Geschichte der Päpstlichen Schweizergarde

… als schritten sie aus Jahrhunderten


Zur Geschichte der Päpstlichen Schweizergarde
Ein Beitrag von Pfarrer Aloys von Euw,  Morschach/Schwyz

Aktuelle Informationen über die Schweizergarde wie Schnupperreise,   Aufnahmebedingungen, Anmeldung usw. unter: www.schweizergarde.ch  und www.schweizergarde.va

Fotos: Renato Ast (ra), Horw, Armin Brunner (ab), Therwil, Stefan Meier (stm), Wettingen/Berlin, Michael Wirz (mw), Basel, Werner Affentranger (wa)

© 2013, Redaktion: Werner Affentranger, Bottmingen BL: w.m.affentranger@intergga.ch
(ab dem Heiligen Jahr 2000 Redaktion durch WA)

Besonders für jugendliche
Leserinnen und Leser gedacht

Vatikan - Stato della Città del VaticanoHerrlicher Blick vom Schweizergarde-Quartier in der Päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo auf den Albanersee, das Städtchen Rocca di Papa (weiss) und den Monte Cavo, der  NATO-Sperrgebiet ist  (950 m ü. M.). (Foto ra)

Heilige und Hellebarden empfangen uns!

Liebe Jugendliche,
liebe Leserin, lieber Leser!

Sie besuchen den Vatikanstaat. Wenn Sie aus dem quirligen, lauten Leben der Stadt Rom über die Tiberbrücke kommen,  steht die trotzige Engelsburg zur Rechten. Kaiser Hadrian hatte sie für sein Grabmal gebaut. Heute grüsst der Erzengel Michael von der Spitze. Dann schuhwerken wir durch die majestätische Via della Conciliazione (stm). Es ist etwas ruhiger geworden hier. Lärm und Autogehupe verebben in der Ferne. Die Gebäude links und rechts stehen in Reih  und  Glied  und wirken würdig.

Totalansicht Foto Stefan Meier

Die Prachtsstrasse „Via della Conciliazione“ (Strasse der Versöhnung) zwischen Engelsburg (unten) und dem Petersplatz. Rechts im Bild schlängelt sich der „Passetto di Borgo“, ein Mauerwerk, vom Papstpalast zur Engelsburg.

Da – eine weisse Linie (wa) zieht sich wie nebensächlich durch die Pflastersteine. Hier beginnt der Vatikanstaat. Ohne Zollgebäude, ohne Zöllner und Staatsflaggen. Vor uns wächst eine prunkvolle Fassade in den Himmel. Mit Nischen, Balkonen, mit Balustraden (Brüstungsgeländer). Und dahinter duckt sich wie verschämt die Kuppel von Sankt Peter in das Gemäuer. „Man soll mich vom Innern her entdecken“, will sie sagen. Die äussere Pracht geschieht später.

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Die vatikanische Staatsgrenze zu Beginn des Petersplatzes, markiert mit hellen Pflastersteinen und aufgestellten, kleinen, zum Teil fahrbaren Eisengittern. Man beachte das italienische Polizei-Auto auf dem Petersplatz. Die Italienische Polizei beim Vatikan bewacht Tag und Nacht den weltbekannten Platz. Dieses Foto wurde zur Adventszeit geknipst: Die Weihnachtskrippe wird aufgebaut. Hinten der Papstpalast. Im obersten Stockwerk befindet sich die Papstwohnung.

Wir stehen auf dem Petersplatz (stm). Zwei riesige, steinerne Arme Berninis – was sage ich? – der Kirche – umklammern  uns. 284 gewaltige, gewichtige Säulen in Viererreihen. Es ist ein Einladen, Aufnehmen, willkommen heissen. Ohne Zwang. Ein tiefes Symbol (Sinnbild): Die Kirche will uns einladen. Nicht umklammern. Nicht zwingen.
Flugaufnahme April 2001 IV Foto Stefan Meier

Oben, auf den ragenden Säulen und Kapitellen (der oberste Teil einer Säule) stehen lauter Heilige (stm). 140 sind es. Päpste Bischöfe, Märtyrer, werktägliche Berufsleute, heilige Ordensgründerinnen und Klosterstifter, Könige und Bettler heissen uns willkommen. Schon zum Himmel entrückt. Und doch schabernackt so viel Menschliches in diesen Säulen und Räumen. Unser lieber Herr hat doch seine Kirche damals am See Genesareth auf wackligen Menschen gegründet.
Petersplatz von oben Foto Stefan MeierZehn Jahre lang, von 1656 bis 1666, hatten Bernini und seine Schüler an diesen Säulen gehämmert. Über dem Hauptportal von St. Peter und als Krönung der Fassade steht überlebensgross Christus (ab), der Meister. Ihm assistieren an den Flanken Johannes der Täufer (links) und der Apostel Andreas, der Bruder von Petrus.
AB ChristusInmitten der grossen Piazza San Pietro ragt ein Obelisk (hoher vierkantiger Stein) in den Himmel. Er ist 41,23 Meter hoch. 19 Jahrhunderte vor Christus wurde er in Ägypten zurechtgeschliffen. Die römischen Cäsaren schleppten ihn nach Rom. 1586 holte ihn Fontana (aufgewachsen im Tessin) aus dem ehemaligen Circus Nero und stellte ihn rund 450 Meter weiter entfernt in die Mitte des Platzes auf. Man erzählt sich seltsame Geschichten davon. Daneben sprudeln munter zwei Brunnen.

Auf das Heilige Jahr 2000 wurde die Fassade (ab) von St. Peter brillant herausgeputzt. Abends leuchtet sie auch heute noch mit der Peterskuppel zusammen in einem zauberhaften Lichtspiel auf. Die Römer säumten im Jubeljahr den riesigen, steinernen Platz mit dem Grün vieler Olivenbäume.
AB FassadeWir stehen, ohne es zu merken, im kleinsten Staat der Welt. „Stato della Città del Vaticano“ ist sein offizieller Name. Der Vatikanstaat (stm) zählt 44 Hektaren Territorium (Staatsgebiet) und normalerweise zwischen 500 und 600 Staatsbürger. „CV“ steht auf der Autonummer vatikanischer Staatsbürger. Ein Schweizer Zöllner in Chiasso schüttelte einmal den Kopf, als die Frau des Gardekommandanten mit ihrem Auto hielt. „Gibt es das?“, fragte er. Hier auf dem Petersplatz aber steht kein vatikanischer Staatsbeamter, der nach Pass und Schmugglerware schnüffelt.
38 Flugansicht Vatikan Foto Stefan Meier 011Wenn wir Glück haben und eine Papstaudienz ansteht, entdecken wir zwischen Kolonnaden (Säulengängen) Klosterfrauenhäubchen und Monsignore-Violett (Monsignore ist ein Priestertitel), Wasser-Flaschen und zappelnden Gruppenfähnchen – eine  Uniform, wie aus einer anderen Welt. Einen Schweizer Gardisten (stm). Und doch passen diese gelb-rot-blauen Farben in diese Welt der Gemälde und Skulpturen (von Bildhauern geschaffene Werke), als hätte sie Michelangelo, der Schöpfer der Kuppel, selbst entworfen. Er hat sie nicht! Puffärmel und flatternde Tuchstreifen, blütenweisse Fältchenkragen, ein vorwitziges Béret (schräggestellte Kopfmütze) – an Feiertagen gleisst ein Helm mit farbigem Federbusch in der Sonne. Vor den päpstlichen Palästen, in den Toren steht der Gardist stramm, die Hellebarde in der rechten Hand. Eine uralte Waffe, die vor 500 Jahren die Freiheit der Schweizer erkämpfte.
Guardie Svizzere franc

Ja, es sind Schweizer, junge Eidgenossen, die hier Wache stehen. Am Bronzetor vor der königlichen Treppe oder unter dem Glockenturm, an vier von fünf offiziellen Eingängen zum Vatikanstaat. Seit 1506, über 500 Jahre lang bewachen sie den Papst und seine Mitarbeitenden, seine Residenz (seinen Palast). Es gab drei Unterbrüche ihres Wachtdienstes. Und es gab die Zeit, da fast die ganze Garde niedergemetzelt wurde.

Dieser Beitrag möchte davon erzählen. Die ganze Geschichte dieses militärischen Korps marschiert durch diese Seiten. Besonders junge Männer, die davon träumen, selbst Gardist zu werden, sollen sich hier für diesen Dienst beim katholischen Oberhaupt in Weiss angesprochen fühlen.

„Acriter et fideliter“- „Tapfer und treu“ ist die lateinische Devise (der Wahlspruch) dieser über hundert Schweizer. Sie wird es bleiben.

Morschach, Ende 2005                                                      Pfarrer Aloys von Euw
aloys-von-euw

www.schwyzkultur.ch/nachrichten

Anmerkung: Auf das Jubiläumsjahr „500 Jahre Schweizergarde“ im Jahre 2006 war ein Werk- und Werbebuch für Jugendliche über die Päpstliche Schweizergarde vorgesehen. Das Projekt musste zugunsten anderer Bücher fallen gelassen werden. Die hier vorliegende Geschichte zur Garde von Pfarrer Aloys von Euw war als erstes Kapitel gedacht (meistens von ihm frühmorgens ab 05.00 bis 07.00 Uhr redaktionell bearbeitet).

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Eine Grossmacht im Hirtenhemd und Bürgerwams

Es war um das Jahr 1500. Die Tagsatzung der Eidgenossen tagte. „Wer bezahlt uns besser?“, fragten die Abgeordneten der Eidgenossen. „Und die Renten? Der Anteil an den Plündereien?“ Gesandte europäischer Könige und Fürsten, Junker, italienische Herzöge und Städte buckelten vor den Eidgenossen. Alle wollten Krieger anwerben, stämmige, knorrige Männer aus den Tälern und Bergen, die steinharte Fäuste und einen wuchtigen Schlag mit der Hellebarde führten.

Vor kurzem hatten diese Eidgenossen dreimal das geharnischte Burgunderheer Karls des Kühnen über den Haufen geworfen. Das war ein Siegen! 1476 bei Grandson und bei Murten. Ein Jahr später bei Nancy. Und dann überraschte die Beute! Wie funkelten die Becher und Schüsselchen und die Golddukaten in den Händen der Bergler! Haarus! Das hatte sich gelohnt!

1499 besiegten sie längs des Rheins in verschiedenen Schlachten die Aufgebote des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und des Schwäbischen Bundes. Zur gleichen Zeit säbelten sie dem französischen König den Weg nach Mailand frei, um das lockende Herzogtum in Oberitalien zu erobern.

Mochte vor kurzem noch der barfüssige Bruder Klaus im Ranft auch mahnen und bitten: „Mischt euch nicht in fremde Händel!“ Es kümmerte sie wenig. Sie waren gut, die Eidgenossen! Wenn sie in einer Nacht noch irgendwo in der Lombardei einen Weinkeller plünderten und austranken – am anderen Morgen marschierten sie in stählerner Disziplin auf den Feind los.

„Ja, was bezahlt ihr, Hohe Herren, für unser Blut?“

Von 1481 an waren die Eidgenossen der zehn Stände – ein winziges Völklein mitten in den Grossmächten – die Haudegen und Herren halb Europas. Macchiavelli, der florentinische Staatsschreiber, kritzelte seine Bewunderung in die Pergamente. Die Schweizer würden ganz Italien erobern und niemand könnte sie daran hindern.

Die königlichen Louis d’or und die päpstlichen soldi (Löhne, Zuschläge) lockten mehr als das Gemecker der Ziegen oder das Betteln und Sorgen von Frauen und Kindern zu Hause.

Der Kirchenstaat

Die Päpste waren im Mittelalter bis 1870 auch die weltlichen Herren eines eigenen Kirchenstaates. Sie hatten zu verwalten, zu richten, die Grenzen zu halten und zu stärken. Dieses päpstliche Territorium (Staatsgebiet) dehnte sich über die fruchtbaren Ebenen um Rom aus, die sonnigen Hügel des Apennins bis über das weite, satte Land der Emilia Romagna. Das grosse Mailand und die vielen, winkeligen Städtchen ringsum gehörten dazu. – Aber solche Landschaften und Pracht lockte auch andere! Die französischen Könige jagten ihre Truppen immer wieder über die Alpen, um für sich diese schillernde Lombardei einzusacken. – Was sollte der Papst unternehmen? In Sorge und Eile sandte er seine Gesandten mit Gnaden und Geschenken zur Tagsatzung der Eidgenossen. Zur gleichen Zeit trommelten auch die französischen Werber und trumpften mit viel Geld und Sold auf. Die Tagsatzung liebäugelte heute mit den Königen, bald mit dem Papst. „Defensores libertatis ecclesiae“ – „Verteidiger der Freiheit der Kirche“ hatte sie der Papst gerühmt – das klang gut und christlich. So zogen die Krieger oft über die Alpenpässe südwärts. Und wenn dann die urwüchsigen Männer im Gewirbel der Trommel in die Lombardei vorrückten, mit Hellebarden und Morgensternen und einem wilden Haarus-Geschrei, schlotterten die französischen Besatzer eines Städtchens und flüchteten Hals über Kopf. So geschah es viele Male.

Später, nach 1510, wird Kardinal Matthäus Schiner mit den Truppen vorausreiten. Er war selber ein Walliser, aus dem kitzekleinen Dörfchen Mühlebach im Goms. Im Auftrag des Papstes wird er um eidgenössische Söldner werben.
Kardinal Schiner Stefan Meier 011Das Gemälde (oben, stm) von Robert Schiess in der Gästekantine („bettolino“ genannt) der Schweizergarde in der Vatikanstadt stellt einen von Schiners  abenteuerlichen Märschen über die Alpen dar. In dieser kriegerischen Zeit wurde die päpstliche Schweizergarde in Rom gegründet. (WA: Dieses Bild hat historische Fehler; siehe ‚Vatikan und Kirchenmix‘, Buchstabe Ka-Kl, Nebenregister ‚Kantine – Bild Schiner von Schiess – Text‘)

Dreinhauen – ja – aber Wache stehen?

Königliche und fürstliche Höfe hatten sich längst ihre Garden angelegt, ja ganze Bewachungsgeschwader. Es waren meist nicht einheimische Wächter. Fremde Gardisten schienen unbestechlicher und unparteiisch. An den Höfen von Frankreich und Burgund wachten schottische und englische Bogenschützen. Dann aber kamen die Fürsten auf den Geschmack der Schweizer! Auf Feldzügen hatten sie die starken, mutigen Kerle getroffen. König Karl XIII. von Frankreich rief 1496/97 die „Compagnie des cent gardes du corps du roi Suisses“ – die königlichen hundert Schweizer Gardisten – ins Leben.

Julius II., der Gründer der Schweizergarde

1503 wurde der 60-jährige Giulio della Rovere (stm) zum Papst gekrönt. Als armes Büblein war er in einem Städtchen der Provinz Savona aufgewachsen und hatte dann die Kutte eines Franziskaners getragen. Sein Onkel, Papst Sixtus IV. überschüttete den jungen Mönch mit Titeln und Ämtern und gab dem 28-jährigen den Purpur eines Kardinals. Später, 1494, begleitete Kardinal della Rovere den Franzosenkönig Karl VIII. auf dem Kriegszug nach Neapel. Eine starke Schweizertruppe schützte den König. Und hier erlebte der künftige Papst den Wert dieser Eidgenossen.
Julius IIJulius II. della Rovere war Papst seiner Italiener von 1503 bis 1513. „Il terribile“ – der Schreckliche: aber auch der Gewaltige, der Grossartige – nannten sie ihn mit reverenza (mit Ehrerbietung). Eine schrankenlose Kühnheit und ein unbezwingbarer Tatendrang, Scharfsinn und Standhaftigkeit zeichneten ihn aus. Und doch hatte er den feinen Sinn für alles Schöne und Kunstvolle.

Er liess die berühmtesten Künstler an seine Stufen kommen: Bramante, der den Damasushof (ra) schuf – wo heute die Schweizergarde vereidigt wird – Raffael, welcher die berühmten Stanzen malte, und Michelangelo, damit er die Decke der Sixtinischen Kapelle gestalte. Später wird er unter seinem Nachfolger das „Weltgericht“ auf die hohe Altarwand der Sixtina bringen und – als Höhepunkt – die majestätische Kuppel über das Petrusgrab wölben.
Vereidigung4 Defilee Rena1506, im Gründungsjahr der Schweizergarde, legte Julius II. den Grundstein für die Peterskirche, rund drei Monate, nachdem die ersten Schweizer in Rom eingetroffen waren.

Das Regierungsprogramm des königlichen Papstes – er wäre besser Kaiser geworden, meinte König Franz I. von Frankreich – es umfasste mehr: Der Kirchenstaat sollte Glanz und sichere Grenzen erhalten. Denn sein Vorgänger hatte ganze Städte und Ländereien davon den Neffen und Verwandten verschachert. Der Papst will von fremder, weltlicher Macht unabhängig sein. Der zerrüttete Kirchenstaat soll neu und ruhmvoll erstehen. Die fremden Herren – vor allem die Franzosen – müssen aus dem heiligen „Patrimonium Petri“, dem Kirchenstaat, geschmissen werden. Und vor allem: Der Papst soll eine getreue, eiserne Schutztruppe um sich haben. Wer ist am besten dazu fähig? Die Schweizer!

Die Gründung der Garde – diplomatische Kontakte

Julius II. kannte von früher her einen reichen, schweizerischen Geistlichen, Peter von Hertenstein. Unter Innozenz VIII. hatte dieser am päpstlichen Hof geweilt. Jetzt war er Archidiakon der Kathedrale von Sitten, Domdekan zu Basel und Domherr von Konstanz. Ein gutes Jahr nach seiner Krönung liess Julius II. im Jahre 1505 den würdigen Herrn nach Rom kommen. Peter von Hertenstein gehorchte sofort. Er liess sich vom Papst die Wünsche für eine Leibgarde ausbreiten und konnte ihm gleich einen geeigneten Hauptmann als Kommandanten vorschlagen: Kaspar von Silenen (stm), einen entfernten Verwandten. „Er hat den Ruf eines kriegserfahrenen Mannes“, bestätigte er. Julius nahm den Vorschlag mit Freude an und kleidete Hertenstein als Dank in das Mäntelchen eines päpstlichen Kämmerers.
01 Kaspar von Silinen 1506 bis 1517

Am 21. Juli reiste von Hertenstein in die Schweiz zurück und legte der Tagsatzung ein Breve, einen Brief des Papstes vor. Der Heilige Vater wünsche sich 200 Kriegsknechte für seine Leibwache. Das reiche Bankhaus Fugger schoss für die Werbung rund 5’000 Dukaten vor.

Was Peter von Hertenstein nicht erwartet hatte: Die Eidgenossen zögerten! Vor zwei Jahren hatten sie im Badener Verkommnis den fremden Kriegsdienst verboten. Aber vom Mai 1505 an flossen wieder französische Gelder und Versprechungen nach Luzern. Auch die anderen Stände setzten auf der Tagsatzung vom 9. September 1505 den Pensionenbrief von Baden ausser Kraft. Und Tausende von kriegslustigen Eidgenossen liessen sich für Frankreich anwerben.

Dreinhauen ist besser …

An der gleichen Tagsatzung des 9. September 1505 stand Peter von Hertenstein mit seiner päpstlichen Bitte vor den Tagsatzungsherren. Er legte es geschickt dar, dass es nicht um Kriegsdienst gehe. Die Schweizer Gardisten hätten die Person des Heiligen Vaters und den Apostolischen Palast zu bewachen.

Als Peter von Hertenstein und der neue Gardehauptmann Kaspar von Silenen hörten, dass man in alle Bergtäler hinein für den Franzosenkönig Söldner warb, taten sie es gleich: und waren enttäuscht! Lust und Beute bei den Franzosen lockten mehr, als ein stundenlanger Wachtdienst beim Vater der Christenheit. Mit Bitten und Betteln brachten sie – statt der 200 – nur 150 Gardisten zusammen.

Mitten im Hochwinter stapfte die kleine Truppe, wahrscheinlich über den Gotthard, sicher aber ab Aquapendente über den Frankenweg (francigena, stm) nach Rom. Unterwegs rüstete sie das Bankhaus Fugger aus Augsburg zweimal mit Geld aus.20060430 Viterbo Foto Stefan Meier 265

Im Jahre 2006, man feierte 500 Jahre Päpstliche Schweizergarde, marschierten Exgardisten von Bellinzona nach Rom, gleich den ersten 150 Gardisten Ende 1505/Anfang 1506. Auf dem Foto eine Marschgruppe auf der „francigena“.

Es ist der Donnerstag, der 22. Januar 1506

Der Papst hatte die Garde der Schweizer von Kopf zu Fuss schmuck und würdig ausrüsten lassen. Abends um fünf Uhr, im Dämmerlicht der Ewigen Stadt, marschierten sie stramm durch die Porta del Popolo – an den Strassen klatschten die Römer begeisterten Beifall – zum Campo de’ Fiori und zum Vatikan. Julius II. erwartete seine Garde auf der Loggia Pauls II. bei der alten Peterskirche, nahm die Truppenschau ab und erteilte ihr den päpstlichen Segen. Die Leibwache bezog noch am gleichen Abend im Fackellicht ihr Quartier.

Papst Julius II. war über seine neue Garde sehr glücklich. Er gab ihr das Doppelte des Kriegssoldes von damals. Jedem Gardisten vier Dukaten für den Monat und vergütete sogar die Reise reichlich. Von Anfang an durfte die Garde einen guten, römischen Wein zollfrei ins Quartier führen. Das war zu Füssen des alten Palastes, beim Haupteingang zum Vatikan. Hier und in der Nähe wird die Garde über Jahrhunderte ihr Kantonnement  haben. Jeder Gardist besitzt anfangs ein kleines Reihenhäuschen. Pius IV. wird 1564 das Quartier erweitern, Pius V. eine hübsche, kleine Kapelle zu Ehren der Heiligen Martin und Sebastian mitten in ihr Gehäuse stellen. Als der geniale Architekt Bernini seine hohen Säulenkolonnaden wie väterliche Arme vor die neue Peterskirche plante, wurde unter Alexander VII. das Gardequartier (stm) etwas verschoben, jenseits des Borgia-Tores. Pius XI. baute es 1931 nochmals um.
Quartier von oben Foto Stefan Meier

Die drei Kasernengebäude befinden sich zwischen der Baumgruppe und dem Rundturm (Vatikanbank). Das erste Kasernengebäude nach den Bäumen bildet die Staatsgrenze zu Italien.

Zum Garde-Jubiläumsjahr 2006 und später wurden das Rekrutenzimmer und die 1- und 2-Zimmer-Wohnungen der Gardisten erneuert und erweitert. Kasernentrakte erhielten ein hübsches Kleid. Ein Schiesskeller, ein Fitness- und Spielraum und die  Kellerbar erstanden. Die Bibliothek wurde stark erweitert. Küche, Essraum (Mensa oder Mannschaftskantine genannt, mw) und Ausschank (mw) halten einem gut bürgerlichen Restaurant längstens stand. Und die zum persönlichen Gebrauch verwendbaren Waschmaschinen tun das ihre zum sauber gekleideten Gardisten und Privatmann.
Mensa Essen Michael Wirz BSMensa Michael Wirz BS

Für den rückwärtigen Gardedienst werden zeitweise Exgardisten beigezogen. Im unteren Bild zwei junggebliebene Innerschweizer, die sich für einen einmonatigen Mensadienst zur Verfügung stellten. Im oberen Bild ersieht man einen Teil des Mannschafts-Essraums; Tisch- und Stuhlordnung nach Lust und Anlass.

Die Gardisten der ersten Stunde

Gerne würden wir die Namen der 150 ersten Gardisten kennen. Leider sind uns nur 18 aufgezählt. Unter Hauptmann Kaspar Silenen, der gerade vierzig Jahre zählte, amtete als Gardeleutnant Albrecht Gugelberg aus Arth, als Gardeschreiber ein gewisser Jörg. Als Gardisten standen Wache: Rudolf Röstli aus Wollerau, die vier St. Galler Ambros Aigen, Matthäus Girtanner, Mathias Becker und Ambros Heggen, Rudolf Grave aus Appenzell, Andreas Schach aus Bischofszell, die drei Gardisten Jakob Rotgerber, Leonhard Stegemann und Gratian Caspar aus Zürich, Jost Stuck aus Glarus, Hans und Jakob Locher aus Basel, Jakob Wyntze aus Freiburg, dann der erste Walliser Gilli Switzer und Rudolf Rosaby aus Schwyz.

Kriegerische Pläne seiner Heiligkeit

Die neue Papstgarde hatte bald nicht nur Wache zu schieben. Übermütige fürstliche Familien, die Baglioni und die Bentivogli, hatten die Städte Perugia und Bologna vom heiligen Besitz des Papstes für sich eingesteckt.  Am 26. August 1506 brach der Papst an der Spitze eines starken Heeres – beschützt von seiner schweizerischen Leibwache – zum Kriegszug gegen diese Städte auf. In Viterbo, als die Soldaten Quartier beziehen wollten, kam es zu einem Streit zwischen den Gardisten und den päpstlichen Armbrustschützen. Hauptmann von Silenen und der Befehlshaber der Schützen vermittelten und wurden dafür zusammengeschlagen. Der Vormarsch des päpstlichen Heeres wurde ein Triumphzug. Als Perugia das geharnischte Heer des Papstes anrücken sah, schlotterte ihr Mut und es ergab sich am 13. Oktober. Auch Bologna (www.ds-lands.com/bologna), die alte Papststadt, öffnete am 11. November sofort seine Tore. Begleitet vom Herzog von Urbino und dem Markgrafen von Mantua zog Julius II. in seine Stadt ein
BoloniaHinter ihnen ritt der Hauptmann der Schweizergarde. Der Papst liess in Bologna eine starke Besatzung aus schweizerischen Kriegsknechten zurück. Sie wurde der Grundstock einer Schweizer Garde in Bologna.

Während des Kriegszuges hatten sich verschiedene Schweizer Söldner der Garde angeschlossen, die aus der Heimat gekommen waren. So waren es 300 Mann im Ganzen. In Zukunft aber bestand die Garde in Rom aus 189 Mann.

Kurz, bevor Julius II. starb, brachte er sein Vertrauen in die Schweizer zum Ausdruck: „Sie werden uns und der Römischen Kirche treu sein.“ Auch sein Nachfolger Leo X. Medici, dessen Familienwappen-Farben die heutige Garde ziert, schenkte dem Gardehauptmann und seinen Schweizern sein ganzes päpstliches Vertrauen. 1515 stellten sich die Schweizer in der Schlacht von Marignano (heute Melegnano) besonders gegen die Artillerie der Franzosen. Sie kannten zwar bereits diese neuen Geschütze, vernachlässigten sie aber sträflich. Die Schweizer Pikenträger verloren zum ersten Mal. König Franz I. von Frankreich und Papst Leo X. reichten sich die Hand zum Frieden. Die Lombardei blieb in französischer Hand. Aber der Herzog von Urbino, Francesco Maria della Rovere, ein Neffe von Papst Julius II., sammelte spanische und deutsche Söldnertruppen gegen den Papst. Leo schickte den Hauptmann von Silenen 1515 in die Schweiz mit dem Auftrag, grössere Truppen für den Krieg des Papstes gegen Spanien anzuwerben. Mit sechs Fähnlein, mit 1’800 Mann eilte er über die Alpen. In Rimini stiessen sie auf eine grosse, spanische Übermacht von 7’000 Soldaten. Sie kämpften heldenhaft und verloren doch 130 Mann. Was die Söldner und die Schweizergarde tief traf. Ihr Hauptmann Kaspar von Silenen fiel in der Schlacht. In Rom erhielt der Kommandant ein fürstliches Begräbnis. Die ganze Kurie (die Mitarbeitenden des Papstes) nahm daran teil.

Hauptmann von Silenen hatte auch die Seelsorge in der Garde geregelt, den ersten Gardekaplan, Johann Schliniger eingestellt und für eine erste Gardekapelle im linken Seitenschiff der nahen Kirche Santa Maria della Pietà (Campo Santo Teutonico, stm) gesorgt. Im kleinen Friedhof im Schatten der Kirche sollten auch die verstorbenen Gardisten ihre Ruhe finden.
20080626 Campo Santo von Kuppel Foto Stefan Meier 023

Bürgermeister oder Kommandant?

Eine kurze Zeit lang befehligte der Bruder des Toten, Christoph von Silenen die Garde. Nuntius Pucci schlug nun Papst Leo X. den Bürgermeister von Zürich, Markus Röist als Gardehauptmann vor. Röist, ein ausgezeichneter Mann, hatte grosse politische und militärische Erfahrung. Er hatte bei der Schlacht von Marignano die Zürcher Truppe kommandiert und nach der Niederlage den berühmten Rückzug der Eidgenossen geleitet.

Röist antwortete, er sei zu alt und wolle Bürgermeister bleiben. Doch wolle er vom Amt eines Gardekommandanten Besitz ergreifen und dann seinen Sohn Kaspar als Stellvertreter zurücklassen. Auf der Reise nach Rom erkrankte der Vater Röist in Chur und liess seinen Sohn allein weiterziehen. Der neue Hauptmann verstand es sehr gut, die Garde zu führen, Missstände auszumerzen und die Mannschaft zu einer vorbildlichen Leibgarde zu formen. Der Gesandte aus Venedig war begeistert von ihr und schrieb an seine Regierung: Alle Gardisten seien „in eine weiss-grün-gelbe Uniform gekleidet, von bewunderungswerter, militärischer Haltung und die extrema bellezza – von höchster Schönheit.“

Sacco di Roma (Plünderung Roms) oder die blutige Bewährung

Ein halbes Jahr vor seinem Tod rühmte Julius II., der Gardegründer,  seine Schweizer in einer Bulle als „Defensores Ecclesie Libertatis“ – Hüter der Freiheit der Kirche – und schenkte ihr zwei Standarten. Oft waren sie ja in Gefechten im Einsatz gestanden und hatten das Leben des Papstes geschützt.

Leo X., sein Nachfolger, bestätigte 1513 gleich zu Beginn seines Pontifikates, wie erwähnt, die Garde. Die Schweizer feierten diese päpstliche Erklärung mit Jubel und einem grossen Feuerwerk.

Der neue Papst wollte Frieden. Und doch verwickelte er sich in Ränkespiele und Intrigen (beides: hinterhältige Machenschaften). Mit Frankreich schloss er ein Bündnis und verärgerte doch wieder seine Freunde. Karl V: wurde 1519 zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gewählt. Der Papst witterte aber Gefahr: Der Kaiser könnte die Unabhängigkeit des Papstes gefährden. Eine grosse Liga, zusammen mit Frankreich, Venedig, England und den Eidgenossen tat sich gegen den Kaiser zusammen. 1521 starb Leo X. Zu Beginn des Jahres 1522 wurde Hadrian VI. aus Utrecht – der letzte Nichtitaliener bis Johannes Paul II. (1978 – 2005) – gewählt. Die Eidgenossen waren wegen der wankelmütigen Haltung Leo X. enttäuscht. Nur 189 Schweizergardisten eskortierten (begleiteten) den neuen Papst beim Einzug in Rom.

Huldrych Zwingli, der Pfarrer am Grossmünster in Zürich, beschwor seine Landsleute, ihre Kriegspolitik aufzugeben. Er selbst hatte Italienerzüge und die Schlacht von Marignano miterlebt. Zur gleichen Zeit führte er in Zürich die Reformation ein, schaffte die Messe ab und stürzte die Heiligenbilder von den Wänden.

Hadrian VI. war nach einem guten Jahr seines Pontifikates (Amtsdauer) gestorben. Nun folgte 1523 Klemens VII. Der neue Papst wollte die grossen Sold-Rückstände an die Zürcher bezahlen. Er stellte aber die Bedingung, zum Glauben der Väter zurückzukehren. Die Zürcher nahmen den Vorschlag nicht an. So kam es zum endgültigen Bruch mit dem Papst.

Der Rat von Zürich forderte im Januar 1527 den Kommandanten und die Schweizergardisten aus Zürich auf, sofort in die Heimat zurückzukehren. Caspar Röist (stm) versammelte seine 43 Zürcher Gardisten und las ihnen den Brief ihrer Behörde vor. „Nein“, blitzte es aus den Augen der Männer: „Wir können dem Papst nicht untreu werden.“ Der Kommandant schrieb an den Rat von Zürich: Sie hätten einen Eid geschworen, das Leben des Papstes zu schützen. Sie werden ihrem Eid nicht untreu werden. So beteuerten es alle.
03 Kaspar Röist 1524 bis 1527Und doch ahnten die Schweizergardisten schon, dass ein grosses Heer, ja der Tod im Anmarsch war. 20’000 Landsknechte  des  Kaisers  waren  bereits  nach Rom unterwegs.

Kaiser Karl V. war erzürnt. „Ich werde mich in Italien rächen…“  König Franz I. von Frankreich, der Mailand eingenommen hatte, und Papst Klemens VII. sollten es büssen, dass sie seine Gefolgschaft verweigerten.

Zur gleichen Zeit bekämpften sich die römischen Adelsfamilien Colonna und Orsini in der Ewigen Stadt. – Das Unglück war nicht mehr aufzuhalten.

Auf dem Weg nach Rom, in Pavia, hatten die Landsknechte und die spanischen Söldner die französischen Truppen – darunter 14’000 Schweizer vernichtend geschlagen. Dann stürmten sie weiter, der Stadt des Papstes entgegen. Die deutschen Landsknechte erhielten keinen Sold. Sie sollten sich dafür beim Plündern und Rauben selbst bedienen. Und schillernder Reichtum lockte in den Kirchen und Palästen der Ewigen Stadt.

Der 6. Mai 1527 erwachte über Rom

Des Papstes Feinde hatten in der Nähe des Monte Mario übernachtet. Generalhauptmann Karl von Bourbon bezog auf dem Hügelzug Gianicolo, im Kloster Sant’ Onofrio sein Hauptquartier. In der Morgenfrühe liess er vom Gianicolo aus zum Angriff blasen. Von drei Seiten brachen die 20’000 zum Sturmangriff vor. Bourbon selber erstürmte bei der verriegelten Porta del Torrioni auf einer Leiter als erster die Stadtmauer – und stürzte, tödlich verwundet, in die Tiefe. Einen Augenblick lang zögerten die spanischen Söldner. Dann stiegen und stürmten sie über die Stadtmauer, während die deutschen Landsknechte in den Borgo, den Hof Santo Spirito und über die Porta San Pietro und die Porto Torrioni (heute Largo Cavalleggeri) einfielen. Jetzt standen sie in nächster Nähe zu St. Peter.

Die Schweizergarde und mit ihnen römische Truppen erwarteten beim Obelisken – der damals in der Nähe des Campo Santo Teutonico stand – den Angriff. Mit wildem Gebrüll und klirrenden Waffen überrannte die riesige Übermacht das Häuflein Schweizer. Verzweifelt leistete die Garde Widerstand. Sie wich zurück in die Kirche bis vor den Petrusaltar. Ein wildes Ringen! Ein Klirren und Lärmen, ein Stöhnen und Sterben … Und hier, an den Stufen von St. Peter fielen sie alle wie reife Garben im Sommer. Ihr Kommandant, Caspar Röist wurde schwer verwundet ins Quartier getragen. Die spanischen Söldner drängten wütend nach und metzelten ihn vor den Augen seiner Gattin Elisabeth Klingler nieder. Sie hatte ihn schützen wollen. 147 Schweizergardisten opferten ihr junges Leben für den Papst.

Aber wo war der Papst, als seine Getreuen kämpften? 42 Schweizergardisten unter dem Kommando von Leutnant Herkules Göldli bewachten und umklammerten ihn in seinem Palast. Als die wilde Horde in die Kirche und Gänge stürmte, flüchteten sie mit ihm unbemerkt durch einen Geheimgang (stm) – „Passetto“ – durch die Mauern zur Engelsburg.
Passetto

Die wilden Eroberer Roms, Landsknechte und Spanier, strömten über die Ponte Sisto in die Stadt und verbreiteten acht Tage lang Schrecken und Gewalt. Sie mordeten, raubten, frevelten (verübten Verbrechen) und brachen sogar die Gräber von Päpsten auf, um sie auszuplündern. Etwa 12’000  Menschen starben. Der Wert der Beute wird auf 10 Millionen Dukaten geschätzt. Es waren unersetzliche Verluste. Wundervolle Werke der Kunst, der grösste Teil der Goldschmiede-Arbeiten in den Kirchen  Roms ging verloren.

Klemens VII. befand sich für einen Monat hinter den dicken Mauern der Engelsburg (wa) in Sicherheit. Am 5. Juni ergab er sich.
OLYMPUS DIGITAL CAMERAEr musste aber harte Bedingungen annehmen: Aus seinem  Kirchenstaat hatte er drei Städte und drei Festungen dem Feind zu übergeben und hohe Lösegelder zu bezahlen. Die Schweizergarde wurde abgeschafft und ihr Dienst von 200 Landsknechten übernommen. Der Papst setzte es durch, dass die überlebenden Gardisten in die neue Garde eintreten durften. Aber nur 12 von 42 Gardisten taten es. Zu ihnen gehörte Hans Gutenberg aus Chur und der Gardeschreiber Rosin aus Zürich. Er wird später als päpstlicher Dolmetscher und Vertreter manche gute Dienste für Heimat und Kirche leisten.

Die anderen Gardisten wollten nichts mit den verhassten Landsknechten zu tun haben. Sie suchten sich neue Dienstherren aus oder zogen in die Heimat.

Das Denkmal und sein Auftrag

DCF 1.0Im Ehrenhof des Gardequartiers erzählt in stummer, starker Sprache ein Denkmal (stm) vom Heldentod der Garde von 1527: Zwei todwunde Gardisten und ihr Hauptmann Caspar Röist, der stehend dem Feinde trotzt. Der Nidwaldner Bildhauer Eduard Zimmermann hatte es zur 400-Jahrfeier aus Travertin gemeisselt. Papst Pius XI weihte das Denkmal am 20. Oktober 1927 ein. Aus der Schweiz waren Vertreter der Bischöfe, des Bundesrates, der Armee gekommen. Die Regierungen der Kantone, die am meisten Gardisten stellen, Wallis, Luzern, Fribourg, und der Verein der ehemaligen Schweizergardisten waren vertreten. Pius XI., der die Schweiz sehr liebte und als junger Priester und kühner Alpinist das Matterhorn und andere höchste Walliserberge erklettert hatte – liess für die Schweizer Gardisten ihr Quartier erneuern und erweitern. Zur Weihe des Denkmals sagte er: „… dieses Unglück und dieser Jammer – die Plünderung Roms – wurden durch die heldenhafte Haltung der Schweizergarde zu einer Quelle unsterblichen Ruhms.“

Wie der sterbende Löwe von Luzern an den Heldentod der Schweizergarde in Paris erinnert, so bleibt das Denkmal im Ehrenhof  des Schweizer Quartiers im Vatikan ein Zeugnis der Treue der Schweizer. „Pro Fide ac Virtute“ – für Treue und Tapferkeit steht in den Sockel gemeisselt.

An jedem 6. Mai legt der Kommandant nach einem festlichen Gottesdienst der neuen Gardisten, ihrer Angehörigen und Freunde einen Lorbeerkranz an das Ehrenmal. Treue Gardisten, Unteroffiziere und Offiziere, die meist über ihre zwei Pflichtjahre hinaus dem Papst dienen – werden mit päpstlichen Orden und Verdienstmedaillen (wa) ausgezeichnet.

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Am späten Nachmittag schwören die neuen Gardisten im Damasushof ihren Fahneneid (ra). Die Gardemusik, ein Vertreter des Bundesrates oder der Armee, ein Kanton, Ehrengäste, Ehemalige, Eltern und Freunde geben den Gardisten die Ehre.
Vereidigung2 Einzelschwur RenaDies geschieht jedes Mal am Tag des Gedenkens an diesen blutigen, ruhmvollen 6. Mai 1527.

Der Marsch der Garde durch die Jahrhunderte

Papst Paul III. (1534- 49) setzte nach 21 Jahren die Schweizergarde 1548 wieder ein. Ihr Kommandant wurde Jost von Meggen. Mit 225 Mann stiegen sie über die Gotthard und bezogen ihr altes Gardequartier in Rom. Die Garde war in eine Luzerner-, Urner-, Unterwaldner-, Zuger-, Glarner- und Solothurner Wacht eingeteilt. Diese Stände-Wachten blieben 200 Jahr lang. Heute ist die Garde in drei Geschwader – in  der italienischen Armee „squadra“ genannt – geordnet. Die Stadt Rom zeichnete Hauptmann Jost von Meggen mit dem Ehrenbürgerrecht aus.

Papst Paul IV. berief nach dem Tod Jost von Meggen 1559 Kaspar von Silenen, den Sohn des ersten Gardekommandanten, zum Hauptmann der Garde. Nach dessen Tod, 1564, erlaubte sich Pius IV. etwas Unerhörtes: Er setzte einen Italiener, Gabriele Serbelloni, den trotzigen Eidgenossen als Hauptmann vor die Nase. Das empörte die Gardisten und die Tagsatzung. Man verhandelte lange, und 1565 sicherte der Papst den fünf katholischen Orten in einem Bündnis zu, in Zukunft den Hauptmann aus Luzern zu berufen. Die Eidgenossen durften dazu in Zukunft selber den Kommandanten vorschlagen. Die Familie Pfyffer von Altishofen stellte von jetzt an elf Kommandanten, die Familie Segesser zwei, Fleckenstein ebenfalls zwei, die Familie Mayr von Baldegg einen.

1571 wurden 13 Gardisten als Leibwache des päpstlichen Admirals Marcantonio Colonna abgeordnet. Sie kämpften am 7. Oktober in der Seeschlacht von Lepanto, stm (griechischer Ort) gegen die moslemischen Türken und erlebten einen glanzvollen Sieg des christlichen Abendlandes, dargestellt in der Sala Regia im Vatikan.
Jost Segesser (1566 – 92), der damalige Gardekommandant, diente unter sechs Päpsten seiner Kirche. Oft berief ihn der Rat von Luzern in wichtigen Geschäften nach Hause. Er vertrat seine Heimat am päpstlichen Hof mit Glanz und Gewicht.

Sixtus V. (1585 – 90) rottete das Banditentum in den Bergnestern der Abruzzen (höchste Bergkette des Apennins) im Kirchenstaat aus. 40 Gardisten schützten dabei den Legaten Sforza. Heinrich Federer schildert diesen waffenklirrenden Feldzug in seiner Meisternovelle „Sisto e Sesto“.

Segesser schreibt auch, wie seine Gardisten mithalfen, 1586 den Obelisken (ab), diese himmelragende, steinerne Nadel aus Ägypten, auf dem Petersplatz aufzurichten, der vorher links der Peterskirche, im ehemaligen Zirkus des Nero gestanden hatte

AB Obelisk und Dom

Es folgten 200 ruhige Gardejahre, meist unter dem Kommandanten der Familie Pfyffer von Altishofen.

Der Papst wird verschleppt

Aufruhr und Gewalt der Französischen Revolution schwabbten über die Alpen in den Kirchenstaat über. Am 10. Februar 1798 besetze General Berthier die Ewige Stadt. Papst Pius VI. erteilte dem Kommandanten Franz Ludwig Pfyffer von Altishofen den Befehl, die Waffen nicht einzusetzen und sich bei einem Angriff bis in die päpstlichen Gemächer zurückzuziehen.

In der Morgenfrühe des 16. Februar 1798 besetzten die Franzosen den Petersplatz und stellten sich an die Portale des Vatikans. Sie hissten die Trikolore, das Banner der Franzosen. Der Papst und die päpstliche Familie waren Gefangene. Seine Garde musste sich auf Wunsch des Papstes in die Gemächer zurückziehen. Tags darauf wurden alle päpstlichen Truppen auf dem Petersplatz entwaffnet. Man riet dem Papst, in die Toscana zu fliehen. In der  Frühe des 20. Februar 1798 aber wurde er mit einem Gefolge von 16 Personen verschleppt und über Florenz, Turin und Grenoble nach Valence in Frankreich abgeschoben. Schon ein Jahr später, am 29. April 1799 starb er, von Sorgen und Leiden erdrückt.

Die Schweizer Garde in Rom wurde aufgelöst. Die meisten Gardisten stampften mittellos nach Hause. Die anderen warteten in Rom auf bessere Zeiten.

Und sie brachen an! Die Kardinäle wählten zu Venedig den Bischof von Imola zum neuen Papst, der sich Pius VII. nannte (1800 – 23). Festlich und unter Jubel zog er im Vatikan ein. 36 Gardisten, die in Rom geblieben waren, eskortierten den Triumphzug des Papstes. Bald darauf ernannte der Papst Karl Leodegar Pfyffer von Altishofen zum Gardehauptmann (1803 – 34). Leutnant Am Rhyn hatte in Luzern neue Gardisten geworben. Die Garde war auf 64 Mann, 3 Offiziere und 6 Unteroffiziere angewachsen. Die Besoldung war karg. Als die Mannschaft bat, ihr Gehalt aufzubessern, bekannte der Papst: Er sei arm und die Gardisten möchten in Gottes Namen die Armut mit ihm teilen.

Wieder donnern die Kanonen

Die Beziehungen Pius VII. zu Frankreich wurden schlechter. Am 2. Februar 1808 drangen wieder französische Truppen in Rom ein. Der Kirchenstaat wurde ein Teil Frankreichs. Rom eine kaiserliche Stadt. Dem Papst blieb von all seinen Soldaten nur die Schweizergarde. Er hatte sich auf den Quirinal (stm) zurückgezogen. Dem Gardeleutnant Am Rhyn übergab er die Torschlüssel und befahl ihm, in entscheidungsschweren Nächten die Wache persönlich zu kontrollieren. Die Palasttore sollten auch untertags geschlossen bleiben. Monate gingen in der heissen Stadt voller Spannung dahin.

Stich Fringeli 308 Quirinal

                                          Stich „Quirinal“,  im Besitze von a. Hauptmann +Roman Fringeli, Erschwil

In der Nacht auf den 6. Juli liess der Kardinal Staatssekretär die Wachen verdoppeln. In der Morgenfrühe stiegen die Feinde von der Via XX. Settembre her durch die Fenster des päpstlichen Palastes. Als Pius VII. davon hörte, verbot er der Garde jeden Widerstand. Sie sollte sich in die päpstlichen Vorzimmer zurückziehen. Dort fand General Rades vierzig Schweizer Gardisten unter dem Befehl des Kommandanten Pfyffer aufgestellt. Was sollten sie tun? Der Papst hatte jeden Kampf verboten. So gehorchten sie Rades Befehl, die Waffen niederzulegen. Pius VII. stand nun seinen Feinden wehrlos gegenüber. Sie führten ihn nach Alessandria und über den Mont Cenis nach Fontainebleau.

Sechs Jahre später, am 4. April 1814 musste Napoleon abdanken. Pius VII. war frei. Am 24. Mai erreichte er die Ewige Stadt. An der Milvischen Brücke – wo einst Kaiser Konstantin im Jahre 312 über die Feinde gesiegt und dem Christentum den Weg frei gemacht hatte – begrüssten ihn die Römer mit jubelndem Herzen. Junge Männer und Kinder spannten die Pferde aus und zogen selber die Kutsche des Heiligen Vaters nach St. Peter.

Gardehauptmann Karl Leodegar Pfyffer von Altishofen sammelte die Gardisten, die während der sechs Jahre in Rom geblieben waren, mit Sehnsucht die Rückkehr ihres Souveräns erwartet und viele Opfer getragen hatten. Die Garde war 40 Mann stark. Der Sold blieb gering. Die Leibwache war so arm wie der Papst. Aber sie war wieder erstanden.

Römisch, all zu römisch

Papst Leo XII., der Nachfolger Pius’ VII., wollte die Zahl der Gardisten erhöhen. Hauptmann Karl Leodegar Pfyffer von Altishofen brachte sie auf 200 Mann. Es sollen grossgewachsene, katholische Schweizer sein, zwischen 18 und 25 Jahren, bei einem Monatssold von 72 römischen Talern.

Unter dem neuen Kommandanten Martin Pfyffer von Altishofen (1834 – 47), der schon seit 1814 als Offizier in der Garde gedient hatte, tauchte nach 1830 eine sonderbare Frage auf: Viele der Gardisten sprachen ihre Muttersprache Deutsch oder Französisch nicht mehr. Es waren Söhne ehemaliger Gardisten, die sich in Rom niedergelassen hatten. Die fröhliche Italianità sprudelte allzu lebhaft in den Vatikan. Auch mit Nachteilen! Vielleicht hat man später deswegen die italienischsprechenden Tessiner eine zeitlang nicht in die Garde aufgenommen, auch deswegen, weil die Tessiner allzu grosse Sympathien dem „Risorgimento: Italien den Italienern“ bewiesen (Am 01.09.1962 tritt der erste Tessiner wieder in die Garde.). Pius IX. (1846 – 78) schenkte trotzdem seiner Leibwache das aufrichtige Wohlwollen. Der neue Kommandant, Franz-Xaver Meyer von Schauensee (1848 – 60) konnte die Disziplin der Garde mächtig heben und den alten schweizerischen Geist wieder wecken.

Als die Freiheitsbewegung „Risorgimento“ gegen den päpstlichen Palast brandete, stellte die Garde in alter Treue ihren Mann und setzte die Waffe ein. Aber Pius IX. wollte alles Blutvergiessen vermeiden und schickte seine Leibwache von den Posten weg ins Quartier zurück. Er selber floh, als ängstlicher Priester verkleidet, nach Gaeta. Als er nach zwei Jahren zurückkehrte, bewachte die Garde wieder die Person und den Palast des Papstes. Pius IX. lohnte ihre Treue und bewilligte besondere Zulagen.

Die Garde in der Neuzeit

Unter seinem Nachfolger, Ritter Alfred Gaston von Sonnenberg (1860 – 78), bewachten die Gardisten die Bischöfe des ersten Vatikanischen Konzils in den Jahren 1869/70, das im Petersdom tagte, und erlebten die Besetzung Roms am 20. September 1870 durch die Piemontesen. Ein alter Haudegen im päpstlichen Heer, der erste Walliser Louis Martin de Courten aus Siders, wurde 1878 Gardehauptmann. Er verbesserte den Sold der Gardisten, gründete eine Sparkasse und einen Hilfsfond.

Für die Kinder der Gardeoffiziere und Unteroffiziere schuf er eine Schule, stellte die Gardemusik (stm) und eine Gesanggruppe auf. Für die toten Gardisten und Offiziere, für die man im Campo Santo Teutonico oder im Friedhof San Pellegrino kein Grab mehr fand, schuf der Kommandant im Campo Verano, dem grossen römischen Friedhof, eine schmucke Grabkapelle und eine würdige Begräbnisstätte.
Papst Franziskus mit GSP BandaUnter Leopold Meyer von Schauensee (1901 – 10) feierte die Schweizergarde 1906 ihr 400-jähriges Jubiläum. Papst Pius X. heftete jedem Gardisten persönlich eine Medaille an die Brust. Als Geschenk des Schweizer Volkes erhielt die Gardemusik einen vollständigen Instrumentensatz.

Militärische Kommandos knallten und widerhallten aus den alten Gemäuern, als 1910 der Brigadeoberst Jules Repond (stm) das Kommando der Garde übernahm. Restlos Soldat, streng zu sich selber, wollte er eine vorbildliche Leibgarde des Papstes ausexerzieren, in Richtung einer blitzschnellen Linien- und Kampftruppe, statt einer würdigen Palastwache mit altehrwürdigen Konturen. Das Mausergewehr, die Pistole, Turnen und Schiessen auch zu stillen, vatikanischen Stunden, stand auf dem Tagesbefehl.
Jules Repond 1910 bis 1921 Foto Stefan MeierReponds unvergessliches Verdienst ist die heutige Uniform der Hellebardiere, der Unteroffiziere und Offiziere. Sie scheint in die farbenfrohen Formen der Renaissance gegossen, in die Kolonnaden, die Scala Regia, die majestätischen Höfe und den festlichen Jubel von St. Peter. Sie stammt nicht von Michelangelo, wie oft gesagt wird. Es war die ursprüngliche, schöne Tracht der Landsknechte des 16. Jahrhunderts. Daneben schuf Repond eine einfache, blaue Exerzier-Uniform (ab) und für die Offiziere die prachtvolle, rote Gala-Uniform. Vom Heiligen Stuhl erwirkte er ausserordentliche Vorteile für die Garde, ein weitgehendes Pensionsgesetz und die Dienstprämie.
AB Exerzieruniform„Was Repond in den Jahren 1910 – 21 begonnen und teilweise vollendet hatte, haben seine Nachfolger Alois Hirschbühl (1921 – 35) und Georges de Sury d’Aspremont (1935 – 42) mit Mass, Klugheit, Umsicht und väterlicher Güte ausgebaut und gepflegt, damit die Schweizer Garde immer mehr zu einer vorbildlichen Leibwache der Päpste werde, würdig der ersten moralischen Macht auf Erden: des Papsttums.“ (Gardekaplan Paul Krieg)

Die Lateranverträge von 1929

Um 1870 wurde der Kirchenstaat des Papstes zerschlagen und dem italienischen Staat einverleibt. Der Papst – von Pius IX. an bis Pius X. – wurde der „Gefangene des Vatikans“. Er zeigte sich nicht mehr auf dem Petersplatz oder auf der Loggia und nahm nach der Papstwahl seine Kathedralkirche, den Lateran mitten in Rom, nicht mehr persönlich in Besitz. Die Vertreter des Papstes und der Duce Mussolini schufen 1929 in den Lateranverträgen (stm) als kleinen, köstlichen Rest des einstigen, weiten Kirchenstaates – den Vatikanstaat. Das kleinste Staatsgebilde der Welt. So blieb der Papst von allem Staatsgerangel unabhängig, neutral und selbständig.
Latranvertrag Archiv Angelo Arru

11. Februar 1929: Unterzeichnung der Lateranverträge im Lateranpalast/Rom. Für den neuen Staat der Vatikanstadt unterzeichnete Kardinalstaatssekretär Pietro Gasparri (6. von links), für Italien Ministerpräsident Benito Mussolini (4. von links). Der lange Tisch ist im Lateranmuseum zu sehen. – Aus dem Archiv von Cavaliere Angelo Arru, Rom.

Dramatische Gardejahre

Der zweite Weltkrieg wälzte sich von 1939 an wie ein gefrässiger Drache über Europa und die Welt. Italien gesellte sich zu Deutschland und zu den Achsenmächten. Der Vatikan blieb die kleine Insel der Hoffnung und des Friedens in dem brodelnden, blutigen Meer. Der tatkräftige Pius XI. und von 1939 an der diplomatische Pius XII. berieten, baten, beschworen die Kriegsmächte, den Frieden zu bewahren oder wieder zu finden. Der Vatikan blieb ringsum eingekesselt und in drohender Gefahr. Rom und ganz Italien waren von der deutschen Wehrmacht besetzt. Langsam aber rollten von Süden die Alliierten Heere heran und besetzten Rom. Hitler hatte befohlen, in einem blutigen Handstreich den Vatikan zu stürmen, Pius XII. zu entführen und in „Schutzhaft“ zu nehmen. Aber die geschickte Diplomatie des Papstes verhinderte den Anschlag, liess Rom zur „Offenen Stadt“ erklären und bewahrte sie vor der Zerstörung. Ohne Gegenwehr zogen die Deutschen im Frühsommer 1944 ab, als die Alliierten am 4. Juni von Süden anrückten. Die Römer waren „ihrem“ geliebten Papa Pio, der Leid und Hunger mit ihnen trug, von Herzen dankbar. Ein kleines Beispiel am Wegrand erzählt von der Herzlichkeit des Papstes. Pius XII. trank nach dem Mittagessen gerne ein Tässchen Kaffee. Da sagte man ihm, dass in ganz Rom der Kaffee aufgebraucht sei. Sofort liess er alle Kaffeevorräte des Vatikans unter die Römer verteilen. Er selber trank bis zu seinem Lebensende kein Tässchen mehr davon.

1942 wurde Heinrich Pfyffer von Altishofen zum Kommandanten der Schweizergarde ernannt. Die Gardisten wurden in diesen Kriegsjahren zu einer grossen Familie, etwas über 60 Mann. Es konnten nur selten neue Gardisten einrücken. Die Reisewege Schweiz – Rom waren gefährlich vermint und bombardiert. An Ferien durften die Gardisten nicht denken. Nur selten sickerten Nachrichten aus der Heimat durch. Das Menü der Gardeküche war karg. Bohnen – aus dem Wasser gezogen – immer wieder Bohnen!  Zum Glück lieferte der Bauernhof des Papstes in Castel Gandolfo Milch  und Butter. Dort muhten ja echte Schweizerkühe. Auch heute noch wird Vatikanmilch (mw) aufgetischt.Milchgugge Michael Wirz BS

Il papa buono

Bei einem festlichen Gottesdienst in Sankt Peter erlitt am 12. März 1957 Kommandant Heinrich Pfyffer von Altishofen einen Herzinfarkt, dem er Tage später erlag. Auf Pfyffer folgte Dr. Robert Nünlist, Generalstabsoberst und Berufsoffizier der Schweizer Armee, der von 1957 – 72 die Garde führte.

Pius XII. starb 1958. Die Kardinäle wählten zum Erstaunen von Millionen einen alten Mann von 77 Jahren. Einen schlichten Bauernsohn aus den Bergamaskerbergen im Norden Italiens. Als Übergangspapst, bis ein besserer bereitstehe, sagte man. Aber Angelo Giuseppe Roncalli, der den fast mittelalterlichen Namen Johannes XXIII. wählte, erfüllte die Kirche mit seiner Güte und Väterlichkeit. In seinen viereinhalb Jahren Pontifikat verzauberte er eine Welt, die ihn von Herzen liebte.

Man erzählt sich unzählige Anektoden (humorvoll charakterisierende Geschichten) von ihm. Etwa diese: Vor seiner Privatwohnung (stm) hielt ein Gardist Wache. Papa Giovanni wollte gerade zum Mittagessen gehen. Da entdeckte er den Schweizer. „Komm doch mit mir essen. Es gibt Spaghetti al sugo… Ach, du darfst ja deinen Posten gar nicht verlassen! – Bene, ich übernehme selber die Wache, gib mir deinen Wachbefehl und geh’ essen. Los!“ Ob die Geschichte wahr ist? Se non è vero, è ben trovato! Wenn es nicht wahr ist, ist es doch gut erfunden!
DCF 1.0

                 Eingang zur Papstwohnung, Tag und Nacht bewacht durch einen Schweizergardisten, sofern der Papst die Wohnung benutzt.

Der Papst fährt mit der Bahn

Der Vatikanstaat besitzt einen Bahnhof (ab). Ein sichtbares Zeichen der Staatshoheit. So ist es auch in den Lateranverträgen 1929 festgelegt. Ein Warteraum als Prunksalon. Mit Marmorsälen und Bronzevasen geschmückt. Darauf sind biblische Reisen in Flachreliefs dargestellt: Das Schiff Petri, der Feuerwagen des Propheten Elia, wie er zum Himmel fährt. Ein paar Hundert Meter Schienen verbinden den  päpstlichen Terminal mit dem nächstgelegenen Bahnhof der italienischen Eisenbahn FS, Stazione S. Pietro. Eine Eisentüre schliesst den Vatikan ab. Gelegentlich zieht eine diskrete Lock einen Güterzug in den Vatikan. Lokomotive, Wagen und das Personal werden vom italienischen Staat gestellt.
AB Bahnhof„Wofür haben wir einen Bahnhof?“, dachte sich Johannes XXIII. Der Papst sprudelte von Überraschungen. Vor kurzem hatte er das Konzil angekündigt. Dafür brauchte er einen genialen Manager, einen himmlischen Fürbitter. Franz von Assisi, der vor 700 Jahren die Kirche erneuerte – er war gerade richtig. Und die Gottesmutter brauchen wir auch! So plante der Papst eine Reise nach Assisi und Loreto. Mit der Bahn! Seine Schweizergardisten schickte er in Privatwagen voraus. Johannes war der erste Papst, der mit der „Vatikanbahn“ fuhr.

Seither schraubt sich jedes Mal ein Helikopter aus den vatikanischen Gärten in den römischen Himmel, wenn der Papst zur Sommer-Residenz oder auf Reisen aufbricht. Ein Heli-Platz (ab) ist ganz oben in den vatikanischen Gärten neben Pinien und Palmen angezeichnet. Eigentlich sind diese Flüge zur Pflicht geworden. Denn jedes Mal, wenn das Auto im römischen Strassenwirrwarr auftauchte – flankiert von italienischer Polizei – brach öfters der Verkehr zusammen.
AB Helikopterplatz

Auf den Pastoral-Reisen des Papstes ins Ausland begleiten (stm) ihn nebst der vatikanischen Gendarmerie normalerweise Teile des Schweizergarde-Kaders als Nahschutz. Im Gastland hat selbstverständlich die Polizei und mitunter die Armee dieses Staates den Papst zu schützen.
20110922 Papst in Berlin Foto Stefan Meier 199

Zeugen grosser Tage 

Im Herbst 1962 begann der mutige Aufbruch der Kirche: das 2. Vatikanische Konzil. Johannes XXIII. hatte es – gut drei Jahre zuvor – als eine weltweite Überraschung angekündigt. Über 3’000 Bischöfe aus aller Welt, Konzilsberater, Theologen, Gäste aus den Schwesterkirchen kamen nach Rom. Die grosse Peterskirche wurde zur Konzils-Aula (ab). Bis 1965 versammelten sich die Konzilsväter viermal während den Herbstmonaten, um über das lebendige Aggiornamento der Kirche (der Versuch der Anpassung der kath. Kirche und ihrer Lehre an die Verhältnisse des modernen Lebens) – wie  es der prophetische Papst geschaut hatte – zu beraten. Zehn Gardisten in Galauniform hatten jeden Tag Ehren- und  Wachtdienst im Petersdom.
AB Peterskirche Hauptschiff 3

                 Hier im Hauptschiff des Petersdomes tagte das II. Vatikanische Konzil von 1962 bis 1965.

Unter Oberst Robert Nünlist übernahm also die Garde – man kann es so sagen – die Bewachung der Weltkirche.

Johannes XXIII. starb an Pfingsten 1963. Die ganze Welt trauerte um ihren „Vater“.

Giovanni Baptista Montini, dem die Gardisten seit Jahren im Vatikan begegnet waren – wurde als Paul VI. (1978 – 78) sein Nachfolger. Er hatte die schwierige Aufgabe, mit den Bischöfen der Weltkirche die mutigen Entschlüsse des Konzils auszuführen. Die feurigen Enthusiasten in Zügel zu behalten und die ewig gestrigen Konservativen in Trab zu bekommen. Ob es ihm gelang?

Garden werden aufgelöst. Die Schweizergarde?

Der Vatikan sollte keine waffenklirrende Macht mehr sein – wie im Mittelalter – die Kirche eine frohe Familie Gottes auf dem Weg.  Bis 1970 patrouillierten (marschierten) vier Garden über den Marmor von St. Peter.

Die Päpstliche Ehrengarde – bis 1969 Nobelgarde (stm) genannt – war 1801 von Pius VII. gegründet worden. Adelige Römerfamilien wie die Colonna, Orsini, Ruspoli schickten ihre Söhne als Offiziere in diese schillernde Mannschaft, mit scharlachrotem Waffenrock, Helm und Schweif und knarrenden Lederstiefeln. Sie standen würdig und ganz nahe beim Papstthron. Ihr Bestand war 70 Mann.
NobelgardeDie Palatingarde (stm), die dem Bürgerstande Roms entstammte, hatte auch den ausländischen Staats-Oberhäuptern die Ehre zu erweisen. Pius IX. hatte sie 1850 aus der römischen Miliz und der Bürgerwehr der Stadt rekrutiert. An hohen Feiertagen defilierten sie in ihrem schwarz-blauen Waffenrock stolz hinter der Musikkapelle auf den Petersplatz. Rund 500 Mann waren ihr Bestand. Die Soldaten dieser beiden Garden wohnten bei ihren Familien in der Stadt Rom.
Palatin GardePaul VI wollte im Geiste des Konzils die Kirche und ihre Kurie neu gestalten. Darum schaffte er am 15. September 1970 die Nobelgarde und die Palatingarde ab. Nur seine Schweizergarde blieb auf dem Posten. Ja, er übertrug ihr „den gesamten Wach- und Ehrendienst des Vatikans.“  Der damalige Erzbischof Benelli und sein Sekretär Msgr. Rauber sollen den Papst beraten haben. Paul VI. wollte alles vermeiden, was von Macht und Militär blitzen und protzen sollte. Am Sitz des friedlichen Fischers vom See Genezareth, des heiligen Petrus.

Doch, noch eine Wache blieb! Die vatikanische Gendarmerie (stm) – 157 Mann – verlor Dreispitz und Bärenmütze aus der Zeit Napoleons und nannte sich bescheiden „Vigilanza – Aufsicht“, als diskrete Polizei im Vatikanstaat. Inzwischen hat sie zweimal die Uniform gewechselt, die Bärenmützen wieder hervorgeholt, den Bestand aufgestockt und sich den neuen Namen „Corpo della Gendarmerie S.C.V.“ gegebenen. Sie hat zum Beispiel den Dienst in den Papstkirchen Roms, also auf vatikanischem Hoheitsgebiet,  neu aufgenommen. Der Staat der Vatikanstadt ist ihr Arbeitgeber, die Schweizergarde ist dem Heiligen Stuhl unterstellt.
GendarmerieAuf das Jubiläumsjahr 2000 haben die italienischen Carabinieri beim Vatikan über 10 Torsonden (ab)  auf beiden Seiten unter den Kolonnaden hingestellt. Wer in Zukunft den Vatikanstaat und den Petersdom besucht, wird auf Herz und Nieren geprüft. Diese Polizeibeamten, die ihren Posten unter dem rechten Säulengang haben, schliessen und bewachen den ganzen Petersplatz normalerweise von 23.00 bis 06.00 Uhr.
AB SondeEin halbes Dutzend Bodyguards, Offiziere und Unteroffiziere der Schweizer Garde, leisten normalerweise rechts des weissen, päpstlichen Autos (stm), wenn es mit dem Heiligen Vater behutsam durch die jubelnden Reihen fährt, Nahschutz. Sie sind für diese Aufgabe bestens ausgebildet. Links vom Auto befinden sich ebenso viele vatikanische Gendarmen.

20130507 Rom Foto Stefan Meier 287                                         Hart bedrängte Schweizer Bodyguards auf der linken Seite des Jeeps.

Am 28. Juni 1976 hatte Paul VI. die letzte „Disziplinar- und Verwaltungsverordnung der Päpstlichen Schweizergarde veröffentlicht. Darin wurde die Stärke dieses militärischen Korps auf 90 Mann festgesetzt. Vier Jahre später, am 5. April 1979 erhöhte sie Johannes Paul II. auf hundert Mann.

Das Jahr der drei Päpste

1972 übernimmt für 10 Jahre der väterliche Franz Pfyffer von Altishofen das Kommando der Schweizergarde. Der 11. Vertreter seiner Familie. Paul VI. stirbt am 6. August 1978 in Castel Gandolfo. Am 26. August wählt das Konklave überraschend Albino Luciani zum Papst. Johannes Paul I., ein Papst, der mit seiner fröhlichen Herzlichkeit und seiner stillen Demut eine ganze Welt verzaubert. Für 33 Tage. „Wie ein Meteor, der sich am Himmel entzündet und erlischt“ – sagte der Kardinaldekan. „Gott hat ihn der Welt nur gezeigt, nicht geschenkt“ (nach Vergil Aenins VI. 868 ff.). Wieder knapp drei Wochen später wählen die Kardinäle zum ersten Mal – seit 455 Jahren – einen Nichtitaliener zum Papst. Karol Wojtyla. In Verehrung und Verpflichtung für seinen Vorgänger gibt er sich den Namen Johannes Paul II. Für die Schweizergarde bricht eine arbeitsreiche, grosse Zeit an.

Der frische Wind aus Polen

Am 16. Oktober 1978 tritt Johannes Paul II. als 262. Nachfolger des hl. Petrus sein Amt an. Ein lockerer, lebensfroher Wind, ein neuer Frühling wirbelt durch die uralten Mauern von San Pietro. Was Paul VI. vorsichtig und meist mutig begonnen hat, greift sein Nachfolger auf. Johannes Paul I. hat in seinen 33 Tagen nur ein leises Leuchten seiner fröhlichen Seele mitgeben können. Der neue Papst aus Polen geniesst herzhaft das „Bad in der Menge“. Er singt mit Tweens und Teenagers ihre lauten Lieder mit und anderntags spricht er ein paar stille Nonnen aus dem spanischen Bürgerkrieg selig. Am Ende seiner Amtszeit sind es 483 Heilig- und 1’268 Seligsprechungen.

Der Summus Pontifex sitzt abends in Castel Gandolfo mit jungen Polinnen und Polen am Lagerfeuer und ein paar Stunden darauf unterschreibt er eine neue Enzyklika, ein päpstliches Rundschreiben. Die Mittwoch-Audienzen auf dem Petersplatz, in der Aula Pauls VI. oder in der Basilika werden für Tausende aus aller Welt zum Erlebnis ihres Lebens. Er fährt in seinem weissen Jeep durch die jubelnden Reihen, nimmt kleine Kinder auf die Arme, und gleich redet er Alten und Kranken aus fröhlichem und teilnehmendem Herzen zu. Bald rauschen Ministerpräsidenten oder Staatschefs zur Sala Clementina, oder der Botschafter der Elfenbeinküste überreicht sein Beglaubigungsschreiben. Der Papst, bekleidet mit seiner schweren Peter- und Paul-Stola, spricht diplomatische und mahnende Worte zu ihnen. Der heilige Vater fährt Ski am Mont Blanc und flitzt elegant über die weissen Hänge, wie einst zu Hause auf der Hohen Tatra. Er geht im Verlaufe seiner Amtszeit des öftern noch Ski fahren. Der Privatsekretär Stanislav verrät es in seinem Buch: Über 100 Mal sei Johannes Paul II. mit ihm und anderen polnischen Priestern im Auto inkognito (unerkannt) aus dem Vatikan gefahren. Und weder die Gendarmen noch die Gardisten hätten das je einmal bemerkt …

Johannes Paul II.  wandert im Schatten der Dolomiten – nur kurze Tage – und schon ruft er Kardinäle zur Lagebesprechung zusammen. Er macht einen Salto im Schwimmbecken von Castel Gandolfo und tauft bald darauf im Vatikan das Mädchen eines Gardewachtmeisters. – Die Schweizergardisten erhalten den Schlüssel zum päpstlichen Schwimmbad. Zu ihrem Vergnügen. – Und jeden Morgen ist der Papst für lange Zeit tief ins Gespräch mit seinem Herrn versunken, dessen Stellvertreter er sein darf. Und  jeden Abend hat er von seinen Gemächern aus die Stadt Rom gesegnet, sagt Stanislav. Und an jedem Ende des sommerlichen Aufenthaltes in Castel Gandolfo besucht er das Schweizergarde-Detachement im Esssaal (stm).

My beautiful picture

An manchen Sonntagen fährt er in eine Pfarrkirche seines Vier-Millionen-Bistums Rom, spricht zu seinen „cari amici“ und feiert mit ihnen Eucharistie. 335 Pfarrgemeinden sind es. 291 davon hat er bis zum Februar 2001 schon besucht. Und punkt 12 Uhr ist er zum Mittagsgebet am Fenster seines Arbeitszimmers zurück. Dann sind es seine Flüge in alle Welt. Seine Pastoralreisen. Drei oder viermal im Jahr. Es sind bis zum Schlusse über hundert. Oft ist er eine ganze Woche unterwegs. Und jedes Mal lernt der Papst vorher ein wenig die Sprache des Landes. In Japan meinte ein Professor von Tokyo: „Er sprach ein durchaus verständiges Japanisch.“ Es sind lange Ansprachen, Predigten, Feiern, Besuche und Empfänge. Und immer wieder Hände schütteln, segnen, winken …

Es geht eine bezaubernde Ausstrahlung vom Papste aus. Die Indianer bekränzen ihn, die Mexikaner setzen ihm einen Torrero auf.

Das Heilige Jahr 2000 brachte 24 Millionen Pilger und Touristen nach Rom. In erstaunlicher Frische, besonders als um Mitte August viele Tausend junge Menschen ihn umstürmten, begegnete er den Menschen mit Güte und Freude. Die Schweizergarde, im Heiligen Jahr auf 110 Mann angewachsen, stand auf vielen Posten Wache. Über 100 Altgardisten dienten abwechselnd in Küche und Kantinen und in anderen Bereichen. Die jüngsten Altgardisten standen wieder auf Wachtposten. Und taten mit Freude ihre Pflicht. Es wurden wieder aussergewöhnliche Erlebnisse.

Von Franz Pfyffer von Altishofen zu Roland Buchs-Binz

Am 1. November 1982 hatte Franz Pfyffer sein 10-jähriges Jubiläum als Gardekommandant gefeiert und seine Demission eingereicht. Wer sollte Kommandant werden? Einer, der bereits in der Garde dient oder ein Aussenseiter aus Luzern, aus dem Wallis? Schon nach drei Wochen ernennt der Papst Roland Buchs-Binz, der mit seiner Familie, seinen fünf Kindern schon seit sechs Jahren als Major dient, zum Chef der Schweizergarde. In seinen 15 Kommandojahren ist er ein besorgter Vater seiner Gardisten. Er wirkt innovativ (Erneuerer und Neuerungen). Roland Buchs richtet einen Spielkeller, einen Pistolen-Schiesskeller und einen Fitnessraum ein. Er reorganisiert die Armerie, die Waffenkammer der Garde, passt die St.-Anna-Prüfung der Neuzeit an. Eine Prüfung, um nachher vollends den Diensten als Gardist zu genügen. Selber Trompeter in der Gardemusik, holt er für den Vereidigungstag aus der Schweiz einen Armee-Musikinstruktor und lässt für die lieben Baldegger Schwestern eine Vorzeige-Gardeküche erneuern. Er ordnet das Reglement für Sold und Pensionen neu. Nach seiner Heimkehr 1998 in die Schweiz wird Roland Buchs-Binz Chef der Schutzorganisation des Bundessicherheitsdienstes im Bundeshaus zu Bern.

Drei Kommandanten im Jahr 1998

Die Bilder zuckten am 5. und 6. Mai 1998 um die Welt. Die Schlagzeilen waren rot und gross: „Mord im Vatikan“, „Bluttat vom Rom“, „Verschwörung“, „Versöhnung am Sarg des Mordes“, „Ein Dorf trauert um einen feinen Menschen“, „Ihre Liebe verzauberte den Vatikan“.

Im Herbst 1980 war der junge Hauptmann Alois Estermann (stm) aus Gunzwil bei Beromünster in die Garde eingetreten und hatte am 6. Mai 1981 den Fahneneid geleistet. Schon eine Woche später, am 13. Mai 1981 hatte sich sein Treueeid zu bewähren: In die jubelnde Generalaudienz auf dem Petersplatz knallten die Schüsse des jungen Türken Ali Agca und trafen den Papst schwer. Alois Estermann, der Bodyguard, sprang auf das Auto des Papstes, schützte ihn vor weiteren Schüssen und liess den Wagen auf schnellstem Weg in die Gemelli-Klinik fahren. Nach langen Wochen genas der Papst.
31 Alois Estermann 19981983 heiratete Alois Estermann seine liebe Gladys Meza Romero aus Venezuela, die in Rom ihr Doktorat der Theologie gemacht hatte. Ihre Liebe bezauberte den Vatikan. Alois Estermann diente dem Papst mit grosser Treue und aus einem tiefen Glauben. Etwa dreissig Mal begleitete und schützte er seinen geliebten Heiligen Vater auf seinen Pastoral-Reisen in alle Welt. Er war ein strenger, korrekter, liebenswürdiger Offizier der Schweizergarde.

Kommandant für 10 Stunden

Nun hat er an diesem Montag, den 4. Mai 1998 das Dokument des Papstes in Händen, das ihn zum Kommandanten der Garde berief. Alois und seine Frau Gladys freuen sich tief. Die Glückwünsche aus der Heimat und aus Rom treffen ein. Seine Freunde sind nach der Ewigen Stadt unterwegs, seine Eltern schon im Gardequartier eingetroffen. Alois und Gladys machen sich für einen festlichen Abend mit ihnen bereit.

Da stürmt um 21.00 Uhr ein Gardist an die Wohnungstür. Blitzartig knallen Schüsse aus der Ordonnanzpistole. Alois und Gladys Estermann sinken tot zu Boden. Dann richtet sich der Täter selbst.

Entsetzen und Trauer legt sich über das Gardequartier und den Vatikan. Spät abends wird die Schreckenskunde dem Papst übermittelt. Er erschrickt und betet lange in seiner Privatkapelle. „Es ist mir, als hätte ich einen Sohn verloren“, bekennt er, als er später an den drei Särgen kniet.

Zur gleichen Stunde, da am 6. Mai die neuen Gardisten ihre Treue zum Papst hätten beschwören sollen, hält eine tief erschütterte Gemeinde von Gardisten und Angehörigen, Kardinälen, Bischöfen und Priestern im Petersdom den Trauergottesdienst: „Lasst uns beten für die Opfer und den Täter“. Kardinal Staatssekretär Angelo Sodano bekennt es im Namen des Papstes: „Die schwarze Wolke eines Tages vermag mehr als 400 Jahre der Hochherzigkeit nicht zu verdunkeln. In diesem schweren Augenblick erneuert der Heilige Vater sein Vertrauen in Euch.“

Nach der Bluttat kehrt Roland Buchs als Kommandant für drei Monate in die Garde zurück. Ein halbes Jahr später erscheint der Untersuchungsbericht von Advokat Gianluigi Marrone, Untersuchungsrichter bei den Gerichten des Vatikanstaates (siehe unter dem Hauptregister ‚Schweizergarde‘, dann unter dem Register ‚Untersuchungsbericht „Attentat Estermann“).

Neuer Anfang und altes Vertrauen

Mit der Tradition ins nächste Jahrtausend:

Oberst Pius Segmüller, 1998 bis 2002
Generalstabsoberst der Schweizer Armee folgt dem Ruf des Papstes

Der Apostolische Nuntius in Bern berief schon einen Monat nach den Geschehnissen Pius Segmüller, gebürtig von Altstätten SG, aufgewachsen in Emmenbrücke LU, zum 32. Kommandanten der Garde. Auf den 1. August 1998 trat er seinen Dienst im Vatikan an. Ebenso gewählt wurden Elmar Mäder aus Unterägeri zum Oberstleutnant und Jean-Daniel Pitteloud aus dem französischsprechenden Wallis zum Hauptmann. Seit Menschengedenken kann man sich nicht erinnern, dass an einem Vereidigungstag (hier der 6. Mai 1999) gleich drei Offiziere auf die Fahne schworen.

Der neue Kommandant fasst rasch Fuss. Unermüdlich setzt er sich für die Garde ein. Kommunikation und Transparenz erobern das Vertrauen. Einer seiner engsten Mitarbeiter meint: „Der Kommandant fragt sich immer wieder, wo noch Verbesserungen möglich sind“.

Spezialausbildungen wie Nahschutz werden an das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) ausgelagert. Werbung, Grundausbildung, Qualifikationen und Beförderungen erhalten neue Ausrichtungen.

Das Heilige Jahr 2000 bringt Mehrarbeit, aber auch eindrückliche Erlebnisse. Der heimkehrende Pius Segmüller wird Kommandant der Stadtpolizei Luzern.

Das unvergessliche Heilige Jahr 2000

Es wird an Heilig Abend 1999 von Johannes Paul II. eröffnet. Bereits in den ersten Tagen ziehen über 1,5 Millionen Personen durch die Heilige Pforte des Petersdomes. Seine Fassade und die Kolonnaden werden vollständig gereinigt und renoviert.  Die Stadt Rom unternimmt grosse Anstrengungen, um dem Ansturm ein Jahr lang gewappnet zu sein.

Der grösste Anlass wird ohne Zweifel der Weltjugendtag am 15. August mit rund 2 Millionen Jugendlichen. Der Musikverein der Schweizergarde, la Banda, erheitert 15 Minuten lang vor Ankunft des Papstes die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Ebenso sieht man die Schweizergarde an der Heiligjahr-Feier für Militär und Polizei unter den 70’000 Anwesenden, sei es auf dem Petersplatz oder auf dem Circo Massimo.

Die Schweizer Pilgerfahrt findet über den Gedenktag von Niklaus von der Flüe im September mit über 4’000 Mitwirkenden statt. Das Quartier der Schweizergarde wird einige Tage lang regelrecht in Beschlag genommen.

Das ganze Jahr verlangt einen besonderen Einsatz der Garde. Immerhin besuchen rund 24 Millionen Menschen im Jahr 2000 Rom und den Vatikan. Mehr als 50’000 Freiwillige leisten Hilfsdienste, mehr als 50’000 Polizisten sorgen für die Sicherheit bei rund 200 Grossanlässen.

Der Heilige Vater belohnt jeden einzelnen Gardisten mit einer Spezialmedaille.

Oberst Elmar Theodor Mäder, 2002 bis 2008
Vom Oberstleutnant zum Obersten

Seine Dienstzeit ist insbesondere geprägt durch die letzten Pontifikatsjahre und den Tod von Johannes Paul II., die Wahl von Papst Benedikt XVI. sowie das 500-Jahr-Jubiläum der Garde im Jahre 2006. Eine Riesenarbeit, die er und die Garde zu bewältigen haben. Die Garde erhält einen gelungenen Ausgaberaum für Essen und Getränke sowie eine Kellerbar. E. Mäder ist gebürtig von Wuppenau und Busswil TG, aufgewachsen in Zuzwil SG. Nach einem Studium in Fribourg und der Führung des Treuhandbüros seines Schwiegervaters tritt er als Oberstleutnant in die Garde ein. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz wird E. Mäder Geschäftsleiter einer Firma für Sicherheitsfragen.

2. April 2005: Der Tod von Johannes Paul II.

Ein Mann, der für viele Millionen Menschen ein leuchtendes Vorbild war

Johannes Paul II., der am Abend des 2. April 2005 verstarb, hatte eine innere Kraft, die jeden berührte. Ein Mensch, der Menschen anzog, wie er auf sie zuging. Wer es bislang nicht geglaubt hatte, sah es nun tagelang in den Medien: Papst Johannes Paul II. war der grösste Magier der Jetztzeit. Superstar seiner Kirche, Papa Popstar, der ernsteste Sehnsüchte auf sich zog. Wie trunken starrte die Welt erst auf das Sterben dieses Papstes, dann auf das Ritual seiner Grablegung (stm). Da gehörte alles zusammen: die nicht enden wollenden Schlangen vor dem Dom, das brummende, summende  Geräusch der Schritte, als zehntausende Tag  und  Nacht  am
200500404 2.Tag Salma Petersplatz I Foto Stefan Meier 045aufgebahrten Leichnam vorüberzogen, die Feierlichkeit des hohen Doms, Weihrauch, Gesänge und ferne Glockenschläge von den Kirchen Roms. Aber da geschah mehr als der Abschied von einem Toten. Wieder einmal überliessen sich Millionen Menschen rund um den Globus einer Sehnsucht – der Suche nach Orientierung, nach einem Fixpunkt. Warum konnte das dieser Mann sein, der so charismatisch war und gleichzeitig kompromisslos? Der autoritär und trotzdem herzlich auf Nähe bedacht war. Er hatte eine innere Kraft, die jeden berührte, etwas ungewöhnlich Intensives, sagen diejenigen, die ihm begegnet sind. Ein Mensch, der Menschen anzog, weil er auf sie zuging. Hunderttausende hingen an seinen Lippen, vor allem junge Menschen, die dies besondere Feeling (Einfühlungsvermögen, Gefühl) suchten, wie es sonst nur Popstars vermitteln – ein Hauch von *Woodstock, gepaart mit tiefernster Sinnsucht und Auseinandersetzung mit Gott. (in BUNTE Spezial 4/056, Eva Kohlrusch)

Zur Ergänzung für die Leserin/für den Leser: *Woodstock (Wikipedia). Das Woodstock Music und Art Festival war ein Musikfestival, das als musikalischer Höhepunkt der US-amerikanischen Hippiebewegung gilt. Es fand offiziell vom 15. bis 17. August 1969 statt, endete jedoch erst am Morgen des 18. August. Der Veranstaltungsort war eine Farm in Bethel im US-amerikanischen Bundesstaat New York.
Auf dem Festival traten 32 Bands und Solisten der Musikrichtungen Folk, Rock, Soul und Blues für insgesamt rund 200’000 US-Dollar auf. Auf dem Festivalgelände herrschten chaotische Zustände, da die erwarteten Besucherzahlen um ein Vielfaches übertroffen wurden. Trotzdem blieb die Stimmung bei den hunderttausenden Besuchern friedlich. Das Woodstock-Festival verkörpert bis heute den Mythos des „anderen Amerikas“, des künstlerischen und friedliebenden Amerikas, das sich damals im umstrittenen Vietnamkrieg befand.

19. April 2005: Ein Bayer wird Papst

Er ist als „Chef“ (Dekan) der Kardinäle zur Papstwahl in die Sixtinische Kapelle marschiert und als noch grösserer „Chef“ (Papst) aus der Sixtinischen Kapelle getreten: Joseph Ratzinger, gebürtiger Deutscher. Aber alles der Reihe nach:

Nun müssen alle Kardinäle der ganzen Welt, die unter 80 Jahre alt sind, nach dem Tod von Johannes Paul II. zur Papstwahl nach Rom reisen. Die Schweizergarde ist seit Tagen voll beansprucht und meistert jeden Einsatz tadellos.

Die Spannung wird am zweiten Wahltag, es ist der 19. April 2005, immer grösser. Wählen die Kardinäle den neuen Papst bereits heute? Am späteren Nachmittag steigt wieder Rauch aus dem Kamin über der Sixtinischen Kapelle. Ist er immer noch schwarz oder ist er dieses Mal weiss? Schwierig zu deuten! Kurze Zeit später läutet eine Glocke vom Turm links des Domes stark und hell und will sagen: ja – ja, der neue Papst ist gewählt!  Das kaum auszuhaltende Warten nimmt auf dem Petersplatz und vor Hunderttausenden von Fernsehschirmen zu.

Aber halt: Bevor auf der mittleren Loggia der Name des neuen Papstes bekannt gegeben wird, und er sich zum ersten Mal der Menge zeigt, müssen die italienische Armeevertretung und die Schweizergarde auf den Petersplatz aufgeboten werden.

Viele Minuten später dann der Name des neuen Papstes: Joseph Ratzinger, der damalige  Präfekt   der   Glaubenskongregation   und    zwei  Jahrzehnte  lang Nachbar des Schweizergarde-Quartiers (aber wohnhaft auf italienischem Staatsgebiet). Unter grossem Jubel erscheint der neue Papst Benedikt XVI. (stm) in Weiss auf der mittleren Loggia (Die Armeevertretung ist noch nicht da, wohl aber die Garde.) und spricht von einem neuen, unerhörten Auftrag, der doch alles menschliche Vermögen überschreite. Er betont, dass die Kirche lebe und die Kirche jung sei.
Benedikt XVI.Drei Tage vor seiner Wahl wurde Joseph Ratzinger 78 Jahre alt, ohne Zweifel ein hohes Alter für diese Aufgabe. Zum Vergleich: Clemens XII., Papst von 1730-40, zählte auch 78. Sieben Päpste aber waren bei der Wahl  sogar älter. Clemens III., 1187-91, hält mit 81 Jahren die Rangliste an (Quelle: Die illustrierte Geschichte der Päpste, Albatros Verlag  AG).

Benedikt XVI. ist der dritte Papst in Folge, welcher von Paul VI. zum Kardinal erhoben wurde. Joseph Ratzinger hat am 16. April 1927, einem Karsamstag, als Sohn eines Gendarmeriemeisters  in Marktl (Bayern) das Licht der Welt erblickt, wo er am gleichen Tag in der Pfarrkirche St. Oswald die Taufe erhielt. Ein grossartiger Lebensweg führt ihn als Professor, Bischof, Kardinal und zuletzt als  Präfekten eines „Ministeramtes“ im Vatikan zum Oberhaupt der röm. kath. Kirche. Und er schätzt jetzt, wie alle seine Schweizergardisten auch, nur zu gut die Liebe zu den Alpen. (WA)

2006: 500 Jahre Schweizergarde!

Ein phantastisches Fest in der Schweiz, in Rom und im Vatikan

  • Die Päpstliche Schweizergarde feiert ein epochales Jubiläum. Seit 500 Jahren leistet sie Schutzdienst für Papst und Kirche im Vatikan. Eine stolze Truppe von 110 Mann steht im Jubiläumsjahr unter der Fahne. Sie repräsentiert alle Kameraden, die während 500 Jahren der Gardegeschichte den Treue-Eid auf den Papst geschworen haben. Einmalig ist die Aufgabe der Schweizergardisten, einmalig ist das Bestehen der Garde über ein halbes Jahrtausend. Einmalig auch die anhaltende Bereitschaft junger Schweizer, freiwillig in diesen Ehrendienst zu treten. Die 500 Jahre Realität der Schweizergarde verdient ein würdiges Gedenken, dankbares Feiern und frohes Jubilieren (nach Max Zingg im Jubiläumsführer).20060503 Swiss Military Band mit Gardemusik Foto Stefan MeieHier einen Einblick in einige Festaktivitäten in der Schweiz und in Rom/Vatikan (dem Jubiläumsführer entnommen):
  • 2005: September: Jubiläumsbuch von Dr. Robert Walpen
  • 24./25.09.2005: Event in Luzern Sternmarsch, Generalversammlung
    der Exgardisten, Konzert der „Swiss Army Big Band“
  • November: Sondermarken Schweiz/Vatikan, Vernissage
  • Dezember: Premiere des Gardefilms von Felice Zenoni
  • 2006:  21.01.2006: Galadiner in der Vatikanstadt (vor genau 500 Jahren sind
    die ersten Schweizergardisten in Rom einmarschiert)
  • 22.01.2006: Festmesse in der Sixtinischen Kapelle
    Hochamt in Fribourg
    Präsentation der Gedenkmünze in Fribourg
  • 25.03.2006: Wissenschaftliches Kolloquium in der Abtei St. Maurice
  • 07.04.2006: Start zum Gedenkmarsch in Bellinzona. Dutzende von
    Exgardisten marschieren nach Rom
  • 03.05.2006: Konzert des Armeespiels in der Aula Paolo VI., Vatikan (stm)
  • 04.05.2006: Offizieller Empfang der Marschierer in Rom/im Vatikan
  • 05.05.2006: Generalversammlung der Exgardisten-Vereinigung im
    Gardequartier, Vatikan
    Festakt in der Aula Paolo VI., Vatikan
  • 06.05.2006: Pontifikalamt mit dem Hl. Vater: Petersplatz
    Kranzniederlegung und Enthüllung der Ehrentafel
    Vereidigung vor dem Petersdom
    Festlichkeiten in der Engelsburg
    Feuerwerk (stm)
  • 07.05.2006:  Angelus-Gebet mit dem Hl. Vater, Petersplatz
    Anschliessend Platzkonzert des Armeespiels
  • Juli 2006:  Ende der Sonderausstellung im Braccio Carlo Magno
  • 01.08.2006:  Offizieller Abschluss der Jubiläumsfeiern (Nationalfeiertag CH)

11.11.2006:   Eröffnung „Zentrum Garde“, Naters VS
20060506 Abend Feuerwerk Foto Stefan Meier 156

Es waren grossartige Jubiläumsfeierlichkeiten. Aktive Gardisten, Exgardisten, Verwandte und Freunde feierten z. B. während drei Tagen in Rom und im Vatikan eine lebendige Institution, die auf ein halbes Jahrtausend erfolgreicher Geschichte zurückblicken darf. Viel war die Rede von Tapferkeit, Treue, Tradition und Pflichterfüllung. Bundespräsident Moritz Leuenberger reiste – ebenso wie eine ganze Reihe wohlbekannter Persönlichkeiten aus Kirche, Politik, Wirtschaft und Militär – eigens zum Jubiläum in die Ewige Stadt und illustrierte damit, welches Ansehen die Garde in der Heimat geniesst. Die Medien scharten sich um das pittoreske Aushängeschild des Vatikans und der Schweiz und verbreiteten weltweit ein Bild der Gardisten, wie wir es gerne sehen. Die Päpstliche Schweizergarde ist „in“ (nach Horst Oertle in „Der Exgardist“ Nr. 83/2006).

Oberst Daniel Rudolf Anrig, ab 01.12.2008

34. Gardekommandant
Ein ehemaliger Gardist wird Kommandant

Oberst Anrig   hat Jahre vorher als Gardist gedient. Der ehemalige 25. Kommandant der Garde, Ludwig Hirschbühl, Chur, 1921 – 35, hat es ihm vorgemacht. Daniel Anrig ist Bürger von Sargans SG, wo er auch aufgewachsen ist. Nach der Schweizergarde, einem Studium und dem Dienst als Kommandant  der Kantonspolizei Glarus ist er in den Vatikan zurückgekehrt und soll, nach Worten des Substituten, Erzbischof Fernando Filoni, die Garde mit „väterlicher Weisheit“ führen. Der Dienst als Gardist hat Daniel Anrig etliche Ideen für Erneuerungen des Gardebetriebes mitgegeben. (WA)

Ende November 2014 wünscht sich Papst Franziskus einen Wechsel an der Spitze der Schweizergarde. Oberst Anrig gibt seinen Posten auf 31. Januar 2015 ab und kehrt mit seiner Familie in die Schweiz zurück. Er verlässt seine Garde in beneidenswert tadellosem Zustand. Er wird auf 1. Juli 2015 neuer Chef der Stabsabteilung (rund 70 Mitglieder) der Flughafenpolizei Zürich (Stabs-, Einsatz- und Spezialabteilung, rund 500 Mitglieder).

Bei dieser Gelegenheit ist ein Blick auf die Ablösungen der Kommandanten der Schweizergarde gestattet. In dieser Abhandlung hier schreibt A. von Euw unter dem Titel „Der Marsch durch die Jahrzehnte“ von einem italienischen Kommandanten, der für kurze Zeit die Garde führte. Es handelt sich um den Mailänder Gabriele Serbelloni, seines Zeichens Generalkapitän der päpstlichen Garden unter Pius IV. (1559-64). Serbelloni eroberte u. a. Tunis im Jahre 1573,  das später von osmanischen Truppen eingenommen wurde. Hier liess man ihn in einem Kriegsgefangenenaustausch frei. – Seine Wahl zum Kommandanten der Schweizergarde brachte in der Garde und in der Heimat grosse Missstimmung. Pius IV. krebste nach langen Verhandlungen zurück und sicherte dem Stande Luzern auf Lebzeiten die Wahl des Kommandanten (capitano commandante) zu. Serbelloni wird in der offiziellen Liste der Kommandanten nicht aufgeführt. – So ist Anrig der zweite Kommandant der Garde, der durch einen Papst freigestellt wurde.

In nachstehender Liste zeigen sich die Ablösungen der 34 ehemaligen Kommandanten:

  • 12 Kommandanten im Amt verstorben
  •   4 Kommandanten im Urlaub verstorben
  •   2 Kommandanten im Kampf verstorben (Kaspar von Silenen, Kaspar Roist)
  •   1 Kommandant ermordet (Alois Estermann)
  •   1 Kommandant wird brotlos, weil die Garde aufgelöst wird
    (Franz Ludwig Pfyffer von Altishofen, 17.02.1798)
  •   1 Kommandant hat das Kommando nicht angetreten (Markus Roist)
  •   2 Kommandanten freigestellt (Serbelloni, Anrig)
  • 12 Kommandanten haben demissioniert

Papst Benedikt XVI. tritt zurück!

Anlässlich eines Konsistoriums mit Kardinälen kündigte Benedikt XVI. am 11. Februar 2013 an, dass er am 28. Februar 2013, 20.00 Uhr,  in voller Freiheit von seinem Amt zurücktrete. Da flog er nun an diesem Tage um ungefähr 17.00 Uhr mit dem Helikopter nach Castel Gandolfo in die Sommerresidenz, verabschiedete sich dort vom Balkon von der wartenden Menge auf dem Dorfplatz, um auf 20.00 Uhr zu warten wie die Schweizer Gardisten am Eingang des Palastes auch. Denn beim ersten 8-Uhr-Schlag schlossen sie das Tor: von diesem Zeitpunkt an war  Benedikt XVI. nicht mehr der regierende, sondern der im Ruhestand (emeritierte) lebende Papst. – Er beklagte an diesem Konsistorium, dass sowohl seine Kraft des Körpers als auch die Kraft des Geistes in den vergangenen Monaten derart abgenommen hätten, dass er den ihm anvertrauten Dienst nicht weiter gut ausführen könne. Seine Ankündigung hatte auf der ganzen Welt eingeschlagen und alle konnten sie verstehen. Benedikt XVI. Ratzinger wird nun einige Zeit in der Sommerresidenz verweilen und dann zum gegebenen Zeitpunkt die für ihn vorbereiteten Wohnräume im Kloster  „Mater Ecclesiae“ (in den vatikanischen Gärten)  beziehen. Wie man von Gardeoffizieren hört, war dieser Papst aus Bayern der Garde sehr zugetan.

Papst Benedikt XVI. ist der fünfte rechtmässige Papst, der  zurücktrat und der zweite, der ohne Druck das Amt niederlegte. Vor ihm traten als rechtmässige Päpste zurück:

  1. Pontianus. Sein Pontifikat dauerte vom 21. Juli 230 bis 28. September 235. Papst Hippolytus hatte Anspruch auf sein Amt.
  2. Benedikt IX. Er regierte 3mal als Papst (1032 – 1044; 10. März 1045 bis 1. Mai 1045, 52 Tage; 1047 – 1048, 8,5 Monate). Am 1. Mai 1045 verkaufte er das Papsttum an Gregor VI.
  3. Coelestin V. Am 13. Dezember 1294 hat er auf Amt und Titel verzichtet. Er ist der erste rechtmässige Papst, der ohne Druck zurücktrat.
  4. Gregor XII.  Am 4. Juni 1415 hat er während des Konzils von Konstanz abgedankt. Damals regierten zwei Gegenpäpste und der rechtmässige Papst. Nach der Abdankung wurde Gregor Legat in Afrika.

(Referat von Prof. Dr. Josef Imbach, 15.01.2013, Reinach BL)

Ein Argentinier wird neuer Papst!

Im 5. Wahlgang wählten die Kardinäle den aus Buenos Aires (die guten Lüfte) stammenden Kardinal Jorge Mario Bergoglio. Und schon in den ersten Monaten stösst er auf riesige Sympathien mit seiner Schlichtheit, seine Gesten und Worten. Und schon besucht er im Campo Santo im Schatten der Peterskirche die Friedhofskirche zur schmerzhaften Muttergottes, die der Schweizergarde früher als Gardekapelle diente. Hier ist ein Bild des ersten Gardekommandanten Kaspar von Silenen vorzufinden. Welch eine Sympathiekundgebung für seine Leibwache, wenn der neue Papst Franziskus (stm) ihre ehemalige Gardekapelle besucht.

20130507 Rom Foto Stefan Meier 122

Eckdaten von Papst Franziskus Bergoglio:

  • geboren am 17. Dezember 1936 in Buenos Aires als Sohn piemontesischer
    Immigranten. Sein Vater ist Buchhalter bei der Eisenbahn. Seine Mutter, Regina
    Sivori, kümmert sich um den Haushalt. Die Familie zählt 5 Kinder.
  • Diplom als Chemietechniker
  • Eintritt ins Diözesanseminar Villa Devoto im westlichen Stadtteil B  A.
  • 11. März 1958: Eintritt ins Noviziat der Gesellschaft Jesu (Jesuiten)
  • Vervollständigung der humanistischen Studien in Chile
  • 1963: Abschluss der Philosophie-Studien am Kolleg San José in San Miguel
  • 1964 – 1965: Professor für Literatur und Psychologie am Kolleg der Immaculata von  Santa Fé. 1966 unterrichtet er dieselben Fächer im Kolleg San Salvador in Buenos Aires.
  • 1967 – 1970: Studien der Theologie
  • 13. Dezember 1979: Priesterweihe
  • 1970 – 1971: Weiterführung des Studiums in Alcalá de Herrares in Spanien
  • 31. Juli 1973: Provinzial der Jesuiten in Argentinien
  • 1980 – 1986: Rektor des Kollegs San José
  • 1985: Fertigstellung der Dissertation in Deutschland
  • 20. Mai 1992: Ernennung zum Titularbischof von Auca und Weihbischof von Buenos  Aires. Bischofsweihe am 27. Juni
  • 28. Februar 1998: Erzbischof von Buenos Aires, Primas von Argentinien
  • 21. Februar 2001: Ernennung zum Kardinal
  • 13. März 2013: Wahl zum Papst. Name: Franziskus. Er beherrscht ausser seiner
    Muttersprache Spanisch auch Italienisch, Deutsch, Englisch und Französisch.
    Vermutlich kann er auch Portugiesisch verstehen und lesen.20130507 Rom Foto Stefan Meier 188Gendarmerie und Schweizergarde mögen Franziskus vorzüglich beschützen.
    Im Bild aufmerksamer Schweizer Nahschutz mit Oberst Anrig und Major Kloter, ganz rechts ein textilinteressierter Gendarmeriedirektor Dr. Giani. (stm)

Oberst Christoph Graf, neuer Kommandant ab 7. Februar 2015

35. Gardekommandant
Von der Pike bis an die Spitze der Garde

 Oberst Graf

Der neue Kommandant, Oberst Christoph Graf, diente  von der untersten Stufe (Hellebardier) und hat alle Unteroffiziers- und Offiziersgrade  durchlaufen (ausser Major). Die Ernennung zum Kommandanten fand am 7. Februar 2015 statt. Er wurde am 5. September 1961 als drittes  von 9 Kindern in Basel geboren (23 Tage nach dem Bau der Berliner Mauer) und ist Bürger von Pfaffnau, das im nordwestlichen Zipfel des Kantons Luzern gelegen ist, zu dessen Gemeinde auch St. Urban mit dem bekannten Kloster gehört. Aufgewachsen ist Oberst Graf in der Nachbargemeinde Richenthal LU. Nach einem Arbeitsverhältnis als Betriebsassistent bei der Schweizerischen Post trat Christoph Graf am 2. März 1987  in die Garde ein. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Ihm geht der Ruf eines väterlichen und ruhigen Vorgesetzten voraus, der auf die Leute zugehen und ihnen zuhören könne. In einem Interview (bz BASEL vom 30.03.2015) sagt er aus, man müsse die Menschen gerne haben, um sie führen zu können. Er sei kein Militarist.

(OR Nr. 19 vom 8. Mai 2015, S. 19) Überraschender Besuch des Papstes am Vorabend der Fahnenweihe im Quartier der Garde. Er segnete den Kommandanten, alle Gardisten und Gäste und meinte in seiner Ansprache, der Kommandant der Schweizergarde müsse ein Mann der Einheit, der Güte, der Nächstenliebe, der Demut und Bescheidenheit sein. Gesegnet hat die Fahne der Kardinalstaatssekretär.

Siehe unter „Vatikan- und Kirchenmix“, Buchstabe Fa-Fi, Nebenregister „Fahne Gardekommandant“