euro sowie Dritter in Höhe von 6 Milliarden, insgesamt also 10 Milliarden Euro. Davon sind 9 Milliarden in Wertpapieren und eine in Immobilien angelegt. Mehrere vatikanische Institutionen haben somit unbewegliches Vermögen im Gesamtwert von rund einer Milliarde Euro. Die basierend auf rund 70 % des Portfolios durchgeführte Schätzung zeigt aber, dass der Verkehrswert höher ist. Hinsichtlich der Immobilien der APSA (Geschäftslokale, Wohnungen und von Ämtern genutzte Liegenschaften) liegt der geschätzte Marktwert siebenmal so hoch wie in der Bilanz dargestellt und beläuft sich auf insgesamt 2,7 Milliarden Euro. Bei Propaganda Fide (Palazzo Propaganda Fide, am Spanischen Platz, Rom; Kongregation für die Evangelisierung der Völker) wird der Verkehrswert mindestens fünfmal so hoch geschätzt wie in der Bilanz ausgewiesen und beträgt eine halbe Milliarde Euro.
Seite 149: Das Vermögen der APSA umfasst Flächen von insgesamt 347’532 Quadratmeter, die Erträge von 23,4 Millionen Euro einbringen, während der potenzielle Markt einen deutlich höheren Betrag von mindestens 82,8 Millionen sichern könnte. Die APSA verdient wirklich wenig an ihrem Vermögen, auch weil 44 % der Liegenschaften gar nicht vermietet sind, wie Promontory feststellte.

Die Farm der Tiere
Seite 153: Untersuchungen zum Immobilienvermögen tangieren auch Interessen und Besitzverhältnisse. Allen voran auch das 20 Hektar grosse Landgut, um das sich Kardinal Calcagno kümmert. Es liegt an der Via Laurentina vor den Toren Roms. Mit Geldern des Heiligen Stuhles hat man hier einen vielversprechenden Landwirtschaftlichen Betrieb hochgezogen (siehe auch →Bauernhof Castel Gandolfo). Wenige hundert Meter hinter dem Friedhof Cimitero Laurentino, der am 9. März 2002 geweiht wurde, liegt der landwirtschaftliche Betrieb San Giuseppe. Vorerst bestimmen ausgedehnte Weiden und Felder das Bild, und die Gegend ist verhältnismässig ruhig, eine Oase des Friedens und der Erholung vom Chaos der Ewigen Stadt. Hätte es nicht am 8. März 2011 einen makabren Fund gegeben, nämlich die drahtumwickelte Leiche einer Frau, der man Arme und Beine abgetrennt und die Innereien herausgenommen hatte. Ein Verbrechen, das noch heute unaufgeklärt ist. – Unweit der Porta Medaglia liegt die Società agricola San Giuseppe, Via Laurentina 1351, die am 8. Juni 201q1 als Gesellschaft bürgerlichen Rechts gegründet wurde. 22 Hektar Land werden angebaut, Luzerne (eine Futterpflanze) und vor allem Olivenbäume. Ursprünglich gab es davon 800. Am 13. September 2011 wurde zwischen der APSA und dem landwirtschaftlichen Betrieb ein Leihvertrag mit Auflagen über die Verpachtung des Landgutes Laurentina und des Landgutes Aquafredda abgeschlossen. Damit gelangten weitere 41 Hektar Ländereien in den Besitz des Domkapitels von St. Peter.
Seite 157:
In der Datenbank der APSA, die ich durchgesucht habe, findet man die Bestätigung, dass 5 Grundparzellen an der Hausnummer 1351 in ihrem Eigentum stehen, ebenso 4 Gebäude, 3 Wohnungen, eine „Wohnanlage“, 11 Lager und 3 Depots. All diese Güter scheinen nicht als vermietet auf, mit Ausnahme der 75 m2 grossen Wohnung des Verwalters und seiner Familie. Doch wer wohnt in den anderen Wohnungen? Das ist ein wohlgehütetes Geheimnis. Am Heiligen Stuhl kursierten Gerüchte über lächerliche Mieten von 150 Euro monatlich, die hohe Prälaten zahlen.
Seite 365: 8/Hieran erinnert auch ein Artikel, der im Januar 1977 in der Wochenzeitung ‚L’Europea‘ veröffentlicht wurde: Am 6. August 1976 nimmt der Heilige Stuhl von den Geschwistern Mollari eine beachtliche Schenkung entgegen. Es handelt sich um ein 22 Hektar grosses Gelände (die Hälfte des Vatikanstaates) mit landwirtschaftlichen Gebäuden im Weiler „La Mandria“ an der Via Laurentina Nr. 1351 (zwischen E.U.R. und Ardeatine, Metrohaltestelle Laurentina). Zu dieser Schenkung gibt es zwei Neuigkeiten. Zum einen ist das Wertgutachten, so wie in vielen anderen Fällen auch, unglaubwürdig: nur 500 Millionen (Lire). Zum zweiten zwingt der Erlass von Staatspräsident Leone den Heiligen Stuhl, innerhalb der nächsten 5 Jahre alles wieder zu verkaufen.“

Die Dependancen (Nebengebäude) des Vatikan in Europa
Seite 160: Die andere Seite des vatikanischen Liegenschaftsvermögens sind die Dependancen, die der Heilige Stuhl im Ausland zählt: Immobiliengesellschaften, die auf Schätzen sitzen und mal hier, mal dort mit Umsicht in die Bauwirtschaft investieren. Mitten in Paris wie an der Themse in London oder in besten Wohnlagen von Lausanne wie auch in der übrigen Schweiz: In halb Europa verfügt der Vatikan über unzählige Immobilien. Ihr Verkehrswert beläuft sich auf ungefähr 591 Millionen Euro. In der französischen Hauptstadt besitzt der Vatikan „500 Eigentumsobjekte in unterschiedlichen Gebäuden“ mit einem Verkehrswert, der weit über dem in der Bilanz ausgewiesenen (Buchwert) liegt. In der Schweiz ist eine weitere Finanzgesellschaft tätig, die Profima SA. Sie wurde 1926 in Lausanne gegründet, und Pius XI. benutzte sie in der Vergangenheit als sicheres Depot für einen Teil der nach der Unterzeichnung der Lateranverträge von Italien erhaltenen „Entschädigungen“. Profima AG ist ein Teil einer verschachtelten Konstruktion, zu der 9 weitere Finanzgesellschaften gehören. 10 Gesellschaften allein in der Schweiz, die dem Vatikan zuzurechnen sind: ein raffiniert gestricktes Netz, das ein Millionenvermögen kontrolliert. Die Analysten schreiben, „die 10 Gesellschaften wurden gegründet, um jeweils eine Besitzung in Genf oder in Lausanne zu verwalten“. Gemeinsam verfügen sie über Wirtschaftsgüter, die mit (einem Buchwert von) 18 Millionen in der Bilanz ausgewiesen sind. Der tatsächliche Wert liegt jedoch bei 49 Millionen. – In London hingegen ist die 1933 gegründete British Grolux Investments Ldt. tätig, die Wohnungen und Luxusgeschäfte mit einem Verkehrswert von 73 Millionen Euro verwaltet, die allerdings mit 38,8 Millionen in der Bilanz ausgewiesen sind. – In der Summe beläuft sich für die Berater der Gesellschaft Promontory das Immobilienvermögen der APSA in Italien, der Schweiz, Frankreich und Grossbritannien auf einen Wert von 2 Milliarden und 709 Millionen Euro. Doch welcher Betrag ist hierfür in den Büchern ausgewiesen? Nur 389,6 Millionen Euro. Diese Differenz zeigt den tiefen Widerspruch, den der Vatikan in diesen Monaten durchlebt.

Das Rentenloch
Seite 164: „Die Kirche besteht nicht aus Zahlen, sondern aus Seelen“, heisst es oft aus dem Munde der geistlichen Herren, wenn ein Laie sich herausnimmt, kritische Punkte, wie etwa das Rentenproblem des Heiligen Stuhles, offen anzusprechen. So auch im Jahre 2012, als sich die ersten Risse im vatikanischen Sozialversicherungssystem abzeichneten. Am 21. Juni 2012 ergreift der für die Präfektur tätige Versicherungsexperte Jochen Messemer bei einem Meeting der päpstlichen Revisoren in dieser Angelegenheit das Wort. Einigen seiner Kollegen verschlägt es bei dem, was sie zu hören bekommen, buchstäblich die Sprache, so schonungslos und mit so scharfen Worten schildert Messemer die Situation. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen steht das ungewisse Schicksal der Renten für  die 1’139 derzeitigen Rentner und für die 4’699 aktuell Beschäftigten des kleinen Staates, wenn diese nach und nach in Pension gehen werden.
Seite 169: In der Tat, nach dem Vorabbericht aus dem Hause Wyman, ist das Defizit in der vatikanischen Rentenkasse sehr viel höher zu beziffern als noch im Frühjahr angenommen, dies ergibt ein Vergleich der aktuellen Zahlen mit den Vorjahresdaten. Die offizielle Zahl, die schon bald in den Korridoren der Kurie die Runde macht, sprengt alles bisher Angenommene. Nun ist plötzlich von einer halben Milliarde Euro Defizit die Rede. Die Hochrechnung sollte sich dennoch als zu optimistisch erweisen.

Der Chef der Präfektur Versaldi: „Der Vatikan riskiert den Untergang“
Seite 172: Eines wird, wie schon angedeutet, aus den bisher getätigten Erhebungen völlig klar: Die Zahl der Vatikanbeschäftigten ist viel zu hoch und sie wird von zu vielen verschiedenen Stellen verwaltet. Die aktuellen Zahlen der Cosea-Kommission zeigen es überdeutlich, demnach existieren auf dem Territorium des Heiligen Stuhles allein 21 Personalbüros mit insgesamt 35 Angestellten. Jedes Büro verwaltet seinen eigenen kleinen Anteil an den insgesamt 4’699 Angestellten des Vatikan.
Seite 173: Doch die Mahnungen des Papstes und seiner Mitarbeiter, sich bei Neueinstellungen und Übertragung von Aufgaben zurückzuhalten, verhallen ungehört. Die Kurie scheint das alles nicht zu interessieren, die Reformanliegen des Papstes teilt man dort nicht, und manchmal werden nicht einmal seine Anweisungen befolgt. Da ist alles Reden vergeblich, selbst wenn der Leiter der Präfektur, Versaldi am 19. Dezember 2012 in einer vertraulichen Sitzung vor den Mitgliedern der Cosea-Kommission beteuert: „Was wir brauchen, ist ein Mentalitätswandel, wir müssen lernen, über den Tellerrand zu schauen. (…) Der Vatikan kann sich auf die Verfolgung gemeinsamer Werte oder der Werte, die das Evangelium verkündet, stützen. Eine Reduktion der Ausgaben zu verweigern, würde aber jedenfalls bedeuten, den Untergang der gesamten Struktur zu riskieren.“

Ein 800-Millionen-Loch in der vatikanischen Rentenkasse
Seite 174: In den folgenden 3 Monaten geht die Durchleuchtung des vatikanischen Vorsorgesystems weiter. Die Finanzexperten des Papstes fördern dabei grundlegende Mängel zutage. Ein Abgleich der Zahlen und Daten ergibt, wie es in einem internen Risikopapier heisst, „ein erhebliches Defizit im Pensionsfonds in Höhe von wenigstens 700 bis 800 Millionen Euro.“ Die Zahlen sprechen eine klare Sprache, das Rentensystem des Vatikan steht kurz vor dem Zusammenbruch. Pensionsverpflichtungen in Höhe von aktuell 1,2 bis 1,3 Milliarden steht ein Guthaben von etwas mehr über 450 Millionen gegenüber und damit ein Defizit von 700 bis 800 Millionen.
Seite 176: Die Anleihedividende beträgt 10,9 Millionen Euro, die Zinserträge belaufen sich auf 461’000. Weiter führt Versaldi aus: „Das Betriebsergebnis (vorläufiger Überschuss zum 31.12.2013) wird bei 27,7 Millionen liegen und damit 466’000 Euro unter dem im Budget für 2023 veranschlagten Betrag.“ Sieht man sich das Wertpapierportfolio (Stand: 30.09.2013) genauer an, kommen etliche italienische Staatsanleihen zum Vorschein, die von Analysten als risikobehaftet eingestuft werden. Schatzbriefe des italienischen Finanzministeriums mit mehrjähriger Laufzeit in Höhe von 70 Millionen Euro zum Beispiel. Faktisch hat der Vatikan also den Grossteil seiner Rentenrücklagen in italienischen Staatsschulden angelegt.
(Anmerkung: Die Päpstliche Schweizergarde hatte bis anhin einen separaten Pensionsfonds. Wenn der austretende Gardist in die Stadt Rom zieht, wird er der vatikanischen Rente zugeteilt.)

Angriff auf die Reform: Einbruch ins Geheimarchiv der Kommission
Seite 179: Sonntag, 30. März 2014, wenige Stunden vor Tagesanbruch. Der Petersplatz liegt einsam da (WA: Er wird um 22 Uhr von der italienischen Polizei am Vatikan geschlossen und um 6 Uhr geöffnet.). Wir sind im Herzen einer der bestbewachten Gegenden der Welt (WA: harmlose Bewachung: ein, manchmal zwei Jeeps mit je 2 Carabinieri stehen nachts auf dem Platz und sind selten zu sehen), doch in dieser Nacht passiert das scheinbar Unmögliche. Jemand schlägt der Sicherheit ein Schnippchen und dringt in ein Gebäude des Vatikan ein. Im Palast der Kongregation an der Piazza Pio XII. (WA: Der Platz ist unmittelbar vor dem Petersplatz) herrscht tiefste Stille. Die Portiersloge am Largo del Colonnato Nr. 3 (WA:  unmittelbar vor dem Beginn der rechten Kolonnade und unbewacht) ist geschlossen. Gaspare, der treue sizilianische Pförtner, ist übers Wochenende nach Hause gefahren, ebenso wie Angestellte und Reinigungspersonal. Ausser der 353 m2 grossen Wohnung des nigerianischen Kardinals Francis Arinze und einer Zweizimmerwohnung, vermietet an einen ruhigen Pensionär beherbergt das vierstöckige Gebäude nur Geschäfts- und Büroräume, etwa die Räume der Kleruskongregation, der Kongregation für das Katholische Bildungswesen oder der Kongregation für die Institute des geweihten Lebens (WA: vatikanisches Hoheitsgebiet). Das 781 m2 grosse vierte und letzte Stockwerk an Stiege D wird allein von der Präfektur für die wirtschaftlichen Angelegenheiten des Heiligen Stuhles genutzt (Prefettura degli Affari Economici della Santa Sede). Hier laufen mittlerweile viele Fäden der von Papst Franziskus gewünschten Untersuchung der römischen Kurie zusammen: Hier arbeiten die Revisoren Seite an Seite mit den Mitgliedern der Cosea-Kommission. Hier befindet sich ein Grossteil der vertraulichen Unterlagen. Und hier liegt das Büro des Koordinators der Kommission und Sekretärs der Präfektur, Vallejo Balda. Ein für die Revolution von Papst Franziskus symbolträchtiger Ort. Die Einbrecher dringen in das Gebäude ein und gehen Stockwerk für Stockwerk vor: Sie betreten die Büros der Kongregationen, schweissen jeden Tresor, den sie finden können, auf und entnehmen das darin befindliche Bargeld. Es handelt sich um keine bedeutenden Beträge: ein paar hundert Euro in jedem Büro. In den Kassen der Kongregationen und der Präfektur wird lediglich Geld für kleinere Anschaffungen aufbewahrt. Bescheidene Beträge also, die nicht zum generalstabsmässigen Vorgehen der Eindringlinge passen wollen, die zweifellos Berufseinbrecher sind. Sie wissen genau, wo sich die Tresore befinden, wie man sie möglich schnell knackt, und überwinden mit Leichtigkeit jede Tür, die sich ihnen in den Weg stellt. – Doch dann zeigen die Diebe ein ungewöhnliches Verhalten, das die Ermittler stutzen lässt. Offensichtlich gehen sie jedoch keineswegs planlos vor und liefern damit wohl den geeignetsten Schlüssel, um den beunruhigenden nächtlichen Einbruch zu erklären. – In den Räumen der Präfektur beschränken sich die Einbrecher nicht darauf, den Tresor möglichst schnell ausfindig zu machen, zu öffnen und die bescheidene Summe von 500 Euro mitzunehmen. Sie dringen auch in den Raum mit den Panzerschränken ein. Und einen brechen sie auf. Obwohl sich die Panzerschränke von aussen durch nichts unterscheiden, wissen die Verbrecher genau, welchen Schrank sie aufbrechen wollen. Offenbar suchen sie nach etwas und wissen genau, wo sie es finden können. Sie kennen sich aus und gehen kaltblütig vor. Als sich dann die schwere Panzerschranktür öffnet, liegen vor ihnen kein Geld oder Preziosen (Schmuckstücke), sondern geheime Unterlagen, sorgfältig in Dutzenden Aktenbündeln verwahrt. – Es sind nicht irgendwelche  Akten, die die nächtlichen Einbrecher mitnehmen, sondern Teile des Geheimarchivs der päpstlichen Cosea-Kommission.
Seite 181: Man versucht, den Tathergang zu rekonstruieren. Die Einbrecher, die mindestens zu zweit oder dritt gewesen sein müssen, kamen möglicherweise durch das Eingangstor. Doch die Ermittler verfolgten zunächst noch eine andere These. Die Einbrecher könnten durch die Kellerräume gekommen und über einen der zahlreichen Tunnel, die die Gebäude der vatikanischen Macht verbinden, in den Palast der Kongregationen eingedrungen sein. Die These scheint kühn, aber nicht unwahrscheinlich. Vom Keller des Gebäudes aus gelangt man in verschiedene Richtungen: in die Büros des Zwillingsgebäudes, in dem andere Kongregationen ihren Sitz haben, oder in die des IOR (WA: Vatikanbank im Nikolaus-V.-Turm, der zwischen Schweizergardequartier und Papstpalast auf vatikanischem Staatsgebiet liegt), in den Apostolischen Palast oder, auf der anderen Seite, in die Engelsburg. Das Netz aus Tunneln, Korridoren im Freien, schmalen, überdachten oder offenen Durchgängen, Treppen und Aufzügen geht grösstenteils auf die weltweiten Konflikte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück und erlaubte Eingeweihten, sich unbeobachtet und vor neugierigen Blicken geschützt zu bewegen. Es ist eine Parallelwelt, die man durchaus als mächtiger Metapher (bildliche Wendung) für den Apostolischen Palast betrachten kann: Auch dort gibt es Dinge, die an die Oberfläche kommen und in offiziellen Pressemitteilungen verbreitet werden und Dinge, die sich in geheimen Räumen abspielen. Unter den Strassen Roms, über die täglich Tausende ahnungslose Gläubige und Touristen gehen, liegt eine verborgene Welt. Und nicht zufällig besitzt das IOR, die undurchsichtige Bank der Päpste, im Kellergeschoss des Palastes der Kongregationen Lagerräume, wo sie ihre Geheimarchive aufbewahrt – was allerdings kaum jemand weiss.
Seite 185: Am frühen Morgen des 10. April 2014 wirft jemand einen verschlossenen Umschlag in den Briefkasten der Präfektur (WA: Largo del Colonnato Nr. 3: vatikanisches Hoheitsgebiet), ohne Empfänger oder Absender. Die Angestellten öffnen den Umschlag und finden darin Unterlagen, die ihnen sofort bekannt vorkommen: einen Teil der Akten, die einen Monat zuvor aus dem Panzerschrank entwendet worden waren.

Der prachtvolle Abgang Kardinal Bertones
Seite 190: Schon wenige Tage später (WA: Anfang Oktober 2013) kommt der Bischof von Rom auf das Thema zurück (WA: „Die römischen Dikasterien stehen im Dienst des Papstes und der Bischöfe“. Interview mit dem Jesuiten Antonio Spadaro von der Zeitschrift „La Civiltà Cattolica“). Dieses Mal wählt er als Gesprächspartner einen italienischen Intellektuellen und Atheisten, Eugenio Scalfari, Gründer der Tageszeitung „La Repubblica“. Und wird noch deutlicher: „Die Oberhäupter der Kirche waren oft narzisstisch (jemand, der sich selber bewundert und liebt), von Schmeichlern umgeben und von ihren Höflingen zum Üblen angestachelt. Der Hof ist die Lepra (Aussatz) des Papsttums. An der Kurie gibt es manchmal Höflinge, aber insgesamt ist die Kurie etwas anderes. (…) Sie ist auf den Vatikan zentriert. Sie sieht und pflegt die Interessen des Vatikan, die immer noch zu grossen Teilen weltliche Interessen sind. Diese auf den Vatikan zentrierte Sicht vernachlässigt die Welt, die uns umgibt. Ich teile diese Sicht nicht, und ich werde alles tun, um sie zu ändern. (…) Als Erstes habe ich entschieden, eine Gruppe von 8 Kardinälen zu ernennen (→Kardinalsrat), die meinen Rat bilden sollen. Keine Höflinge, sondern weise Personen, die von denselben Empfindungen bewegt sind wie ich. Das ist der Anfang dieser Kirche mit einer nicht nur vertikalen, sondern auch horizontalen Organisation.

Die Revolution macht Angst: weniger Macht den Kurienkardinälen, mehr Raum für Laien
Seite 195: Im Dezember 2013 ist ein Treffen der Kardinäle des C8 in Rom anberaumt. Die Cosea-Mitglieder erarbeiten dafür eine Strategie, um die katholische Kirche von Grund auf zu reformieren. Vor allem muss wieder ein Gleichgewicht zwischen weltlicher und geistlicher Macht hergestellt werden. Die Stimme der Laien müsse im Finanz- und Verwaltungsbereich mehr Gewicht bekommen. Für eine absolute Monarchie, deren Oberhaupt ein Geistlicher ist, ein revolutionärer Vorschlag. Ein Ereignis von historischer Bedeutung. – Die Lobbyisten und Seilschaften, die den Vatikan seit jeher regieren, können diese neue Ausrichtung nicht gutheissen: Wenn das Projekt gelänge, dann wäre das das Ende – heisst es bei den zahlreichen „Höflingen“, um den Ausdruck von Papst Franziskus zu verwenden. Viele hohe Würdenträger denken so, als ihnen die Gerüchte von der letzten streng geheimen Sitzung der Cosea-Kommission zu Ohren kommen. Wie sollte es auch anders sein.
Seite 199: Im Vatikan geht es jetzt um eine Strukturreform, die die Machtordnung radikal verändert, und einige Geistliche übernehmen dabei eine grosse, bislang undenkbare weltliche Verantwortung. Als den Kurienkardinälen diese Perspektiven zu Ohren kommen, ist die Bestürzung gross. Es kommen erste Drohgebärden: Warnungen und Aktionen, die, wie wir noch sehen werden, durchaus kriminelle Züge annehmen. Die Gegner der Veränderung waren bisher unorganisiert und handelten allein, doch nun formiert sich der Widerstand – wie in einemechten Krieg zwischen zwei gut gerüsteten Heeren auf dem Schlachtfeld.

Krieg im Vatikan, erster Akt: Blockierte Budgets und Störfeuer aus der Kurie
Seite 204: Die Kurie steht den Vorgaben des neuen Papstes ganz augenscheinlich gleichgültig, wenn nicht ablehnend gegenüber. Dass in Wahrheit in diesen ersten Monaten des neuen Pontifikats wenig erreicht wurde, daran lässt allerdings auch Versaldi (Präfekt für die ökonomischen (wirtschaftlichen) Angelegenheiten des Hl. Stuhles, seit 31.03.2015 Präfekt der Kongregation für das katholische Bildungswesen) keinen Zweifel: „Allen Anstrengungen zum Trotz haben wir hier zwei Budgetvorlagen, die gegenüber dem Vorjahr keinerlei Fortschritt erkennen lassen, mit Ausnahme der Einsparungen, welche die APSA gegenüber früheren Budgetentwürfen vorgesehen hat.“ -Ermutigende Zahlen also. Das negative Fazit, mit dem Kardinal Versaldi gleich zu Beginn der Beratungen aufwartet, erstickt alle Hoffnungen auf eine Besserung der Lage im Keim. „Kein Fortschritt feststellbar“, so der Leiter der Präfektur. Damit ist man dort, wo man im Juni 2013 schon war, als Papst Franziskus sich zur Einsetzung der Cosea-Kommission entschloss, um mit dem vatikanischen Finanzdebakel aufzuräumen.
S. 206: Joseph Zahra, Leiter der Cosea-Kommission, der in seiner Funktion als Revisor der Präfektur an der Sitzung teilnimmt, kann ebenfalls keine Besserung erkennen. Er bemängelt das anmassende Verhalten derer, die alles beim Alten lassen wollen: „Die Tatsache, dass diese Situation sich jedes Jahr wieder aufs Neue wiederholt, ist kein vorübergehendes Phänomen, sondern Ausdruck einer langfristigen Krise. Das Problem beruht nicht nur auf Mängeln in den Verfahren, sondern auf einer verfehlten Einstellung und auf falschen Handlungsmustern. Oft mangelt es aufseiten der Verantwortlichen der Dikasterien (Ministerien des Hl. Stuhles) schlicht am Willen zu echter Zusammenarbeit. Überheblich wie sie sind, glauben diese Leute, sie seien die Einzigen, die wissen, was zu tun ist. (…) Die grössten Schwierigkeiten ergeben sich aus der Angst vor Veränderung aufseiten der Institutionen.“

Eine Haushaltssperre als Ultima Ratio (als letzte Vernunft)
S. 207: Einer der Revisoren, der italienische Finanzexperte Maurizio Prato, ist immer noch fassungslos angesichts der vorgelegten Zahlen (Tabellen mit den Verlustkonten). Er wirkt erschöpft und kann sein Unbehagen kaum verhehlen: „Besonders bedauerlich ist doch, dass alles im selben Schneckentempo seinen Gang geht wie zuvor. Ohne das geringste Anzeichen für einen Wandel, für ein erwachendes Verantwortungsgefühl, die nötige Akkuratesse (Sorgfältigkeit, Ordentlichkeit) und Effizienz im Umgang mit dem Vermögen des Heiligen Stuhles. Niemand ergreift konkrete Massnahmen, um die Ausgaben im vorgesehenen Rahmen zu halten. Das Gesamtbudget des Heiligen Stuhles, wie es hier vorgestellt und erläutert wird, zeigt an einigen Stellen zwar Ansätze zu einer Verbesserung, im Ganzen bleibt es aber unkoordiniert, was die Einzelaufstellungen und Berichte angeht, die ad hoc (aus dem Augenblick heraus)überdies nur schwer nachvollziehbar sind.“
Seite 211: Vallejo Balda: “ Es reicht das Beispiel der in der Vatikanischen Bibliothek durchgeführten Arbeiten. Eine Nachprüfung der Belege ist schlicht unmöglich, eben wegen der Art und Weise, wie vorgegangen wird. Wer hat die Mittel bewilligt? Wie wurde über das Budget entschieden? Wurde eine Kostenschätzung für das Projekt erstellt? Nach welchen Gesichtspunkten wurde der Auftrag vergeben? Wer hat die Verantwortung für die Abwicklung?“ – Das vernichtende Fazit kommt schliesslich vom Kommissionspräsidenten, Joseph Zahra: Es geht nicht einfach darum, neue Regeln einzuführen – was der Kurie fehlt, ist die Bereitschaft, diese zu befolgen.
Seite 213: Doch angesichts der roten Zahlen ist für die Revisoren die Zeit der Konzilianz (Entgegenkommen) vorüber. Sie verweigert dem konsolidierten (gefestigten) Budgetentwurf 2014 für den Heiligen Stuhl und dem Governatorat ihre Unterschrift.

Radio Vatikan mit Defizit auf Dauersendung
Seite 215: Das veranschlagte Gesamtdefizit des Radio Vatikan für 2014 beträgt 25,1 Millionen Euro, im Anschluss an ein für 2013 geschätztes Defizit von zirka 28 Millionen. Wir bewegen uns also mit zunehmender Geschwindigkeit auf die völlige Verzehrung des Vermögens zu; mit anderen Worten, auf den Bankrott. – Eine Geschäftsführung also, die auf die Insolvenz (Zahlungsunfähigkeit) zusteuert. Wären wir in einem Land der Europäischen Union, die Verantwortlichen hätten wohl schon längst ihre Geschäftsbücher zu Gericht tragen müssen. Die Kritikpunkte sind haargenau dieselben, die schon in einer vergleichbaren Sitzung im Juni 2013 erhoben wurden. Damals war es Kardinal Versaldi, der die Finanzgebarung von Radio Vatikan und Osservatore Romano (vatikanische Tageszeitung) scharf verurteilte. – Die finanziellen Vermögenswerte von Radio Vatikan bewegen sich im kritischen Bereich, sie genügen lediglich, um den Betrieb aufrecht zu erhalten.
Seite 216: Im Personalbereich muss konstatiert werden, dass die Erhöhung der Mitarbeiterzahl nicht zu einer Verbesserung der Produktionen geführt hat. Die Bildstelle des L’Osservatore Romano, obwohl im Besitz des Exklusivrechts für den Verkauf der Papstbilder, hat sogar im Minus abgeschlossen. – An der Kurie sind diese Missstände bekannt. Niemand ist glücklich darüber, aber seit Jahren bleibt alles beim Alten, nichts geschieht, nichts ändert sich. Dies hat in der Sitzung vom Juni 2013 auch John F. Kyle beklagt. Der Kanadier wies darauf hin, in den verschiedenen Kommissionen  habe „kein einziger der anwesenden Kardinäle die aktuelle Situation bei Radio Vatikan gebilligt, schon gar nicht der Vertreter aus den Entwicklungsländern. Der Kardinalstaatssekretär hat versucht, etwas zu unternehmen, aber ohne nennenswerten Erfolg.“  Der Kurzwellensender muss stillgelegt werden, und zwar bald. – Auch die Sendeanlagen an der Piazza Pia und der Piazza Leone XIII. wurden begutachtet. Die Zuständigen des Medienbereiches wissen nicht einmal, wie viele Quadratmeter ihnen da zu Verfügung stehen.
Seite 217: Beim L’Osservatore Romano arbeiten etwa 84 Journalisten, aber nicht alle werden gebraucht. Man könnte wenigsten die Verträge ändern, doch alles geht so weiter wie gehabt. – Der Verkauf der polnischen Ausgabe deckt nicht einmal die Druck- und Frachtkosten (zirka 1,50 Euro Verlust pro Exemplar). Grosse Mängel weist auch die Betriebsführung auf.

Gegenschlag aus der Kurienverwaltung
Seite 218: Im Dezember 2013 kommt es zu einer erneuten Zuspitzung der Lage. Zusätzlich zur faktischen Haushaltssperre für Governatorat und dem Heiligen Stuhl sorgt nun ein weiterer Schauplatz für Spannungen im Vatikan.
Seite 221: Nun wird also an zwei Fronten gekämpft. Auf der einen Seite das Staatssekretariat, das die Bilanzprüfer im Haus hat und sich mit nachdrücklichen Forderungen nach Informationen konfrontiert sieht. Auf der anderen Seite die seit Wochen blockierten Budgets. Im Apostolischen Palast wird die Luft immer dicker. – Da tragen  Nachrichten natürlich nicht gerade zu einer Entspannung des Klimas bei. Wie brasilianische Zeitungen berichten, greift der Heilige Vater dem Organisationskomitee für den Weltjugendtag mit einer Spende in Höhe von 3,6 Millionen Euro unter die Arme. Das vom  22. bis 29. Juli 2013 in Rio begangene Welttreffen der katholischen Jugend hat einen Schuldenberg von 28,3 Millionen Euro hinterlassen, den es nun abzutragen gilt. Träger der Veranstaltung war die Erzdiözese Rio de Janeiro und deren Bischof, Orani João Tempesta, von dem es gerade in diesen Tagen heisst, Bergoglio würde ihn zum Kardinal ernennen.

Kardinalspurpur für Parolin, Rotstift für die Kurie
Seite 224: Die Drähte laufen heiss, gleichzeitig gehen bei Parolin (Kardinalstaatssekretär) Ersuchen um Aufklärung zu den von den Revisoren eingefrorenen Budgets für Governatorat und den Heiligen Stuhl ein. Eine Liste von kritischen Punkten in den Buchführungsunterlagen, die 7 Seiten lang ist. „Im Ganzen ist keine Bewegung zu erkennen, keine Hinweise auf einen Wandel oder ein gestiegenes Verantwortungsgefühl, das Vermögen des Heiligen Stuhles achtsamer zu verwalten, und es sind auch keine Massnahmen gesetzt worden, um die Ausgaben einzudämmen. – Die Budgets müssen daher bei den Positionen Finanzen und Personal noch einmal überarbeitet werden. Der Haushalt wird so lange nicht freigegeben, wie folgende Bedingungen nicht erfüllt sind: Überarbeitung der Ausgabenposten im Bereich Personalwesen sowie Einhaltung der vereinbarten stops von Neueinstellungen und Neubesetzung im Rahmen der üblichen Personalfluktuation (Schwankung) und nach Ausscheiden von Mitarbeitern durch Erreichen der Altersgrenze; keine bezahlte Mehrarbeiten und keine Höherstufungen mehr; Deckelung der Gehaltsanpassung (bezogen auf 2013 oder 2012) auf reinen Inflationsausgleich. – Erst jetzt entschliessen sich Staatssekretariat, APSA und Governatorat zur Zusammenarbeit.
Seite 230: Parolin spricht in diesem Schreiben die Krisenlage offen an. Erforderlich ist demnach: (…) die sofortige Umsetzung von geeigneten Massnahmen zur Kostensenkung beim Personal, da durch diese Massnahmen in der gegenwärtigen schwierigen Zeit der wirtschaftlichen Krise ein Beitrag zum Fortbestehen der im Dienst des Heiligen Vaters und der Weltkirche stehenden Gemeinschaft geleistet wird. – Der Papst verlangt ein höheres Mass an Personalmobilität zwischen den einzelnen Kurienbehörden, friert die Überstunden ein sowie den Abschluss von Zeitverträgen, die Neuvergabe von Aufträgen an Experten, Vorrückungen und natürlich alle Neueinstellungen. Geht ein Beschäftigter in Pension, so heisst es im Rundschreiben des Staatssekretariates, „werden seine Kollegen sich grosszügig seiner nun freigewordenen Aufgabenbereiche annehmen.“

Krieg im Vatikan, zweiter Akt: Die Revolution von Papst Franziskus und der Aufstieg von Kardinal Pell; die Revolution von Papst Franziskus
Seite 231: Doch die Lage ist schwierig und angespannt. Wenige Wochen vor dem Konsistorium, am 3. Februar (WA: Konsistorium am 22.02.2014, 19 neue Kardinäle),  hatte Papst Franziskus aus den Händen seines früheren Privatsekretärs Alfred Xuereb den Abschlussbericht der Cosea-Kommission mit den Anmerkungen zu den kritischsten Punkten und den grössten Risiken erhalten, auf die sie in den wenigen Monaten ihrer Arbeit gestossen war. Der Ton war mehr als heftig. Abschliessende Vorschläge, die dem Heiligen Vater zu übergeben sind (…).
1. Fehlende Gouvernance , fehlende Kontrolle und fehlende Professionalität
führen bei der APSA zu hohen Risiken. 92 Empfehlungen wurden erarbeitet,
um diese Risiken  zu bewältigen. (…) Cosea schlägt vor, sich immer dann,
wenn die Schlussfolgerungen dies nahelegen, an die Justiz zu wenden.
2. Es wurden konkrete Vorschläge für die gesamte kommerzielle Tätigkeit des
Governatorats vorbereitet, unter Darstellung der Vor- und Nachteile, die eine
Einkommenssteuer und eine Besteuerung der Umsätze (Mehrwertsteuer)
im Vatikanstaat nach sich ziehen könnten.

Es ist Sonntagmorgen, der 23. Februar 2014. Es herrscht lebhaftes Treiben am Petersplatz, auf dem sich viele Pilger eingefunden haben. All jene Kardinäle, die den argentinischen Kardinal kaum ein Jahr zuvor im Konklave unter dem Gewölbe der Sixtinischen Kapelle zum Papst gewählt hatten, sind wieder nach Rom  gekommen. Franziskus hat die Predigt, die er in der Messe im Petersdom halten wird, sorgfältig vorbereitet. Nun stehen die 19 Mitbrüder, die er eben zu Kardinälen ernannt hat, vor ihm. – Energisch ermahnt er sie: „Der Kardinal tritt in die Kirche Roms ein, nicht in einen Hofstaat. Vermeiden wir alle höfische Gewohnheiten und Verhaltensweisen wie Intrigen, Tratsch, Seilschaften, Günstlingswirtschaft, Bevorzugungen und helfen wir uns gegenseitig, sie zu vermeiden.“ Nach einer kurzen Pause ermahnt der Nachfolger Petri die Kardinäle erneut, die Spirale der heimlichen Kämpfe zu stoppen: „Vermeiden wir Intrigen … Lieben wir diejenigen, die uns feindlich gesinnt sind. Wir dürfen nicht nur dem Anderen das Böse, das er uns zugetan hat, nicht heimzahlen, sondern sollen uns anstrengen, Gutes zu tun.“
Seite 234: Die Stimmung im Saal ist emotional, gespannt und aufgewühlt. Nach der Rede des Heiligen Vaters fangen einige an zu  klatschen, aber Parolin winkt ab. Es entsteht also ein neues Dikasterium, das →Wirtschaftssekretariat, während der Kardinalsrat der 15, der den beteiligten Kardinälen so viel Glanz verlieh, abgeschafft, oder vielmehr durch ein paralleles Organ ersetzt wird, das sich →Wirtschaftsrat nennt. In diesem werden 7 der 15 Mitglieder allerdings qualifizierte Fachleute aus der Praxis sein. Nicht als einfache Berater, sondern als Mitglieder mit vollem Stimmrecht, gleich wie die Geistlichen auch. Papst Franziskus fängt also an, dieses über Monate von der Cosea-Kommission und den Beratern von Promontory und Mc Kinsey ausgeklügelte Gleichgewicht zwischen Geistlichen und Laien in der Hierarchie konkret und sichtbar umzusetzen. Es handelt sich fraglos um eine radikale Veränderung: Erstmals dringt eine Gruppe von Laien als Entscheidungsträger in die unüberwindliche abgeriegelte Welt der vatikanischen Finanzen vor.

Die Auseinandersetzung zwischen Pell, Parolin und den Kurienkardinälen hinter
verschlossenen Türen
Seite 242: Auf das neue Dikasterium (Wirtschaftssekretariat genannt) kommt somit eine vielschichtige Aufgabe zu: Das Sekretariat wird sich mit der Finanzplanung befassen und künftig das Budget erstellen. Es hat die Wirtschaftsverwaltung zu überwachen und die Aufsicht über die Verwaltung, die Finanzen und die Tätigkeit der Einrichtungen des Heiligen Stuhles und des Vatikanstaates zu führen. Bisher fiel dies in die Zuständigkeit des Staatssekretariates, das sich ab nun nur noch um die diplomatischen Beziehungen kümmern soll. Schon die Bezeichnung gibt Aufschluss darüber, dass Staatssekretariat und Wirtschaftssekretariat auf derselben Ebene angesiedelt sind. Beide unterstehen direkt dem Papst. Parolin (Kardinalstaatssekretär) und Pell (Präfekt des neuen Wirtschaftssekretariates) werden die Zusammenarbeit suchen müssen. Um Reibungen zu vermeiden, prescht Pell im Kardinalsrat der 15 schon mal vor. Zusammenarbeit, versichert er, sei „absolut unverzichtbar. Mir ist das völlig klar, und von meiner Seite aus besteht die volle Bereitschaft, miteinander voranzukommen.

Gezielte Unterstellungen und offene Anfeindungen
Seite 255: Die Führungskader im Vatikan behindern und zerfasern Pells und Bergoglios Pläne und bremsen sie aus, in der Überzeugung, der Verschleiss werde jede Neuerung auflaufen lassen  und an der Glaubwürdigkeit eines Papstes zehren, der Grosses ankündigt, aber dann zusehen muss, wie seine Vorhaben in den Korridoren der Paläste erlahmen. „Die da“, so nennt Franziskus einige Leiter des Staatssekretariates, ohne sie je beim Namen zu nennen. „Früher“, meint ein Kardinal, „hiess es, die Kirche besteht seit zweitausend Jahren und überlebt sogar die Geistlichen, heutzutage wird man bitter feststellen müssen, gewisse krankhafte Teile der Kurie überleben sogar die Päpste des Wandels.“

Das Aufräumen
Seite 255: Um die Reformen zu beschleunigen und die Widersacher zu schwächen, die dem Papst in Fragen der Glaubenslehre ebenso wie bei den Veränderungen der Finanzgebarung entgegenarbeiten, setzt er auch einen unerbittlichen Wechsel an der Spitze der vielen Geschäftsstellen durch, die den kleinen Staat beherrschen. Zunächst verschafft er sich hierfür ein brauchbares Instrument. Im Herbst 2014 erlässt er eine Vorschrift, die die Leiter der Dikasterien bei Vollendung des 75. Lebensjahres zum Rücktritt zwingt und die Möglichkeit einführt, dass der Papst einen Bischof um den vorgezogenen Verzicht auf sein Amt bittet, „nachdem ihm die Gründe dieser Forderung zur Kenntnis gebracht und aufmerksam seine Gründe in brüderlichem Dialog angehört wurden“, wie in der von Parolin unterzeichneten Neuregelung vom 5. November 2014 zu lesen ist. – Zahlreiche Kardinäle müssen so den Hut nehmen, darunter Angelo Amato von der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, Antonio Maria Vegliò, Präsident des Pastoralrates für die Migranten, und Zenon Grocholewski, Präfekt der Kongregation für das Katholische Bildungswesen. Und während die Durchführungsbestimmungen für Pell ausgearbeitet werden, setzt der Heilige Vater den US-amerikanischen Kardinal Raymond Leo Burke als Präfekten des Obersten Gerichtshofes der Apostolischen Signatur ab. Burke wird stattdessen zum Kardinalpatron des Malteserordens, praktisch ein Ehrenamt. Der konservative Kardinal, den Vertraute des Papstes einmal netterweise „ein Cembalo, das in der Wüste spielt“ nennen, zählt zu den offensichtlichsten Gegenspielern des Papstes. „Viele Gläubige fühlen sich seekrank“, hatte er nach der Synode gesagt, „weil sie das Gefühl haben, die Kirche sei von ihrem Kurs abgekommen.“

„Jessica“ und die anderen
Seite 259: Und Papst Franziskus kämpft auch mit einer anderen Schwierigkeit (die vorgehenden sind: Francesco Camaldo, Dekan der päpstlichen Zeremoniare; das Verschwinden der 15-jährigen Tochter eines Dieners der Präfektur des päpstlichen Hauses am 22.06.1983). So tragen wohl manche hohe Würdenträger merkwürdige Spitznamen. Da gibt es eine „Jessica“, eine „la beddazza (sizilianisch für: die Schönheit) – mit angeblichen Vorlieben für Champagner und Novizen, einen „il pavone“ (der Pfau) – der sich von einem sehr gut aussehenden, jungen Unternehmer, der wegen Arbeit in den vatikanischen Palästen verkehrt, „verwöhnen“ lassen soll, oder eine „Monica Lewinsky“ und noch einige mehr. Die vielen Vertreter der sogenannten Schwulen-Lobby tragen Spitz- und Kosenamen, die auf ihre Herkunft oder ihre sexuellen Vorlieben verweisen. Vorbestrafte Laien ködern am Abend nach getaner Arbeit in römischen Lokalen junge Leute, damit die alten Prälaten ihre Laster befriedigen können. Dafür bekommen sie Protektion (Förderung, Schutz), Taschengelder, sichere Jobs in vatikanischen Behörden oder italienischen, staatlichen Unternehmen und höhere Gehälter, als sie ihrer Rolle und ihren Fähigkeiten entsprechen. – Hier muss man allerdings klarstellen, dass Papst Franziskus nicht auf eine echte Schwulen-Lobby gestossen ist. Besser gesagt, es gibt kein organisiertes homosexuelles Netzwerk, das Ernennungen bestimmt, über Ausschreibungen entscheidet und das Sagen über Dikasterien, Gelder, Leben und Karrieren von Menschen hat. Zumindest nicht in diesem Sinn. In Wirklichkeit ist die Situation noch schlimmer. Homosexualität wird als gebrochenes Tabu erlebt, als Geheimnis und als Schwäche, über die nicht gesprochen werden darf. Damit wird sie zu einem formidablen Ansatzpunkt für Erpressungen. „Viele Kardinäle pflegen insgesamt ein Laster“, erläuterte ein Bankier, der den Vatikan berät und nicht genannt werden möchte, „der eine will einen jungen Burschen, der andere ein Model, wieder andere pflegen eine Leidenschaft für guten Wein und gutes Essen, andere sind geldgierig. Wenn jemand Böses im Schilde führt, braucht er nur die Schwäche des betreffenden Kardinals ausmachen, und schon hat er gewonnen. Er stellt ihn zufrieden, indem er seine Wünsche befriedigt, und wird dann entsprechend belohnt und lebt von der Rendite“.

Epilog: Wird auch Papst Franziskus zurücktreten? Eine unvollendete Revolution
Seite 263: Ich habe davon berichtet, in welchem verkommenen Zustand Papst Franziskus die Kurie vorgefunden hat: gezeichnet von Trägheit, Skandalen, Bereicherung, üblen Machenschaften und undurchsichtigen Interessen. Eine Kurie, auf die man sich nicht verlassen kann, die Benedikt XVI. zum Rücktritt gebracht und viele Gläubige der Kirche entfremdet hat. Um dies zu ändern, hat Franziskus die klügsten Köpfe des Vatikan beschäftigt und Millionen von Euro für die Beratung durch externe Experten ausgegeben. Für Laien, denen noch dazu gestattet wurde, sämtliche Konten des heiligen Stuhles zu durchstöbern.
Seite 264: Andere brachten ihre Kritik am Papst mit mehr oder weniger deutlichen Gesten zum Ausdruck (z. B. Franc Rodé, ehemaliger Erzbischof von Ljubljana; „des Papstes Ansichten zu Kapitalismus und sozialer Gerechtigkeit sind viel zu links“. Kardinal Robert Sarah aus Guinea; „auch innerhalb der katholischen Kirche zeigt sich ein gewisses Durcheinander bei grundlegenden Fragen zur Glaubenslehre, Moral oder Disziplin“). So blieb etwa Gerhard Ludwig Müller, der Präfekt der Glaubenskongregation, einer Messe fern, weil er einzelne theologische Auslegungen des Heiligen Vaters nicht teilt. Und der ehemalige Präsident der italienischen Bischofskonferenz Camillo Ruini, der die Haltung des Papstes zu den wiederverheirateten Geschiedenen missbilligt, reichte Franziskus nach der Synode im Oktober 2014 nicht einmal die Hand.
Seite 265: Die Verwaltung der Mittel des Peterspfennigs (weltweite Sammlung für die caritativen Aufwendungen des Papstes)  sollte eigentlich in die Zuständigkeit des Wirtschaftssekretariates übergehen, doch die Büros von Parolin (Staatssekretariat) leisteten spürbar Widerstand. Zudem entwickelte sich zwischen Pell (Präfekt des Wirtschaftssekretariates) und Parolin (Staatssekretär) nie eine wirkliche Zusammenarbeit. Im Gegenteil. Wiederholt kommt es zu hitzigen Auseinandersetzungen. Wie im Dezember 2014 und Februar 2015, als Pell einige Zahlen über die ausserbuchhalterischen Sondertöpfe verbreitete, die durch die Nachforschungen der vergangenen Monate zum Vorschein gekommen waren. „Wie ich im Konsistorium dargelegt habe, befinden sich zum heutigen Zeitpunkt (13.02.2015) zusätzliche Assets (Vermögenswerte) in Höhe von 442 Millionen bei den Dikasterien (die in die Bilanz 2015 eingestellt werden). Sie kommen noch zu den 936 Millionen hinzu, die wir schon früher ausfindig gemacht hatten.“ Insgesamt wurden also 1,4 Milliarden Euro in den Büchern nicht ausgewiesen. Dann der Seitenhieb auf Parolin: „Auch das Staatssekretariat wusste nicht, dass es nicht das einzige war, das so viel Geld für schlechte Zeiten auf die Seite gelegt hatte.“

Widerstand, Sabotage und falsche Wanzen
Seite 267: Möglicherweise hatte Papst Franziskus nicht damit gerechnet, auf solche gewaltigen Verkrustungen und derart zähen Widerstand zu stossen. Und dann ist es selbst für den Papst, einen absoluten Monarchen, nicht leicht, die geschäftlichen Verpflichtungen zu durchschauen. Beweise sind kaum zu finden: Niemand im Vatikan zeigt etwas an; nur wenige trauen sich oder vertrauen sich jemandem an. Auf der anderen Seite weiss sich dieses abartige System beunruhigend gut zu tarnen und geschickt zu wehren. Die Reformmaschinerie von Papst Franziskus steht stets im Zentrum von Desinformationskampagnen und richtiggehenden Sabotageakten: nicht nur anonyme Briefe, Diebstähle und leise Drohungen wie die Ablieferung der Briefe an Michele Sindona, sondern auch echt kriminelle Handlungen wie diverse illegale Abhöraktionen. – Geschichten, die immer wieder an die Oberfläche treten wie die Flüsse im Karst, und die die kleine vatikanische Gemeinschaft ein ums andere Mal bestürzt zurücklassen. (Karst: Bei Skocjan versinkt die Reka (slowenisch „Fluss“) in Schwinden und fliesst über Wasserfälle und durch Klüfte durch die Skocjan-Höhlen. In 160 m Tiefe verschwindet sie in einem Höhlensee. Der weitere unterirdische Verlauf ist weitgehend unbekannt. 33 km von der Flussschwinde der Reka, schon am Westende des Karst (Kras, Carso) in Italien, entspringt bei San Giovanni di Duino der Timavo als mächtige Karstquelle.) – Der letzte Vorfall ereignet sich im März 2015 direkt in den heiligen Hallen, doch wie üblich dringt nicht das Geringste durch die Mauern nach aussen. Dabei gäbe es wahrlich Grund zur Beunruhigung. In mehreren Büros der Präfektur wurden Wanzen entdeckt. In den Autos, Büros und Wohnungen einiger dort tätiger Priester hatten „unbekannte Hände“ ein System von Abhörwanzen installiert. Diese Priester und Prälaten sind nicht wie alle anderen. Die Präfektur ist das pulsierende Herz der internen Finanzaufsicht des Heiligen Stuhles. Wer hat die Wanzen als dort platziert? Und zu welchem Zweck? Das sind die Fragen, die sich die entgeisterten Kardinäle und Prälaten stellen. Die Nachricht erreicht auch das Privatsekretariat von Papst Franziskus. Und ein Detail macht diesen Krimi noch komplizierter: Nicht alle gefundenen Wanzen sind funktionsfähig. Einige sind nur Attrappen, primitive elektronische Mechanismen, so als sollten sie nur eine Nachricht sein, ein Warnung an die, die für den Papst arbeiten.

Wird der Papst den Kampf gewinnen?
Seite 273: Eine abschliessende Antwort auf diese Frage fällt schwer. Das ehrgeizige Projekt von Papst Franziskus ist, wie ich meine, notwendig und duldet keinen Aufschub, aber ob der Papst seine Mission auch wirklich zu Ende führen kann, ist alles andere als gewiss. Die Interessen zu vieler stehen auf dem Spiel. Innerhalb und ausserhalb der Mauern. Wer versucht, die kriminellen Systeme auszurotten, mit denen gewaltige Geldmengen gewaschen werden und anscheinend legal in den normalen Geldkreislauf gelangen, wurde von den mafiosen Vereinigungen stets gnadenlos bekämpft. Nicht von ungefähr sahen italienische Staatsanwälte und Mafiakenner wie der stellvertretende Staatsanwalt Nicola Gratteri die Unversehrtheit von Papst Franziskus schon mehrfach in Gefahr. Doch der Papst hat keine Wahl: Er muss diesen Weg gehen. Und er lässt sich bestimmt nicht einschüchtern. Es sei denn, der Druck wird so unerträglich, dass er sich zum Rücktritt entschliesst, wie er es hin und wieder provokant (provozierend) andeutet. Ausgerechnet er, dieser grosse, einzigartige Papst, der seine Freunde Tag für Tag aufs Neue zählen muss, um nicht allein zu bleiben.

Dokument 2
Seite 316: Beispiele, die der Cosea-Kommission (Päpstliche Kommission zur Untersuchung der Wirtschafts- und Finanzorganisation des Heiligen Stuhles) im Laufe der Arbeit begegnet sind:

  • Die letzte versicherungmathematische Überprüfung des Pensionsfonds 2011 ging von einer geschätzten Finanzierungslücke in Höhe von 40 Millionen Euro aus; die Prüfung durch Cosea ergab eine Finanzierungslücke von 700 bis 800 Millionen Euro (Pensionsfonds).
  • Die Mieteinnahmen der Immobilien der Evangelisierungskongregation könnten doppelt so hoch sein, wenn die Mieten für die externen Mieter auf Marktniveau angehoben würden (Immobilien)
  • In den Jahresabschlüssen des Apostolischen Stuhles werden Barmittel, Wertpapiere und Immobilien in beträchtlicher Höhe nicht erfasst; eine stichprobenartige Überprüfung von vier Körperschaften zeigt zum 31. Dezember 2012 einen nicht ausgewiesenen Betrag in Höhe von mindestens 93 Millionen Euro (Rechnungslegungsprozesse)
  • Durch fehlende Lagerbestände ergab sich in den letzten beiden Jahren ein Verlust in Höhe von 1,6 Millionen Euro (Artikel waren bei der Inventur nicht auffindbar) (Governatorat)
  • Ein Laien-Postulator verlangt für erste Nachforschungen zur  Einleitung eines Kanonisationsverfahrens eine Vorauszahlung in Höhe von 40’000 Euro (Selig- und Heiligsprechungen)
  • Von den 60 Kunden der APSA (Vermögens- und Güterverwaltung des Hl. Stuhles) haben 60 % nur vier oder weniger verschiedene Wertpapiere im Portfolio, was auf eine vollkommen fehlende Anlagediversifikation (Anlageausweitung) hinweist und für das Portfolio ein sehr hohes Risiko darstellt (APSA)
  • Es gibt im Vatikan niemanden, der die Anzahl und die Gesamtkosten für alle Beschäftigten des Vatikans kontrolliert (Personalpolitik)
  • Zirka 80 % der Einlagezertifikate der APSA im Wert von 204 Millionen Euro stammen von nur einem Emittenten (Ausgeber von Wertpapieren), der Banca Prossima, was zu einem hohen finanziellen Risiko führt (Asset Management)
  • Governatorat und APSA verwenden für die Buchhaltung zwei völlig verschiedene EDV-Systeme, obwohl diese erst in den vergangenen zwei Jahren implementiert wurden (Infrastrukturausbau)
Dokument 15 von Pietro Parolin, Staatssekretär
Seite 335: An der Sitzung vom 3. Juli 2013 wurden folgende Bestimmungen erlassen, die für sämtliche Kongregationen, Behörden und Stellen der römischen Kurie sowie die dem Heiligen Stuhl zugehörigen Einrichtungen ab sofort und bis auf Weiteres gelten:
 
  1. Vorerst werden weder befristete noch unbefristete Neueinstellungen vorgenommen; dies gilt auch in Fällen, wo die Vorgaben des Personalplans berücksichtigt sind. Der Einstellungsstopp gilt ebenfalls für die Neubesetzung nach Ausscheiden des bisherigen Stelleninhabers; die aktiven Beschäftigten werden sich nach den Anweisungen der Vorgesetzten grosszügig der hierdurch frei gewordenen Aufgabenbereiche annehmen. Der Einstellungsstopp erstreckt sich gleichfalls auf die Erneuerung befristeter Anstellungsverhältnisse mit Ausnahme von genau zu begründenden Sonderfällen. (…)
  2. Honorarverträge. Der Abschluss neuer Honorarverträge wird ausgesetzt. Gegebenenfalls notwendige Neuverträge sind nur nach Prüfung und Darlegung eines durch die bestehenden Betriebsstrukturen nicht zu deckenden Bedarfsfalles möglich.
  3. Höherstufungen. Höherstufungen sowie die Zuweisung neuer Stellenbereic he sind vorerst nicht vorzunehmen, dies auch, wo der Personalplan entsprechende Stellen vorsieht.
  4. Versetzungen. Um frei werdende Stellen innerhalb der Stellenstruktur wiederzubesetzen und die bestehenden Qualifikationen der Mitarbeiter besser zu nutzen, wird darum gebeten, verstärkt vom Mittel einer, auch zeitlich begrenzten, Versetzung zwischen den verschiedenen Einrichtungen Gebrauch zu machen. (..)
  5. Bezahlte Mehrarbeit. Die wiederholte Inanspruchnahme der Überstundenregelung im Rahmen der normalen Arbeitszeit ist untersagt. Bezahlte Mehrarbeit ist als Ausnahme zu betrachten und nur in wirklich notwendigen Einzelfällen zulässig. Die Arbeitszeit soll so gestaltet werden, dass sowohl bezahlte Mehr- als auch Feiertags- und Nachtarbeit vermieden werden. Es gelten die Regelungen zu Mehr-, Feiertags- und Nachtarbeit (1998), insbesondere hinsichtlich der vorab zu erfolgenden Genehmigung.
  6. Ehrenamtliche Tätigkeit. Das Ehrenamt kann ein wirksames Mittel darstellen, um zeitlich oder sachlich beschränkten Erfordernissen zu begegnen. Voraussetzung ist jedoch strikte Anwendung der einschlägigen Regelungen, besonders hinsichtlich der Freiwilligkeit und Kostenfreiheit der jeweiligen Tätigkeit.
Dokument 16
Seite 338: Päpstliche Kommission zur Untersuchung der Wirtschafts- und Finanzorganisation des Heiligen Stuhles (Cosea). Zusammenfassung der Sitzung Nr. 7 der Kommission (21.02.2014)
Abschliessende Vorschläge, die dem Heiligen Vater und dem Präfekten des Wirtschaftssekretariates zu übergeben sind: (…)
2. Es wurden konkrete Vorschläge für die gesamte kommerzielle Tätigkeit des
Governatorats vorbereitet, unter Darstellung der Vor- und Nachteile, die eine
Einkommenssteuer und eine Besteuerung der Umsätze (Mehrwertsteuer) im
Vatikanstaat nach sich ziehen könnten.
5. Ein Vorschlag von KPMG zwecks Überprüfung des Finanzgebarens der Kongregation für die Heiligsprechungsprozesse soll Kardinal Pell vorgelegt werden. Künftig sollen die Tätigkeit auf diesem Gebiet unter der Leitung des Sekretariates  geführt werden.
6. Die Projekte zu den Pensionsfonds und zur Gesundheitsversorgung wurden
abgeschlossen und die Umsetzung der vorgeschlagenen Initiativen einschliesslich  der unmittelbaren Notwendigkeit, neue Fachleute in die Geschäftsführung zu  berufen, soll unter der Leitung des Wirtschaftssekretariates erfolgen.8. Cosea schlägt vor, dass ein professioneller Headhunter (jemand, der Führungskräfte anwirbt) ausgewählt wird, um einen entsprechend erfahrenen Leiter für die  Personalabteilung ausfindig zu machen.
11. Cosea wird bis Ende März 2014 alle laufenden Projekte zum Abschluss führen:

  • Eine Revision des Immobilienvermögens (mit Unterstützung von Promontory intern geleitet)
  • Einen Vorschlag für ein einziges vatikanisches Medienzentrum (von McKinsey geleitet)
  • Eine Due Diligence der Krankenhäuser Bambino Gesù (von PWC geleitet) und Casa Sollievo della Sofferenza (von Deloitte geleitet
Dokument 19: Cosea-Meeting Nr. 3, Brainstorming Report
Seite 344
Das Staatssekretariat sollte Päpstliches Sekretariat heissen. Und hier sollte man daran erinnern, dass Paul VI. diesem nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil zusätzliche Machtbefugnisse verlieh. (Er kannte das Staatssekretariat gut, da er dort viel Jahre gearbeitet hatte.) Aber es erwies sich schliesslich als ein Nadelöhr, weil es alles und jedes genehmigen musste.
Es sollten alle Päpstlichen Räte abgeschafft werden, da ihre Aufgaben zwar theoretisch wichtig sind, die einzige notwendige Aufgabe aber die Koordination der verschiedenen Bischofskonferenzen ist – Beispiel Kultur: Rom kann keine Lehren verbreiten, die Einfluss auf den Rest der Welt nehmen sollen.
So wäre die Kurie schlanker und besser zu lenken (Verglichen mit anderen Regionen der Welt herrscht Rom ein grosses Übergewicht an Kardinälen).
An der Spitze der Verwaltungen sollten nicht nur Kardinäle stehen: Rein administrative Organe wie die APSA benötigen keinen Kardinal.
Die Kardinalsräte werden weiterbestehen.
Das Governatorat könnte wie früher wieder von einem Laien, einem Gouverneur geleitet werden, ähnlich einem Bürgermeister, dem eine Ratsversammlung zur Seite steht.
Wir brauchen in Finanzwesen und Verwaltung international erfahrene Kräfte – man könnte darüber nachdenken, in Finanzwesen und Verwaltung nur Führungskräfte einzustellen, die Englisch sprechen.
LAVB: Es kann ein Finanzministerium geschaffen werden, weil die Präfektur für die wirtschaftlichen Angelegenheiten nicht die dafür erforderliche Position hat.
Der zentrale Gedanke ist, dass der Staat Vatikanstadt die Freiheit des Papstes ermöglicht, aber nicht für Gärten und Läden da ist.
JFXZ: Wir müssen die Tatsachen und die von den Kommissionsmitgliedern erwähnten Ziele im Blick behalten. Die Leitprinzipien, besonders zur Rolle der Laien. Priester sollten keine Karrieristen sein. Für einige Positionen wären kompetente Fachleute besser geeignet als Prälaten. Dass wir Gehör finden, ist ermutigend.
ANMERKUNGEN
Seite 357: 3/Bertone (alt Staatssekretär)  hat diese Zahl stets bestritten und spricht von „nur“ 350 m2 (seine neue Wohnung im Palazzo Carlo). Einige italienische Tageszeitungen sind der Sache nachgegangen und bestätigen die Angabe allerdings. So schrieb Francesco Anonio Grana il „Il Fatto“ vom 03.12.2014: „Die beachtliche und von diesem hartnäckig in Abrede gestellte Quadratmeterzahl von Bertones Wohnung war schon häufiger Gegenstand kontroverser Diskussionen. tatsächlich wurden für den Kurienkardinal zwei Wohnungen zusammengelegt, in der einen lebte die Witwe des 2009 verstorbenen ehemaligen Kommandanten der Vatikanischen Gendarmerie, Camillo Cibin, in der anderen Monsignore Bruno Bertagna, der 2013 in einem Krankenhaus in Parma starb und bis 2010 stellvertretender Vorsitzender des Päpstlichen Rates für die Gesetzestexte war.
Seite 358: 5/In der Nachbarschaft des Palazzo Sant’Uffizio wohnen fast ausschliesslich Kardinäle und hochrangige Prälaten: Kardinal Francesco Coccopalmerio,  Vorsitzender des Päpstlichen Rates für die Interpretation von Gesetzestexten (265 m2); Ratzingers ehemaliger Privatsekretär Monsignore Josef  Clemens (226 m2); Kardinal Paul Josef Cordes, Chef der Disziplinarkommission der römischen Kurie (259 m2); Bischof Giorgio Corbellini (204 m2) sowie Kardinal Elio Sgreccia, 87 Jahre, einer der weltweit bekanntesten Bioethiker (149 m2).
Seite 359: 10/Die Liste der Einrichtungen, Stiftungen und Gesellschaften, die von der Kommission um Angaben gebeten wurden, aber bis dato nicht geantwortet haben, ist lang. Im Schreiben an Kardinalstaatssekretär Parolin bittet die Kommission um folgende Angaben: Bilanz (oder ähnliches) und Statut nachstehender Einrichtungen, z. B. Kinderkrankenhaus Bambino Gesù (am nördlichen Gianicolo gelegen), Stiftung Casa Sollievo della Sofferenza (Spital Casa Sollievo della Sofferenza (Trost des Leidens) di Padre Pio, 71013 San Giovanni Rotondo (FG) mit 11 Kliniken und Bauernhöfen) usw.
Weiterhin liegen uns keine Informationen zu Finanz- und Rechnungswesen folgender Einrichtungen vor, z. B. Päpstliche Pfarrei Castel Candolfo, Päpstliche Pfarrei St. Anna im Vatikan usw.
Seite 360: 11/Der Finanzprofi von McKinsey hat noch mehr Fragen. Zum Beispiel die Ausgaben für die päpstlichen Nuntiaturen betreffend: Zum Beispiel die Ausgaben für die päpstlichen Nuntiaturen betreffend: „Sind in den 5,5 Millionen ausserplanmässigen Aufwendungen auch die Anschaffungskosten der Gebäude der Nuntiaturen enthalten (zum Beispiel für die Nuntiatur in Russland)? Alle Gebäude der Nuntiaturen werden von der APSA zum Preis von 1 (einem) Euro gehalten. Wie wird das verbucht? Wenn man die Beträge bedenkt, die das Staatssekretariat für die Anschaffung dieser Liegenschaften aufwenden muss, handelt es sich um eine weitere Schenkung zugunsten der APSA? Was passiert, wenn die Immobilie veräussert wird? Wer erhält den Erlös? Warum variiert die Bezeichnung der Konten des Peterspfennigs  je nachdem, bei welchem Finanzinstitut sie geführt werden? So lautet zum Beispiel im Jahre 2012 ein Konto über 20 Millionen auf „Peterspfennig“, eines über 264 Millionen auf „Staatssekretariat“, ein weiteres über 95 Millionen heisst wiederum anders.“
Seite 362: 5/Von den anderen 5 von 7 Tankstellen, die im Eigentum des Vatikans stehen, befinden sich 3 in der Gemeinde Rom, eine unweit der päpstlichen Villen von Castel Gandolfo, und eine weitere in der Nähe des Vatikan.
Seite 362: 12/Das Dokument fährt fort: „EY empfiehlt folgende Massnahmen zur Verbesserung des Kontrollumfeldes und zur Minimierung der operativen und/oder wirtschaftlichen Risiken der kommerziellen Tätigkeiten: In Bezug auf die Dienstausweise: Richtlinien und Voraussetzungen für die Ausgabe überdenken; den Status der befristeten Ausweise überprüfen; die Nutzungsbeschränkungen festlegen. In Bezug auf die Betreiber/Verträge mit Subauftragnehmern: Vereinbarung über eine vorläufige Verlängerung laufender Verträge bis zur Schaffung einer neuen Partnerschaftsstrategie und eines zuverlässigen Vergabeverfahrens. Bei den kommerziellen Aktivitäten sollte das Augenmerk weg von den Erträgen und der Erwirtschaftung von Gewinnen und hin zu einer Basisversorgung gelegt werden. Zu diesem Zweck wurden für jede Geschäftstätigkeit eigene Massnahmen vorgesehen: Supermarkt: Zielkundschaft bestimmen und Produktsortiment verkleinern; ausserdem eine alternative Nutzung für den Supermarkt in Betracht ziehen. Kraftstoffe: Zielkundschaft bestimmen, ausserdem Zahl und Standorte der Tankstellen überprüfen und Partnerschaft mit einem Drittanbieter in Erwägung ziehen. Apotheke: Zielkundschaft bestimmen und Produktesortiment verkleinern. Bekleidung und Unterhaltungselektronik: Zielkundschaft und Produktesortiment bestimmen; langfristig kann diese Tätigkeit aufgegeben werden. Tabak: Zielkundschaft bestimmen; Preise erhöhen (mit italienischen Preisen gleichziehen); langfristig kann diese Tätigkeit aufgegeben werden. Parfümerie: Preise erhöhen (mit italienischen Preisen gleichziehen); Zielkundschaft bestimmen und einen zulässigen Höchstbetrag für den Inhaber des Ausweises festlegen; langfristig kann diese Tätigkeit aufgegeben werden.

Seite 365: 2/Mit der drohenden Zahlungsunfähigkeit der Diözese Berlin konfrontiert, erklärte die Deutsche Bischofskonferenz sich bereit, die Unternehmensberatung McKinsey hinzuzuziehen und den Leiter der McKinsey-Niederlassung München, Thomas von Mitschke-Collande, mit der Neuordnung der Berliner Finanzen zu betrauen; sowie übrigens später auch die Finanzen der Bischofskonferenz selbst mit dem Ziel, Kosten und Personal einzusparen.
Seite 368: 12/(176: Faktisch hat der Vatikan also den Grossteil seiner Rentenrücklagen in italienischen Staatsschulden angelegt.) Weiter sind 35 Millionen in Standardanleihen bei der Barclays Bank Plc angelegt, 25 Millionen bei der Commerzbank und ebenfalls 25 Millionen in Anleihen von General Electric;
12,3 Millionen entfallen auf französische Staatsanleihen und 8 Millionen auf die Eléctricité de France. Zu den grössten Aktienpaketen zählen die des Fernleitungsnetzbetreibers für Erdgas SNAM (38.326 [Aktienanteile]) im Wert von 143’000 Euro, BASF mit 141’000 Euro, der italienische Ölkonzern ENI mit 127’000 Euro und der italienische Energieversorger ENEL (22.800 [Aktienanteile]) mit 64’000 Euro; in Aktien der Royal Durch Shell sind 73’000 Euro angelegt. Eine bedeutende Anzahl an Wertpapieren: Für den Pensionsfonds steigt die Investition in Anleihen, wodurch sich 11,2 Millionen im Voranschlag für 2014 ergeben (davon 10,6 in Euro und 0,6 in US-Dollar) gegenüber den 10,9 Millionen im vorläufigen Jahresabschluss 2013.
Seite 373: 8/1931 ins Leben gerufen, beschäftigt Radio Vatikan heute zirka 400 Mitarbeiter aus 60 verschiedenen Ländern und sendet in 38 Sprachen.
10/
Anfang Mai 2014 wurde eben aus wirtschaftlichen Gründen die historische Sendeanlage in Santa Maria di Galeria (zirka 20 km nördlich von Rom) von der aus jahrzehntelang das Mittelwellenprogramm von Radio Vatikan für Europa und das Mittelmeergebiet auf der Wellenlänge 1530 kHz ausgestrahlt wurde, abgerissen. Als Begründung wurden Kostenerwägungen angegeben.
12/Die Tageszeitung des Vatikan: L’Osservatore Romano. Im Zeitraum Januar – Oktober 2013 wurden von den 1’278 an den Zeitschriftenhandel gelieferten Exemplaren der italienischen Ausgabe 423 verkauft, der Rest, 855 Stück, also 70 %, als Remissionsexemplare (Rücksendungen von Verkaufsstellen) zurückgenommen.
13/Im päpstlichen Motu proprio (aus eigenem Anlass) zur Einrichtung eines Sekretariates für Kommunikation vom 26. Juni 2015 heisst es weiter: „Unter dem Dach der neuen Behörde werden zur festgesetzten Zeit folgende Stellen zusammengefasst: der Päpstliche Rat für soziale Kommunikationsmittel, das Presseamt, der Internetdienst, Radio Vatikan, Vatikanisches Fernsehzentrum, der L’Osservatore Romano, die Vatikandruckerei, die Bildstelle sowie die Vatikanische Verlagsbuchhandlung.“

Siehe unter „Korruption“ (erstes Buch von G. Nuzzi)

WA: Ein Kardinal verbringt 21 Jahre lang  2- bis 3-monatige Sommerferien gratis in einem Schweizer Kloster
Ein Kurienkardinal, Nomen nominandum, im Vatikanstaat gewohnt und inzwischen verstorben, verbrachte 21 Jahre lang in einem Schweizer Kloster seine 2- bis 3-monatigen Sommerferien, assistiert von einer Begleitperson oder einer Ordensschwester, alle auf Kosten des Klosters.  Die mehrere hunderttausend Franken aufgelaufenen Kosten der Vollpensionen wurden beidseitig nie angesprochen. Eine Person des Klosters meinte, die Ferienaufenthalte seien in christlicher Nächstenliebe erfolgt.
John Cornwell, Wie ein Dieb in der Nacht, S. 124: Als ich beim Büro eintraf, kam mir im Vorraum M. W. entgegen. Sie schien äusserst nervös. „Alles klar?“ fragte sie. „Der Kardinal, Nomen Nominandum, wohnt hier ganz oben. Wir nehmen den Aufzug.“ Als wir hinauffuhren, sagte sie: „Ich warne Sie, er wirkt ein bisschen kraftlos, aber er ist ein ganz schön aufgewecktes Kerlchen. Er hat 3 Doktortitel und spricht in 6 Sprachen.“ Eine Nonne in Weiss öffnete die Tür des Appartements. Sie war eine echte Nonne, von Kopf bis  Fuss verhüllt, nur das Gesicht war zu sehen. Im Hintergrund hielten sich weitere Nonnen auf, die die Köpfe aus den Türen steckten und zurückhaltend lächelten. Die polierten Böden und Möbel glänzten und glitzerten. Auf jedem verfügbaren freien Platz standen Blumenvasen. Der Kardinal sass in seinem Arbeitszimmer neben einer Batterie von Schaltern und Telefonen. Er bat, dass ich mich ganz nah zu ihm setzen sollte. Seine Hände und sein Gesicht waren weich und haarlos. Seine Nase war platt und glänzte. Er hatte dichtes, pelziges Haar. Er trug einen teuren Anzug, an dem vorn einige angetrocknete Essensreste klebten. Wie ein Fisch sah er mich durch seine schulbubenhafte Hornbrille an. Die Nonnen kamen und gingen, verneigten und verbeugten sich eilends, während er rasche Anweisungen gab. Der Teewagen wurde hereingefahren. Es folgte eine geradezu feierliche Zeremonie mit Teekanne, Porzellantassen, Zitronen und silbernen Milchkännchen. Auf einer Kuchenplatte türmten sich Tortenstücke mit Nüssen, Früchten, Buttercreme und Marmeladenglasur. Er begann mit einer silbernen Kelle meinen Teller zu füllen. (…) „Das hier ist Earl-Grey-Tee. Wie viele Tassen Tee trinken Sie am Tag?“ Das weiss ich nicht genau.“ „Ich habe einen Freund, einen Engländer im Englischen Kolleg in Rom, der trinkt 17 Tassen am Tag…“ Er schaufelte Tortenstücke auf meinen Teller.
(WA: Das ist jener Kardinal, der 21 Jahre lang in der Schweiz in einem Frauenkloster seine 2- bis 3-monatigen Ferien gratis belegen konnte.)
Kirche heute 50/2105 Dezember, S. 2
Parlamentarier rügen Vatikan-Justiz

103 italienische Parlamentarier haben eine Petition für die beiden im Vatikan angeklagten Journalisten Gianluigi Nuzzi und Emiliano Fittipaldi unterzeichnet. Wie italienische Medien berichteten, fordern die Politiker die vatikanischen Justizbehörden auf, das Verteidigungsrecht der beiden Journalisten zu respektieren. Nuzzi und Fittipaldi sind wegen Entwendung und Veröffentlichung geheimer Dokumente im Vatikan angeklagt. Sie hatten sich nach der Eröffnung des Verfahrens am 24.11.2015 über eine Missachtung ihres Rechts auf Verteidigung beschwert.

kath.ch  KNA, 19.12.2015
Kardinal Bertone will Vatikan-Kinderklinik (am Abhang des nördlichen Gianicolos) 150’000 Euro zurückzahlen

Nach dem Skandal um die Mitfinanzierung seiner Wohnungsrenovierung (Palazzo S. Carlo im Vatikan) durch die Stiftung der vatikanischen Kinderklinik will Kardinal Tarcisio Bertone nun offenbar einen grossen Teil des Geldes zurückerstatten. Der frühere Kardinalstaatssekretär habe anerkannt, dass dem Krankenhaus dadurch ein Schaden entstanden sei und wolle eine Schenkung in Höhe von Euro 150’000 leisten, zitierten italienische Medien am Samstag, 19. Dezember 2015, die Präsidentin des Krankenhauses „Bambino Gesu“ und seiner Stiftung, Mariella Enoc. – Die Präsidentin äusserte sich am Rande eines Besuches von Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin in der vatikanischen Kinderklinik. Bekannt wurde der Zuschuss der Kinderklinik-Stiftung für die Renovierung Bertones neuer Wohnung im Vatikan (auf 2 Stockwerken) in Höhe von 200’000 Euro durch ein jüngst erschienenen Enthüllungsbuch. Bertone selbst räumte die Mitfinanzierung zuletzt ein, betonte jedoch, dass er davon nichts gewusst habe. Er habe, wie von der vatikanischen Verwaltung verlangt, 300’000 Euro selbst bezahlt. Im Gegenzug sollte der Kardinal das 300m2 grosse Apartement für Veranstaltungen zur Spendenwerbung zur Verfügung stellen. Der damals amtierende Präsident der Kinderklinik-Stiftung, Giuseppe Profiti, bestätigte den Vorgang. (cic)
(WA: Rechnung: Zuschuss Euro 200’000, Bertones Beitrag Euro 300’000. Gesamtkosten der Renovation demnach Euro 500’000)

bz BASEL vom 24.12.2015, S. 11
Basilika Rom: Finanzchef verurteilt

Ein früherer Finanzchef der römischen Basilika Santa Maria Maggiore (nähe Hauptbahnhof) ist von der  Justiz des Vatikans (→Gerichte Vatikanstaat) in dritter und letzter Instanz wegen Betrugs zu  2 Jahren Haft verurteilt worden. Der polnische Geistliche Bronislaw Morawiec soll rund 200’000 Euro aus dem Etat des Gotteshauses veruntreut haben. (SDA)

afo/sda vom 24.12.2015, © 20 Minuten
Angeklagter Priester aus Gefängnis entlassen

Wie der  Vatikan am 23.12.2015 mitteilte, wurde Lucio Ángel Vallejo Balda (WA: Sekretär der Cosea-Kommission) am Vortag eine Wohnung im Kirchenstaat zugewiesen. Der spanische Priester, der wegen der mutmasslichen Weitergabe geheimer Dokumente aus dem Vatikan angeklagt wurde, ist zwar aus dem Gefängnis entlassen worden, steht aber unter Hausarrest und darf den Vatikan nicht verlassen. Vallejo Balda war im November zusammen mit seinen Mitarbeitern Francesca Chaouqui und Nicola Maio festgenommen worden. Gegen sie und die Journalisten Emiliano Fittipaldi und Gianluigi Nuzzi begann am 24. November 2015 ein Prozess wegen Diebstahls und Veröffentlichung vertraulicher Dokumente. Es drohen jeweils bis zu 8 Jahre Haft. Vallejo Balda wirft Chaouqui vor, sie habe ihn zu den Straftaten verführen wollen, was diese zurückweist. Die Journalisten sollen die Geheimdokumente von Chaouqui und Vallejo Balda bekommen haben, die zusammen mit Maio früher für eine von Papst Franziskus eingerichtete Wirtschaftsprüfungskommission arbeiteten. Nuzzi bezeichnet den Prozess als Manöver, um die Aufmerksamkeit von „peinlichen Enthüllungen über eine Kaste der Privilegierten“ abzulenken. Ein Gesetz zum Schutz von Informanten existiert im Vatikan nicht.

OR Nr. 52/53 vom 25.12.2015, S. 1

Papst ruft Kurie zur Vorbildlichkeit auf

Papst Franziskus hat beim Weihnachtsempfang für seine leitenden Mitarbeiter bekräftigt, dass „entscheidende Massnahmen zur Heilung der „Krankheiten“ in der Kurie, die er vor einem Jahr anprangerte, weitergehen würden. „Die Reform wird mit Entschlossenheit, klarem Verstand und Tatkraft fortgeführt werden, denn die Kirche muss sich immer reformieren – Ecclesia semper reformanda“, sagte der Papst. (…)

Kirche heute 1/2 2016, Januar, S. 2
„Schenkung ist kein Schuldeingeständnis“

Kardinal Tarcisio Bertone will seine Schenkung von 150’000 Euro an die vatikanische Kinderklinik „Bambino Gesu“ (am nördlichen Aufstieg zum Gianicolo) nicht als Schuldeingeständnis wissen. Die Stiftung der Klinik hatte zur Renovierung seiner neuen Wohnung im Vatikan (2-stöckig im Palazzo S. Carlo, links des Petersdomes) 200’000 Euro beigetragen – nach Aussage Bertones jedoch ohne dessen Wissen. Seine Schenkung sei kein Schuldeingeständnis, sagte er der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“. Er sei das Opfer illegaler Handlungen anderer geworden. Weil dem Krankenhaus ein Schaden entstanden sei, habe er sich zu der freiwilligen Schenkung entschieden, die er in Raten überweisen werde. Bekannt geworden war der Zuschuss der Kinderklinik-Stiftung für die Renovierung von Bertones Wohnung durch ein jüngst erschienenes Enthüllungsbuch (Autor: Fittipaldi).

Kirche heute 30-32/2016 Juli, S. 2
Milde Vatileaks-Strafen

Im Vatileaks-Prozess sind die Hauptangeklagten am 7. Juli 2016 zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt worden. Der spanische Priester Lucio Angel Vallejo Balda (Sekretär der Cosea) erhielt 18 Monate für unerlaubte Informationsweitergabe, die italienische PR-Beraterin Francesca Chaouqui (Mitglied der Cosea) 10 Monate, deren Strafe wird jedoch für 5 Jahre ausgesetzt. Der mitangeklagte Assistent Vallejos Nicola Maio wurde freigesprochen. Die ebenfalls angeklagten Journalisten Gianluigi Nuzzi und Emiliano Fittipaldi gingen straffrei aus. Der Vorsitzende Richter Giuseppe Dalla Torre verwies bei der Urteilsverkündung auf das Grundrecht der Meinungsfreiheit und begründete die Nicht-Verurteilung mit einer fehlenden Rechtsgrundlage.

Kirche heute 1/2 2017 Januar, S. 2
Freiheit für Vatileaks-Verurteilten

Papst Franziskus hat dem im Vatileaks-Prozess verurteilten spanischen Priester Lucio Angel Vallejo Balda nach der Verbüssung der Hälfte seiner Strafe die bedingte Haftentlassung gewährt. Vallejo konnte noch vor Weihnachten seine Zelle verlassen. Die Strafe sei nicht aufgehoben, aber zu Bewährung ausgesetzt, teilte der Vatikan mit. Der Geistliche unterstehe wieder dem Bischof seines spanischen Heimatbistums. Jegliches Arbeitsverhältnis mit dem Vatikan sei beendet. Vallejo, ehemaliger Sekretär der Präfektur für Wirtschaftsangelegenheiten des heiligen Stuhles, war von einem Vatikan-Gericht am 7. Juli 2016 wegen der Weitergabe vertraulicher Unterlagen an Journalisten zu 18 Monaten Freiheitsentzug verurteilt worden.