Wahlspruch der Päpstlichen Schweizergarde

Eine Spurensuche nach dem Wahlspruch „Tapfer und treu – Acriter et fideliter“ der Päpstlichen Schweizergarde

Inhaltverzeichnis

    Einleitung

Ein Wahlspruch (auch Devise genannt) ist eine Maxime oder ein Motto, das sich eine Gruppe Gleichgesinnter, eine Person, eine Familie oder Organisation gibt, das deren Ziel und den Anspruch deutlich machen soll. Solche werden meist nicht, wie Parolen mündlich geäussert, sondern schriftlich und stammen entweder aus langen Traditionen, gemeinschaftlichen Festlegungen oder entscheidenden Ereignissen.

Heute kennt man Wahlsprüche  von Personen, modernen Nationalstaaten, von Städten, Kantonen und Ländern, von Orden, von Studentenverbindungen, von kirchlichen Würdenträgern oder sonstigen Institutionen, wie beispielsweise den Wahlspruch der Europäischen Union „In Vielfalt geeint“. Hier drei ausgewählte Beispiele zu Devisen:

Wahlspruch eines Schweizer Kantons:
Liberté et patrie (frz.): „Freiheit und Vaterland“. Er ist auf der  Kantonsmünze der Waadt vor 1850 zu sehen. Der Kanton führt den Wahlspruch weiter im Kantonswappen mit dem Grün der französischen Revolution:

Wahlspruch eines kirchlichen Würdenträgers:
Das Papstwappen von Franziskus Bergoglio mit dem Wahlspruch MISERANDO ATQUE ELIGENDO, zu deutsch: „mit Erbarmen und Erwählen“ (sah Christus ihn an). Es ist die Szene Jesu bei der Erwählung des Zöllners Matthäus zum Apostel (Mt 9,9-13). Siehe das Caravaggio-Bild in der Kirche San Luigi dei Francesi, Nähe Piazza Navona, Rom

Wahlspruch einer Person:
Virtute et fidelitate (lat.): „Tapferkeit und Treue“. Devise von Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel (1720 – 1785) auf dem Blutdollar (Sterntaler). Friedrich II. war erster und einziger Landesfürst von Hessen-Kassel, der nach der Reformation zum katholischen Glauben übertrat. Die Ehefrau Maria trennte sich deswegen und nahm die drei Söhne mit.

Der heutige Wahlspruch der Päpstlichen Schweizergarde lautet „Tapfer und treu – Acriter et fideliter“. In dieser Abhandlung versuche ich, dieser Devise nachzugehen. Sie führt zum einen zu Soldatentugenden des Reislaufens, zum anderen  zu Wünschen oder Bedingungen  der Kirche. Die Beispiele zur Klarstellung  sind nicht vollständig. Sie beginnen mit dem Jahr 1497.

    1497: Die Hundertschweizer in Französischen Diensten

Die erste Kompagnie der Hundertschweizer im französischen Söldnerdienst  bekannte sich auf ihrer Fahne mit  folgendem Inhalt: „EA EST FIDUCIA GENTIUS“ („SO IST DIE TREUE DIESES VOLKES“).
   Hundertschweizer  im Jahre 1786 in Hofdienstuniform

Dieser Wahlspruch ist tiefsinnig und ein kaum zu überbietendes, soldatisches Vermächtnis an die damalige Schweiz mit der Aussage zur Treue. Vor und nach 1497 haben viele Schweizer Truppen in Fremden Diensten, die mit Kapitulationen  (Soldverträgen) vertraglich gebunden waren,  in Frankreich mit „Tapferkeit, Treue und Ehre“ gedient und gekämpft. Mindestens 22 Länder und Städte, wie beispielsweise Schweden oder Ägypten,  Portugal oder Österreich, auch die Stadt Köln, warben um die Gunst der Schweizer. Der Kirchenstaat nahm insgesamt 31 Schweizer Truppen für dessen Erweiterung unter den Soldvertrag. Sie unterstützten die weltliche Politik des Papstes.
Frankreich war das erste Land, das 1497 mit der Gardetruppe der Hundertschweizer  eine längerfristig eingerichtete Schweizer Einheit aufstellte. Im 15. und 16. Jahrhundert wurden die meisten Söldnertruppen für den Zeitraum eines Konflikts beschäftigt. Die Hundertschweizer hingegen waren eine reine Hofgarde (Maison militaire du roi). Diese zuverlässige, treue  Hofgarde wurde 1792, also 295 Jahre nach ihrer Gründung,  aufgelöst. Den Schweizer Reisläufern in Fremden Diensten war das Wort „Treue“ von Anfang an keine leere Phrase. Das Wort machte sich  auch im Volke breit.

    21. Juni 1505: Gefragte Schweizer Reisläufer

   
Papst Julius II. della Rovere, überzeugt von den zuverlässigen Schweizer Haudegen

Papst Julius II. (1503-1513), Kriegsherr und Stellvertreter Christi, schreibt am 21. Juni 1505 an die Tagsatzung der Eidgenossen:  

Auf Gottes Eingebung hin haben Wir die Absicht, ihren Dienst für die Bewachung Unseres Palastes einzusetzen. Wir vertrauen darauf, dass ihre Treue und Waffenerfahrung Unserem Bedürfnis entsprechen.“ 
(aus Robert Walpen: Die Päpstliche Schweizergarde, S. 6)

Papst Julius II.  sucht  für seinen persönlichen Schutz treue und erfahrene Hellebardiere. Das Wort „Treue“ erscheint dabei in der Anfrage bereits als kirchliche Vertragsbedingung.  Die Treue ist eine der wichtigsten Soldatentugenden. Mit einem sehr guten Söldnerlohn konnte man sie aber auch erkaufen. Territorialfürst Julius II. machte es seinen Konkurrenten nach und wusste: pas l’argent, pas de Suisse (kein Geld, keine Schweizer).  Schweizer Reisläufer lernte er 1494 auf einem Feldzug mit dem Franzosenkönig Karl VIII. nach Neapel kennen (Schlacht bei Fornovo). Abenteuerlust, Beute und Sold waren wichtige Gründe für das Reislaufen (vom mittelhochdeutschen „Reisige“,“reise“, was Kriegszug, Feldzug bedeutet). Der Söldnerdienst war nach der Landwirtschaft der zweithöchste Wirtschaftszweig. Da der Papst aber eine reine Palastwache suchte, stiess die Werbung in der Schweiz auf zu wenig  Interesse. Der fast doppelte Lohn mit über vier Dukaten im Monat, die Bezahlung der Hin- und Rückreise  und die zollfreie Einfuhr von Wein in das zukünftige Quartier lockten trotzdem  nur 150 statt der vorgeschlagenen 200 Mann. Vielen Schweizern war wohl das Söldnerleben mit grosser Beute und willkommenem Reichtum attraktiver als Wache schieben.

    9. Januar 1522: Oft bewährte Treue und Tapferkeit

   Hadrian VI.  Viele Spottgedichte an den Nichtitaliener

Das Konklave schloss am 9. Januar 1522 mit der Wahl von Hadrian VI. (1522-1523), Floriszoon Adriaan, einem Niederländer aus Utrecht.  Am nächsten Tag entliessen die Kardinäle die 300 Schweizer in Roms Stadtteil Trastevere, weil die Kasse des Heiligen Stuhles leer sei. Der rückständige Sold wurde der Mannschaft nicht korrekt ausbezahlt und ihr blieb nur übrig, entweder in die Heimat zu ziehen oder einen neuen Dienst zu suchen. Nach der Demütigung, die das Kardinalskolleg der Garde auferlegte, kam ihr eine grosse Genugtuung: Die gleichen Kardinäle hatten dem Neugewählten empfohlen, die schweizerische Leibgarde beizubehalten, wegen ihrer „oft bewährten Treue, Tapferkeit,  ihrem unerschütterlichen Glauben, ihrer Verbundenheit mit der Römischen Kirche.“
(P. Krieg, Die Schweizergarde in Rom, S. 37)

Dass Kardinäle die Schweizer Söldner 1522 als  geeignete Leibgarde des Papstes  sehen, spricht für sich. Mit ihrer Empfehlung erscheinen zum ersten Mal  von kirchlicher Seite (Januar 1522)  und schon 16 Jahre nach der Gründung die Nomen „Tapferkeit“  und „Treue“: Tapferkeit ist eine weitere,  wichtige Soldatentugend. Die junge Garde hatte jetzt gegenüber dem Niederländer Verlässlichkeit und Loyalität mit gegenseitigem Vertrauen zu beweisen.

    Treuer Hauptmann Kaspar Leo von Silenen  (1559- 1564)

     Paul IV., strenggläubig und streng im Leben

In dem Schreiben, mit dem Kardinal Trani dem Bischof diese Weisungen erteilte, hob er das grosse Vertrauen hervor, das Paul IV., Gina Pietro Carafa (1555-1559), in den Kommandanten Silenen setzte wegen dessen Rechtschaffenheit, Treue und langen Erfahrungen sowie wegen seiner vielen Verdienste um den Heiligen Stuhl.
(P. Krieg, Die Schweizergarde in Rom, S. 86)

Mit diesen Worten von Pius IV. steht zuerst das Nomen „Rechtschaffenheit“. Das Wort „Treue“  hingegen fehlt seit 1505 als Voraussetzung für den Gardedienst  nie. Treue wird so zur unbedingten Anforderung an die  Schweizer. Auch bei Hauptmann von Silenen zeigt sich  eine grosse, gegenseitige Vertrauensbasis. – Die Garde ist jetzt noch keine 60 Jahre alt. Aber bereits vier Päpste erwarten von ihrer Leibgarde Treue und Tapferkeit. Die beiden Wörter haben Fuss gefasst.

    6. Januar 1560: Hervorragende Treue und Tapferkeit  

      Pius IV. Seine Leidenschaft: Errichten von Bauwerken

Pius IV., Medici Giovanni Angelo (1559-1565) schreibt im Anschluss an seine Wahl an die katholischen Orte der Schweiz. „Niemals hätte den Stuhl Petri besteigen können, der eure Nation mehr schätzt… Den Hauptmann Unserer Leibgarde, dessen hervorragende Treue und Tapferkeit Wir schon früher schätzten, haben Wir gerne in seinem Amte bestätigt, auf eure Empfehlung hin wird er aber wie die Garde Uns noch mehr am Herzen liegen.“
(P. Krieg, Die Schweizergarde in Rom, S. 88)

Mit diesen eindrücklichen Worten bekräftigt Pius IV. gegenüber dem Kommandanten Kaspar Leo von Silenen und seiner Leibgarde die Wichtigkeit der Soldatentugenden. Treue und Tapferkeit stehen aber  bei ihm vor militärischen Erfolgen.

    24. Juni 1696: Dekret erfüllt! Fusskuss und Treueeid

Am 24. Juni 1696 traf der neue Kommandant Johann Kaspar Meyer von Baldegg in Rom ein und ward schon am folgenden Tag zum Fusskuss zugelassen. Nachdem er „recte et fideliter“ („Rechtschaffenheit und Treue“), wie das Ernennungsdekret es forderte, in die Hände des Kämmerers der Heiligen Römischen Kirche den Treueid ablegte, wurde er aller Rechte und Privilegien, aller Ehren und Auszeichnungen teilhaftig.
(Leonard von Matt/Paul Krieg, 1948, Die Päpstliche Schweizergarde, S. 24)

Rechtschaffen steht für ehrlich, anständig und redlich. Damit soll insbesondere auf das Adjektiv „redlich“ hingewiesen werden, das  in der heutigen Eidesformel der Garde  steht, die den zu schwörenden Gardisten vorgelesen wird. Neu ist  bei Johann Kaspar Meyer, dass er mit einem Dekret (Verordnung mit Gesetzeskraft) und Treueeid belegt wird. – „Dem Gardehauptmann Röist bereiteten 1523 die Gardeangehörigen manchen Verdruss, wie zum Beispiel, als Rudolf Lavater dem Papste den üblichen Fusskuss nicht leisten wollte. So offenbarten sich die ersten Anzeichen des in Zürich gewordenen Reformationsgeistes auch in Rom“.
(P. Krieg, Die Schweizergarde in Rom, S. 38)

    1764: Farbenprächtige, geflammte Regimentsfahnen

Viele Ordonnanz-Fahnen der Schweizer Söldner-Regimenter waren mit Wahlsprüchen versehen. Ein gutes Beispiel ist die Fahne des Regimentes Diesbach de Belleroche, 86. Linienregiment von 1690-1792. Sie trug den Wahlspruch „FIDELITATE ET HONORE“ („TREUE UND EHRE“) im Reisläufer-Kreuz:
         

Geflammte Regimentsfahne Diesbach de Belleroche in den Farben eines Familienwappens: in Rot ein goldener schräger Zickzackbalken begleitet von zwei goldenen Löwen mit schwarzer Mähne.

Alle  Schweizer Regimenter in fremden Diensten führten Ordonnanz-Fahnen, die die Farben des Regimentsführers trugen. Da die Gerichtsbarkeit bei den Reisläufern nicht beim Kriegsherrn, sondern bei ihren eigenen Hauptleuten war, bestimmte der Kommandant über Fahne und Wahlspruch. „Das weisse Kreuz auf geflammten Fahnen erinnerte die Söldner an ihre Heimat, aber auch, auf fremder Erde für eine fremde Sache zu kämpfen. Die Fahne, die dieses Zeichen trug, bedeutete für diese kriegserprobten Männer ein Stück Schweiz und stärkte zugleich  ihr Zusammengehörigkeitsgefühl  und ihren Willen, die schweizerischen Militärtugenden hochzuhalten: TREUE UND EHRE (FIDELITATE ET HONORE)“. (Dr. G. Mattern/L. Mühlemann).
Der französische Marschall Schomberg bezeugt im 17. Jahrhundert: „Die Schweizer sind in einer Armee, was die Knochen im menschlichen Körper“ (Castella, 1942, So ist die Treue dieses Volkes, S.15).
„In der Eidgenossenschaft spielten die Bannerträger eine bedeutende Rolle. Es waren Leute von hohem Rang und Ansehen, die zu den tapfersten Kriegern gehörten und, die Geschichte beweist dies abermals, die Verteidigung und Rettung des ihnen anvertrauten Banners mit Kreuz und Wahlspruch oft genug mit ihrem Leben bezahlten“ (Dr. G. Mattern/L. Mühlemann, Wappen und Fahnen, 1991).
Liest man im Buch „Paul Krieg, Die Schweizergarde in Rom, 1960,“ unter dem Titel „Fahnen“, sind seit dem ersten „vennly“ (später auch „fendlin“) von 1519 stets Papst- und Kommandantenwappen, verschiedene Farben und Embleme, nie aber Wahlsprüche vorzufinden. Interessant ist, dass die heute als Standard geltende Repondfahne (1913/1914) auch keinen Wahlspruch enthält. In der damaligen Korrespondenz zwischen Oberst Repond und Mitgestalter, Heraldiker Dr. Durrer, wird die Devise nie erwähnt. So erklärt sich deshalb die heutige Gardefahne von Oberst Christoph Graf ohne Buchstaben und Ziffern. Dr. E. Dreyer, Präsident der Schweizer Heraldiker und Vexillologen, empfiehlt allgemein keine  Schriftzüge.  Die heutige Gardefahne sei ohnehin extrem überladen.
Im Buch von Paul Krieg liest man auf Seite 66 weiter: „An Stelle des verstorbenen Fähnrichs Ulrich Hankrandt berief  Kommandant Jost von Meggen 1549 Philipp Russ, einen ‚finen Jüngling und hüpsch man‘, der, wenn es nötig sein sollte, wohl sein Leben um die Fahne lassen werde.“

    10. August 1821: Ein Mahnmal mit Strahlkraft

Am 10. August 1821 wurde das Löwendenkmal in Luzern eingeweiht. Seine Inschrift lautet:

Reisläufern in französischen Diensten gewidmet:

HELVETIORUM FIDEI AC VIRTUTI
Der Treue und Tapferkeit der Schweizer
DIE X AUGUSTI  II ET III SEPTEMBRIS MDCCXCII
10. August, 2. und 3. September 1792
HAEC SUNT NOMINA EORUM QUI NE SACRAMENTI FIDEM FALLERENT
Dies sind die Namen derjenigen, welche, um den Treueid nicht zu brechen
FORTISSIME PUGNANTES CECIDERUNT
mit grösster Tapferkeit kämpfend fielen (…)“

An der Gedächtniskapelle befinden sich die Inschriften: INVICTIS PAX (Den Unbesiegten Frieden), PER VITAM FORTES, SUB INIQUA MORTE FIDELES (im Leben tapfer, im ungerechten Tod treu).

Wie die gefallenen 147 Schweizergardisten vom 6. Mai 1527 die  Treue gegenüber dem Papst bekundet haben, machten es ihnen die Schweizer Söldner in Französischen Diensten gleich. Bei der Verteidigung des Pariser Palastes von König Ludwig XVI.  im Jahre 1792 verloren von 1’000 Schweizern 760 das Leben, ebenso 200, die den König zur Nationalversammlung begleiteten. Das Denkmal in Luzern mit dem sterbenden Löwen erinnert an diese Tage. Die  Wucht des schweizerischen Gewalthaufens konnte gegen den übermächtigen Pöbel nichts ausrichten. – Bestimmte Kreise reklamieren heute die Verherrlichung dieser Geschichte.
Bestimmen zurzeit verschiedene Gründe den Eintritt in die Päpstliche Schweizergarde, waren es bei den Reisläufern die Überbevölkerung, die Armut, die  Abenteuerlust, die Geldgier, die Familientradition oder persönliche Ausweglosigkeit. In vier Jahrhunderten sollen rund zwei Millionen  mit der Waffenhandhabung bestens vertraute Schweizer Draufgänger in fremde Dienste gezogen sein, davon sind rund 1/3 nicht mehr zurückgekehrt. Die Hälfte der Reisläufer diente in Frankreich; jeder Dritte ist dort umgekommen. Die Schweiz kannte den Frauenüberschuss. Mit dem tapferen Kampf der Schweizer und mit der Treue gegenüber den verschiedenen Vertragspartnern verdienen  unsere Vorfahren  Respekt. – Mit dem Wort „VIRTUTI“ in der ersten Zeile der Denkmalsschrift wird diese soldatische Tapferkeit ausgedrückt. – „Virtuti Militari“ ist der höchste militärische Orden Polens.

     um 1910: Geschichte des Löwendenkmal-Bildes der Garde

Text und Fotos von Dr. Werner Bellwald, Projektleiter des Gardemuseums in Naters. Er schreibt:

„Das Löwendenkmal-Bild in der Mannschaftskantine der Schweizergarde, geschaffen  um 1910, trägt keine Signatur. Das Bild, das 2005 ins Museum nach Naters kam, kann verändert worden sein. Es kann aber auch ein anderes Bild sein.“

Kameradenbild in der Gardemensa vor dem  Löwendenkmal -Originalbild, Repro.

Dr. Bellwald: „Auf der Fotografie erblickt man am Tisch sitzend links mit einer Zeitung in der Hand den Gardisten Alexander Murmann. Er trägt einen Schnauz, trägt ein Beret und diente  von 1895 bis 1915.  Ich meine, dass ich noch andere Kameraden Murmanns erkennen kann. So muss das Foto um 1910 erfolgt sein. Ich glaube, dass sich auf der Fotografie nur Gardisten in ihrer damaligen Kantine stellen. Die Uhr in der linken Ecke oben müsste vielen Gardisten noch bekannt sein. Sie hing bis vor wenigen Jahren im Wachtlokal St. Anna.“

Gardemensa im Vatikan mit drei Bildern: (von links) Löwendenkmal, Gotthardpost (von Robert Schiess) und Matterhorn (von Robert Schiess). Foto um 2005, vor der Mensarenovation.

Grossbild des Löwendenkmals in der Gardemensa im Vatikan, Aufnahme um 2005, vor der Mensarenovation

Löwendenkmal-Bild im Gardemuseum Naters, schwarz/weiss, 09/2020. Foto Pietro Müller 

Die  drei Bilder in der Mannschaftskantine im Vatikan  brachten den Gardisten eine emotionale Verbindung zur Heimat. Dieser gesunde Patriotismus in der Garde  zeigt sich auch heute noch. Beispielsweise bekunden  die 1.-August-Bundesfeiern, die eidgenössischen Bettage, Alphörner, getragene Schwingerhemden und die Vereidigungen mit Hunderten von Besucherinnen und Besuchern aus der Schweiz die vorbildliche Liebe zur Heimat. Regierungsvertreter,  Militärs und Gastkantone verstärken die Verbundenheit.

   Um 1922: Bravourmarsch „Tapfer und treu“ zu hören

Der vom Rumänen Samuel Sandro Dicker komponierte Marsch wurde vom Berliner Dirigenten des Berliner Harmonie-Orchesters neu arrangiert. Dieses Arrangement ist auf der nachfolgenden Adresse in einer Aufnahme vom 17. April 1929 hörbar:
https://www.youtube.com/watch?v=F9hcVR9f_Gw

Ein alter Marsch in typisch deutscher Manier (Carl Affentranger, Musiker).

    6. Mai 1927: Bitte ein zweites Mal singen!

Oberst Alois Hirschbühl mit Oberstleutnant Georg von Sury d’Aspremont

Oberst Hirschbühl (Kommandant von 1921-1935 erlebte die 400. Jahresfeier des Heldentodes der Schweizergarde im Sacco di Roma. In der Morgenfrühe des 6. Mai 1927 zelebrierte Pius XI. Ratti im Konsistoriumsaal des Vatikans in Gegenwart der Garde und der Offiziersfamilien die heilige Messe, wobei der Gardechor religiöse Lieder sang. Anschliessend empfing der Papst in der Sala Clementina die zur Feier erschienenen Gäste in besonderer Audienz und überreichte den gleichfalls anwesenden Gardisten die medaglia benemerenti. Im Begriff, den Saal zu verlassen, drehte sich der Papst zu Hirschbühl um und sagte, die Gardisten sollten nochmals „das Lied von der Schweizertreue“ singen. So tönte ein zweites Mal der Gardehymnus durch den Saal: „Sei Heil Dir und Leben, du hoher Priester Fuerst… Es lebe die Schweizertreue, es lebe hoch der Papst.“
(P. Krieg, Die Schweizergarde in Rom, S. 408)

Im Jahre 1927 existierte ein religiöses Gesangbüchlein für die Garde (Exemplare sind im Gardearchiv), das dem Gardechor während der vorgängig erwähnten Messe diente.  Auf Seite 1 befindet sich das „Papstlied der Schweizergarde“, dessen Text von Gardekaplan Paul Krieg stammt.  Strophen 3 und 4 lauten:

Dir sind wir ergeben mit Herz und mit Hand. Dir halten wir die Treue, sie ist kein leerer Wahn.
Dir steh’n wir treu zur Seite nach unserer Väter Art. Es lebe die Schweizer Treue, es lebe hoch der Papst.

Der langjährige Gardekaplan Krieg nimmt in diesem Lied  deutlich Bezug auf die Treue zum Papst, jene Treue, die unsere Vorfahren lebten.  – Dieses Gesangbüchlein wird in der Garde nicht mehr verwendet.

    20. Oktober 1927: Sprechender Stein in der Kaserne

Im Ehrenhof der Schweizergarde befindet sich das vom Nidwaldner Bildhauer Eduard Zimmermann angefertigte Gardedenkmal zur 400-Jahr-Feier des Sacco di Roma. Es stellt in einem Hochrelief einer Brunnenanlage den Gardehauptmann Kaspar Röist dar, der stehend in Helm und Panzer und mit gesenktem Schwert dargestellt ist, zu seinen Füssen zwei verblutende Schweizergardisten. Enthüllt wurde das Denkmal am 20. Oktober 1927 unter Beisein von Papst Pius XI. (Dr. Marco Reichmuth). Bild aus „Die Päpstliche Schweizergarde“ von Leonhard von Matt,1948, S. 72: Oberst Heinrich Pfyffer von Altishofen (1942-1957) zeichnet vor dem Ehrendenkmal Gardisten aus.

Die zwischen Relief und Brunnen angebrachte lateinische Inschrift lautet:

MILITIBUS HELVETIORUM  CUSTODIAE PALATINAE
QUI SUMMUM DEFENDENTES PONTIFICEM PRIDIE
NONAS MAIAS A MDXXVII GLORIOSE CECIDERUNT

   PATRIA                                                              MEMOR

zu deutsch:
DEN SOLDATEN DER SCHWEIZER PALAST-GARDE
DIE, WÄHREND SIE DEN PAPST VERTEIDIGTEN, AM VORTAG
DER NONEN DES MAI IM JAHRE 1527  RUHMREICH GEFALLEN SIND

                   DAS VATERLAND                     ZU IHREM GEDENKEN

Woran erinnert dieses Denkmal? An eine missglückte Politik.

   
Klemens VII. Medici, 1523-1534, verweigerte das von Kaiser Karl V. verlangte Konzil zu Beginn der Reformation.

Durch die unglückliche Politik Klemens VII.  mit  Kaiser Karl V. und König Franz I. kam es 1527 zu einem „Dem-wollen-wir’s-zeigen“-Feldzug Richtung Rom. Nach P. Krieg waren es eifernde Religionserneuerer (protestantische, deutsche Landsknechte, spanische und italienische Söldner) mit dem Ziel, den Papst  (ein Antichrist) gefangen zu nehmen  und die Stadt zu plündern. Krieg: „Ein kleines Häuflein von Soldaten wehrte sich in der Leonstadt vergebens. Viele bezahlten es mit dem Tode, so die Leichten Reiterei des Papstes (cavalleggeri) wie  die schweizerische Leibgarde, die  sich beim Obelisken (damals am Ende des heutigen Platzes nach dem Glockenturm-Eingang) und im Dom  tapfer und treu wehrte und dabei gefallen ist.“
Auffallend ist hier, dass das Vaterland im Ehrendenkmal den Gefallenen dankt, aber die bis zu diesem Zeitpunkt bekannten Soldatentugenden  „Tapfer und treu“ auslassen.

    1933: Katholischer Jungwachtbund und Wahlspruch

    Emblem der Jungwacht, das zum Teil noch geführt wird

Der katholische Jungwachtbund, gegründet im Jahre 1932, erhält später ein grünes Handbüchlein. Im Büchlein von 1940 (älteste Dokumentation im Staatsarchiv Luzern, Jahrgänge mit gleichem Inhalt bis 1955 vorhanden) bekennt man sich zum Versprechen und Wahlspruch: „Tapfer und treu“. Er wurde vom Schweizerischen katholischen Jungmannschaftsverband vorgegeben. Man bezieht sich auf das Löwendenkmal in Luzern  (ohne Bild) und verweist auf  die Treue und Tapferkeit der Schweizer in Französischen Diensten, die am 10. August 1792 den Königspalast in Paris gegen den Pöbel mit dem Tod oder der Gefangenschaft verteidigt haben. „Der Wahlspruch all dieser heldenmütigen Männer war tapfer und treu“ (Dokumentationen von alt Bundespräses Peter Rüegger). Im Büchlein von 1944 heisst es dazu: „Unser Wachdienst: Wenn ein Soldat auf die Wache kommandiert wird, dann bekommt er einen Wachtbefehl, der ihm genau angibt, was er zu bewachen hat. Ein Jungwächter hat noch strengeren Wachtdienst. Er steht immer auf der Wacht.“
Im Handbüchlein, hier nachstehend von 1957, erfährt die Begründung des Wahlspruchs eine Erweiterung (evtl. schon 1956). Man bezieht sich neu auf den Wahlspruch der Päpstlichen Schweizergarde:

(Aus „Der Jungwächter,“ Ausgabe 1957, S. 23)
Ab 1972 ging der Wahlspruch bei den Jungwächtern langsam verloren. Er gilt heute offiziell nicht mehr. Neu wurden Jahresthemen geschaffen, meist für zwei Jahre. Für das Jahr 2020 gilt „Feuer und Flamme“ (alt Bundesleiter Markus Kappeler). Es gibt noch wenige Gruppen und Ehemalige, die den Wahlspruch „Tapfer und Treu“ weiterführen (Valentin Beck, Bundespräses).

Öfters hört man den Hinweis, dass Jungwächter ihren Wahlspruch in die Schweizergarde gebracht hätten. Dies könnte  frühestens Ende der 50er Jahre gewesen sein. Doch wird diese Vermutung   beispielsweise  durch „1953-1963 Titus Schöb“ und „6. Mai 1956 Ansprache von Pius XII. Pacelli“ entkräftet.

    1939: Tapfer und treu in Buchform

Im Antiquariat war bis 2014 ein antikes Büchlein  mit dem Titel „Tapfer und Treu“ zu finden. Ausgabejahr 1939, Beginn des 2. Weltkrieges.

Dieses Bekenntnisbüchlein für  Armee und  Volk mit den angesprochenen  Tugenden „Tapfer und treu“ ist der Eidesformel, die es zu Beginn des Aktivdienstes 1939 abzulegen galt, entnommen worden (siehe nachstehend).  

   1939,  2. Weltkrieg: Eid/Gelübde der Schweizer Soldaten

Die Schweiz kennt Eid  oder Gelübde nur zu Beginn eines Aktivdienstes

Zu Beginn des Aktivdienstes hat jeder Angehörige der Schweizer Armee den Eid/das Gelübde  abzulegen:

„Ich schwöre/gelobe, der Schweizerischen Eidgenossenschaft mit ganzer Kraft zu dienen, Recht und Freiheit des Schweizer Volkes zu verteidigen, meine Pflichten auch unter Einsatz meines Lebens zu erfüllen, der eigenen Truppe treu zu bleiben und in Kameradschaft zusammen zu halten; die Regeln des Kriegsvölkerrechts einzuhalten.“
https://de.wikipedia.org/wiki/Vereidigung_(Schweiz)

Mit diesem Eid oder Gelöbnis nimmt der Schweizer Soldat/die Soldatin eine grosse Verantwortung auf sich. Eid und Gelöbnis verlangen soldatische Treue und Tapferkeit, die er/sie selbst mit dem Tode zu bezahlen hat. Die Verpflichtung, sein eigenes Leben hinzugeben, gilt auch für den päpstlichen Schweizergardisten.  So haben beispielsweise in jüngerer Zeit drei Armee- und spätere Gardeoffziere gleich 2-mal geschworen, ihr eigenes Leben hinzugeben. Das erste Mal vor dem politischen Vertreter und der Schweizerfahne zu Beginn des 2. Weltkrieges, das zweite Mal auf die Gardefahne. Es sind dies z. B.  die alt Kommandanten Robert Nünlist (Jahrgang 1911, im Jahre 1939 Kompagnie-Kommandant), Franz Pfyffer von Altishofen (1918) wie alt Oberstleutnant Dieter von Balthasar (1913).
Es sei darauf hingewiesen, dass der Gardist sein Leben nicht nur für den Papst hingibt, sondern während des Konklaves auch für die meist knapp über 100 wählenden Kardinäle. Eine schwierige Aufgabe.

   1939: 79. Infanterie-Division

Ihre Devise lautete „Tapfer und treu“, als Verbandszeichen führte sie das Lothringer Kreuz. Sie ging mit diesem Wahlspruch nach der Schlacht von Stalingrad unter.
https://de.wikipedia.org/wiki/Lothringerkreuz

   2. Juni 1945, Vorwort in Alexander Goods Erinnerungen

Heinrich Pfyffer von Altishofen, Kommandant von 1942 bis1957, schreibt im Vorwort zu einem der Erinnerungsbücher vom beseelten Exgardisten Alexander Good: „… die alte Tradition der ehrenvollen Schweizersoldaten treu hochzuhalten.“

   1948: 400-jähriges Jubiläum der Wiederherstellung der Garde

Nach dem Sacco di Roma 1527 (Plünderung Roms) musste Papst Klemens VII.  Medici (1523-1534) unter dem Zwang der Verhältnisse die Schweizergarde auflösen.

    Papst Paul III. Farnese, ganz Renaissance-Mensch

Mit dem Nachfolge-Papst Paul III.  (1534-1549)  kamen auch neue Zeiten und die Garde wurde wieder hergestellt (mit Kommandant Jost von Meggen, 1548-1559).
Zu diesem Anlass erschien das Buch „Die Päpstliche Schweizergarde“ von Leonhard von Matt und Paul Krieg im Jahre 1948 mit zwei Vorwörtern. Daraus entnehme ich:

19. März 1948, Vorwort von Papst Pius XII. Pacelli:
Unsere erprobte Schweizergarde, dem Kommandanten, den Offizieren, dem Kaplan, den Unteroffizieren und Hellebardieren, die am Tage des vierhundertjährigen Bestehens ihrer Wiederherstellung dem Statthalter Christi erneut unerschütterliche Treue und freudige Hingabe geloben, erteilen wir in väterlichem Wohlwollen von ganzem Herzen den apostolischen Segen.

Papst Pius XII., Inbegriff des Papsttums, ziert seine Garde mit „unerschütterlicher Treue“. Treue gehörte zur selbstverständlichen Grundbedingung der Kriegsherren, nämlich Treue gegenüber dem Vorgesetzten und Tapferkeit für dessen Eroberungs- und Verteidigungsziele.

Im gleichen Buch: 8. April 1948: Vorwort von General Henri Guisan

General Henri Guisan, populärer Schweizer Militärführer

Im untenstehenden Vorwort ist zu lesen: „Darum werde die Schweiz unter allen Umständen kämpfen, auch gegen eine Übermacht. Diese Antwort war die Schweiz den Vorfahren schuldig, von deren Treue und Tapferkeit so manches Denkmal zeugt.“

Wenn jemand in der Neuzeit Treue und Tapferkeit hochhielt, ist es der mit grossen  Fähigkeiten ausgestattete General Henri Guisan.  In freier Rede erinnerte er  am 25. Juli 1940 auf der am Vierwaldstättersee gelegenen Rütliwiese  (Gründungsort der Eidgenossenschaft) eindrücklich an diese schweizerischen Soldatentugenden. Es ist ein Ereignis von besonderer Wichtigkeit in der Schweizer Militärgeschichte.

   1953 – 1963, Gardedienst von a. Korporal Titus Schöb

         Titus Schöb. 

Titus‘ Vater und Grossvater waren überzeugte Patrioten. Beide wurden in den ersten bzw. zweiten Weltkrieg aufgeboten. Sie erklärten ihm, dass sie nach der alten Devise „Tapfer und treu“ gekämpft hätten, falls dies erforderlich geworden wäre. Sie hätten es unseren Vorfahren nachgemacht. So tönte es öfters im Elternhaus. Diese Devise hat Titus, wie andere Kameraden auch, in die Garde mitgenommen. Bei sehr strengen Dienstzeiten  wurden er und seine Kameraden körperlich und mental  gefordert. Genau bei diesen Gelegenheiten hätten sie sich mit den Worten „tapfer und treu“ gegenseitig  ermuntert. – Das Tomasetti-Heraldikbild im Bürogang kannten sie gut (siehe nachfolgend unter 1959).

Titus bestätigt, dass sein erster Kommandant, Heinrich Pfyffer von Altishofen (1942-1957),  diesen Wahlspruch gelebt und ihn auch schriftlich und mündlich festgehalten habe. 
(Mails und Telefonate Oktober 2020. Titus Schöb war nicht in der Jungwacht.)

    6. Mai 1956: Ansprache zum 450. Gründungstag der Garde


Pius XII. Pacelli.  Als Kardinal öfters in den Ferien im ehemaligen Stella maris in Rorschach/CH

Papst Pius XII. Pacelli spricht am Vereidigungstag 1956 zur Garde:

(…) „Wo der Papst erscheint, seid auch ihr in seinem Gefolge. Es kann nicht anders sein, als dass eure gute Haltung, Gewissenhaftigkeit, Ordnungsliebe und Beherrschtheit, Freundlichkeit – dass dies alles anziehend wirkt, dass es Vertrauen und Achtung weckt. Das ‚fortiter et fideliter – tapfer und treu‘ am Löwen von Luzern gilt also auch für euch.“ Nachfolgend der Link der Ansprache. Der Wahlspruch ist im 10. Abschnitt zu finden:
http://www.vatican.va/content/pius-xii/de/speeches/1956/documents/hf_p-xii_spe_19560506_guardia-svizzera.html
Nachweis: Gardearchiv/a. Major Peter Hasler

Nach meinen Unterlagen finde ich den Wahlspruch zum ersten Mal in lateinischer Sprache. Pius XII. wählt für „tapfer“ das Adjektiv „fortiter“. Er bestimmt, dass die angesprochenen Soldatentugenden des Löwendenkmals auch für die Schweizergarde gelten: „Tapfer und treu – fortiter et fideliter“.

   1959: Ein gemaltes Bild von Gardist Gérard Tomasetti

Erstmals wird der heute geltende lateinische Wahlspruch der Schweizergarde „Acriter et fideliter“ in einem heraldischen Bild festgehalten.

   Gérard Tomasetti, in der Schweizergarde von 19561967

Als Korporal der Garde war er an der Wappen- und Fahnenkunde interessiert. Mit  Büchern, z. B. mit demjenigen von B. Gaston Castello, konnte er sich einarbeiten. Ihm fielen die verschiedenen Wahlsprüche der Regimentsfahnen der Schweizer Reisläufer auf. Es fehle nach seiner Meinung ein Motto für die Garde.

Heraldik und die Fahnen- und Flaggenkunde wurden zu seiner Leidenschaft.  Es erstaunt deshalb nicht, wenn er 1959 ein heraldisches Bild mit der Fahne des damaligen Kommandanten Nünlist malte, dazu ein Schlagschwert, eine Hellebarde, eine Partisane, einen Helm und die Staatsflaggen des Vatikanstaates und der Schweiz, recht auffällig der lateinische Wahlspruch. Wie kam G. Tomasetti zu dieser Devise?  In Büchern las er nach eigenen Angaben „Tapfer und treu“, deutschsprachige Gardisten erwähnten dasselbe, und die französischsprechenden Kameraden kannten „Honneur et fidélité“. Der ihm bekannte französische Pater Laurent, öfters Gesprächspartner während des Wachdienstes, damals Scriptor bei der Vatikanischen Bibliothek, riet ihm bei vier Schweizer Landessprachen eine diplomatische Lösung, nämlich die lateinische Fassung: acriter et fideliter. Der Kommandant erlaubte ihm, das Bild im Korridor der Kommandobüros aufzuhängen. Heute findet man es im Theatersaal der Garde (Stand 07/2020):

1959: Das heraldische Bild von Gérard Tomasetti mit dem erstmals geführten lateinischen Wahlspruch „Acriter et Fideliter“ . Darüber die Gardefahne von Oberst Nünlist.

Mit dem Heraldikbild von Gérard Tomasetti wurde mit grösster Wahrscheinlichkeit die heute geltende lateinische Devise geboren.


Familienwappen „Bugmann 1581“, für den Gardisten Werner Bugmann, Döttingen AG, von Gérard Tomasetti  1960 erstellt. Tomasettis gute Kenntnisse in der Heraldik- und Fahnenkunde waren den Gardisten bekannt.

   1960: Buch von alt Kaplan P. Krieg: „Die Schweizergarde in Rom“


Umfassendes Buch mit 564 Seiten über die Päpstliche Schweizergarde, verfasst von  Dr. Paul M. Krieg, 1960,  der 35 Jahre lang das Amt des Gardekaplans ausübte. Auszüge zu „Tapferkeit und Treue“ und „tapfer und treu“:

Seite  21:
Julius II. änderte jedoch seine Haltung gegenüber den Eidgenossen unversehens, als die schweizerische Tapferkeit im Juni 1512 bei Pavia der französischen Herrschaft in Oberitalien plötzlich ein Ende machte.

Seite 22:
Kurz vor dem Tode Julius II.  (Februar 1513) soll er gesagt haben: „Diese (Schweizer) werden uns und der Kirche die Treue halten, wie sie es bisher taten.“

Seite 28:
Rimini am 5. August 1517: Alle Schweizer wurden im Nu munter, sie waren „vol win“, und verrichteten jetzt wahre Wunder der Tapferkeit. (Verteidigung von Rimini gegen Herzog Francesco Maria von Urbino mit dem Tod des Kommandanten Kaspar von Silenen).

Seite 35:
Im Jahre 1520: Prunkessen beim Kardinal von Lothringen in Rom. Überall lobte man die schweizerische Tapferkeit bis in den Himmel hinauf.

Seite 36:
Die 2’500 Mann Schweizer vollbrachten 1521 die beispielhaft tapfere Waffentat bei der Erstürmung des Städtchens Bodeno, am Zusammenfluss von Po und Tanaro.

Seite 57:
Dafür erwarte er (Paul III., 1534-1549), dass Schultheiss und Rat von Luzern ihm eine Auswahl bester Kriegsknechte senden würden (1547), ausgezeichnet durch Treue zu ihrem angestammten katholischen Glauben und durch Tapferkeit, damit sie gleichermassen dem Heiligen Stuhl und Luzern zur Ehre gereichen.

Seite 75:
Am 26. Februar  1556 gegen Abend empfing Paul IV. die schweizerische  Huldigungsgesandtschaft in geheimer Audienz. Eine Woche später, am 3. März, führte man sie feierlich in das öffentliche Konsistorium ein, wobei der päpstliche Hofredner Johannes Paulus Flavius in ihrem Namen eine Begrüssungsansprache an den Papst hielt.  Dieser  erwiderte durch seinen Sekretär Franciscus Pinus in liebenswürdigen Worten, versicherte sie seines besonderen Wohlwollens und gab der Hoffnung Ausdruck, die ganze katholische Eidgenossenschaft  möchte stets treu zum Heiligen Stuhle stehen. Ein Empfang beim Generalkapitän Montorio schloss sich an.

Seite  79:
Am 27. Juli 1557 griffen die etwa sechstausend Mann starken Truppen Colonnas in Paliano (Provinz Frosinone) an. Die Schweizer schlugen sich mit altbewährter Tapferkeit, aber die feindliche Artillerie spielte ihnen übel mit.

Seite 123:
Das etwas später eintreffende Huldigungsschreiben des Rates von Luzern verdankte Sixtus V. 1585 sogleich und fand dabei schmeichelhafte Worte für seinen Gardekommandanten Jost Segesser, den er wegen der erlesenen Treue, Unbescholtenheit und Frömmigkeit nicht wenig liebe.

Seite 130:
Nachdem Stephan Alexander am 27. Mai 1592 Hauptmann geworden, liess er den Rat in Luzern in einem Schreiben wissen, dass er seinen Diensteid bereits abgelegt und die Garde ihm nach eidgenössischem Brauch Treue geschworen hatte.

Seite 151:
Im Frühling 1637 gab er (Nikolaus Fleckenstein) noch um Urlaub ein, um „durch mittel dess vatterlendischen Lufts“ etwas Besserung zu finden. Der Papst Urban VIII. gewährte die Bitte sofort, und das Staatsarchiv in Luzern bewahrt noch das Breve auf, in dem er mit warmen Worten des Hauptmanns Treue und Hingabe lobte.

Seite 152:
Im Fussboden vor der zweiten Seitenkapelle rechts (Sant‘ Onofrio, Gianicolo, Rom)  liegt heute noch die Grabplatte mit einer fast unleserlich gewordenen Schrift; sie besagt, dass Nikolaus Fleckenstein (1629-1640) dem Papst mehr als zehn Jahre als Gardehauptmann und Oberbefehlshaber aller schweizerischen Truppen im Kirchenstaat sowie als Vertreter der katholischen Schweiz beim Heiligen Stuhl in lobenswerter Klugheit und Treue diente, und die ganze Kurie durch seine Unterwürfigkeit und seinen religiösen Eifer erbaute.

Seite 156:
Doch merkte Hauptmann Jost Fleckenstein (1640-1652), dass der Papst tatsächlich mit dem Gedanken umgegangen war, die Hauptmannschaft einem andern der Katholischen Orte zu übergeben. Aber schliesslich hatten die  „gliebten ehrenten vorfahren“ Luzerns und deren treue Dienste doch überwogen.

Seite 162:
Der neue Gardehauptmann Hans Rudolf Pfyffer von Altishofen (1652-1657 (erster Pfyffer-Kommandant)  versprach nach dem Beispiel seiner Vorgänger treue Pflichterfüllung.

Seite 172:
Es war ein Ereignis, so betonte Gardeschreiber Weber, als am 22. Februar 1658 „gemelter H. Gardehauptm. von Ihr Ex. in seiner Garotschen (carrozza, Kutsche) mit sich in Bäpstl. Hoff gefuert und Ihr Heiligk. anpresentiert von welchem er allergnädigst empfangen und mit aller Ehrerbietung getractiert worden; hat ihme auch Ihr Heil. das Breve wägen der Hauptmannsstell mit eigenen henden übergeben und nach gebner benediction bevelch geben“, der neue Hauptmann möge nunmehr vor Kardinal Chigi den Diensteid leisten. „Solche solemnitet und sonderbare Ehrentbietung vor disem keinem antecessorem bei mannsgedenken geschähen.“ In dem auf das Evangelium geschworenen Eid gelobte Ludwig Pfyffer dem Papst Alexander VII. und der Katholischen Kirche Treue und Beistand gegen Unrecht und Angriffe.

Seite 228:
Nuntius Caracciolo war des Glaubens (1711), es sei Sache des Heiligen Stuhles, den Fähnrichposten von sich aus zu besetzen und fühlte sich also befugt, da zu handeln. Ihm schien zudem, der Rat von Luzern habe sich bei früheren Besetzungen immer Vorteile zu sichern gewusst und wollte dem einen Riegel schieben. In Jakob Ludwig Pfyffer von Heidegg dachte er, den neuen Fähnrich zu finden, der dem Heiligen Stuhl in Ehre, Würde und Treue“ dienen möchte.

Seite 303:
In Luzern drängte unterdessen  Karl Pfyffer (1825) wegen der neuen Kapitulation, die für ihn weit wichtiger war als alle Truppenwerbungen und erreichte sie endlich.  Leo XII. leitete den Text mit diesen ehrenden Worten ein: „Die bewährte Treue der Schweizertruppen hat bewirkt, dass ihnen seit uralten Zeiten die Leibwache Unserer Vorgänger anvertraut wurde.“

Seite 320:
1814: Der Nuntius in Luzern schrieb: „Kommandant Karl Pfyffer war ein würdiger Militär, der, immer pflichtgetreu und ehrenhaft, sich in sehr schwierigen Zeiten durch unerschütterliche Anhänglichkeit und erprobte Treue zu den Päpsten auszeichnete“.

Seite 333:
1848: Fünf Tage nach der Ernennung stellte sich Franz Leopold von Schauensee  der Garde mit Tagesbefehl vor: „Mit Freue ergreife ich den Anlass, Officiers, Unterofficiers Korporals und Hellebardiers, Euch zu erklären, dass ich stolz bin,  das Commando eines Corps zu übernehmen, das seit Jahrhunderten einen allgemeinen Ruf der Treue und Ergebenheit sich erworben hat.“

Seite 370:
(Siegreiche Kämpfe der Papsttruppen im November 1867 in Mentana gegen Garibaldi)
Am 6. November zogen die päpstlichen Truppen in Rom ein, und tags darauf überreichte Pius IX. den tapferen Kämpfern die Medaille „Fidei et virtuti“. Zwei Tage vor Weihnachten bedachte er die ganze Schweizergarde mit der gleichen Medaille.

Seite 392:
20. Juni 1901, Gesangskonzert für Oberst Leopold Meer von Schauensee  im Gardequartier. Zardetti, der ein beredter Mann war, hielt eine wirkungsvolle Ansprache. In einem Rückblick auf die Geschichte der Schweizergarde grüsste er die Gardisten als Vertreter der katholischen Schweiz beim Heiligen Stuhl und zeigte auf, dass Schweizertreue und schweizerische Soldatendisziplin die eigentliche Berechtigung  für das Vorhandensein und die Fortdauer der Garde  seien. Er erinnerte an den Sinn des Löwendenkmals in Luzern und leitete von der mannhaften Tapferkeit vor dem Feind über zur Tugend der Tapferkeit im christlichen Sinne. In warmen Worten liess er die Schönheit dieser Tugend gegenüber allen anderen Mannestugenden und ihre Macht gegenüber allen Übeln aufleuchten und ermahnte die Garde, ein gutes Gewissen, ein geregeltes Leben, ein unverdorbenes Herz als Grundlage wahrer Tapferkeit zu betrachten und zu bewahren.

Im Buch von Paul Krieg erscheinen die Wörter „Tapferkeit“ bzw. „tapfer“  und  „Treue“ und „treu“  mehrmals  (Werner Bugmann). Es erstaunt, dass beim über drei Jahrzehnte lang dienenden Gardekaplan (bis Januar 1960) „Tapfer und treu“, gar der gebotene Wahlspruch Pius‘ XII. vom Jahre 1956, „tapfer und treu – fortiter et fideliter“,   fehlen.

   7. November 1961: alt Bundesrat Etter spricht

    Philipp Etter, 25 Jahre KK-Bundesrat (1934-1959)

Aus dem Jahresbericht 1961 der Päpstlichen Schweizergarde, Seite 13,  steht:
„7. November 1961: Die schweizerische Sondermission zur Krönungs- und Geburtstagsfeier für Johannes XXIII. Roncalli, bestehend aus Herrn alt Bundesrat Dr. Ph. Etter und Frau Gemahlin sowie alt Botschafter Dr. Rezzonico statten der Päpstlichen Schweizergarde einen Besuch ab. Mit markigen Worten begrüsst Herr Dr. Etter die angetretene Freimannschaft und mahnt sie, nach der alten Devise „Tapfer und treu“ dem Heiligen Vater, der Kirche und der Heimat zu dienen.“

Diesem tief verwurzelten, überzeugten Schweizer Magistraten nimmt man seine Worte gerne ab. Es ist das Jahr vor dem zweiten Vatikanischen Konzil.

   15. September 1970: Dr. Robert Nünlist in einem Tagesbefehl 



Oberst Robert Nünlist, Kommandant von 1957-1972, mit Substitut Benelli, rechte Hand von Papst Paul VI., Beauftragter zur Abklärung der Auflösung oder Beibehaltung der Schweizergarde. Interviewaussage von Kardinal  Karl-Josef Rauber, der damals als Monsignore die Beurteilung persönlich vorbereiten musste.

 

Papst Paul VI. Montini schreibt am 14. September 1970 an den Kardinalstaatssekretär: „Daher teilen wir Ihnen, Herr Kardinal, mit, dass nach reiflicher Überlegung, wenngleich zu unserem lebhaften Bedauern, der Entschluss in uns gereift ist, die päpstlichen Formationen aufzulösen. Ausgenommen ist die jahrhundertealte Schweizergarde (ad eccezione dell’antichissima Guardia Svizzera).“

Am 15. September 1970, tags darauf, erlässt der Gardekommandant „Weisungen für das Verhalten in der Angelegenheit der Corpi Armati“ und teilt mit: „Die Erhaltung der Guardia Svizzera Pontificia als einziges Corps und Leibwache des Hl. Vaters darf uns mit Stolz und Genugtuung erfüllen. Wir müssen uns aber bewusst sein, dass für die anderen aufgelösten Corps eine schwere Lage entstanden ist, der wir in brüderlicher Liebe begegnen müssen“. Er will „auf keinen Fall die Entscheidung des Hl. Vaters mit ihnen in negativem oder kritischem Geist diskutieren; für uns gilt unsere Devise „Fortiter et fideliter“.
(Robert Walpen, Die Päpstliche Schweizergarde, 2005, Seite 86)

Vermutlich erstes inoffizielles Bekenntnis zum Wahlspruch in lateinischer Sprache in der Neuzeit durch Oberst Nünlist. Er übernimmt die lateinischen Adjektive von Papst Pius XII.  Nünlists Devise  bekam damals mit dem Entscheid von Papst Paul VI., die Schweizergarde beizubehalten, grösste Bedeutung. 

   1904 – 1973: Ein Marsch für die Bundespolizei Österreich

Emil Rameis, Komponist für Blasorchester, Dirigent, Pädagoge und Flötist hat dem oberösterreichischen Landesgendarmerie-Kommando den Marsch „Tapfer und treu“ gewidmet. Dieser Wahlspruch des österreichischen Gendarmeriekorps (heute Bundespolizei) war auch ein Bekenntnis zum freien Österreich:
https://gendarmeriemuseum.at/geschichte/gendarmeriemusik/tapfer-und-treu-emil-rameis/?s=

Ein leichter und melidiöser Marsch. Im Aufbau in typisch österreichischer Manier (C. A.). – Das Panzergrenadierbataillon 13 der österreichischen Bundesheeres führt den Wahlspruch „Tapfer, standhaft und treu“.

   Februar 1975: ein Essay von alt Kommandant Nünlist

Im Februar 1975 erscheint  eine 8-seitige Abhandlung von Dr. Robert Nünlist mit dem Titelblatt:

Aus der Abhandlung Seite 3:
Seit 469 Jahren legt die Garde Zeugnis ab von Schweizertreue und Zuverlässigkeit und bemüht sich auch, Ehre einzulegen für unsere Heimat und unsere Armee.

Seite 6:
Dank der Treue, Zuverlässigkeit und Verschwiegenheit geniesst der Schweizergardist eine einzigartige Stellung. (…) Wir geniessen aber auch die Treue des Hl. Vaters zu uns und zu den abgeschlossenen Verträgen.
(Aus „Der Schweizergardist Nr. 18, Februar 1975)

Fünf Jahre nach seinem geschichtsträchtigen Tagesbefehl bezeichnet R. Nünlist nun den Wahlspruch nach dem Heraldikbild von G. Tomasetti mit „Acriter et fideliter“.  – Zu Nünlists Abhandlung: Die zweisprachige Devise im Titelblatt wird im Aufsatz vom ehemaligen Berufsoffizier der Schweizer Armee nicht nachgeführt.  Er geht interessanterweise nicht  darauf ein.

   1991: Auszug aus „Wappen und Fahnen der Schweiz“

Von Louis Mühlemann, überarbeitet von Dr. Günter Mattern, Liestal, beides Heraldiker und Vexillologen

Seite 17: „Die von den Schweizerregimentern in französischen, niederländischen, sardinischen und neapolitanischen Diensten geführten Ordonnanzfahnen mit durchgehenden weissem Kreuz waren auf allen Schlachtfeldern bekannt – so bekannt wie die Uniformen, insbesondere die berühmten ‚roten Röcke‘ der Schweizer im Dienst der französischen Könige. (…) Die Fahne, die dieses Zeichen trug, bedeutete für viele Soldaten ein Stück Schweiz und stärkte zugleich ihr Zusammengehörigkeitsgefühl in ihrem Willen, die schweizerischen Militärtugenden hochzuhalten: Treue und Ehre.“

    6. Mai 1984:  Vereidigung der Schweizergardisten, Tagesbefehl

     Oberst Roland Buchs-Binz, Kdt. von 1982-1997/98

Sein Tagesbefehl zum Vereidigungstag 1984:
„6. Mai – Tag der Tapferkeit. – Sie war der Grund,  warum Papst Julius II. sich eine Leibgarde aus Schweizern schuf. Sie bewog Papst Paul VI. bei seiner Kurienreform, die Schweizergarde aufrechtzuerhalten. Sie ist es, was Papst Johannes Paul II. von seinen Schweizern erwartet. Tapferkeit: ein stets begehrtes Gut! Tapfer sein in allen Bereichen des Lebens: auf körperlich-/dinglicher, auf geistig-ideeller, auf religiös-gläubiger Ebene: das ist die Eigenschaft der Schweizergardisten. Unserer Ahnenehrentitel  war die Tapferkeit bis in den Tod. Hochherziger Verzicht und tadelloser Einsatz waren die Formen unserer Vorgänger. Tapferkeit: Tapfer in der Pflichterfüllung, tapfer als Kamerad und Freund, tapfer im alltäglichen Leben eines beispielhaften Katholiken: unerschrocken-mutig zu diesen Werten stehen, das ist unsere Aufgabe. Diese erfüllen wir.  Das haben wir geschworen, alle“.
(Der Exgardist Nr. 37, August 1984, S. 50)

In seinen verschiedenen Tagesbefehlen zum 6. Mai ging Oberst Buchs auf mehrere Soldatentugenden ein, in unserem Beispiel auf die Tapferkeit. Es sind Appelle,  die dem Umfeld des heutigen Dienstes entsprechen sollen.  Er verzichtet auf lateinische Wörter. Oberst Buchs nimmt Bezug auf unsere Vorfahren.
Seit geraumer Zeit erwähnen die Päpste keine eigentlichen Soldatentugenden mehr zum Vereidigungstag, sondern  Wünsche. So spricht Benedikt XVI. Im Jahre 2010: „Wenn ihr eure Aufgabe mit professioneller Gewissenhaftigkeit und Sinn für das Übernatürliche erfüllt, wird sie euch auch für eure zukünftigen persönlichen und öffentlichen Pflichten vorbereiten.“ Papst Franziskus sagt am 6. Mai 2017: „Mutige Soldaten Christi und Vorbild für andere“.

   1991: „Acriter et fideliter“ zum ersten Mal offiziell

Zum Ereignis „700 Jahre Eidgenossenschaft“ suchte sich der damalige Kommandant Roland Buchs-Binz zu diesem besonderen Jahr nach eigener Aussage einen Wahlspruch für die Garde.
Er hätte nicht gewusst, dass die Devise eigentlich durch  Pius XII., Tomasetti und Nünlist bestehe. Die Schweizer in Fremden Diensten hätten tapfer und treu gedient. Dieser Tatsache wollte er Rechnung tragen und  mit Dankbarkeit an die Vorfahren erinnern. Da unser Land vier Sprachen spreche, sei es nahe gelegen, die Devise in Latein zu veröffentlichen. – Sie erscheint zum ersten Mal offiziell im Jahresbericht 1991 im 485. Jahr seit der Gründung der Garde. „Acriter et fideliter“ ist auf der Titelseite zu sehen, fälschlicherweise mit dem Staatswappen des Vatikanstaates statt mit dem Emblem des Heiligen Stuhles. Bis zum Jahresbericht 2005 erscheint dieser Wahlspruch mit dem Staatswappen auf der Umschlagseite; die Jahresberichte 1982 bis und mit 1989 mit Wahlspruch und  dem Emblem des Hl. Stuhles. Beim Jahresbericht 1988 fehlen Wahlspruch und Emblem.

   1994: Dienstreglement der Schweizer Armee

Im Dienstreglement der Schweizer Armee (DR 04,1994, oben Seite 1) ist unter dem 2. Kapitel folgender Text festzuhalten:

8. Eid/Gelübde

Ich schwöre/ich gelobe:

  • der schweizerischen Eidgenossenschaft mit ganzer Kraft zu dienen;
  • Recht und Freiheit des Schweizervolkes tapfer zu verteidigen;
  • meine Pflichten auch unter Einsatz des Lebens zu erfüllen;
  • der eigenen Truppe treu zu bleiben und in Kameradschaft zusammenzuhalten:
  • die Regeln des Kriegsvölkerrechts einzuhalten

Die im Schweizer Dienstreglement zur Vereidigung/zum Gelöbnis gehörenden Wörter „tapfer“ und „treu“ bekräftigen die Soldatentugenden unserer Vorfahren.

   1999: Soldaten des Papstes

     Ulrich Nersinger, Soldaten des Papstes

„Im August 1998 trat Pius Segmüller, ein Generalstabsoffizier der Schweizer Armee mit Erfahrungen bei den UN-Friedenstruppen, die Stelle des Obersten der Päpstlichen Schweizergarde an. Aufgabe des neuen Kommandanten wird es sein, die Leibwache des Papstes so in das nächste Jahrtausend zu führen, dass sie ihren bewährten und anerkannten Dienst – getreu ihrem Wahlspruch „Fortiter et Fideliter“ („Tapfer und treu“) – noch hoffentlich lange ausüben kann“.
(aus Ulrich Nersinger, Soldaten des Papstes, 1999, Seite 35)

Der bekannte Theologe und Journalist Ulrich Nersinger wählt  auch „fortiter“ für das Adjektiv „tapfer“.
Begründung von Ulrich Nersinger zur Wahl von fortiter“:

   2005: Bundesrat Christoph Blocher als Festredner

Sein Jubiläums-Grusswort anlässlich der Feier „500 Jahre Päpstliche Schweizer Garde“ vom Samstag, 24 September 2005 in Luzern betitelt er mit den Worten „Von Treue und Tapferkeit“. Am Schlusse seiner Festrede spricht er folgendes: „Ich habe grossen Respekt vor Ihrer Geschichte, Ihrer Aufgabe und ihrem ganz persönlichen Einsatz. Die 500-Jahr-Feier der päpstlichen Schweizer Garde ist der Ausdruck von 500 Jahren Dienen, Treue und Auftragserfüllung.“

Alt Oberst und alt Bundesrat Blocher spricht zu Exgardisten und erinnert sie eindringlich an den Wahlspruch der Schweizergarde.

   2000: „Der Wahlspruch der Schweizergarde“: ein Essay von Max Imfeld

Ein Auszug

Unklare Herkunft der Devise
Woher stammt nun die Devise der Garde? Dazu wäre erst zu klären, seit wann sie geführt wird. Und hier beginnt das Problem: Wir wissen es nämlich nicht. Zwar setzen Walpen/Krieg/Stampfli, Royal, Richard, um die neueren Autoren zu nennen, das Gardemotto „acriter et fideliter“ als gegeben und altüberliefert diskussionslos voraus. Im  2007 publizierten Bildband von Meier/Kiermeier heisst es aber lapidar: „Gemäss dem Motto der Schweizergarde „Treu, redlich und ehrenhaft“. Dies aber ist ein Zitat aus der Eidesformel, genauer der Beginn der verlesenen Eidesformel, während der eidleistende Gardist auf Deutsch verkürzt schwört, „gewissenhaft und treu zu halten, was ihm soeben vorgelesen wurde“. Also „redlich und ehrenhaft“ oder „gewissenhaft und treu“? Auch schön. Nur: Nachdem am 14. September 1970 die „Corpi Armati Pontifici“ mit Ausnahme der Garde aufgehoben worden waren, wandte sich Oberst Robert Nünlist (1957 – 1972) am 15. September 1970 mit einer Weisung an die Garde und betonte, er wolle diesen Entscheid nicht diskutieren bzw. diskutiert haben, denn „Für uns gilt unsere Devise Fortiter et fideliter“. Fortiter nun heisst auch mutig, aber mehr im Sinne von stark, kräftig, „nicht unterzukriegen“ – der Mut des Soldaten in (fast) auswegloser Lage, desjenigen, der den Mut nicht verliert, und sich tapfer durchbeisst, also eher der passive Mut des Standhaften. Acriter hingegen ist der energische, aktive Mut des Vorwärtsstürmenden, des „furchtlosen Kämpfers für Recht und Gerechtigkeit“. Diese aktive Form des „furchtlosen“ Mutes hat sich gegenüber dem passiv-leidenden „tapferstandhaften“ Mut meines Erachtens nicht zu Unrecht durchgesetzt: acriter et fideliter.“
Und was sagt das Reglement? Das Regolamento hilft nicht weiter – weder in der Fassung von 1976 noch in jener von 2006. Fahne und Uniformen, Pensionen und vieles andere mehr werden gehandelt und geregelt. Zur Devise hingegen steht nichts. Immerhin ist aber die Fassung „acriter et fideliter“ nun seit gut 30 Jahren fest etabliert, und wird in Reden, Ehrungen, auch Schriftsätzen und Publikationen munter gebraucht und selbstverständlich verwendet, um den Gardisten und die ganze Garde auf die übernommene Aufgabe im Schutze des Stellvertreters Christi zu verpflichten und zu ermutigen. Richtig etabliert wäre der Wahlspruch aber erst, wenn hierüber ein Beschluss erginge: Ein Tagesbefehl des Kommandanten, besser noch aber die Verankerung im Regolamento.
(Der Schweizergardist 3/2010, lic. iur. Max Imfeld)

Zieht man die historischen Erklärungen von Prof. Dr. Groebner bei (siehe nachstehend), werden die Argumente von Max Imfeld meiner Meinung nach zum Teil korrigiert. Man staunt bei Groebners Hinweis:  „Acriter“ sei im 16. Jahrhundert  ein drohender Hinweis auf die Fähigkeit der Schweizer zum rücksichtslosen Töten gewesen. 

In den mir zur Verfügung stehenden Unterlagen ergeben sich für „fortiter“, um auf die Hinweise von Max Imfeld zurückzukommen, folgende Übersetzungen: tapfer, mutig, stark, kräftig, rüstig, unerschrocken, tatkräftig, mannisch. Diese Adjektive zur Beschreibung der Soldatentugend „fortiter“ sind  nach meiner Meinung heute für die Garde deutlich gebotener, angebrachter und niemand will wilde, grausame Papstsoldaten (acriter). In diesem Zusammenhang sei Martin Luthers Sprache erwähnt: „Pecca fortiter, sed fortius fide!“ („Sündige tapfer, aber tapferer glaube!“). Ebenso sei auf die Baumstele für Bischof Sproll von Rottenburg am Neckar  mit „fortiter in fede“ („Stark im Glauben“) hingewiesen. Der Reisläufer-Regimentsfahne von  de Castellas (1756-1791) führte im weissen Kreuz den Wahlspruch „Fortiter et  Prudenter“ („Tapfer und klug/umsichtig“). Einzig der Ausdruck „acriter videre“ (scharfe Augen haben) wäre wahrscheinlich für den heutigen Personenschutz der Garde zutreffend. 

Max Imfeld sucht den Ursprung des heutigen Wahlspruchs. Die erste Bestätigung  zu den damals gelebten Soldatentugenden Tapferkeit und Treue erfuhr die Garde nachweislich schon früh durch die Kardinäle des Konklaves vom Januar 1522. Den verpflichtenden Wahlspruch legte Pius XII. Pacelli der Garde mit „Fortiter et fideliter“ fordernd am 6. Mai 1956 vor.

   2005: Jubiläumsbuch von Robert Walpen

Der Buchtitel lautet: „Die Päpstliche Schweizergarde“ mit dem Untertitel „Acriter et fideliter – Tapfer und treu“.

Ab Seite 215 erinnert sich ein ehemaliger Gardist (ohne Namensangabe) an seinen Gardedienst und seine Rückkehr in die Schweiz. Am Schlusse seines Berichtes schreibt er: „Acriter et fideliter! Tapfer und treu!“

Ab Seite 222 beginnt ein Gardistenporträt (Koch, Hasler, Volken). Es beginnt mit folgendem Text: „Acriter et fideliter“ – „Tapfer und treu“ lautet der Wahlspruch der Schweizergarde und ist zugleich die Begründung, weshalb Schweizer seit 500 Jahren als Bewacher und Beschützer im Vatikan begehrt sind. Durch ihre Treue legen sie auch Ehre für die Heimat ein, würdigt General Guisan 1948 den Dienst der Gardisten, „die in einer von Materialismus und der geistigen Anarchie vergifteten Welt die unbedingte und uneingeschränkte Hingabe an einen höheren Gedanken verkörpern.“
Am Ende des Porträts von Major Peter Hasler steht: „Acriter et fideliter“ ist der Wahlspruch der Garde (S. 227). – Der Autor Walpen weist vorher auf den „Langzeitdiener“ Hasler hin, der beim Austritt 42 Jahre und 6 Monate der Garde angehörte.

Zum Eid meint Walpen Seite 235: „Dabei wird unterschieden zwischen dem Bekräftigungseid, zu dem der Zeugeneid gehört, und dem Versprechungseid, zu dem der Treueid zählt, mit der der Schwörende verspricht, bestimmte Pflichten zu erfüllen. Zum Treueid gehören auch der politische und militärische Eid, der auch Fahneneid genannt wird.“

Dieses sehr ausführliche Jubiläumsbuch erwähnt   im Register Seite 271: „Wahlspruch der Schweizergarde Seiten 215, 222f., 227.“ Die entsprechenden Texte sind vorgängig aufgeführt. Walpen schreibt erstaunlicherweise sonst nichts zum Wahlspruch, obwohl er zweisprachig zum Buchtitel gehört. Wichtig ist von ihm zu hören, dass der Wahlspruch Grund für den über 500 Jahre dauernden Dienst  sei.

   Januar 2006: Kontroverse um „acriter“

Mail-Korrespondenz vom 21., 22. und 24. Januar 2006 zwischen Prof. Dr. Valentin Groebner, Historisches Seminar der Universität Luzern, und Dr. iur. Marco Reichmuth, Exgardist, wegen eines Artikels in der NZZ (Neue Zürcher Zeitung):

Prof. Dr. Valentin Groebner bespricht das neu erschienene Buch von Robert Walpen „Die Päpstliche Schweizergarde“ in der NZZ vom 21./22. Januar 2006, Seite 51. Daraus ergeben sich anschliessend Meinungsverschiedenheiten:

Reichmuth: (…) Dass „acriter“ nicht (nur) „tapfer“, sondern (auch) „scharf“, „schneidend“, „wild“ oder auch „grausam“ heisse, mag man dem Autor zustimmen. (…) Nun: „Acriter“ ist bekanntlich das Adverb zum Adjektiv „acer“. Zu diesem Wort findet man schon durch blossen Bezug von „Langenscheidts Grossem Schulwörterbuch Lateinisch – Deutsch (Ausgabe 2001, Seite 31) ein Dutzend Übersetzungen, darunter eben auch „tapfer“, mehr noch, bei den Beispielen wird der „miles acer“ mit „tapferer Soldat“ übersetzt.

Groebner: (…) Ich bedaure, dass wir bei der Übersetzung des Wortes „acriter“ nicht einer Meinung sind. Ich lehre Geschichte des Mittelalters und der Renaissance an der Universität Luzern und habe eine gewisse Vertrautheit mit den Quellen des 15. und 16. Jahrhunderts, vor allem mit denen zur Geschichte der Eidgenossenschaft. Wenn Sie „acriter“ in den beiden grossen Wörterbüchern des Mittelalterlichen Lateins, im Du Cange und im Georges nachschlagen, dann werden Sie unter den Bedeutungen auch „mutig“ finden – aber erst an fünfter bzw. sechster Stelle. Vorher, in erster, zweiter und dritter also dominanter und meist gebrauchter Bedeutung, steht eben „scharf“, „wild“, „“schneidend“, „grausam“. Acriter war im 16. Jahrhundert kein positiver Ausdruck wie das deutsche Wort „tapfer“. Sondern ein drohender Hinweis auf die Fähigkeiten der Schweizergardisten zum rücksichtslosen Töten. Denn dafür waren die Schweizersöldner seit dem 15. Jahrhundert in Europa bekannt, und – verzeihen Sie  die Direktheit – deswegen wurden sie auch von Julius II. 1505 angeworben.
Robert Walpens Buch zum Jubiläum macht diesen Sachverhalt in seinen historischen Abschnitten sehr deutlich, wenn Sie das entsprechende Kapitel nachlesen. Ich habe in meiner Besprechung  auf die Qualitäten der Publikation deutlich hingewiesen. Der historischen Bedeutung der Schweizergarde ist das nicht abträglich, im Gegenteil: abträglicher wäre es, ein einseitig geschöntes Bild der historischen Fakten zu zeichnen. Das kann aber nicht im Interesse der gegenwärtigen Schweizergarde sein.
  Wilde, grausame Schweizer Reisläufer aus den Alpen

Reichmuth: (…) Ich habe mich zwischenzeitlich mit Prof. Dr. Klaus Bartels besprochen, der auch der NZZ nicht unbekannt ist, und mit welchem ich seit Jahren in Kontakt stehe. Er ist Altphilologe und daher mit dem Mittelalter gewiss weniger vertraut als Sie. Dennoch werde ich als Jurist nun nicht den Beweiswert der Aussage eines Mediävisten (Erforscher und Kenner des Mittelalters) gegen jene eines Altphilologen abwägen. Jedenfalls will ich ihm – zumal durch den Eintrag im besagten Wörterbuch bestätigt – gerne glauben, dass „acriter“ zwar gewiss nicht die Tapferkeit im Sinne der Kardinaltugend wiedergibt, wohl aber – und dies scheint mir im Kontext der Päpstlichen Schweizergarde relevant – im Sinne einer soldatischen Tugend.
Ich habe – mit gütiger Mithilfe von Prof. Bartels – die lateinische Gedenktafel entworfen, welche im Mai in der Schweizergarde enthüllt werden soll, und für dieses Motto „acriter et fideliter“ übernommen. Der Text ist derzeit in der Prüfung im Staatssekretariat des Heiligen Stuhles. Ich bin gespannt, ob es seitens der päpstlichen Latinisten Einwände geben wird. „Tapfer und treu“ ist ¨übrigens das Motto der Anfang des 20. Jahrhunderts gegründeten Jungwachtorganisation. Ich vermute, dass es mit Oberst Dr. Robert Nünlist (Gardekommandant 1957 – 72) den Weg nach Rom gefunden hat. Ob er es gewesen ist, der dies mit „acriter et fideliter“  übersetzt hat, entzieht sich meiner Kenntnis, aber vielleicht wissen sie ja mehr darüber und könnten es mir freundlicherweise mitteilen. (…)

Groebner: (…) Vielen Dank für ihre Nachricht! Klaus Bartels ist ein hervorragender Spezialist, dessen Beiträge in der NZZ ich sehr schätze, und er hat sicher recht mit dem Hinweis auf „acriter“ als Adjektiv für soldatische Tugend. Noch interessanter für mich ist Ihr Hinweis auf das Jungwacht-Motto. Das war mir unbekannt. Damit ist natürlich ein interessantes Problem aufgeworfen. Was geschieht, wenn man im Zusammenhang mit dem Jubiläum eines historischen Ereignisses ein am Beginn des 20. Jahrhunderts erstmals geprägtes Motto auf eine sehr viel ältere Institution bezieht und es – durch die Übertragung ins Lateinische – sozusagen in die fünf Jahrhunderte zurückliegende Vergangenheit zurücktransferiert? Kurze einzeilige Mottos, sogenannte Devisen, kamen als Wappenzusatz im späten 14. und frühen 15. Jahrhundert an westeuropäischen Adelshäusern auf und wurden im Zusammenhang mit den verschiedenen höfischen Ritterorden popularisiert, die Humanisten des 15. Jahrhunderts haben dann für sich die ersten lateinischen Devisen entworfen, gewöhnlich zusammen mit einem grafischen Emblem: Berühmt ist Leon Battistas Albertis Auge mit seiner lateinischen Devise. Im 16. Jahrhundert  hatten viele italienische Fürsten eine solche Devise plus Motto, aber ein Gebrauch für ganze Truppenteile ist mir unbekannt. Ihr Hinweis ist für mich deshalb sehr wertvoll; ich hatte bislang angenommen, „acriter et fideliter“ sei eine lateinische Prägung der Renaissance. Wenn die Geschichte des Motto aber nicht vom Lateinischen, sondern vom Deutschen der katholischen Jugendbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts her abgeleitet ist, sieht einiges natürlich anders aus.

Reichmuth an Bartels: Ich denke, meine These, dass die Devise „acriter et fideliter“ von der Jungwacht-Devise „Tapfer und treu“ herkommt und den Weg mit Oberst Nünlist (1957-1972) in die Garde gefunden hat, nur die zweitbeste ist. Viel eher erscheint mir nunmehr richtig, die Devise stamme von der Studentenverbindung A.K.V. Alemannia Fribourg (gegründet 1895), deren Devise „furchtlos und treu“ lautet. Mitglieder dieser Verbindung waren unter anderem die Gardekommandanten Heinrich Pfyffer von Altishofen (1942-1957), Franz Pfyffer von Altishofen (1972-1982) und Roland Buchs (1982-1997/98),  Kommandant Elmar Mäder (2002-2008) wie auch Daniel Anrig (2008-2015). Passt „furchtlos“ nicht viel besser zu „acer“ als „tapfer“?

Bartels an Reichmuth: …, ich denke, sie haben da einen sehr guten Fund gemacht und sicher ist, dass „furchtlos“ die Sache besser trifft als „tapfer“. Aber bei solchen Sprüchen spielen ja immer auch die Alliterationen ein wenig mit … (WA: Die Alliteration ist ein Stilmittel, häufig in der Werbung bekannt. Sie besteht aus einer Wortfolge, bei der alle Wörter mit dem gleichen Anfangslaut beginnen, z. B.  „Milch macht müde Männer munter“.)

Dieser interessante Mailverkehr gibt zuerst Klarheit über das Adjektiv „acriter“. Während des Reislaufens liess es sich nach den Worten des Historikprofessors für das  gesuchte und gelebte Schweizer Söldnerleben erklären.
Die Ausstellung in Stans über die Schweizer Söldner Nidwaldens (April 2021) spricht von barbarischen, geldgierigen und gefürchteten Schweizer Reissäcklern. 

Den Vermutungen von Dr. Reichmuth, der Wahlspruch komme zum einen von den Jungwächtern, zum andern von der Hochschulverbindung Alemannia, sind hier nachzugehen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass im Hinterkopf der Jungwächter (Wahlspruch: Tapfer und treu) und  den Mitgliedern der Alemannia, nach Max Imfeld die ehemaligen Gardekommandanten Franz Pfyffer, Buchs, Mäder und Anrig (Motto: Furchtlos und treu – Acriter et fideliter),  ein wechselseitiges Verhältnis zur Gardedevise vorhanden sein konnte. Dies brachte eine sympathische Auffrischung des Wahlspruches ab den 70-/80er-Jahren des letzten Jahrhunderts, nicht aber die Entstehung des Garde-Wahlspruches. Im vorstehenden Mailverkehr  wurde meiner Meinung nach die detaillierte Gardegeschichte seit 1505 nicht berücksichtigt.

Liste der Kommandanten der Schweizergarde:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kommandant_der_Schweizergarde

  8. November 2006: Gedenktafel zum 500-Jahr-Jubiläum

Am 8. November 2006 hat Papst Benedikt XVI. vor der Gardekapelle die Gedenktafel zum 500-Jahr-Jubiläum der Schweizergarde gesegnet. Die Inschrift dieser Tafel, die im Ehrenhof angebracht ist, lautet:

D.O.M.
BENEDICTI PP. XVI
PONTIFICATUS ANNO PRIMO
COHORS HELVETIORUM
QUINQUE SAECULA COMMEMORAVIT
EX QUO APOSTOLICAE SEDI
STRENUE INSERVIRE COEPERAT
FIDELITAS SIMUL RENOVANS PROPOSITUM
EX CIVITATE VATICANA XI KAL FEBR. MMVI

zu deutsch:
Gott dem Besten und Grössten
Im ersten Jahr des Pontifikats
Papst Benedikt XVI.
hat die Schweizergarde
der fünf Jahrhunderte gedacht
seitdem sie dem Apostolischen Stuhl
tüchtig zu dienen begonnen hatte
zugleich den Vorsatz der Treue erneuernd
Aus dem Vatikanstaat
am 11. Tag vor den Kalenden des Februar 2006

D.O.M. = Deo Optimo Maximo: dem gnädigsten und erhabensten Gott

Dem Heiligen Stuhl ist es immer wichtig,  treue Gardisten um sich zu wissen. So fällt erstaunlicherweise in diesem  neuzeitlichen Denkmal der Wahlspruch der Garde  aus.  Neu erscheint das Adjektiv  „tüchtig“ („strenue“). – Das Staatssekretariat hat anscheinend die von Prof. Bartels und Dr. Reichmuth vorgeschlagene Variante „acriter et fideliter“ nicht berücksichtigt.

   6. Mai 2013: Begrüssung im Morgengottesdienst am Vereidigungstag

Der damalige Gardekaplan Alain de Raemy spricht in seiner Gottesdienst-Begrüssung  im Petersdom am Schlusse: „Si, cari amici, con gioia, con gratitudine, con emozione, affidiamo dunque i nostri 35 giovani alla grazia  rinnovatrice, di Dio in questa Santa Eucaristia che presiede per noi Sua Eminenza, il Cardinale Tarcisio Bertone. Acriter et fideliter semper!“ („Tapfer und treu immer!“).

Abzuklären wäre, ob dieser Aufruf den anwesenden Gardisten, Exgardisten oder allen Gottesdienstteilnehmer/innen gegolten hat. Einige Exgardisten sind diesem Appell gefolgt und verwenden ihn.

Für Exgardist Benjamin Winter, Präsident der Sektion Zentralschweiz, bedeutet  „semper“ in diesem Zusammenhang:
– tapfer und treu auch nach der Gardezeit

– tapfer und treu als Lebensdevise, zu vergleichen mit dem „BFF“: best
.  friends  for ever  (beste Freunde für immer)

Altabt Pater Dr. Lukas Schenker, Mariastein, meint, dieser Ruf gelte  vermutlich bei den Exgardisten für eine gewünschte Lebensführung, die mit  „Tapfer“ jedoch schwierig zu erklären sei.

   2017: Buch von Joseph Spillmann

Im Jahre 2017 erschien das überarbeitete Taschenbuch von Joseph Spillmann, ein Schweizer Schriftsteller und Jesuit (1842 – 1905), mit dem Titel „Tapfer und treu“. Eine Geschichte über einen Schweizer Offizier der Schweizergarde während der französischen Revolution. Das Original von 1896 wurde geringfügig gekürzt. Petra Verlag.

Ein Jesuit bedient sich um die Jahrhundertwende mit den Soldatentugenden tapfer und treu. Es ist wieder ein Beispiel mehr, wie diese Devise zur Schweizer Geschichte gehört.

   Päpstliche Schweizergarde: Der Eid des Gardisten

Aus der Eidesformel, die der Gardekaplan vorliest, und dem anschliessenden eigentlichen Schwur auf die Fahne  ergeben sich Adjektive, die aussagen, wie sich der Gardeangehörige im und ausserhalb des Gardedienstes zu verhalten hat:

Kaplan:                          treu, redlich, ehrenhaft
Schwörender Gardist:    gewissenhaft, treu

Es fällt auf, dass der Wahlspruch der Garde nur zur Hälfte im Eid vertreten ist; es  fehlt das Wort „tapfer“.

   22. April 2020: Erklärungen des Garde-Kommandos

Der Wahlspruch der Garde wird heute in der Korrespondenz und internen Dokumenten (z. B. Tagesbefehl)  wie folgt verwendet:

  •   In der deutschen Korrespondenz wird „Tapfer und treu“   
      als Grussformel verwendet
  •   oder als Abschluss eines Dokumentes hinzugesetzt
  •   Die Korrespondenz in anderen Sprachen enthält „Acriter et 
      fideliter“
  •   Ein Tagesbefehl  enthält den deutschen und lateinischen
      Wahlspruch
  •   Die Devise „Acriter et fideliter semper“ gehöre den Exgardisten

Der Wahlspruch wird heute in der Rekrutenschule thematisiert, dazu  während den Vorbereitungen auf die Vereidigung. Er ist allen bekannt, aber im Alltag wird er kaum verwendet. (Z. St.)

   August 2020:  ein Altphilologe spricht

Hans-Ueli Gubser, Basel,  a. Hauptlehrer Latein und Griechisch, meint zu

acriter
Hinter diesem Adverb stehen heftige Ausdrücke, die für unsere ehemaligen Reisläufer zutreffen mögen, nicht aber für heutige Schweizergardisten. Interessant ist, dass der grosse, ausführliche Georges-Lexikon unter „acriter“ das gesuchte Adverb „tapfer“ gar nicht kennt.

fortiter
Hier sind deutsche Adjekive vorzufinden, die diese Soldatentugend „tapfer“ in ein  besseres Licht rücken. In diesem Zusammenhang muss  das Motto des Jesuiten Claudo Acquaviva erwähnt werden, das die Philosophie der Schweizergarde vermutlich sehr gut trifft:“ Fortiter  in re, suaviter in modo“ („Stark in der Sache, mild in der Methode“).

   Der Wahlspruch bei Gardisten und Exgardisten

             

Gardisten und Exgardisten kennen den Jahresbericht der Garde und die Zeitschrift „Der Schweizergardist“, früher „Der Exgardist“.

Bei der Suche nach dem geschriebenen Wahlspruch in den Jahresberichten ab 1982 und der Zeitschrift „Der Exgardist“ bzw. „Der Schweizergardist“ ab 1984 konzentrierte ich mich vor allem auf die Kommandodokumente, die Sektionsberichte, Ansprachen und Artikel von Kommandanten, Gardisten und Exgardisten.  Der Wahlspruch, ob in Deutsch, Lateinisch oder in beiden Sprachen, wird bei den Exgardisten mässig verwendet. Die Devise mit dem Zusatz „semper“ („immer“) wird zzt. durch den Zentralvorstand der Exgardisten und wenigen Sektionspräsidenten verwendet. Die  deutsche und lateinische Version hingegen wird zzt. innerhalb des Kommandos immer verwendet.  Die Kommandanten  Buchs, Segmüller, Mäder und Anrig  bedienten sich des Wahlspruchs schriftlich und mündlich nach und nach.

   Ergebnisse der Spurensuche

Mit den mir zur Verfügung stehenden Unterlagen kann ich  abschliessend festhalten:

  • Die Schweizer Reisläufer in Fremden Diensten fühlten sich von Anfang an zu den damals wichtigsten Soldatentugenden Tapferkeit und Treue verpflichtet. Sie blieben dem Volk nicht fremd
  • „Treue“ verlangte der Gründerpapst der Schweizergarde, Julius II., bereits in der Anfrage an die Tagsatzung  von 1505
  • Der übernächste Papst, Hadrian VI. (1522-1523), sprach von  der bewährten „Treue und Tapferkeit“ der Leibgarde
  • Kommandant Johann Kaspar Meyer von Baldegg macht am 24. Juni 1696 Fusskuss und Treueeid
  • Im Verlaufe der Jahrhunderte erwähnen die Päpste immer die „Treue“, weniger die Tapferkeit. Die Päpste der Neuzeit sprechen jeweils zum 6. Mai (Vereidigungstag) mehr von gewünschten Charaktereigenschaften rund um den Gardedienst
  • Der Wahlspruch „Tapferkeit und Treue“ bzw. „Tapfer und treu“ lässt sich aus dem über 500 Jahre dauernden Dienst für Papst und Kirche erklären.  Päpste, Kirchenvertreter, Schriftsteller, Musiker, Militärangehörige, Politiker  und   Armeen  (beispielsweise die Bundesrepublik Deutschland und die Schweiz) verwenden  diesen Wahlspruch über die Jahre
  • Den Wahlspruch „Tapfer und treu – Fortiter et fideliter“, also in  deutscher und lateinischer Sprache, muss erstmals  Papst Pius XII. am 6. Mai 1956 verbindlich  an die Schweizergarde abgegeben haben
  • Den Wahlspruch „Acriter et fideliter“ muss Gardist Gérard Tomasetti  in einem Heraldikbild im Jahre 1959 erstmals vorgestellt haben
  • In der Garde las man den Wahlspruch „Tapfer und treu – fortiter et fideliter“ vermutlich zum ersten Mal inoffiziell  im  Tagesbefehl vom  14. September 1970 (Oberst Nünlist)
  • Mit Oberst  Buchs wurde der Wahlspruch „Tapfer und treu – Acriter et fideliter“ aufgefrischt (1982). Er wurde bei den nachfolgenden Kommandanten bei Gelegenheit bis auffallend angewandt. Heute gehört er bei Oberst Graf bei schriftlichen und  mündlichen Aussagen zur Selbstverständlichkeit
  • Zum ersten Mal offiziell ist der Wahlspruch  in lateinischer Sprache „Acriter et fideliter“ auf der Titelseite des Garde-Jahresberichtes von  1991 (700 Jahre Eidgenossenschaft)  (Oberst Buchs) zu finden
  • Der Aufruf  „Acriter et fideliter semper“ erfolgte zum ersten Mal öffentlich in einer Begrüssung an die Gottesdienstteilnehmer/innen  am 6. Mai 2013 durch den damaligen Kaplan Alain de Raemy
  • Das Adjektiv „tapfer“ fehlt in der Eidesformel der Schweizergarde
  • „Fortiter“ oder „acriter“ für das Adjektiv „tapfer“? Hier sind sich die Fachleute einig: Mit „fortiter“ lasse sich dieses Adjektiv für die heutige Schweizergarde besser erklären. „Acriter“ gehöre in die Zeit des wilden Reislaufens
  • Die Eidgenossenschaft  verwendet im Text des Löwendenkmals „Virtuti“ für Tapferkeit, ebenso Polens Militär für einen Orden

   Bekenntnis

Die Päpstliche Schweizergarde hat auch in der Neuzeit ihre wichtigen und notwendigen (eine Not abwehren) Aufgaben gekonnt und zuverlässig für den Heiligen Stuhl erfüllt; keine grausamen oder wilden. Müsste man nach meiner Spurensuche abschliessend den lateinischen Wahlspruch unter die Lupe nehmen, hätte dies  heute wohl die Auswechslung des lateinischen Adjektivs „acriter“ durch „fortiter“ zur  Folge. Viele Schweizerinnen und Schweizer, Pilgerinnen und Pilger und unzählige Touristinnen und Touristen sehen in den Leibgardisten des Heiligen Vaters – stets dem Heute angepasst – durchaus tapfere, d. h. beispielsweise tüchtige und  tatkräftige Soldaten, welche die noch einzig bestehende Schweizer Truppe in fremden Diensten vertreten.

 

 

 

 

© 2021 SIC! Werner Affentranger
Alle Bilder ohne Nachweis aus Wikipedia
Es fehlen die Korrespondenzen der ehemaligen Kommandanten Heinrich und Franz Pfyffer von Altishofen und Robert Nünlist.