Armee, die kleinste (eine Korrektur)

Die Päpstliche Schweizergarde im Vatikanstaat
Die älteste aktive Armee der Welt? Die kleinste Armee der Welt?

Eine Antwort

Wie es eine Abschreibe-Korrespondenz in der Wirtschaft gibt, bedienen sich viele Schreiber dem Abschreibe-Journalismus. Man übernimmt Schlagwörter, ohne sie zu prüfen: Die Päpstliche Schweizergarde im Vatikan sei die kleinste Armee der Welt, was äusserst interessant tönt. Ich möchte dieser Behauptung mit einigen Tatsachen entgegentreten.

Der ehemalige Gardekommandant und ehemalige Instruktions-Offizier der Schweizer Armee, Pius Segmüller, wurde in einem der ersten Interviews darauf aufmerksam gemacht, dass er nun die kleinste Armee der Welt führe. „Die Garde ist keine Armee“, erwiderte er, „eine Armee hat Land und Leute zu schützen und zu verteidigen. Das ist hier nicht der Fall.“

Nun zu einem weiteren Kommandanten der Garde, der aber Anlass zur Klarstellung der Gardeaufgaben gab. Altkaplan Paul Krieg schreibt über alt Oberst Jules Repond (1910-1921) im Buch „Die päpstliche Schweizergarde“, 1948, Seite 30: „In der Wahl der Mittel jedoch, um dieses Ziel zu erreichen (u. a. Disziplin, Aufgabenbereitschaft), zeigte Oberst Repond nicht immer eine glückliche Hand, weil er vergass, dass die Schweizergarde keine Linien- und Kampftruppe ist, sondern eine Palastwache mit besonderen Eigenheiten und Traditionen.“ Repond untermauerte nämlich die Kampfbereitschaft der Gardisten durch überspanntes Exerzieren, spezielle Waffenausbildung, mit Übungen von Abwehrdispositiven, gar mit Nachtalarmen.

Jetzt zum neuesten Beispiel: Papst Franzikskus hat zum diesjährigen Vereidigungstag 2018 von einem „historischen und verdienstvollen Korps“ gesprochen, nicht von einer Armee. Bleiben wir im Vatikanstaat: Die Polizei des Vatikanstaates, der die Sicherheit im ganzen Vatikan obliegt, nennt sich „Corpo della Gendarmeria S.C.V.“, selbst auf Uniformen.

Dieses Mal zur Garde selbst: Das Gardereglement vom 16. Januar 2006, Kapitel I, Art. 1, gibt vor: „Die Päpstliche Schweizergarde, 1506 von Papst Julius II. gegründet, ist ein aus Schweizer Bürgern gebildetes Militärisches Korps, dessen Hauptaufgabe es ist, ständig über die Sicherheit des Papstes und Seiner Residenz zu wachen.

Zu beachten ist zusätzlich das Schweizerische Militärstrafgesetz: Schweizer Bürger leisten im Vatikan, also im Ausland, fremde Dienste. Das wäre nach Schweizerischem Militärstrafgesetz strafbar. Da dieses im Vatikan bezeichnete militärische Korps in der Schweiz als einfache Wachpolizei gehandelt wird, ist dieser fremde Dienst gemäss Schweizerischem Militärstrafgesetz, Art. 94, straffrei. Dieses Gesetz macht deutlich, dass die Garde in der Schweiz nicht als Armee gehandelt wird.

Ich komme zurück auf die Aussage von alt Oberst Segmüller. Eine Armee hat also Land und Leute zu schützen. Wie kann ich eine Armee lesen? Bei den Soldaten des Österreichischen Bundesheeres erfolgt nach vier Wochen Ausbildung die Angelobung. Die Gelöbnisformel lautet: „Ich gelobe, mein Vaterland, die Republik Österreich, und sein Volk zu schützen und mit der Waffe zu verteidigen“. (…)
Siehe unter https://de.wikipedia.org/wiki/Angelobung

Bei den Soldaten der Deutschen Bundeswehr lautet der Diensteid am Anfang ihrer Dienstzeit: „Ich schwöre, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und „das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen, so wahr mit Gott helfe.“  https://de.wikipedia.org/wiki/Vereidigung_und_Gelöbnis_von_Soldaten_der
_Bundesswehr

Bei der Schweizerischen Armee wird der Eid oder das Gelübde im Aktivdienst abgelegt: „Ich schwöre/ich gelobe, der Schweizerischen Eidgenossenschaft mit ganzer Kraft zu dienen, Recht und Freiheit des Schweizervolkes tapfer zu verteidigen, meine Pflichten auch unter Einsatz meines Lebens zu erfüllen; der eigenen Truppe treu zu bleiben und in Kameradschaft zusammenzuhalten; die Regeln des Kriegsvölkerrechts einzuhalten.“
Siehe unter https://de.wikipedia.org/wiki/Vereidigung_(Schweiz)

Bei allen jetzt erwähnten Armeen schwören also die Soldaten, Land und Leute zu verteidigen. Dazu möchte ich nun die Vereidigung der Päpstlichen Schweizergardisten vergleichen. Hier liest der Kaplan die Eidesformel vor: „Ich schwöre, treu, redlich und ehrenhaft zu dienen, dem regierenden Papst NN und seinen rechtmässigen Nachfolgern, und mich mit ganzer Kraft für sie einzusetzen, bereit, wenn es erheischt sein sollte, für ihren Schutz selbst mein Leben hinzugeben. Ich übernehme dieselben Verpflichtungen gegenüber dem Kollegium der Kardinäle während der Sedisvakanz des Apostolischen Stuhles.“ Dann folgen die Versprechungen gegenüber dem Kommandanten und den Vorgesetzten.

Der schwörende Gardist bestätigt: „Ich, NN, schwöre, all das, was mir soeben vorgelesen wurde, gewissenhaft und treu zu halten, so wahr mit Gott und unsere heiligen Patrone helfen.“

Der Gardist schwört also nicht, das Recht und die Freiheit der Vatikaneinwohnerinnen und -einwohner zu verteidigen noch die Regeln des Kriegsvölkerrechts einzuhalten. Genau genommen muss sie gar nichts schützen und verteidigen; ihr Arbeitgeber ist das nichtstaatliche souveräne Subjekt der völkerrechtlichen Beziehungen, der Heilige Stuhl, ohne Land und Leute. Angenommen, die Garde müsste den 0,44 km2 grossen Staat der Vatikanstaat und die flächenmässig noch grösseren Hoheitsgebiete verteidigen, beispielsweise die Papstbasiliken, Castel Gandolfo oder die Parzelle von Radio Vatikan ausserhalb Roms, wäre sie mit zur Zeit über 100 Gardeangehörigen völlig überfordert. Armeeaufgaben wären nicht lösbar; die Gardisten haben keine entsprechende Ausbildung und die notwendigen Waffen fehlen. Und letztlich würde der Papst, so schreibt es die Geschichte, fraglos auf Waffengebrauch verzichten.

Und doch sind Zuverlässigkeit, Einsatzbereitschaft und Treue der Päpstlichen Schweizergarde gefragt und bekannt. In einem Passus im neuen Grundgesetz des Staates der Vatikanstadt vom 26. November 2008, Art. 14, heisst es: „Der Präsident der Päpstlichen Kommission des Staates der Vatikanstadt (Governatorat) kann sich aus Sicherheits- und polizeilichen Gründen neben der Gendarmerie des Vatikanstaates der Hilfe der Päpstlichen Schweizergarde bedienen.“ Grund genug, wieder einmal darauf hinzuweisen, dass die Garde diesem Passus auch schon früher nachlebte. In den 80er-Jahren des 18. Jahrhunderts war die ganze Garde erfolgreich bei der Bekämpfung eines grossen Brandes in der Wohnung und in den darüber liegenden Räumen von Staatssekretär Pallavicini. Ihm muss dieser ausserdienstliche Gardeeinsatz einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben. Jeder Gardist erhielt vom ihm einen Dankesbrief mit 18 Scudi Inhalt (damalige Währung des Kirchenstaates bis 1866). Der damalige Maggiordomo muss den erfolgreichen Einsatz auch miterlebt haben. Er beschenkte die Leibgarde mit 75 Broten und 97 Liter Wein. – Ein anderer, unerwarteter Einsatz zur Sicherung von Palast und kulturellen Schätzen bleibe nicht unerwähnt. Am 1. November 1903 brannte die Wohnung des Präfekten der Vatikanischen Bibliothek. Ein mutiger Gardist, Alex Wurmann, holte sich hier die Auszeichnung Benemerenti (Paul Krieg).

Bis jetzt wird die Päpstliche →Schweizergarde als „Militärisches Korps“  mit folgenden Aufgaben geführt: Kontrolldienst, Ordnungsdienst Objektschutz, Personenschutz und Ehrendienst. Mehr Aufgaben sind bis jetzt nicht gefragt. Sie deshalb als kleinste (älteste, aktive) Armee der Welt zu bezeichnen, ist nicht korrekt.

Juni 2018, Werner Affentranger