Kiq bis Kl

Kirche Schweiz

Katholische Wochenzeitung 30-32 2014 Juli, S. 11
Kritik an „Reformunwilligkeit“ des Schweizer Staatssystems

Die staatskirchlichen Organisationen der Schweiz seien nicht bereit, eine dienende Funktion gegenüber der Kirche einzunehmen. Sie wollten die Kirche auf Augenhöhe mit den Bischöfen mitleiten, kritisierte Martin Grichting, Generalvikar von Chur. „Das Vademecum (Ratgeber) wird nie umgesetzt werden“, sagte Grichting anlässlich der Publikation einer Studie über das Verhältnis von Kirche und Staat in der Schweiz am 25. Juni 2014 an der Universität Freiburg (Schweiz).

  • Die Studie trägt den Titel „Staatskirchenrechtliche Körperschaften im Dienst an der Sendung der Katholischen Kirche in der Schweiz“. Sie ist von einer Expertenkommission in den Jahren 2009 bis 2013 erarbeitet worden, der Generalvikar Grichting angehört hat. Auf Grundlage dieser Studie hat die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) 2013 ein Vademecum erarbeitet, das die herrschende Doppelstruktur von kirchlichen und staatskirchlichen Organisationen klären sollte.
  • Das Vademecum hält unter anderem fest, dass den staatskirchlichen Organisationen nur helfender Charakter zukomme, während allein die Bischöfe, Priester und Laien mit bischöflichem Auftrag Leitungsvollmachten zukämen. Kath.net hat berichtet.

(auf der gleichen Seite)
Kernaussagen von Vaticanum II werden abgelehnt

Die kantonalen Körperschaften und die Römisch-katholische Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) lehnten Kernaussagen des Vademecum ab, kritisierte Grichting. Sie seien nicht bereit, der Kirche gegenüber eine dienende Funktion einzunehmen, sondern wollten „auf Augenhöhe mit den Bischöfen die Kirche mitleiten“, fügte er wörtlich hinzu. Einzelne Mitglieder der SBK hätten sich bereits weitgehend von dem Papier distanziert. Die – wörtlich – „Reformunwilligkeit“ kantonaler Organisationen zeige sich am Beispiel der „Kantonalkirche“ Schwyz, die trotz Intervention  des zuständigen Bistums Chur die Wahl. von Laientheologen als Gemeindeleiter in ihre Verfassung aufnehmen wolle. Dies stehe in klarem Widerspruch zum Vademecum, sagte Grichting. – Die SBK wies in einer Pressemitteilung darauf hin, sie habe die „Fachkommission nicht eingesetzt, um das Verhältnis von Kirche und Staat grundsätzlich neu zu ordnen oder gar einen Systemwechsel anzustreben“. Es gehe ihr um eine „Weiterentwicklung des Verhältnisses“ von Kirche und Staat, um den Herausforderungen durch die raschen Entwicklungen in Staat, Gesellschaft und Kirche gerecht zu werden. Dies sei nur im Dialog der Beteiligten und Betroffenen möglich, heisst es in der Stellungnahme der SBK.

Schweiz am Sonntag, 09.11.2014, S. 1, Sarah Serafini
Spektakulärer Aufstieg der Freikirchen in der Schweiz
Die evangelischen Gemeinschaften: Sie stellen heute laut einer neuen Studie landesweit jeden dritten Kirchgänger

Erstmals zeigt eine Untersuchung detailliert auf, wie verbreitet Freikirchen in der Schweiz sind und wie ihre Mitglieder denken. Demnach hat sich die Zahl der Evangelikalen seit 1970 von damals 37’000 auf nunmehr 250’000 erhöht. Die Freikirchlichen sind aktiv und besuchen regelmässig die Messe. Darum stellen sie hierzulande an einem normalen Sonntag inzwischen einen Drittel aller Teilnehmer an einem religiösen Ritual. Am meisten zugelegt haben die sogenannten charismatischen Freikirchen, wie die umfangreiche Studie zweier Westschweizer Religionssoziologen weiter zeigt. Sie untersuchten, was das evangelisch-freikirchliche Milieu so wettbewerbsstark macht. Der Mitgliedergewinn fand vor allem bis ins Jahr 2000 statt, seither hält sich die Zahl der Freikirchlichen auf konstantem Niveau, während die Landeskirchen schrumpften. Die Wertvorstellungen von Freikirchlichen unterscheiden sich laut der Untersuchung stark von denjenigen der Katholiken, der Reformierten und der Gesamtbevölkerung. Freikirchliche denken grossmehrheitlich äusserst konservativ. Sie sprechen sich gegen homosexuelle Beziehungen aus, lehnen Schwangerschaftsabbrüche ab und befürworten traditionelle Geschlechterrollen. Sie selbst weisen eine signifikant (bedeutsame) höhere Heiratsrate auf, lassen sich weniger oft scheiden und haben im Durchschnitt mehr Kinder. Ihre Ehepartner sind meist ebenfalls bekehrt. Laut der Studie gibt es in der Schweiz rund 5’700 religiöse lokale Gemeinschaften. Die Evangelisch-Freikirchlichen stellen nach den Katholiken die zweitmeisten Lokalitäten. Das ist bemerkenswert, denn nur 3 % der Gesamtbevölkerung sind Freikirchen-Mitglieder, während es bei den Katholiken 36 % sind. Kritisch äussern sich ehemalige Freikirchliche. Sie beschreiben das Milieu als einen geschlossenen Raum mit laut Studie „sektiererischer Tendenz“. Von Gehirnwäsche ist die Rede. Allerdings sind es gerade auch diese Merkmale, welche den Fortbestand der Gemeinschaften sichern.

Schweiz am Sonntag, 19.07.2015, S. 8, Jacqueline Straub
Immer mehr leer stehende Kirchen werden umfunktioniert. Ein Trend erreicht die Schweiz

Im Kanton St. Gallen herrscht eine Diskussion darüber, ob die Herz-Jesu-Kirche als Wohnraum umgenutzt werden kann. Nicht alle waren von diesem Vorschlag begeistert, denn es sind reichlich Emotionen im Spiel. „Für viele ist die Umfunktionierung einer Kirche eine schmerzliche Erfahrung“, sagt Bruno Chiavi, Bauverantwortlicher für die katholische Kirche im Bistum Basel. Das weiss auch Bernhard Glanzmann, zuständig für das Ressort Bau im Kirchenrat der röm. kath. Kirche des Kantons Basel-Stadt. Daher „ist es wichtig, Überzeugungsarbeit zu leisten und zusammen mit den Betroffenen eine Lösung zu finden“. Bruno Chiavi stimmt dem zu: „Der Dialog ist das Wichtigste“. -Die Michaelskirche in Prag ist inzwischen eine Disco, in Deutschland sind Kirchen zu Hotels umfunktioniert worden. In Italien wurde aus einer Kirche eine Autowerkstatt. Umfunktionierungen von Kirchen seien ein europäischer Trend, der vor der Schweiz nicht Halt mache, sagt Christoph Sigrist, Grossmünsterpfarrer und Privatdozent für Diakoniewissenschaften an der Universität Bern. „Die Nutzung der Gotteshäuser hat sich verändert. Die klassischen Sonntagsgottesdienste stehen nicht mehr im Mittelpunkt.“ Der Rückgang der Gottesdienstbesucher und der Mitgliederschwund führen dazu, dass Kirchen geschlossen, manchmal sogar abgerissen werden müssen. – In Basel läuft im Moment das Projekt der Umfunktionierung der Don-Bosco-Kirche. Viele haben sich gemeldet, doch es gilt zu prüfen, ob diese Ideen der Umgestaltung der Kirche infrage kommen. Die Elisabethenkirche in Basel wird bereits vielfältig genutzt. Sie dient weiterhin Gottesdiensten. Aber es finden in ihr auch Konzerte, Tagungen und Sportevents wie etwa Boxkämpfe statt. (…)

Kirche heute 35/2015 August, S. 5, Dr. Rainer Füeg
Schweiz: Der Bezug zur Kirche nimmt stark ab
Umfragen unter Pfarrblatt-Lesenden (Region Basel) zeigt Tendenz zur Distanzierung

Im Rahmen der „Kirche-heute“-Umfrage im Frühling 2015 zeigten die rund 3’000 teilnehmenden Leserinnen und Leser eine gegenüber 2006 weniger starke Verbundenheit mit der Kirche. Dabei gehören sie zweifellos zu jenen Personen, die eine Affinität (Verwandtschaft, Ähnlichkeit) zur katholischen Kirche haben. Immerhin lesen 95 % von ihnen das Pfarrblatt regelmässig. – Zwischen der ersten Leserbefragung im Jahre 2006 und der Befragung im Frühling 2015 liegen 9 Jahre. In dieser Zeit hat sich weder die Beurteilung des Pfarrblattes noch die Lesehäufigkeit stark verändert, und die altersmässige Zusammensetzung der Leserschaft ist ebenfalls recht ähnlich geblieben. – Deutlich verändert hat sich demgegenüber das Verhältnis der Leserschaft zur Kirche. Vor nur 9 Jahren hatten noch 45 % von ihnen ihr Verhältnis zur Kirche als „eng“ beschrieben, im Jahre 2015 war es hingegen nur noch gut ein Drittel (~33 %). Der Anteil der Personen, die sich mit der Kirche noch „einigermassen verbunden“ fühlen, ist in den vergangenen 9 Jahren beinahe gleich gross geblieben, während sich der Anteil der Personen mit einem lockeren Verhältnis zur Kirche von 13 auf 20 % erhöht hat. Die Zahl der Personen, deren einziger Kontakt mit der Kirche das Pfarrblatt (und das Bezahlen der Kirchensteuer) ist, hat sich sogar verdoppelt.
Die Verbundenheit mit der Kirche nimmt mit dem Alter deutlich zu. Während sich bei den unter 30-Jährigen in der Umfrage 2015 nur gerade 13 % als eng verbunden mit der Kirche bezeichneten, waren es  bei den über 70-Jährigen immerhin 38 %. Vor 9 Jahren hatten bei den unter 30-Jährigen allerdings noch 36 % ihr Verhältnis zur Kirche als „eng“ beschrieben, während es bei den über 65-Jährigen noch mehr als die Hälfte waren. – 17 % der unter 30-jährigen Leserinnen und Lesern des Pfarrblattes haben ausser über das Pfarrblatt keinen Kontakt zur Kirche. Während der Anteil der Personen ohne Kontakt zur Kirche in den mittleren Jahrgängen auf 4 % fällt, nimmt er bei den über 70-jährigen Gläubigen allerdings wieder auf 8 % zu, was im Wesentlichen daran liegt, dass die Kirche in der Region Basel ihren Glaubensvorstellungen nicht mehr (oder nicht mehr vollständig) entspricht.

Schweiz am Sonntag vom 20.03.2016, Seiten 1 und 2, Stefan Ehrbar, Fabienne Riklin
Seite 1: Kirchen verlieren Mehrheit in Städten
Historischer Wendepunkt: In Zürich gehört die Hälfte der Bevölkerung keiner Landeskirche mehr an. Und nicht nur dort.

Im Herbst dürften erstmals weniger als 50 % der Stadtzürcher Bevölkerung einer Landeskirche angehören. In der grössten Stadt der Schweiz werden dann die katholische und reformierte Kirche keine Mehrheit mehr stellen. In anderen Grossstädten wurde die 50-Prozent-Marke bereits geknackt: in Basel schon Ende der 90er-Jahre und in Genf vor wenigen Jahren. Nur in Bern sind noch über 60 % mit dabei, aber auch in der Bundesstadt verliert die organisierte Religion rapide Anhänger. Die Mitgliederzahlen der Landeskirchen schrumpfen weder des Islams noch der Freikirchen wegen. Wer austritt, tritt in aller Regel nirgendwo anders bei.
Während bei der reformierten Kirche vor allem 25- bis 35-Jährige austreten, seien es bei den Katholiken Menschen aus allen Altersklassen, sagt Simon Spengler, Sprecher der katholischen Kirche Zürich. Ältere täten dies eher aus Enttäuschung, jüngere meist, weil sie den Bezug verloren oder nie gehabt hätten, Besserverdienende oft auch aus finanziellen Überlegungen.
Mindestens so schwerwiegend wie die Austritte sei die Tatsache, dass viele Eltern ihre Kinder gar nicht erst taufen liessen. „Es gibt leider eine schleichende Entchristlichung des sogenannten christlichen Abendlandes“, sagt Spengler.
Der Exodus trifft die Reformierten härter als die Katholiken. Von den zuwandernden Christen etwa aus Deutschland, Portugal oder Italien sind fast alle Katholiken. So haben sich denn auch in Zürich die Verhältnisse stark geändert. Heute bilden die Katholiken in der Stadt des Reformators Ulrich Zwingli die grösste Glaubensgemeinschaft. Damit der künftige Bischof näher am Puls der Gläubigen ist, reifen derzeit Ideen für einen Umzug des Bischofssitzes weg von Chur, mitten in die grösste Stadt der Schweiz. „Es würde durchaus Sinn machen, wenn der Bischof dort wirkt, wo die meisten Gläubigen sind, beispielsweise in Zürich“, sagt Willi Schmidlin, Präsident des katholischen Kirchgemeindeverbandes Obwalden. Auch bei der katholischen Landeskirche in Nidwalden finden derzeit ähnliche Überlegungen statt.
Die Errichtung eines Bistums Chur-Zürich mit einer Konkathedrale in der Stadt Zürich stand bereits 2006 einmal kurz vor einer Umsetzung. Allerdings versandete der Umzug damals. Das könnte jetzt anders sein. Joseph M. Bonnemain, Bischofsvikar im Bistum Chur, rechnet einem Standortwechsel des Bischofssitzes „gute Chancen“ aus: „Die Zeit könnte reif für diese Veränderung sein“.

Seite 2: Konfessionen in den Städten 2015 (von Stefan Ehrbar)

Basel
17 % evangelisch-reformiert, 19 % römisch-katholisch, 64 % andere
Bern
40 % evangelisch-reformiert, 22 % römisch-katholisch, 38 % andere
Genf
11 % evangelisch-reformiert, 36 % römisch-katholisch, 53 % andere
Lausanne
18 % evangelisch-reformiert, 30 % römisch-katholisch, 52 % andere
Winterthur
32 % evangelisch-reformiert, 24 % römisch-katholisch, 44 % andere
Zürich
28,5 % römisch-katholisch, 22 % evangelisch-reformiert, 7 % andere christliche Glaubensgemeinschaften, 1,5 % jüdische Glaubensgemeinschaften, 6 % islamische Glaubensgemeinschaften, 3 % andere Religionsgemeinschaften, 31 % konfessionslos, 1 % ?

bz BASEL vom 26.03.2016, S. 38, Remo Wiegand
Ökumene: Katholiken und Protestanten in der Schweiz nutzen Kirchen gemeinsam

Die Kirche für alle – statt für immer weniger. Fast unbemerkt stehen in der Ostschweiz Monumente gelebter Ökumene: Simultankirchen, die seit je von Katholiken und Reformierten gemeinsam genutzt werden. Das Modell spart Kosten und könnte die erlahmte Beziehung der schrumpfenden Grosskirchen neu beleben.
Die Ökumene vermag Christen hierzulande kaum mehr von den Kirchenbänken zu reissen. Während sich die offizielle Amtsökumene seit Jahren in theologischen Details verliert, hat man sich auf Gemeindeebene an ein höfliches, unverbindliches Miteinander gewöhnt. Abgesehen von punktuellen Projekten leben die Konfessionen aneinander vorbei. Das Feld zwischen netter Routine und einer einst erträumten Kircheneinheit liegt brach.

Dabei kann Ökumene sehr konkret werden: In der Ostschweiz stehen mehrere Kirchen, die seit Jahrhunderten von katholischen und reformierten Gemeinden gemeinsam genutzt werden. Diese Simultankirchen entstanden dort, wo sich nach der Reformation keine Konfession eindeutig durchsetzen konnte. „Untertanengebiete wie der Thurgau wurden im Turnus von katholischen und reformierten Orten regiert, es herrschte Religionsfreiheit, was in 27 Gemeinden zur simultanen Kirchenbenützung führte“, erklärt Johannes Stückelberger, Dozent für Religions- und Kirchenästhetik an der Universität Bern.  „Die gemeinsame Nutzung war damals eine Notlösung.“ Heute erscheinen Simultankirchen wie die Vision einer neuen Normalität. Denn: Die Christen werden weniger, Kirchen und Kassen leerer, die Immobilienkosten bleiben hoch. Könnte die Not der Kirche also zur ökumenischen Tugend werden?

     Paritätische Kirche in Ermatingen
Ermatingen, Thurgau: Das pittoreske (malerische) Dörfchen am Bodensee zählt rund 2’000 Protestanten und 1’500 Katholiken. Eine überdimensionierte Kirche thront über den Fachwerkhäusern. Die Gottesdienste zelebrieren hier Anne Zorell Gross, katholische Gemeindeleiterin, und Marc Mettler, reformierter Pfarrer. „Das Schönste ist ja der Taufstein“, strahlt Pfarrer Mettler bei der Begehung der Kirche. Auf dem rund 300 Jahre alten Taufstein liegt ein Holzdeckel, der sich nach 2 Seiten aufklappen lässt, darunter sind jeweils zwei identische Glasschüsseln. Das katholische Weihwasser sollte sich nicht mit dem reformierten Leitungswasser vermischen. (…)
Simultankirchen in der Schweiz: Simultankirchen (Hauptkirche sowohl für die katholische wie für die reformierte Gemeinde). Kanton Thurgau: Basadingen, Ermatingen, Güttingen, Leutmerken, Pfyn, Sommen, Liesslingen, Willisdorf. Kanton St. Gallen: Mogelsberg, Oberhelfenschwil, Thal. Kanton Zürich: Rheinau.
Ehemalige Simultankirchen (Auswahl): Kanton Aargau: Birmenstorf, Gebenstorf, Spreitenbach, Wettingen, Zuzgen. Kanton Glarus: Glarus. Kanton Graubünden: Churwalden, Passugg. Kanton St. Gallen: St. Peterzell, Nesslau-Krummenau. Kanton Thurgau: Aadorf, Berg, Diessenhofen, Hüttwilen, Mammern, Wängi, Weinfelden, Steckborn. Kanton Zürich: Dietikon.
Ökumenische Kirchen und Gemeindezentren (Gemeindekirchen, ohne City-Kirchen, Krankenhauskapellen usw.). Kanton Aargau: Arni. Kanton Basel-Landschaft: Augst. Kanton Bern: Ittigen, Kehrsatz. Kanton St. Gallen: Halden. Kanton Solothurn: Langendorf, Flüh, Rüttenen. Kanton Zug: Steinhausen. (…)

Schweiz am Sonntag vom 27.03.2016, S. 5, Sarah Serafini, Yannick Nock
Gottlose Jugend? Von wegen! Jugendliche finden zum Glauben zurück. Während die Landeskirchen ihre Mitglieder verlieren, profitieren die Freikirchen.

Strandbälle fliegen durch die Luft, die Besucher werfen ihre Arme in die Höhe, und wildfremde Menschen hüpfen zusammen zum 90er-Hit „Cotton Eye Joe“. Das Trafo in Baden CH ist gestern Abend voll. Hunderte Jugendliche sind dem Ruf der „Wowgod-Days“ gefolgt. 12 Freikirchen aus der Region organisieren eine dreitägige Konzertreihe.
Nur die hintersten von fast 40 Sitzreihen sind um 20 Uhr noch leer. Der Haupt-Event beginnt erst um 22.15 Uhr. Drei junge Männer in Lederjacke und Baseballmütze laufen den langen Gang nach hinten und setzen sich auf die letzten freien Plätze. Aber nicht lange. Als die christliche Band auf der Bühne „Jesus ist gross“ anstimmt, hält sie nichts mehr. „Kommt, wir gehen in die erste Reihe“, sagt einer und läuft los. Im Publikum sitzt die 16-jährige Melissa. Sie ist aus Schaffhausen angereist. Was ihr Jesus bedeute. „Alles“, sagt sie, ohne eine Sekunden zu zögern. „Ein cooler Anlass“, ergänzt ihr Kollege Sascha. Sie sind nur einige von knapp tausend Besuchern, die den Abend lieber hier als in einem Club verbringen. „Ein toller Mix aus Event und Glaube“, sagen sie.
Ist die Jugend gläubiger als angenommen? Verschiedene aktuelle Befragungen zeigen, dass die Religiosität bei Jugendlichen wieder eine grössere Rolle im Leben spielt. In der neusten Studie der eidgenössischen Jugendbefragung „ch-x“ bezeichnet sich 75 % der Befragten einer Religion zugehörig. Auch der kürzlich erschienene  CS-Jugendbarometer von GfS Bern sagt aus, dass sich heute mehr Junge einer Religionsgemeinschaft zugehörig fühlen als noch vor 5 Jahren. 30 % der 16- bis 25-Jährigen geben an, dass ihnen wichtig sei, nach religiösen und spirituellen Werten  leben zu können. 52 % der Befragten bezeichnen sich zudem als „tendenziell bis überzeugt gläubig“.
Einer der bekanntesten christlichen Jugendforscher im deutschsprachigen Raum ist Tobias Faix, Professor an der CVJM-Hochschule in Deutschland. Mit weltweit 45 Millionen Mitgliedern ist der christliche Verein junger Menschen (CVJM) der grösste christliche Jugendverband überhaupt. Laut Faix bestätigen alle Umfragen zum Thema „Jugend und Religion“ der letzten Jahre, dass die Jugendlichen wieder mehr glauben. Allerdings habe der Glaube nicht unbedingt mit Kirche, Bibel oder traditionellem Christentum zu tun, sondern beschreibe eher eine Sehnsucht nach spirituellen Erlebnissen oder Erfahrungen. Welche Glaubensgemeinschaften heutzutage bei den Jungen beliebt sind, sei einfach gesagt: „Diejenigen, die auf die Bedürfnisse von jugendlicher Spiritualität am besten eingehen“.
Die Religionslandschaft befinde sich im Transformationsprozess (Umwandlungsprozess), sagt Oliver Krüger, Religionswissenschaftler an der Universität Freiburg. Für ihn ist der Trend eindeutig: „Die Freikirchen reagieren viel besser, vielfältiger und kreativer auf die Bedürfnisse junger Christen. Gerade unter den Jugendlichen und jungen Erwachsenen gewinnen die Freikirchen zunehmend an Mitgliedern und die Landeskirchen verlieren“.
Mit der beschleunigten Globalisierung passt sich die Jugend seit den 1990er-Jahren den immer grösseren Leistungsnormen an. Fleiss, Ehrgeiz und Sicherheit werden wichtiger, der Respekt vor Gesetz und Ordnung steigt. Das hält die kürzlich erschienene Shell-Jugendstudie aus Deutschland fest, die seit den 50er-Jahren durchgeführt wird und eine umfassende Sozialberichterstattung liefert.  Hat das Zurückkehren zum Glauben mit dem konservativeren Wertsystem der Jugend zu tun?
Anna-Katharina Höpflinger forscht an der Universität Zürich zum Thema „Jugend und Religion“. Sie sagt. „Die Jugend ist nicht unbedingt konservativer als zu anderen Zeiten. Sie ist auch nicht grundsätzlich religiöser. Sie ist aber in einer anderen Form religiös, als sie es beispielsweise in den 68er-Jahren war.“ Die Hippies hätten sich damals an fernöstlichen Religionen orientiert. Heute rebelliere die Jugend auf eine andere Art. „Sind die Eltern zum Beispiel Atheisten, so kann die Mitgliedschaft in einer Freikirche heute Ausdruck von Rebellion sein“, sagte Höpflinger.
Von dieser neuen Art der Rebellion profitieren vor allem die charismatischen Freikirchen wie die International Christian Fellowship (ICF). Mit poppigen Rockkonzerten und Celebrations statt Gottesdiensten vermag die Kirche junge Spirituelle anzuziehen. Experten sprechen von 5’000 bis 6’000 ICF-Mitliedern in der Schweiz.
Die Verlierer sind die Landeskirchen. Während Jugendliche mit Hip-Hop-Musik zu Jesus finden, bleiben die Bänke am Sonntagsgottesdienst leer. Arnd Bünker, Leiter des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts, sagt: „Beide Kirchen, die katholische wie auch die reformierte, erleben eine Entfremdung von ihren Jugendlichen.“ Neue Ideen müssen her. Dass diese durchaus auch in Landeskirchen auf Interesse stossen, zeigt der reformierte Pfarrer Samuel Hug. Er ist der erste Metal-Pfarrer der Schweiz und gründete das christliche Heavy-Metal-Netzwerk unblack.ch. Er führt regelmässig Heavy-Metal-Gottesdienste durch.

Kirche heute 19/2016 Mai, S. 3, Alois Schuler
Jeder Zweite glaubt an ein Leben nach dem Tod

Der Bund CH untersuchte erstmals religiöse Praktiken und Glaubensformen in der Schweiz. 4 von 5 Katholiken besuchen wenigstens einen Gottesdienst pro Jahr und fast so viele beten auch hie und da. Als religiös bezeichnet sich aber nur gut die Hälfte der Katholiken. Das Bundesamt für Statistik machte 2014 erstmals eine Erhebung zu religiösen Praktiken und Glaubensformen der Schweizer Bevölkerung.
In der letzten Woche publizierten Zusammenfassung des Datenmaterials geht es neben der Teilnahme an Gottesdiensten und Praktiken beim Beten auch um die Bedeutung von Religion im Alltag. Knapp 30 % der Frauen und 14 % der Männern haben im Jahr vor der Befragung Gegenstände verwendet, denen sie eine glück-, schutz- oder heilbringende Wirkung zuschrieben. Fast so viele – auch hier doppelt so viele Frauen wie Männer – haben eine Bewegungs- oder Atemtechnik „auf spirituelle Weise“ ausgeübt. Gefragt wurde etwa nach Yoga, Tai-Chi oder Qigong.  Resultate der Umfragen:

  • Bei 15 % spielen bei der in der Schweiz Wohnenden Religion und Spiritualität eine Rolle.
  • Bei 43 % prägt die Religion bei der Bevölkerung die Einstellung gegenüber Natur und Umwelt (50 % Frauen, 40 % Männer).
  • Bei 90 % der Mitglieder evangelikaler Freikirchen spielt die Religion bei der Erziehung der Kinder eine wichtige Rolle, bei den Katholiken knapp 60 %, bei den Protestanten 44 % und bei den Konfessionslosen 18 %.
  • Eine höhere Macht beeinflusst unser Schicksal? 25 % der Katholiken und Protestanten sagen dazu ja, „Eher ja“ 60 % bei den Katholiken, 75 %  bei den Evangelikalen.
  • Im Jahr bezeichneten sich 38 % katholisch, 26 % evangelisch-reformiert, 5 % als Muslime und 22 % konfessionslos, weitere 5,7 % sind Orthodoxe, Lutheraner und Christkatholiken. 1,7 % aus evangelikaler Gemeinden und aus anderen Religionen 1,5 %.
  • Ausländer zur Gesamtbevölkerung der Schweiz: 19 %, davon 80 %  Muslime, bei den Katholiken rund ein Drittel.
  • 41 % der Bevölkerung haben in den letzten 12 Monaten ein- bis fünfmal einem Gottesdienst beigewohnt. 87 % von ihnen allerdings unabhängig von ihrer Konfessionszugehörigkeit aus gesellschaftlichem Anlass, vor allem für eine Hochzeit oder eine Beerdigung.
  • 26 % der Katholiken beten nie. 60 % der Katholiken beten wenigstens einmal im Monat, die Hälfte von diesen sogar täglich, fast täglich oder mehrmals pro Tag. Bei den Reformierten sind es nur 50 %. Bei den Mitgliedern evangelikaler Freikirchen hingegen beten 4 von 5 täglich oder fast täglich.
  • Bei Katholiken und den Reformierten sind auch in diesem Aspekt die Frauen frommer als die Männer. Sie beten fast doppelt so oft.
  • Nur knapp 60 % der Katholiken, knapp 50 % der Reformierten, nur 12 % der Konfessionslosen, aber 90 % der Muslime glauben an einen einzigen Gott. Bei den Katholiken glauben weitere 20 % an eine höhere Macht. (…)
bz BASEL vom 22.06.2016, S. 27, Simon Erlanger
Die evangelisch-reformierte Kirche Basel-Stadt will sich heute neu erfinden.
Rettung durch Spenden, Legate und Stiftungsgelder
„Wir werden keine Kirchengebäude verkaufen“
Als Lukas Kundert 2004 sein Amt als Kirchenpräsident antrat, hatte die evangelisch-reformierte Kirche Basel-Stadt 38’000 Mitglieder. Heute sind es 29’000. Die Schrumpfung zwingt zur Anpassung der Strukturen.
Herr Kundert, werden Sie Kirchen veräussern müssen?
Lukas Kundert: Es ist nicht geplant, Kirchen zu verkaufen.
Sie haben aber zu viele Gebäude für eine kleinere Kirche. Was geschieht da?
Gebäude, die wir für den kirchlichen Alltag nicht mehr brauchen, werden in eine eigene Tochtergesellschaft ausgelagert und professionell bewirtschaftet. Aus den Erträgen bestreiten wir dann den Gebäudeunterhalt von jährlich rund 3 Millionen.
Für 2025 rechnen Sie noch mit 21’000 Mitgliedern. Die Reformierten als Minderheit in der ehemaligen reformierten Hochburg?
Das ist so. In unserem Kanton bilden Christen, die zu einer Kirche gehören, schon heute weniger als 50 % der Einwohnerschaft. Das hat mit der demografischen Entwicklung zu tun, aber auch mit der Altersstruktur. 4’000 unserer Mitglieder sind zwischen 80 und 104 Jahre alt. Generell haben wir auch weniger Geburten. Dazu kommt, dass Zuzüger nicht zu uns stossen. Weniger Mitglieder heisst weniger Steuern.
Weniger Mitglieder, weniger Strukturen: Was ändert sich inhaltlich?
Sicher nicht ändern wird sich das kirchliche Angebot für alle Bewohner Basels. Allerdings werden wir künftig nur noch Gottesdienstorte unterstützen, die eigene Mittel aufbringen können. Generell wollen wir jeden Steuerfranken, der wegfällt, auf anderem Weg ersetzen, durch sogenannte Drittmittel; das heisst, Spenden, Legate (Vermächtnisse), Beiträge von Stiftungen und auch vom Kanton.
Kann das funktionieren?
E funktioniert ja jetzt schon. 2004 hatten wir bei 38’000 Mitgliedern eine Jahresrechnung mit 24 Millionen Franken Umsatz. Heute sind es bei 29’000 Mitgliedern immer noch 24 Millionen. Gleichviel Geld bei weniger Mitgliedern: Das geht nur dank Drittmitteln. So können die Gemeinden weiter ihre Aufgaben wahrnehmen. Gewöhnlich kommt in der Schweiz ein Pfarrer auf 2’500 Mitglieder; das ist viel zu wenig. In Basel haben wir heute einen Pfarrer auf 1’000 Mitglieder, künftig wird die Betreuung bei 1:300 liegen müssen. Allerdings müssen wir uns dort zurückziehen, wo es bei aussergemeindlichen Aufgaben keine Drittmittel gibt. So geben wir das Industriepfarramt nach der Pensionierung des Amtsinhabers auf.

Katholische Wochenzeitung Baden 48/2017 Dezember, S. 4, Martin Meier

Geld regiert die Welt – und manchmal auch die Kirche!
Das umstrittene duale Kirchensystem, das in den meisten Kantonen der Schweiz besteht, fördert mitunter seltsame Früchte zutage. Die Maxime „Wer zahlt, befiehlt!“, scheint oft oberstes Gebot in den Reihen jener Staatskirchenpolitiker zu sein, die mit der real existierenden römisch-katholischen Kircher unzufrieden sind und sie, wenigstens auf dem Gebiet der Schweizerischen Eidgenossenschaft, am liebsten anschaffen möchten.
Immer wieder erweist sich dabei das Geld als Ansatz, mit dem die ungeliebte Kirche ausgehebelt werden soll. Tut sie nämlich nicht das, was die fortschrittlich gesinnten mündigen Christen von ihr erwarten, wird ihr kurzerhand der Geldhahn zugedreht. Neustes Beispiel ist der Vorstoss eines schwyzerischen Kantonskirchenrates, der den Beitrag ans Bistum Chur von rund CHF 335’000 gestrichen haben sollte, weil er, wie er in seiner Begründung ausführte, grundsätzlich mit der Situation im Bistum unzufrieden sei und weil er sich daran gestört habe, dass der päpstliche Nuntius keine Auskunft darüber gegeben habe, warum die Amtszeit von Bischof Vitus Huonder verlängert und weder ein neuer Bischof gewählt noch ein Administrator eingesetzt worden sei. Zum Glück fand der Antrag im Rat keine Mehrheit, aber er zeigt, mit welcher Unverfrorenheit und Arroganz in der Schweiz Kirchenpolitik gemacht wird. Der Papst, das Oberhaupt der weltweiten katholischen Kirche, – vertreten durch seinen →Nuntius – hat gefälligst dem schwyzerischen Kantonskirchenrat Red und Antwort zu stehen, ansonsten er durch Verweigerung des Bistumsbeitrags abgestraft wird. Frage: Sieht so der Dialog aus, der gerade von Leuten wie dem erwähnten Kantonskirchenrat immer wieder eingefordert wird?

Kirche heute 48/2017 November, S. 2

8’200 Kinder besuchen katholische Schulen
8’200 Kinder haben im letzten Jahr eine katholische Schule in der Schweiz besucht. Das vermeldet der nationale Verband Katholische Schulen der Schweiz. Die Katholischen Schulen „vermitteln ihren Schülerinnen und Schülern christliche Werte und Werthaltungen und bilden sie so zu verantwortungsbewussten Persönlichkeiten“, so der Verband. Zum Verband Katholische Schulen der Schweiz zählen laut Mitteilung 37 Mitgliederschulen sowie 13 assoziierte Privatschulen aus allen Landesteilen. Sie führen Bildungsgänge vom Kindergarten bis zur Matura. Der Verband tritt mit einem neuen Webauftritt (www.katholischeschulen.ch) auf. Quelle: kath.ch
.
Luzerner Zeitung vom 09.02.2018, S. 19, Andreas Faessler

Die Kirche verabschiedet sich
 .
Der Benediktinermönch Martin Werlen stellt der Kirche in seinem neuen Buch eine niederschmetternde Diagnose. Für sie sei es zu spät, zu weit habe sie sich von den Menschen entfernt. Ist die Kirche verloren?
„Es ist fünf vor zwölf“, sagt der Volksmund, wenn etwas kurz vor der Eskalation steht. Ist es fünf nach zwölf, so ist alles zu spät. Zu spät ist es auch für die Kirche, für sie ist der Zug abgefahren. Dies aber nicht etwa, weil die Menschen sich von ihr abgewandt haben, sondern weil sie selbst sich von den Menschen abwendet. So stellt es der Autor Martin Werlen fest. Wie dramatisch kann die Lage sein, wenn gar ein Mensch, der selber mitten in diesem verlorenen Konstrukt steht, so eine niederschmetternde Diagnose stellt?
In seinem neuen Buch „Zu spät.“ geht der Einsiedler als Abt und nunmehrige Benediktinermönch Werlen mit seiner Kirche hart ins Gericht – einmal mehr. Zu stark habe sie stagniert und an Altem, Verstaubtem festgehalten. Langweilig sei sie geworden, die Kirche, und alles, was darin stattfindet. Man nehme sie nicht mehr als Ort der Hoffnung wahr. Dass ihr immer mehr Menschen fernbleiben, sei nicht mal ein Zeichen von Ablehnung, sondern – viel schlimmer – von fehlender Wahrnehmung und Gleichgültigkeit.
Traditionen verhindern die Tradition. Die Ursache lokalisiert Martin Werlen – es überrascht nicht – in seinen eigenen Kreisen. Kirchenleute, aber auch Getaufte, die mit allen Mitteln dafür sorgen, dass alles beim Alten bleibt, seien die gefährlichsten Gegner der Kirche, stellt der Autor unverblümt klar. Mit dem krampfhaften  Bewahren von vermeintlich unveränderbaren Traditionen stünden sie der wahren Tradition – der Treue zu Jesus Christus im Wandel der Zeit – im Weg. Martin Werlen führt mit dem Ausschluss der Frauen vom Weiheamt, mit dem Zölibat oder mit der veralteten, gestelzten Kirchensprache nur einige dieser zahlreichen destruktiven „Traditionen“ an. Die Kirche habe keine Verbindung mehr zu den Menschen – und so mit Gott. „So lebt sie auch ihre Berufung nicht. Ihr fehlt das Feuer. Sie ist langweilig geworden. Sie verabschiedet sich von den Menschen“, zieht Werlen Fazit. (…)
Martin Werlen, ZU SPÄT. Eine Provokation für die Kirche. Hoffnung für alle. Herder, 2018
Kath. Wochenzeitung Baden 8/2018 Februar, S. 5, Martin Meier-Schnüriger
Zu spät? – Einige Gedanken zum neusten Buch von Pater Martin Werlen
Medienwirksam lud der emeritierte Abt von Einsiedeln, Pater Martin Werlen OSB, am 6. Februar zur Präsentation seines neusten Buches mit dem Titel „Es ist zu spät!“ um fünf nach zwölf in ein Zürcher Brockenhaus ein.
Und sie kamen in grosser Zahl, die Medienvertreter, um die Stimme des Meisters zu vernehmen, der einmal mehr mit scharfen Worten die Kirche in den Senkel stellte und ihr Rezepte mit auf den Weg gab, wie sie es trotz allem Fehlverhalten doch noch schaffen könne, die Kurve zu kriegen.
Die folgenden Gedanken basieren auf einem Bericht von Arnold Landtwing im Medienportal kath.ch. (Auszüge):
  • Die Kirche habe sich von diesen Menschen entfernt – nicht umgekehrt! Als kirchlicher Insider müsste er es besser wissen: Die Kirche hat seit ihren Anfängen den Auftrag, die Botschaft Jesu zu verkünden, gelegen oder ungelegen, wie es der heilige Paulus seinem Schüler Timotheus aufträgt (2Tim 4,2).
  • Was nicht geht, ist, dass die Kirche, nur um die Menschen bei der Stange zu halten, die Botschaft verfälscht, verflacht oder „mildert“.
  • Das neue Testament kennt dafür ein markantes Beispiel: Als Jesus den zahlreichen Menschen, die ihm begeistert zujubelten, weil er mit 5 Broten und 2 Fischen 5’000 von ihnen gespeist hatte, begreiflich machen wollte, dass er selbst das wahre Himmelsbrot sei, liefen sie murrend und verständnislos davon. Was tat er? Hielt er sie zurück, indem er seine Aussage relativierte? Nichts dergleichen! Er fragte nur die Wenigen, die noch bei ihm waren: „Wollt auch ihr gehen?“ Gemäss Pater Martin müsste man ihm den Vorwurf machen, er habe sich von den Menschen entfernt!
  • Pessimismus durch europazentrische Sichtweise? Die Kirche steht gar nicht dermassen vor ihrem Kollaps (Zusammenbruch). wie es der pessimistisch klingende Buchtitel suggeriert (seelisch beeinflusst). Einerseits boomt sie regelrecht in weiten Teilen der Welt – nur eine europazentrische Sichtweise leugnet diesen Umstand hartnäckig – andererseits finden wir Aufbrüche auch im heimischen Umfeld, erstaunlicherweise gerade dort, wo sie nach Pater Martin am  allerwenigsten zu erwarten sind, nämlich dort, wo nicht nur die Tradition, sondern auch die Traditionen gepflegt werden.
  • Leider hat Pater Martin nicht diese unsäglichen Strukturen vor Augen, wenn er gegen die Traditionen wettert, sondern nebst zeitlos ehrwürdigen Ausprägungen der Liturgie und der Volksfrömmigkeit auch  Dinge, die zur Glaubenssubstanz gehören und damit nicht verhandelbar sind, wie die erwähnte Unmöglichkeit, Frauen zum Priestertum zuzulassen.
  • Kirche bietet immer noch ein Ort der Hoffnung. Dieses Cliché (die Kirche verurteilt in erster Linie und kein Ort der Hoffnung) ist so alt wie falsch. Pater Martin könnte sich leicht vom Gegenteil überzeugen, wenn er beispielsweise einmal die monatliche Gebetsnacht in der Zürcher Kirche „Maria Lourdes“ besuchen würde.
  • Werlen: „Deshalb widme ich dieses Buch den Menschen, die Kirche nicht in Ruhe lassen“. Solche Aussagen erscheinen reichlich tendenziös (etwas  bezwecken); Gläubige, die sich um eine gute Bischofsnachfolge sorgen, würde Nuntius Gullickson kaum als dysfunktionale (gestörte) Familie bezeichnen, wohl aber Kirchensteuerzahler, die ultimativ die Abberufung eines Bischofs und die Ernennung eines ihnen genehmen Nachfolgers verlangen und für den Fall, dass man ihren Wünschen nicht nachkommt, mit der Finanzkeule drohen.
  • So enthält denn das neue Buch des streitbaren Mönchs nicht viel Neues, abgesehen davon, dass es mit der Kirche noch härter ins Gericht geht als seine Vorgängerwerke.
  • Die Frage bleibt, was der ehemalige Abt von Einsiedeln mit seinen Büchern erreichen will. Man nimmt ihm seine Sorge um die Zukunft der Kirche gerne ab, muss aber, vom Standpunkt eines gläubigen Christen aus betrachtet, feststellen, dass er das Pferd vom Schwanz her aufzuzäumen versucht, wenn er dafür plädiert, dass sich die Kirche dem Zeitgeist anpassen soll. Gottes Gebote sind zeitlos gültig, und wenn die Menschen sie nicht annehmen wollen. liegt es nicht an den Geboten, sondern an den Menschen. Die Aufgabe der Kirche ist es, die Gebote so zu vermitteln, dass die Menschen sie verstehen können, nicht aber, sie zu verändern. Dass sie in dieser Hinsicht immer neu herausgefordert ist und sich neue Wege überlegen muss, ist unbestritten. Zu spät dafür ist es nie!

Kirche heute 14/15 2018 März, S. 2
Neue Landeskirchengesetz in Bern

Die drei bernischen Landeskirchen begrüssen, dass der Grosse Rat des Kantons Bern dem neuen Gesetz über die Landeskirchen mit grosser Mehrheit zugestimmt hat. Das Kantonsparlament zeige damit, dass es das partnerschaftliche Verhältnis von Staat und Landeskirchen weiterführen wolle und dass es deren Arbeit für die Gesellschaft vertraue, heisst es in einer Mitteilung der Landeskirchen. Zu den wichtigsten Neuerungen gehört, dass ab 2020 die Pfarrer und Pfarrerinnen nicht mehr beim Kanton, sondern bei den Landeskirchen angestellt werden.

Kath. Wochenzeitung Baden 14/2018 April, S. 6, Leserbrief
Sehr geehrte Redaktion!

Mit grossem Interesse habe ich die Gedanken von Herrn Martin Meier-Schnüriger in der Katholischen Wochenzeitung vom 23. Februar 2018 zum neuesten Buch von Pater Martin Werlen gelesen. Ich danke Herrn Meier sehr herzlich für seine klaren Worte, die er in seiner Stellungnahme für die abwegigen Gedanken von Pater Werlen findet. Wenn das, was Martin Werlen in seinem Buch ausdrückt, auch seine Überzeugung ist, sei die Frage erlaubt, wie konnte Martin Werlen jemals Abt des Klosters Einsiedeln werden?
Wenn Martin Werlen medienwirksam feststellt, dass es für die Kirche „zu spät sei“ und es in der Kirche „fünf nach zwölf“ ist, dann wäre Martin Werlen gut beraten, etwas mehr Demut zu zeigen. Denn nicht er bestimmt das Heil der Kirche. Die Kirche ist von Jesus Christus gewollt und wurde von ihm eingesetzt. Wir können darauf vertrauen, dass Jesus Christus seiner Kirche auch in Zukunft den richtigen Weg weisen wird. Wir alle wissen, dass die Kirche in der heutigen Zeit den permanenten perfiden Angriffen vor allem der linken Medien und einer Spassgesellschaft ausgesetzt ist, die ausschliesslich dem Zeitgeist frönt. Martin Werlen macht sich mit seinen Äusserungen zur Speerspitze derjenigen, die tagtäglich versuchen, die Kirche mit Hohn und Spott zu überschütten. Anstatt jetzt mit den Wölfen zu heulen, hätte Martin Werlen in seiner Tätigkeit als Abt von Einsiedeln ausreichend Gelegenheit gehabt, die Gläubigen in ihrer Glaubensüberzeugung zu stärken und mitzuhelfen, die katholische Kirche vor den Einflüssen des niedermachenden Zeitgeistes zu schützen.
Wenn Martin Werlen „selbst vor dem Abriss der altehrwürdigen barocken Klostergebäude von Einsiedeln nicht zurückschrecken würde“, führt er seine Glaubwürdigkeit vollends ad absurdum (Duden: das Widersinnige nachweisen).
Dieses wahnwitzige Gedankenspiel kommt einem Verrat gleich. Und wenn der Altabt „mit dem Latein in der Kirche radikal aufräumen will“, kommen berechtigte Zweifel auf, ob Martin Werlen sich überhaupt noch zur katholischen Kirche zugehörig fühlt. Es bleibt der nachhaltige Eindruck, dass Martin Werlen ausschliesslich und eigennützig darum bemüht ist, seinem Buch eine möglichst grosse Auflagezahl zu verschaffen. Traurig und erbärmlich! Herzliche Grüsse! Oswald Kranz (WA: Nendeln, Fürstentum Liechtenstein)

Zeitschrift Mariastein, Juli/August 2018, S. 40, Pater Augustin Grossheutschi
Martin Werlen, Zu spät.

Erst glaubte ich, es fehle hinter dem Titel ein Fragezeichen. Da ist jedoch ein Punkt. Und die Lektüre bestätigt die Richtigkeit des Punktes. Vielleicht müsste sogar ein Ausrufezeichen sein. Engagiert, wie immer in seinen Büchern, und glaubwürdig legt der Autor die Finger auf die Wunden in der Kirche, die nur allzu viele nicht beachten oder nicht sehen oder nicht wahrhaben wollen. In seiner ehrlichen Kritik bleibt Martin Werlen Optimist, weil er überzeugt ist, dass der Geist Gottes, der Heilige Geist, überall, wo er Einlass findet, wirkt und bewegt (siehe S. 181f). Im biblischen Buch Jona und in der Gestalt des Propheten Jona findet sich der Autor selber. Ein Zitat aus diesem Buch steht ganz am Ende (S. 190) vom Buch „Zu spät.“: „Vom HERRN kommt die Rettung.“

Kirche heute 7/2019 Februar, S. 2
Schweiz. Strafregisterauszug für kirchlichen Dienst

Künftig sollen Bewerberinnen und Bewerber für eine Stelle im kirchlichen Dienst zwingend einen Privatauszug und einen Sonderprivatauszug aus dem Strafregister vorlegen müssen. Dies schlägt das Fachgremium „Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld“ den Schweizer Bischöfen im Kampf gegen Missbrauch vor. Die Bischöfe entscheiden Ende Februar über eine Anpassung ihrer Richtlinien. Den Sonderprivatauszug gibt es erst seit Anfang 2015. Er gibt Auskunft über Urteile, die ein Berufs-, Tätigkeits- oder Kontakt- und Rayonverbot zum Schutz von Minderjährigen oder anderen besonders schutzbedürftigen Personen enthalten. Im Bistum Basel wird nach Auskunft von Sprecher Hansruedi Huber bisher erst der Privatauszug verlangt, am Priesterseminar Luzern seit 2017 zusätzlich auch der Sonderprivatauszug.

Kath. Wochenzeitung Baden 21/2019 Juni, S. 4
Wir danken Bischof Vitus Huonder

Liebe katholische Gläubige
In diesen Tagen neigt sich die offizielle Amtszeit von S. E. Vitus Huonder als Diözesanbischof dem Ende zu. Wir möchten ihm deshalb herzlich für sein grosses, segensreiches Engagement für die katholische Kirche, den Glauben und die Gläubigen danken.
Bischof Vitus Huonder hat sich als Person stets zurückgenommen und sich voll und ganz in den Dienst der katholischen Kirche gestellt. Diese Aufgabe  war nicht immer leicht und selten dankbar. Umso grösser ist unsere Wertschätzung, und dies möchten wir zeigen!
Damit möglichst viele Menschen sich dem Dank anschliessen können, haben wir eine Dankesadresse lanciert. Diese Ausgabe der katholischen Wochenzeitung liegt ein Unterschriftsbogen  bei. Bitte unterzeichnen Sie die Dankesadresse, bestellen sie weitere Exemplare und verteilen Sie diese in Ihrem Umfeld, bei Freunden und Bekannten. Sie können auf  unserer Internetseite  www.proecclesia.ch unterzeichnen.
Neben dem Dank setzt diese Aktion ein wichtiges Zeichen dafür, dass viele gläubige Katholiken sich einen Nachfolger wünschen, der sich so klar und mutig wie Bischof Vitus für die Kirche und ihre Lehre einsetzt. Freundliche Grüsse, lic. iur. Herbert Meier, Herausgeber Katholische Wochenzeitung

→Deutsche Kirche        →Österreichische Kirche        →Italien, italienische Kirche
.

Kirchen, Welt  (maior, minor)

→Papstbasiliken

Kirchen im Vatikanstaat

Alexander Smoltczyk, Vatikanistan

Vier Kirchen sind auf dem Hügel errichtet, nicht gezählt natürlich der Dom und die etlichen Hauskapellen in den Wohnungen und Bürogebäuden. Die wichtigste ist St. Anna (→Pfarrei St. Anna), die für den Staat der Vatikanstadt zuständige Pfarrkirche. Die kleinste ist neben dem Sant’Uffizio links, die San Salvator in Ossibus, „Heilige-Erlöser-Kirche-in-den-Knochen“, aus dem 8. Jahrhundert und so genannt, weil im Mittelalter dort jene Pilger begraben wurden, die den Rückweg nicht mehr schafften. Die Ritter des Kolumbusordens, einer ebenso frommen wie finanzstarken Organisation aus den USA, haben sich des Kirchleins angenommen. Deren Logo in den Glasfenstern ist auch das einzige weltliche Wappen im Kirchenstaat (WA: S. Pellegrino? Kirche im Deutschen Friedhof? In  beiden Kirchen befinden sich etliche weltliche Wappen.), und San Salvator ist vermutlich auch die einzige Kirche, in der Chor und Mittelschiff in unterschiedlichen Staaten liegen. Völkerrechtlich gehört die Apsis zu Italien und damit zum Schengen-Raum, das Portal dagegen nicht. In ihr sind die sterblichen Überreste des ehemaligen Präfekten des Heiligen Uffiziums, Kardinal Alfredo Ottaviano, zu finden.San Salvator in Ossibus,Vatikan, neben dem Palast der Glaubenskongregation
→Pfarrei St. Anna und andere SCV-Pfarreien

Kirchen in Rom

OR Nr. 28 vom 15. Juli 2011
Die kleinste Basilika Roms – ein Geheimtipp selbst für Römer:
Die „Madonna dell’Archetto“ (Bogen, Laubsäge)1. 5 bis  6 Schritte misst sie in Länge und Breite, eine gute Stube für den lieben
.   Gott
2. Gelegen in der Via Marcello, zwischen Via del Corso und Trevibrunnen
3. Madonna Causa Nostrae Laetitiae – Gottesmutter, Ursache unserer Freude
4. In den Verbindungsgang von der Adelsfamilie Muti Papazzurri im Jahre 1690
5. Maler Domenico Muratori, einem Carracci-Schüler in gehobener Qualität
6. Ein Platz an der Hauswand für dieses Bild reichte nicht: eine Kirche musste
.   her:
7. Durch Baumeister Virginio Vespignani mit Kuppel gebaut: Costantino
.   Brumidi  malte  sie aus.
8. Brumidi malte das Kuppelfresko in der Washingtoner-Kuppel. Die Madonna
.   tauchte wieder auf.
9. Via Marcello, Rom: reich geschmücktes Inneres der Kirche mit dem
.   Gnadenbild.

OR Nr. 48 vom 28.11.2014, S. 10
Der Salzburger Künstler Hans Weyringer hat für die Kirche der deutschsprachigen Katholiken in Rom, Santa Maria dell’Anima, ein Portrait des emeritierten Papstes Benedikt XVI. geschaffen. Das Bild wird künftig die Sakristei der Kirche zieren, wo bereits alle deutschsprachigen Päpste verewigt sind – ausser dem mittlerweile emeritierten Papst aus Bayern. Diese Lücke werde nun geschlossen, freut sich Franz Xaver Brandmayr, Rektor der „Anima“. Übergeben wurde das Portrait kürzlich durch eine von Weyringer angeführte Abordnung der Bruderschaft „Santa Maria dell’Anima. Hans Weyringer gehört dieser Bruderschaft, deren Wurzeln bis ins Mittelalter zurückreichen, gemeinsam mit 30 anderen Salzburgern an.

OR Nr. 36 vom 08.09.2017, S. 5, Bernhard Hülsebusch
Ein katholisches „kleines Pantheon“ in Rom:
Die römische Kirche San Bernardo alle Terme mit dem Grabmal von Johann Friedrich Overbeck: Via Torino 94, Verbindungsstrasse zwischen Via del Quirinale und der Via Nazionale, in der Nähe der Piazza Repubblica.

     

Sie entstand in den Ruinen der Diokletians-Thermen und gleicht architektonisch dem antiken Göttertempel Pantheon: Die sehenswerte Kirche San Bernardo alle Terme. Interessant für deutsche Besucher ist die Grabstätte des Malers Johann Friedrich Overbeck, dem bekanntesten „Nazarener“ (1789-1869), malte u. a. religiöse Bilder und war bestimmender Meister der Nazarener (Anhänger eine an die altdt. Malerei und bes. Kunst P. Peruginos und Raffaels anknüpfende Erneuerung der Kunst auf religiöser Grundlage).
„Einmalig“, staunt der Mailänder Gianfranco P. nach einem Besuch der Kirche. „Die Kuppel dieses Sakralbaus verschlägt einem schier den Atem“, bekennt Susanna P. aus Neapel. Und Michele F. aus Venedig empfiehlt in derselben (von einer Reiseagentur verbreiteten) Sammlung von Kommentaren zu San Bernardo alle Terme“, man solle dieses Gotteshaus bei einem Rundgang zu den weniger bekannten, aber dennoch faszinierenden Kultstätten Roms ja nicht verpassen“.
Richtig. Wer etwas Zeit für die Besichtigung der Ewigen Stadt hat, dem kann man den Besuch von „San Bernardo“ (am gleichnamigen Platz) nur empfehlen. Schon wegen der ungewöhnlichen zylindrischen Form dieses Sakralbaues mit imposanter Kuppel, deretwegen man ihn auch ein „kleines Pantheon“ nennt und wegen seiner geschichtlichen Verbindung zu den Diokletiansthermen. In der Tat entstand diese Kultstätte Ende des 16. Jahrhunderts am Rand dieser weit ausgedehnten Anlage, konkret in einem verfallenen Rundbau, der einst – in der Blütezeit der antiken Thermen – für Ballspiele genutzt wurde.

Baugeschichte

  • San Bernardo hat, höchst ungewöhnlich, im Zentralbau keine Fenster – die Kirche erhält ihr Licht, genau wie das Pantheon, nur durch eine rund Öffnung an der Kuppelspitze.
  • Die mächtige Kuppel mit einem Durchmesser von 22 Metern wird gekrönt von einer Laterne.
  • Im Laufe der Zeit hat man die Kultstätte zwar mehrfach restauriert und leicht verändert (auch derzeit ist eine Restaurierung im Gange). Die harmonische Architektur des Kircheninnern bewahrt voll und ganz ihre ursprüngliches, eindrucksvolle Raumwirkung.
  • Charakteristisch für das Kircheninnere sind das Weiss der Wände und der steinernen Kassetten zur Gestaltung der Kuppel – aber auch die in Nischen aufgestellten 8 Heiligenstatuen aus Stuck: Statuen, die der aus dem Veneto stammende Camillo Mariani (1567-1611) schuf.
  • Sehenswert sind die beiden grossformatigen Gemälde über den Seitenaltären (von Odazzi), rechts die dramatische Darstellung „Christus umarmt den heiligen Bernhard“, linkerhand die „mystische Hochzeit des heiligen Robert mit der Jungfrau“.
  • Johann Friedrich Overbeck, geboren in Lübeck am 03.07.1789, gestorben in Rom am 12.11.1869: Mit diesem Künstler, einem der vielen einst in der Ewigen Stadt gezogenen „Nordlichter“, hat es seine besondere Bewandtnis. Denn er gilt als bedeutendster Vertreter jener frommen, romantisch gesinnten Malergruppe des frühen 19. Jahrhunderts, die als „Nazarener“ (spöttisch wegen der Haartracht der Maler, die an Jesus von Nazareth erinnerte) bekannt wurde. Overbeck studierte an der Wiener Kunstakademie. Doch aus Unzufriedenheit mit dem dort gelehrten Klassizismus (nachahmende Stilrichtung, besonders des Stils um 1800) zog er 1810 mit 2 Freunden nach Rom. Dort schlossen sich andere deutsche Künstler der Gruppe an. Eine Gruppe, die sich der Erneuerung der Kunst im Geist des  Christentums durch die Wiederentdeckung alter Meister widmete 1813 konvertierte Overbeck zum katholischen Glauben. Nach und nach errang sein Kreis künstlerische Erfolge. Deutsche schauen sich hier in der Kirche gern Overbecks Grabmal an.
  • San Bernardo ist eine Titelkirche, z. B. war Clemens August Graf von Galen, der durch seine Predigten gegen den Nationalsozialismus Aufsehen erregte und als „Löwe von München“ in die Geschichte einging, hier Titelkardinal.

OR Nr. 35 vom 31.08.2018, S. 5, Silvian Montanari
Lichtdurchflutetes Meisterwerk des Barock: Santa Maria in Campitelli
Piazza dei Campitelli 9, gegenüber der Tiberinsel, linke Uferseite des Tibers

Santa Maria in Campitelli gehört zu den schönsten Gotteshäusern der Ewigen Stadt. Seine gewaltige Fassade aus dem 17. Jahrhundert beeindruckt jeden. Doch sollte man auch das Innere mit seinen Altären und Kunstwerken sowie Erinnerungen an 2 gottergebene Persönlichkeiten (den heiligen Johannes Leonardi und die selige Ludovica Albertoni [Ihre Verzückung in der Kirche Santo Francesco a Ripa von Bernini]) nicht versäumen:

  • Riesiger Strahlenkreuz in der Apsis
  • Kleine Ikone Santa Maria in Portico, seit dem Pestjahr 1656 als wundertätig verehrt
  • Zweite Kapelle, der heiligen Anna gewidmet, ist ebenfalls bewunderungswürdig
  • Vierte Kapelle, der heiligen Zita gewidmet: unter dem Altar eine liegende Christusfigur aus dem 17. Jahrhundert zurück
  • Die Kuppel mit grossartiger Inszenierung (…)

In der Gegend dieser Kirche wurde 1555 das Ghetto der Juden durch Papst Paul IV. Carafa eingerichtet.

OR Nr. 43 vom 26.10.2018, S. 3
„Madonna di San Luca“ in Rom wieder zu sehen

Rom. Eines der bedeutendsten Marienbilder Roms, die „Madonna di San Luca“ aus der Basilika Santa Maria del Popolo (Piazza del Popolo), ist nach mehrmonatiger Restaurierung wieder zu sehen. Die Arbeiten brachten eine Inschrift zutage, die das Tafelbild als Werk von Filippo Rusuti (um 1255-1325) ausweist. Die Entdeckung erlaubt auch die Zuschreibung von stilistisch verwandten Fresken in der römischen Kirche San Saba auf dem Aventin an Rusuti. Das Museum der Engelsburg widmet dem Bild bis 18. November eine kürzlich angelaufene Sonderausstellung.
Rusuti gilt als einer der herausragenden italienischen Künstler des Spätmittelalters. Unter anderem war er für König Philipp IV. in Frankreich tätig. Als sein einziges signiertes Werk in Rom war bislang nur das Fassaden-Mosaik der Basilika Santa Maria Maggiore bekannt, das wahrscheinlich 1297 entstand.
Die „Madonna di San Luca“ zeigt deutlich den Einfluss byzantinischer Ikonen (Kultbild der Ostkirche). Die feine Ausführung und die ästhetische Qualität trugen zur Verbreitung als Grundtyp eines wundertätigen Marienbildes bei. Zugleich verfestigte sich die Legende, das Werk stamme vom Evangelisten Lukas. Im 15. Jahrhundert wurde es zur Abwehr der Türkengefahr in Prozessionen mitgeführt.

Kirche, ihre territoriale Geschichte

Vom Patrimonium Petri bis zum Staat der Vatikanstadt

1.              Patrimonium Petri   (Vermögen des Petrus)

1.1 Ab dem 4. Jahrhundert wuchs der Grundbesitz der röm. kath. Kirche in Süd- und  Mittelitalien und auf Sizilien durch Schenkungen.
1.2 Die Vermögen des Petrus (Patrimonium Petri) machten den Bischof von Rom im 6. Jahrhundert zu einem der grössten Grundbesitzer Italiens.
1.3 Das Patrimonium bekam den Charakter eines Herrschergebietes. Diese Bezeichnung hielt sich 1’118 Jahre lang von Papst Stephanus II.  (März 752, 3 Tage) bis Pius IX. (1846 – 1878, 32 J.)
2.               Konstantinische Schenkung (315/317 n. Chr.)

Darstellung der Konstantinischen Schenkung bei einem Fresko von 1246, Silvesterkapelle bei der Basilika Santi Quattro Coronati in Rom

  2.1 Kaiser Konstantin soll Papst Silvester I. (31.01.314 bis 31.12.325) und seinen Nachfolgern die politische Autorität in Rom, Italien und im Abendland verliehen haben.
2.2 Die Päpste nutzten die Urkunde, um ihre Vollmacht in der Christenheit und territoriale Ansprüche  zu begründen.
2.3 Der deutsche Theologe Niklaus von Kues und Lorenzo Valla weisen im Jahre 1433 bzw. 1440 nach, dass diese Schenkung eine Fälschung ist.
2.4 Der Vatikan gibt im 19. Jahrhundert die Fälschung zu. –  Zugeschrieben hat Konstantin dem Papst lediglich St. Peter und S. Giovanni in Lateran, andere sagen, auch S. Paolo fuori le mura.

Aus Basler Zeitung vom 31.12.2007, Seite 2, Walter Schmidt:

Auch entpuppte sich eine berühmte Urkunde als Fälschung, nach der es eine „konstantinische Schenkung“ an den Vatikan gegeben habe. Dem Schriftstück zufolge hatte Konstantin dem Papst, in Personalunion jeweils auch Bischof von Rom, die Stadt und das ganze Abendland zu eigen gegeben und ihm das Tragen der kaiserlichen Insignien erlaubt. So wäre die Stellung des Papstes gegenüber dem Kaiser erheblich gestärkt worden.

Doch die im Mittelalter für echt gehaltene Urkunde wurde zwischen 752 und 806 wahrscheinlich in Rom gefälscht – was Mitte des 19. Jahrhundert schliesslich auch der Vatikan einräumte. In Wahrheit hat Kaiser Konstantin den Papst Silvester (Papst von 314 bis 31.12.335) in puncto Machtfülle eher in den Hintergrund gedrängt.

Immerhin war es Silvester, der über dem Petrusgrab in Rom im Gräberfeld des Vatikanischen Hügels die erste Petruskirche in den Himmel wachsen liess.

3.                  Die Pippinische Schenkung
Pippin II.: 751 bis 768, Karolinger-KönigsgeschlechtPapst Stefan II. nimmt von Abt Fulrad von Saint-Denis die Schenkungsurkunde Pippins entgegen. Darstellung in Quierzy.
3.1 Die Pippinische Schenkung ist seit 756 n. Chr. aus den Ländereien des Bischofs von Rom entstanden:
3.2 751: Pippin II. wird zum König der Franken gewählt (747: das ganze Frankenreich ist unter seiner Herrschaft).
3.3 754 und 756: Pippin II. unterstützt Papst Stephanus III. gegen die Langobarden.
3.4 Pippin verspricht, die von den Langobarden zurückeroberten Gebiete dem Nachfolger Petri zu  übereignen.
3.5 Urkunde von Quierzy (754) garantiert dem Papst folgende Gebiete: das Dukat von Rom, das Exarchat (Exarch, byzant. Statthalter) von Ravenna, die Pentapolis (gr. Fünfstaat: Rimini, Pesaro, Fario, Senigallia, Ancona), Tuszien (Toskana), Venetien, Istrien, Herzogtümer Spoleto und Benevent
3.6 Diese Zusage wurde als Pippinische Schenkung bekannt und gilt als Grundlage des Kirchenstaates.
4.                  Der Kirchenstaat (1118 Jahr lang bestanden)
.                    
(stato pontificio, stato della Santa Chiesa: Staatsgebiet unter
.                    päpstlicher Oberheit in Mittelitalien)
4.1 Er war im Grunde ein Staatenbund, der im Laufe des Mittelalters von  Rom und Latium ausgehend, immer grössere Teile Mittelitaliens bis  hin zur Adria umfasste: Umbrien, Marken, Latium, Romagna, 2 Exklaven:
Benevent und Pontocorvo. Erbschaft von der reichbegüterten Markgräfin Mathilde von Tuscien, + 1115. Papst Julius II. (1503/13) gewann Parma  und Perugia.
4.2 Avignonzeit (1309 – 76): Hier kamen die Grafschaft Avignon und das  Comtat Venaissin dazu.
4.3 Napoleon hat den Kirchenstaat 1809 mit Rom zusammen einverleibt.
4.4 Durch den Wiener Kongress 1815 wird der Kirchenstaat wieder hergestellt. „Regierungssitz“ des Kirchenstaates ist der Quirinalspalast, ehemals geplant als Sommerresidenz des Papstes. Sitz des Kirchenoberhauptes nach der Avignonzeit wird der Papstpalast im Vatikan.
5.                  Auflösung des Kirchenstaates
5.0 Im Kampf um den italien. Freiheits- und Einheitsgedanken entstandendie Geheimbünde der Karbonari und  des republik. Verschwörers Mazzini. 1820, 1830/31 revolutionäre Unruhen.
5.1 Die italienische Revolution 1848/49 (Cavour [Piazza Cavour, Rom], risorgimento/Wiedergeburt/Piazza del risorgimento an der Vatikanmauer) erschüttert den Kirchenstaat: König Karl Albert von Sardinien wird von Radetzky (A) 2 x geschlagen. Mazzini [Rom: Piazza Mazzini Giuseppe, Ponte Mazzini Giuseppe, Viale Mazzini Giuseppe] und Garibaldi (Ponte Garibaldi, Via Garibaldi, Piazzale Garibaldi, Monumente von Giuseppe und  Anita Garibaldi auf dem Gianicolo, alles Rom] werden von einem französischen Hilfskorps des Papstes geschlagen. Päpstl. harte Reaktion, ausser in Piemont-Sardinien (unter Viktor Emanuel II. [Corso Vittorio Emanuele und Cavour, Rom).
5.2 1859/60: nationale Bewegung unter Garibaldi erfasst auch den Kirchenstaat (bis auf das Patrimonium). Niederlagen der Österreicher bei Magenta und Solferino (24.06.59). Durch Friedensschlüsse erhält das Piemont nur  die Lombardei. Die Herrscher von  Toskana, Parma und Modena wurden vertrieben. Die kirchenstaatliche Romagna schüttelt die päpstliche Herrschaft ab. Am  17.03.1861 nimmt Viktor Emanuel II. den Titel eines Königs von Italien an.
5.3 20.09.1870: Der restliche Kirchenstaat wird endgültig dem italienischen Königreich einverleibt. Papst Pius IX. zieht in den Vatikan.
5.4 Die italienische Regierung garantiert im Mai 1871 Papst Pius IX. Freiheit und Unabhängigkeit in der geistlichen Führung der Kirche, finanzielle Leistungen sowie Ehren und Privilegien eines Souveräns, doch das Eigentumsrecht wird ihm bis auf das an den vatikanischen Palästen und Gärten verweigert.  →Risorgimento
6.                   Die Römische Frage (1870 bis 1929)
6.1 Der Papst bezeichnete sich nach dem 20.09.1870 als Gefangener des Vatikans.
6.2 Urheber und Teilnehmer an der Einnahme des Kirchenstaates belegt er mit dem Kirchenbann (Exkommunikation: Ausschluss vom Sakramentenempfang, nicht aber aus der Kirche. Geistliche: Spendung der Sakramente nicht mehr möglich. Ausübung der kirchliche Jurisdiktion [Gerichtsbarkeit] nicht mehr möglich.)
6.3 Päpstliche Soldaten erhalten nach der Einnahme Verdienstmedaillen.
6.4 Römische Frage: ungeklärter diplomatischer Konflikt und der Status Roms als italienische Hauptstadt und deren staatsrechtlichen Status des Vatikans bzw. des Machtzentrums der röm. kath. Kirche.
6.5 „Urbi et orbi“ findet nur im Petersdom statt. Das Portone di Bronzo bleibt geschlossen.
7.                  Gründung des Staates der Vatikanstadt
                     11. Februar 1929 im Lateranpalast: →Lateranvertrag
7.1 Unterzeichnung der Lateranverträge zwischen der faschistischen Regierung unter Mussolini  und dem Heiligen Stuhl unter Pius XI. (unterschrieben von Staatssekretär Gasparri) zur Gründung der Staates der Vatikanstadt.
7.2 Die röm. kath. Kirche anerkennt Rom als Hauptstadt des Königreiches Italien.
7.3 Die italienische Regierung garantiert dem Staat der Vatikanstadt die politische Unabhängigkeit und die volle  staatliche Anerkennung.
7.4 Februar 1929: Pius XI. erteilt Urbi et orbi wieder von der Loggia.
7.5 August 1926: Erste Sondierungsgespräche für diesen Lateranvertrag mit Konsistorialrat Francesco Pacelli (in 129 Audienzen mit dem Papst) und dem italienischen Staatsrat Domenico Barone. Nach 30 Monaten und 20 verschiedenen Textfassungen erfolgt die Unterzeichnung.
7.6 Resultat: 3 verschiedene Einzelabkommen; die Errichtung der  Vatikanstadt, das Konkordat mit Italien und das Finanzabkommen für die Römische Kurie:
7.6.1 Italien garantiert die politisch-territoriale Souveränität des Vatikans
7.6.2 Der neue Staat der Vatikanstadt umfasst 0,44 km2 zur Freiheit und Unabhängigkeit der päpstliche Seelsorge für die Diözese Rom und die Weltkirche.
7.6.3 0,44 km2: ein Gebiet, das von den Vatikanmauern Urbans VIII. (1623 – 44) umschlossen wird.
 7.6.4 Vollständige internationale Immunität für: Kongregationsgebäude, die wichtigsten Basiliken, die päpstl. Universitäten und Seminare in der Stadt sowie der Sommersitz in Castel Gandolfo als exterritoriale Güter.
 7.6.5 Es kommen nicht zustande: Landverbindung zum Meer, Integration des Hl. Offiziums und des Campo Santo. Es kommt auch nicht zustande: Integration der Villa Doria Pamphili inklusive eine Verbindung mit der Vatikanstadt über die Villa Abamelek. — Der Vertrag hatte 1931 und 1938 schwere Krisen zu überstehen. Weitere Erweiterungen 1951 (Santa Maria in Galeria) und 1972, 1982. (Fürst Camillo Pamphili liess 1644-52 die Villa erbauen und ist Verwandter von Innozenz X. – Fürst Abamelek Lasaref hat, nach mehreren Besitzern, diese Villa gekauft. Jetzt ist sie russische  Botschaft.)
8.                  Ratifizierung der Lateranverträge
                     Am 7. Juni 1929 im Vatikan. Die Verträge werden rechtsgültig. .                    (Ratifizierung = Anerkennung eines völkerrechtlichen Vertrages)
Karte des Lateranvertrages (Annex). Dunkelgrau: vatikanisches Territorium, hellgrau: ebenso, aber Sicherheitsagenden an italienische Exekutive delegiert. Rot: bei der rechten Kolonnade: dieser Einschnitt hat einen unklaren Status. Blau: italienisches Staatsgebiet. Der Deutsche Friedhof ist unberücksichtigt. →Grenzen
8.1 Errichtungsvertrag (Art. 24): Der Papst verpflichtet sich zur internationalen Neutralität, abgesehen von Friedensmissionen und der Ausübung seiner moralischen und geistlichen Vollmacht.
8.2 Alle im Vatikan oder in Rom lebenden Kardinäle sind vatikanische Staatsbürger.
8.3 Alle jene auch, die aufgrund ihres Amtes, ihrer Aufgabe oder einer besonderen Erlaubnis des Papstes auf Dauer in der Vatikanstadt wohnen. 2/3 des Staatsvolkes leben im Ausland.
8.4 Zwei verwaltungsmässig voneinander getrennte Regierungen: Hl. Stuhl (Völkerrechtssubjekt) und der Staat der Vatikanstadt, der die Unabhängigkeit des Hl. Stuhles garantiert.
8.5 Eigene Flagge und Hymne (seit 1949 von Charles Gounod, Marcia Pontificia).
8.6 Seit 1929: eigene Briefmarken und Münzen, Radio- und TV-Sender, Bahnhof usw.
8.7 Bau von Verwaltungsgebäuden, z. B. das Governatorat.
8.8 Abriss der „Spina“ und Bau der Via della Conciliazione  (Versöhnung). 1936 – 50.
8.9 Finanzabkommen: Italien stellt dem neuen Kirchenstaat 1,75 Milliarden Lire zur Verfügung als Lebensgrundlage für den Vatikan, Sicherung der seelsorglichen und kirchenpolitischen Aktionsmöglichkeiten des Papstes. (Damals nach Tageskurs SFr. 475’693’750.00, →Lateranvertrag) Siehe auch Punkt 10.5
9.                   Der Vatikan in der Neuzeit
9.1 Der „Vatikan“ ist nicht statisch. Den Erfordernissen der Zeit  entsprechend, muss die Extra-Territorialität stetig erweitert werden (Differenzierung zwischen vatikanischem Staats- und  Hoheitsgebiet):
9.1.1 Jahr 1953: Radio-Sendeanstalt „Santa Maria di Galeria“
9.1.2 Jahre 1972/73: Palazzo della Dataria gegen Palazzo Pio getauscht
9.1.3 Seit 1958: Kulturgüter des Vatikans unter dem Schutz der Haager Konvention
9.1.4 Jahre 1982/90: Gesamte Vatikanstadt samt ihrer exterritorialen Güter wird in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen
9.1.5 Formale Revision der Lateranverträge: der römisch-kath. Glaube ist nicht mehr Staatsreligion in Italien. Die Kirche untersagt dem Klerus politische Aktivitäten.
9.2 Der Vatikan bleibt absolute Wahlmonarchie. Die Zivilgesetzgebung besteht fast ausschliesslich aus einem Strafrecht, das nicht ausreicht. Man greift bald auf die italienische Gesetzgebung zurück. Im Februar 2001 ersetzt.
9.3 2009:  Alle neuen italienischen Gesetze, die bis jetzt vom Vatikan bedenkenlos übernommen wurden, müssen zuerst von den vatikanischen Instanzen vor der Übernahme geprüft werden, ob sie auch für den Vatikan gelten.
10.                 Am Tag der Ratifizierung (07. Juni 1929, aus OR)
10.1 11.00 Uhr: Mussolini trifft mit  2 Ministern im Vatikan ein. Alle mit der Uniform und Ordensauszeichnungen.
10.2 Ein Detachement der Schweizergarde erweist im Damasushof die militärischen Ehren.
10.3 Über die Scala Papale geht’s ins Staatssekretariat zu Kardinal Gasparri (Kongregationssaal).
10.4 Austausch der Ratifikationsurkunden.
10.5 Finanzminister Mosconi überreicht einen Check von 750 Millionen Lire (damaliger Wert SFr. 203’868’750.00) und eine Urkunde über 1 Milliarde italienische 5-%-Staatstitel (damaliger Wert SFr. 271’825’000.00), insgesamt eine Abfindungssumme von 1,75 Milliarden Lire (damaliger Wert SFr. 475’693’750.00). Kursangaben von der Schweizerischen Nationalbank. SRF1, Eco, 04.06.2018, 10.55 Uhr: Diese 1,75 Milliarden Lire hätten heute einen Wert von 18 Milliarden Schweizer Franken. Der Vatikan investierte damals diese Apanage über ein Firmengeflecht via Luxemburg und Genf sowie in ganz Europa. →Nuzzi, Gianluigi        →Lateran-Verträge
10.6 15-Minuten-Gespräch Mussolini-Gasparri.
10.7 11.25 Uhr: Mussolini verlässt den Vatikan.
10.8 Die italienischen Carabinieri ziehen aus dem Bereich der Vatikanstadt ab.
10.9 Die vatikanischen Gendarmen übernehmen den Ordnungsdienst.
10.10 Ein Hellebardiere der Schweizergarde öffnet das Portono di Bronzo.
10.11 12.00 Uhr: Ein Detachement der  Schweizergarde erscheint vor dem Petersdom mit Oberst Alois Hirschbühl und dem Maestro di camera Caccia. Carabinieri-Oberst Chiaruzzi leitet den  Wachwechsel (cambio di guardia) ein.
10.12 Feldweibel Brunner und Korporal Sekinger von der Schweizergarde übernehmen den Eingang Arco delle Campane und die provisorischen Unterkunftsmöglichkeiten. Offizieller Grenzübergang zwischen Italien und dem Vatikanstaat.
10.13 Die Schweizergarde übernimmt alle übrigen Eingänge.
10.14 Der Staat der Vatikanstadt hat unangefochten den Status eines souveränen Staates eingenommen.

→Kirchenstaat      →Geschichte des Vatikan

Kirchenaustritte

Kirche heute 35/36 2011, S. 2:
„Kirche verkommt zur Event-Agentur“

Die jungen Menschen in der Schweiz besuchen meist nur an für sie wichtigen Lebensstationen die Kirche. Dies ist eines der Ergebnisse einer Studie der Grossbank Credit Suisse. Von den 16- bis 25-jährigen besuchen nur 6 % einmal wöchentlich eine Kirche, eine Synagoge, eine Moschee oder einen Tempel. Nur 43 % einer christlichen Religionsgemeinschaft seien davon überzeugt, dass es einen Gott gebe. „Die Kirche verkommt provokativ formuliert zu einer Event-Agentur, welche bei zentralen Lebensschwellen die Infrastruktur und den emotionalen Rahmen bietet“, halten die Studienautoren fest. Junge Menschen dagegen, die einer Freikirche angehören, gingen regelmässig in ihre Gebetsstätten.

Kath. Wochenzeitung Baden 13/2019 März, S. 10, Roland Noé, kath.net
Eine moralische Pflicht zum „Kirchenaustritt“?

Vielleicht sollten Katholiken in Deutschland etwas revolutionärer werden und Marx, Bode & Co. (Kardinal Marx, München, Bischof Bode, Osnabrück), die de facto ein Schisma mit der Weltkirche in Kauf nehmen, ganz klar mitteilen, dass dann auch der „Austritt“ folgen wird.
Jede Woche kommen bei „kath.net“ Anfragen an, wie man denn in Deutschland die Kirchensteuer umgehen könne. Die Antwort ist relativ einfach: „Austreten“. Ja, so einfach geht das. Sonst wird man in  Deutschland die Kirchensteuer nicht vermeiden können. Übriges ist neben Österreich und der Schweiz Deutschland das einzige katholische Land der Welt, in dem es eine solche Steuer gibt, und weltweit sogar das einzige Land, in dem der Staat bei der Eintreibung mithilft. (In der Schweiz hilft der Staat auch mit. Red. KWZ). Damit praktiziert ausgerechnet in „Luthers Land“ Deutschland die katholische Kirche die Vermischung eines Sakraments mit Geld in einer Extremform, die weltweit bei Katholiken für Kopfschütteln und Unverständnis sorgt. (…)
Kann man überhaupt aus der Kirche austreten? Das Wort ist „Nein“. Etliche Theologen haben immer wieder betont, dass man theologisch gesehen aus der katholischen Kirche gar nicht austreten kann, da jeder Getaufte durch den Empfang dieses Sakramentes definitiv in die Kirche eingegliedert wird.
„Semel catholicus semper catholicus“ (einmal katholisch, immer katholisch) nennt sich der dogmatische Grundsatz dahinter, der nach wie vor Gültigkeit hat und deutlich gewichtiger ist als angstauslösende Schreiben der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) zu dem Thema. (…)
Der Päpstliche Rat für die Interpretation von Gesetzestexten hatte 2006 erklärt: „Der Abfall von der katholischen Kirche muss, damit er sich gültig als wirklicher „actus formalis defectionis ab Ecclesia“ darstellen kann (…), konkretisiert werden in:
a) einer inneren Entscheidung, die katholische Kirche zu verlassen,
b) der Ausführung und äusseren Bekundung dieser Entscheidung,
c) der Annahme dieser Entscheidung von Seiten der kirchlichen Autorität. (…)

→Krise   → Austritte aus der Kirche    →Freikirchen       →Deutsche Kirche

Kirchenbesuche

Erinnerung an „JP2“ verblasst; Polen gehen weniger zur Kirche
Basler Zeitung vom 28. August 2012, S. 7, Paul Flückiger, Danzig

Ist das Badewetter schuld? Früher standen die Menschen bis auf den Kirchplatz hinaus und lauschten der Predigt. Doch an diesem Sonntag ist die Peter-und-Paul-Kirche im Danziger Stadtteil Jelitkowo halb leer. Vor allem jüngere Gläubige sind rar. Das Gotteshaus gleich am Strand gleicht zur sonntäglichen Hauptmessezeit immer mehr einer katholischen EU-Durchschnittskirche – obwohl Polen mit 90 Prozent Gläubigen das katholischste Land Europas ist.

Die Zahlen des Statistischen Instituts der Katholischen Kirche Polens für 2011 belegen den Augenschein. Bereits 60 % der polnischen Katholiken kommen heute ohne sonntäglichen Kirchgang aus. Seit der Wende nehmen die Kirchenbesuche kontinuierlich ab. Innerhalb von 20 Jahren ist die Zahl insgesamt um einen Fünftel eingebrochen. Bei den Jugendlichen gar um einen Drittel.

Die Zahlen seien im europäischen Vergleich immer noch gut, erklärt der Kirchenstatistiker Pater Wojciech Sadlon und verweist darauf, dass einzig in Malta mehr Katholiken jede Woche am Sonntag an einer Messe teilnehmen. Kirchenkreise schöpfen aus der Tatsache, dass die regelmässige Teilnahme an der Kommunion von 10 % Anfang der Neunzigerjahre auf heute 16 % gestiegen ist, neue Hoffnung. Auch gehen immer mehr Polen regelmässig zur Beichte. (…)
Siehe „Österreichische Kirche“ und „Deutsche Kirche“

Kirchenstaat, alter

(1114 Jahre lang  bestanden: 756 – 1870; Herrschergebiet)
(Patrimonium Petri, →Konstantinische Schenkung, Pippinische Schenkung: kurze geschichtliche Zusammenfassung)

Alter Kirchenstaat bis 1870 (bei der grössten Ausdehnung um 1510: ungefähr Latium mit Rom, Umbrien, Marken, Emilia Romagna. Im 16. und 17. Jh. auch Parma und Modena. Etwas mehr als 60’000 km2, d. h. 1,5 x grösser als die heutige Schweiz.

Patrimonium Petri

Ab dem 4. Jahrhundert wuchs der Grundbesitz der römischen Kirche in Süd- und Mittelitalien und auf Sizilien durch Schenkungen an. Die Vermögen des Petrus (Patrimonium Petri) machten den Bischof von Rom im 6. Jahrhundert zu einem der grössten Grundbesitzer in Italien. Papst Gregor I. (590 – 604) führte Reformen durch und die Führung der Güter wurde in einer straffen Zentralverwaltung gehalten. Das Patrimonium bekam den Charakter eines Herrschaftsgebietes. Diese Bezeichnung hielt sich 1116 Jahre lang.

Unter Berufung auf eine angebliche Urkunde Kaiser Konstantins I. (306 – 337),

dieKonstantinische Schenkung (Donatio Constantini ad Silvestrum I. papam),

erhoben die Päpste Anspruch auf eine unabhängige geistliche und weltliche Landesherrschaft. Diese Schenkung ist gefälscht, die angeblich vom römischen Kaiser Konstantin I. ausgestellt wurde. Darin wird Papst Silvester I. (gest. 335) und seinen Nachfolgern eine auf das geistliche hingeordnete, aber auch politisch wirksame Oberherrschaft über Rom, Italien und die gesamte Westhälfte des römischen Reiches geschenkt. Die Päpste nutzten die Urkunde, um ihre Vormacht in der Christenheit und territoriale Ansprüche zu begründen.

Nachweis der Fälschung: Zwei Gelehrte des 15. Jahrhundert  wiesen nach, dass die Konstantinische Schenkung eine Fälschung ist, nämlich:

1433
Der deutsche Theologe Nikolaus von Kues (De Concordantia Catholica)  und
1440
Lorenzo Valla: Das Latein der Urkunde hat Merkmale, die die Entstehung im 4. Jahrhundert ausschliessen. In der Urkunde wird Konstantinopel erwähnt, obwohl zur angeblichen Ausstellungszeit (315/317) es noch Byzanz hiess.
17. Jh.:
Die kath. Kirche meint, die Schenkung sei zwar gefälscht (von den Griechen begangen), doch habe es eine Schenkung Konstantins
gegeben.
19. Jh.:
Der kath. Gelehrte Ignaz Döllinger weist nach, dass dies haltlos sei.

Der Vatikan hat im 19. Jahrhundert die Fälschung zugegeben.

Pippinische Schenkung  

Die Pippinische Schenkung ist seit 756 aus den Ländereien des Bischofs von Rom entstanden. Als Pippin III. im Jahre 751 zum König der Franken gewählt wurde, liess er sich von Papst Zacharias (gest. 752) die Wahl bestätigen. Dadurch wurden die Karolinger als Königsgeschlecht bestätigt. Die Expansionsbestrebungen des Langobardenkönigs Aistulf in Italien bewogen Papst Stephan II. 754 dazu, sich von Byzanz abzuwenden und die Franken als Gegenleistung für deren Legitimierung um Schutz zu bitten. Pippin versprach als christlicher König, die von den Langobarden zurückeroberten Gebiete dem Nachfolger Petri zu übereignen. In der Urkunde von Quierzy 754 garantierte er dem Papst das Dukat Rom, das Exarchat Ravenna, die Pentapolis, Tuszien, Venetien, Istrien und die Herzogtümer Spoleto und Benevent als kirchliche Territorien. Diese Zusage wurde als Pippinische Schenkung bekannt und gilt als Grundlage des Kirchenstaates. Der genaue Text ist nicht bekannt und die Schenkungsurkunde nicht erhalten, sodass die genauen Umstände der Pippinischen Schenkung von einigen Historikern kontrovers diskutiert werden.

Dieser Staat (stato pontificio, stato della Santa Chiesa) war im Grunde ein Staatenbund, der im Laufe des Mittelalters von Rom und Latium ausgehend immer grössere Teile Mittelitaliens bis hin zur Adria umfasste (2 Exklaven dazu: Benevent und Pontocorvo). Bei der Avignoner-Zeit kam auch die Grafschaft Avignon und das Comtat Venaissin dazu. Napoleon hat den Kirchenstaat 1798/99 und erneut 1809 – 1814 vollständig beseitigt. Durch die Revolution von 1848/49 wurde er erneut erschüttert. Doch beide Male wurde er mit Hilfe europäischer Grossmächte, namentlich von Österreich, restauriert. Die italienische Nationalbewegung 1859/60 unter Garibaldi erfasste auch den Kirchenstaat. Der restliche Kirchenstaat wurde 1870 endgültig dem italienischen Staat unterstellt, was der Papst als „Gefangener des Vatikans“ jahrzehntelang nicht anerkannte. Erst in den Lateranverträgen von 1929 wurde zwischen dem Papst und Italien der Kompromiss gefunden: die Vatikanstadt (Stato della città del Vaticano) als Nachfolgerin des Kirchenstaates. Mit 0,44 km2 genau gleich gross wie die Siedlungsfläche der Schweizer Gemeinde Wintersingen BL.

Die grösste Ausdehnung des Kirchenstaates erfolgte unter Papst Julius II. (1503 bis 1513). →Buchstabe P, Nebenregister ‚Päpste‘

Kirchenstaat, Geschichtliche Kurzfassung

GEOEPOCHE Nr. 10, S. 173:
Geschichtliche Kurzfassung

Landschenkungen machen die römische Kirche vom 4. Jahrhundert an zum grössten Grundbesitzer Italiens. Diese Gebiete wurden im 6. Jahrhundert im „Patrimonium Petri“ verwaltungsmässig zusammengefasst; 756 entsteht aus ihnen formalrechtlich der Kirchenstaat.

Die Päpste handeln nun wie Landesfürsten, schliessen Bündnisse und führen Kriege. Unter Julius II. erreicht der Staat 1513 seine grösste Ausdehnung (1,5 mal grösser als die heutige Schweiz), nämlich:

  • Von Norden nach Süden:
  • Poebene, westlich begrenzt bis Mailand
  • Emilia Romagna mit Bologna, nördlich begrenzt bis Ferrara
  • Marken, östlich begrenzt bis an die Adria mit Ancona
  • Lazio, nördlich begrenzt mit Perugia, südlich begrenzt mit Benevent
    (Exklave), einige Dutzend Kilometer vor Neapel
  • ohne die Toscana, also ohne Florenz

Von 1798 bis 1800 wird der Kirchenstaat von französischen Revolutionstruppen annektiert ([gewaltsam] aneignen). 1805 fällt ein Teil unter Napoleon an das Königreich Italien, kurz darauf der Rest an Frankreich.   6 Jahre später restauriert (wiederherstellen) der Wiener Kongress den Kirchenstaat. Doch 1870 wird er von italienischen Truppen besetzt und nach einer Volksabstimmung endgültig aufgelöst. 1929 entsteht mit den Lateranverträgen zwischen Pius XI. und dem Diktator Benito Mussolini der heutige Staat der Vatikanstadt.
→Kirche, ihre territoriale Geschichte         →Geschichte des Vatikan
→Kirchenstaat, alter

Kirchensteuern

→Steuern

Klagemauer in Jerusalem

OR Nr. 10 vom 10.03.2013, S. 2

Jerusalemer Klagemauer mit 10,5 Millionen Besuchern. Rund 10,5 Millionen Beter und Touristen haben im vergangenen Jahr die Jerusalemer Klagemauer besucht. Diese Schätzung der israelischen Polizei zeige eine starken Anstieg des religiösen Tourismus im Vergleich zum Vorjahr, meldete ein israelischer Fernsehsender.  Die Statistik berücksichtigt Gläubige, die zum Gebet an die Heilige Stätte in der Jerusalemer Altstadt kommen, sowie Besucher an besonderen Festtagen, aber auch normale Reisende.

Kleider bei den Priestern

OR Nr.  47 vom 23. November 2012, S. 3:

Der Vatikan hat die an der Kurie tätigen Geistlichen aufgefordert, im Dienst und in der Öffentlichkeit eine angemessene priesterliche Kleidung zu tragen – sprich Talar (Rock) oder Clergyman. Mit einem Rundschreiben von Mitte Oktober, das jetzt bekannt wurde, erinnerte Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone seine geistlichen Mitarbeiter an die geltenden kirchlichen Normen. Gerade in einer säkularen Welt sei es wichtig, dass ein Priester als Mann Gottes und Diener der Kirche auch optisch erkennbar sei, heisst es in dem Schreiben.

Kleider im Kirchenraum

→Etikette im Kirchenraum

Kleider (Kleidung) und Amtsstücke des Papstes

OR Nr. 36 vom 10.09.2010; Ulrich Nersinger, Liturgien und Zeremonien am Päpstlichen Hof,  S. 374;  AS, Vatikanistan, S. 171

Geschichte In der Antike waren Priesterkleider in Israel und Griechenland weiss für „festlich, rein“. Im Mittelalter kleideten sich alle katholischen Priester in Weiss. – Die Garderoben der Päpste sind in der Sakristei neben der Sixtinischen Kapelle. Der Dresscode des Papstes ist eine eigene Sprache, so reich an Anspielungen, geschichtlichen Verweisen und Ironien wie das Kirchenlatein. Nichts geschieht zufällig, alles hat etwas zu sagen, und damit die Grammatik stimmt, gibt es einen päpstlichen Zeremonienmeister, den „Maestro delle Celebrazioni Liturgiche Pontificie“. Der passt auf alles auf, auch auf die Amtstücke des Papstes:
Anulus piscatoris Fischerring, Amtsring Auf der Ringplatte des Ringes sind: Name des Papstes, Fisch, Petrus mit Fischnetz. Nach dem Tod des Papstes wird dieser Ring in einer der ersten   Kardinalssitzungen durch den Camerlengo zerschlagen (wie der Bleisiegel auch). – Seit dem 14. Jahrhundert besteht dieser Amtsring (Siegelring) und bis 1843 diente er zur Besiegelung der Papstschreiben. Bischöfe tragen den Bischofs- ring, der nicht zerschlagen, aber an Karfreitag nicht getragen wird. Der Papst-,  Kardinals-, Bischofs- und Abtsring befinden sich am rechten Ringfinger, normalerweise auch der Ordensring bei Schwestern und Brüdern.
Englisch Andreas, Franziskus, S. 279: Papst Franziskus trägt an seiner Hand etwas Revolutionäres: den ersten Fischerring eines Papstes, den schon ein Vor-Vorgänger benutzt hat. Es ist der leicht geweitete Fischerring Papst Pauls VI. Papst Franziskus hatte ihn sich während der Amtseinführungsmesse am 19. März 2013 anstecken lassen.
(Birett: klerikale Kopfbedeckung Beim Kardinal früher der rote Pontifikalhut „Galerus“. Heute: das rote Birett  [Windrose genannt] und seit dem 15. Jh. getragen. Dabei gibt es rote, violette, schwarze [Kardinal, Bischof,  hohe Prälaten und bestimmte Mitarbeiter der Kurie]. Ursprung: eine Baskenmütze,  die man unter dem „birrus“ genannten Kapuzenumhang trug. →Saturno)
Calceus
Campagi, das Schuhwerk
des Klerus
Rote (braune) Leder-Halbschuhe.  Johannes Paul  II.: Mokassin-Schuhe als lederner Halbschuh der nordamerikanischen Indianer. Benedikt XVI.: Prada-Schuhe. Weisse Socken. Pontifikalschuhe sind abgeschafft. Früher mussten Schuhe, Camauro und Stola den Farben der Mozetta entsprechen. Benedikt XVI. trägt Schuhgrösse 42, Geox „Uomo Light“. (Gründer von Geo ist Mario Moretti  Polegato, ein Freund von Joaquin Navarro-Vals, Ex-Pressechef.)  –  Die Geox-  Schuhe sind mit patentiertem Anti-Fussschweiss-System. Die Papstschuhe sind aus bordeaufarbenem Kalbsleder, Ziegenleder oder auch Känguruhleder. Von der Form her sind es ausnahmslos Slipper, also Schuhe ohne Schnürsenkel, Riemen oder Schnallen. Im Rot spielt die Erinnerung an das Blut der Märtyrer mit. Jeder bessere Schuhmachermeister, der etwas auf sich hält, hat dem Papst schon ein Paar rote Schuhe geschustert und erzählt dies auch gern weiter. Tatsächlich heisst der offizielle päpstliche Schuster Adriano Stefanelli aus  Novara, Corso Cavour Camillo Benso, 14. „Der Papst hätte Schuhgrösse 42 und einen ausgesprochen ausgeglichenen Fuss. Er betrachte seine Schuhe für den Papst als Geschenk, bekomme also keinerlei Bezahlung für seine Arbeit.“ –   Johannes Paul II., Schuhgrösse 44, mit sehr breitem Fussbett, bezog seine  Schuhe von Schuhmachermeister Stanislaw Zmija aus Stanislaw Dolny, einem kleinen Ort unweit von Wadowice, dem Geburtsort des Papstes.
Camauro Hermelinbesetzte Kopfbedeckung über die Ohren.  Benedikt XVI. trug ihn zum ersten Mal vor Weihnachten 2005. Der Camauro, ursprünglich aus Kamelhaarfilz gefertigt, war schon auf den Renaissancebildern eines Raffael zu sehen. Ratzinger leidet jeher an kalten Ohren. Prompt protestierte die Organisation „Europäischer Tier- und Naturschutz“: „Das Blut unschuldiger Tiere klebe an der mittelalterlichen Kopfbedeckung“, rügte der Geschäftsführer. Für Vatikanologen war die Kappe/Mütze dagegen ein Zeichen, ein Querverweis an  das 2. Vatikanische Konzil und  seinen Vater, Johannes XXIII. (→Päpste), der den Camauro am liebsten noch im Bett getragen hätte (und mit dieser Mütze auch heute noch zu sehen ist im gläsernen Sarg im Petersdom, Hieronymus-Altar, vorne rechts vor der Petrusstatue). Camauro und Schultermantel sind erst nach dem grossen Schisma als Papstkleidung eingeführt worden.
Fanon, der
OR Nr. 44/02.11.2012,
S. 6
Ein besonderes Schultergewand aus früheren Zeiten bei den feierlichen Zeremonien: Als am 21.10.2012 Papst Benedikt XVI. sieben Selige in das Verzeichnis der Heiligen der katholischen Kirche aufnahm, durften die Gläubigen auf dem Petersplatz und die Zuschauer am Fernseher ein Gewandstück erblicken, das seit fast 5 Jahrzehnten in der päpstlichen Liturgie nicht mehr üblich war: der Fanon. Ein Gewand, das Schultern, Brust und Rücken deckt. In der Mitte ein Öffnung, durch das der Kopf schlüpft. – Paul VI. hatte schon in den ersten Jahren seines Pontifikats darauf verzichtet. Der sel. Johannes Paul II. verwendete den Fanon ein einziges Mal am 22.11.1984 bei einer Messfeier in der Basilika S. Cecilia in Trastevere.
Ferula, die
Pedrum: Hirtenstab
Ferula pontificalis: Bischofsstab
= Kreuzstab (bei Abt, Bischof und Kardinal der Krummstab, herald. „Krümme“). Das erste Mal getragen von Papst Paul VI. am 08.12.1965 an der Schlussfeier des Konzils. Vorher wurde ein Vortragekreuz verwendet. Pauls Kreuzstab schuf der italienische  Bildhauer Lello Scorzelli, Neapel. – Benedikt XVI. trägt ein Vortragekreuz. Es gibt hier 2 Versionen der Herkunft: Es sei das Vortragekreuz von Pius X. gewesen (OR). Die Version des jetzigen Zeremonienmeisters Marini: Der neue Papst hätte ein Vortragekreuz bevorzugt. Es seien 3 in der päpstlichen Sakristei vorgefunden worden. Der Papst hätte eines ausgewählt. Marini verzichtet auf die Herkunft. – Papst Franziskus ist zum Kreuzstab zurückgekehrt.
(Ferula, lat. Rute, Stock).
Kasel Messgewand (aussen)
Mantel
(mantum, Tabarro)
(→ Pluviale: Mantel für die
Vesper)
Aus rotem Samt,  sogenannter chlamys purpurea des römischen Kaisers? Siehe aber auch: Buch Exodus (28, 1-43), das Rote Gewand (Efod = hebräisch, Priesterschurz) des Hohen Priesters der Israeliten. Ex 28,6: „Das Efod sollen sie als Kunstweberarbeit herstellen, aus Gold, violettem und rotem Purpur, Karmesin und gezwirnten Byssus.“ (Karmesinrot, von arab. Kermes, etwas ins bläulich fallende hochrote Malerfarbe). – Byssus: im Altertum feines Leinengewebe.  Golddurchwirkter Halskragen. – Der weite Papstmantel ist seit ungefähr dem 9. Jahrhundert in Gebrauch. Siehe aber den nachstehenden Aufsatz von A. Paravicini Bagliani.
Hermelinmantel von Benedikt XVI. Ratzinger getragen.
Mantellina Schulterumhang in Weiss, der an den Hals anschliesst
Mitra griech. „Binde“. Bischofsmütze. Die Mitra, die Kopfbinde, im Altertum von den Griechinnen und Römerinnen getragen.
Mozetta
auch: Mozzetta
Schulterüberwurf in Weiss, in Purpurrot bei diplomatischen Diensten, neuerdings (seit 2010) auch in Weiss. Leichte rote Mozetta aus Seide im Sommer. Weiss und Purpur sind Ausdruck der höchsten Würde. – Es war Gianlorenzo Bernini, der in einer Büste Urban VIII. (1623-44) erstmals die Mozetta zusammen mit Rochett und Camauro abbildete.
OR Nr. 36 vom 10.09.2010:
Für den Papst mussten die Farben Weiss und Purpur erhalten bleiben, als Ausdruck der höchsten Würde. So blieben auch nach der Rückkehr nach Rom Rochett und Kapuze (jetzt Mozetta) erhalten. Die kleine Kapuze war in Erinnerung an die frühere angefügt, die nicht mehr als Kopfbedeckung verwendet wurde. Diese Funktion war von der ebenfalls roten Kappe übernommen worden, dem Camauro. 1727: Das Untergewand (Rochett) war stets weiss, das Obergewand, also die Mozetta, stets rot. Sie wurde erst in Frankreich aufgrund der Witterungsverhältnisse eingeführt, wo man auf den alten päpstlichen Umhang verzichtete. Ausserdem trugen die Päpste die Kapuze (Mozetta) in ihren eigenen Wohnräumen und draussen bei allen Amtshandlungen. Diese Kleidung mit der päpstlichen Stola wurde schon bald zurr Amtskleidung des Papstes.  Benedikt XVI. trägt die Mozetta mit Scheinkapuze.
Pallium (lat. Hülle). Ringförmig um die Schultern getragen. Über das Messgewand als schmale Stola. Ursprünglich: mantelähnliches Oberkleid der Römer. Seit dem 6. Jahrhundert das Erkennungszeichen des Papstes. Zeichen universaler Jurisdiktionsgewalt. Die Stola wird aus der Wolle zweier Lämmer hergestellt, die der Papst am Fest der heiligen Agnes am 21. Januar segnet. Jeweils am 29. Juni, dem Fest Peter und Paul, segnet der Papst die neuen Pallien. Vor der Abgabe liegen die Pallien am Petrusgrab in der Confessio. Abgabe an die neuen Metropolitan-Erzbischöfe am 21. Januar.
→Lämmer
Aufmerksamkeit unter Kennern erregte auch das Pallium, welches Benedikt  XVI. seit seiner Amtseinführung trägt. Es ist ein Pallium mit purpurnen Kreuzen, das nicht, wie seit Jahrhunderten üblich, verkürzt und verschmälert in Y-Form auf Brust und Rücken endet, sondern wie in früher Zeit des Papsttums die Enden des in V-Form gebildeten Kragens über die linke Schulter hängen lässt. Man interpretierte dies als einen Schritt auf die getrennten Kirchen der Orthodoxie hin, die das Omophorion in ähnlicher Form kennt. Pallium, die ideal vorgestellte Aposteltracht.
Pektorale 1.  Das →Pluviale wird vor der Brust durch eine  Schliesse, dem Pektorale, auch Monile oder Tassel genannt, gehalten.
2.   Das Pektorale (pectus = Brust) ist das Brustkreuz der Äbte, Bischöfe, Kardinäle und des Papstes (selten mit einer Relique). Das Brustkreuz des Papstes hängt an einer Schnur aus textilem Goldbrokat. Bei Bischöfen und Kardinälen hängt  es an einer Kette aus Silber und Gold oder versilbertem oder vergoldetem Metall.
→Pileolus, der Scheitelkäppchen (Pilleus = Hut, Mütze, Kappe). Papst in Weiss, Kardinäle in Rot, Bischöfe in Violett, Äbte in Schwarz oder Braun. Auch „Zucchetto“ genannt. Der jüdischen „Kippah“ verwandt. Beim Papst aus weisser Seide. Die Territorial-Äbte von St. Maurice und Einsiedeln tragen den violetten Pileolus. OR vom 3110.2014: Die Territorialabtei Monte Cassino wurde abgeschafft; es gibt weltweit noch 10 Territorialabteien.
Pluviale
Mantel
Alter Chormantel aus golddurchwirkter Seide mit einem Parament aus dem  15. Jahrhundert (getragen beim neuen Zeremonienmeister Guido Marini).
Im Sommer als Chormantel getragen, ein offen getragener Radmantel mit reichem Zierbesatz und schildförmigem Nackenteil (Pluvialschild). Vor der Brust wird das Pluviale mit einer Schliesse, dem →Pektorale getragen. Pluviale, eigentlich Regenmantel, ist ein mantelähnliches Obergewand, das nicht während der Hl. Messe getragen wird. Es ist der Chor-, Rauch-, Segens-oder Vesper-Mantel. Siehe nachstehend den Artikel von A. Paravicini.
 Rochett Weissleinenes Chorhemd mit engen Ärmeln (mlat. Roccus). Aus Seide oder  Wolle. Amtskleidung des Papstes: Rochett, Mozetta, Stola. Mit dem Rochett, dem knielangen Hemd aus plissiertem (in Falten gelegt und gebügelt) Leinen, waren traditionell die Mitglieder der Sacra Rota, des römischen Gerichtshofs, gekleidet. „Rochett, Mozetta und Camauro wiesen den Papst als weltlichen Politiker mit der höchsten Jurisdiktionsgewalt aus“, schreibt der Kunstgeschichtler Philipp Zitzlsperger.  Mozetta und Rochett wurden in Avignon (1309-76) wegen den Witterungsverhältnissen eingeführt.
Saturno Leichter, breitkrempiger Hut für den Sommer. „Cowboyhut“.
Stola
OR Nr. 36 vom 10.09.2010
Der Papst trug sie immer dann, wenn er sich der Öffentlichkeit zeigte oder bei einer nichtliturgischen Amtshandlung. Diese Stola endete eine Handbreite unter dem Knie. Durch eine Kordel lag sie eng an der Brust an und bildete ein Band mit 2 seitlichen Kreuzen. Sie ist ganz mit Arabesken bestickt, also mit Ranken aus Blättern und Blumen, an den Enden hängen lange Fransen herab. Sie ist immer goldbestickt. Je nachdem, ob den Vorschriften des Rituale entsprechend  die weisse oder die rote Mozetta verwendet wird, ist die Stola weiss oder rot.
Talar (Rock)
(Soutane)
In Weiss. Kaisernachahmung? Weiss ist eine kaiserliche, sakrale Farbe (Kaiserpferd in Weiss, Papstpferd im 13. Jahrhundert in Weiss mit roter Satteldecke als Sinnbild kaiserlicher Macht). Oder Pius V. (1566-72)? Als Dominikaner wollte er von seinem weissen Ordenskleid nicht lassen. Oder: Es hätte zu tun mit der Albe, dem liturgischen weissen Unterkleid  und dem Weiss der Domherren der Laterankirche in Rom, die einige Päpste stellten? Siehe dazu der nachfolgende Artikel von A. Paravicini Bagliani . Siehe auch bei „Reiterprozession“. –  Heutiger Talar im Sommer: weisse Naturseide oder feinste Baumwolle. Im Winter: feine Schnurwolle (verantwortlicher Schneider: Annibale Gamarelli, seit 1793, Atelier hinter dem Pantheon. Nicht: Euroclero links neben Petersplatz, wo Kardinal Ratzinger soll eingekauft haben).
– Talar: Mit 33 Knöpfen nach den Märtyrern von Melitene (heutiges türkisches Malatya), gestorben in der  Regierungszeit Diokletians (284-305) und Maximians.
Robert Harris, Konklave, S. 135: Soutane des Papstes mit 33 Knöpfen, die vom Hals bis zu den Fesseln reichen – ein Knopf für jedes Jahr von Christi Leben.
Zingulum Stoffgürtel, 15 cm breit, goldgefasstes Soutanenband mit aufwendigen Stickereien am Ende. In Weiss.
Liturgische Anlässe Statt der Soutane wird das Camice, darüber die in den Seiten bis unter die Ärmel geschlitzte Dalmatik, das Obergewand des Diakons, und schliesslich die Camuta angelegt.
Pontifikale Chorkleidung Bei Staatsempfängen: hermelingefasster Mozetta, Stola in Rot oder österlichem Weiss und das Rochett, ein engärmeliges und unten plissiertes Leinengewand in Weiss für den Chordienst
Nichtliturgische
Amtshandlungen
Bischof Landucci, päpstlicher Sakristan im 17. Jahrhundert: 2 Paar rote Schuhe, einen aus Wollstoff und das andere aus Samt, mit goldgesticktem Kreuz; ein paar Weisse mit ebensolchem Kreuz; zwei kurze weisse Gewänder und zusätzlich 2 Gewänder mit weiter Schleppe; die Falda genannt und an den Hüften mit einem Zingulum aus roter Seite mit goldenen Schleifen gegürtet; Rochett, Kapuze (Mozetta) und Kappe aus rotem Samt, Kapuze und Kappe aus Wollstoff; eine weitere aus weissem Damast mit einer ebensolchen Kappe (alle mit weissem Hermelinpelz eingefasst), im Sommer und in der wärmeren Jahreszeit ohne Pelz, hinzu kommen 2 Scheitelkappen (Pileolus), eine aus Wollstoff, die andere aus Seide, die je nach Anlass der Mitra oder der Tiara (Triregnum) getragen werden.
Inbesitznahme Lateran Die wohl feierlichste Handlung, bei denen der Umhang durch die Stola, Mozetta und Rochett ersetzt wurde, war der feierliche Ritt zur Inbesitznahme der Erzbasilika  des Allerheiligten Erlösers. Nach der Inbesitznahme durch Leo X. im Jahre 1513 nahmen die Päpste nicht mehr mit der Mitra oder der Tiara und dem päpstlichen Umhang bekleidet von der Lateranbasilika Besitz. Der erste Papst, der sich mit Mozetta und Stola bekleidet zur Inbesitznahme des Laterans begab, war Klemens VII. (1523-34), ebenfalls aus der Familie Medici, im  Jahre 1525.
Einkauf
Gamarelli hinter Pantheon,
Euroclero gegenüber Glaubens-
Kongregation, links vom Petersplatz
Gamarelli, Euroclero: Hier kann man alles einkaufen, auch als Laie: Tadellos massgeschneiderte Soutane ab Euro 600, Baumwollhemden mit Stehkragen ab Euro 15 im Bahnhofgebäude SCV. Übers Internet  www.serpone.it  lassen sich sehr schöne Beichtstühle in Nussholz erwerben  (Preis auf Anfrage). Bischofsringe ab Euro 1’000, Orden der Ritter des  Heiligen Grabes von Jerusalem für Euro 243, Tabernakel, Hirtenstäbe ab  Euro 490, päpstliche Standarten in jeder Preisklasse, Birette ab Euro 34 usf. In jeder Qualität und jeder Ausstattung. Gerichtsstand ist Neapel. →Gammarelli

OR Nr.  49 vom 04.12.2009:
Neue Ferula (neuer Kreuzstab, „Krümme“) des Heiligen Vaters

Mit Beginn des neuen Kirchenjahres (28.11.2009) erschien Papst Benedikt XVI. mit einem neuen Kreuzstab. Zeremonienmeister Guido Marini: „Der im Aussehen der Ferula Pius’ IX. ähnelnde Kreuzstab kann mit Fug und Recht als Hirtenstab Benedikt XVI. betrachtet werden. Der 184 cm lange Stab, der 2,53 kg wiegt, ist ein Geschenk des Circolo San Pietro. Dank der geringeren Grösse des Stabes und des Kreuzes ist er einfacher zu handhaben als die seit Palmsonntag 2008 benutzte Ferula von Pius IX. Und er ist auch 140 g leichter und sogar 590 g leichter als der von Johannes Paul II. benutzte Kreuzstab.

Der neue Kreuzstab (bei Kardinal, Bischof und Abt: Krummstab) zeigt auf der Vorderseite in der Mitte das Osterlamm, während in den Enden der Kreuzarme Medaillons mit den Symbolen der 4 Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes zu sehen sind. – Das Netzmuster auf den Kreuzarmen verweist auf Petrus, den Fischer aus Galiläa. Die Rückseite des Kreuzes zeigt in der Mitte das Christusmonogramm – bestehend aus den ersten beiden Buchstaben des Wortes Christus auf Griechisch, ein ineinandergesetztes X und P – und an den vier Enden Bilder der Kirchenväter des Ostens und des Westens: Augustinus und Ambrosius, Athanasius und Johannes Chrysostomus. Das Lamm und das Christusmonogramm im Mittelpunkt der Vorder- und Rückseite spiegeln die Einheit des Ostergeheimnisses wider: Kreuz und Auferstehung. Auf dem Ring unterhalb des Kreuzes ist oben der Name „Benedikt XVI.“ eingraviert, was den Hirtenstab zum persönlichen, eigenen Stab macht. Der untere Teil des Ringes trägt den Namen des Spenders, das heisst des „Circolo San Pietro“. Das obere Ende des Stabes zeigt zudem das Wappen des Papstes.“

Heutiger Gebrauch der päpstlichen Kleider (bis Benedikt XVI.)

Die Stola wie auch die Schuhe und der Camauro müssen in der Farbe der Mozetta entsprechen, z. B. in Rot mit dem roten Camauro und roten Pantoffeln, wenn die rote Mozetta getragen wird.

Vom Fest der Hl. Katharina (29. April) bis zum Hochfest der Himmelfahrt:
Rote,  hermelinbesetzte Mozetta mit roter Stola und roten Schuhen

Vom Hochfest Himmelfahrt bis zum Fest der Hl. Katharina:
Rote Mozetta ohne Hermelin mit roter Stola und roten Schuhen

Osteroktav (nach Ostervigil bis zur 2. Vesper des Sonntags „in albis“):
Mozetta aus weissem Damast mit weisser Stola und (normalerweise) weissen Schuhen

Die Farbe der Stola und der anderen Kleidungsstücke richtet sich nach der Farbe der Mozetta und nicht nach der liturgischen Farbe im Kirchenjahr. Mozetta und Stola sind im engeren Sinne keine liturgischen Gewänder. Sie dürfen nicht verwendet werden, wenn der Thron als liturgische Kathedra gebraucht wird.

Hans Küng, Ist die Kirche noch zu retten? Seite 201:
Das Abrücken vom Vatikanum II kommt symbolhaft zum Ausdruck in Papst Benedikts neuer/alter Prunksucht und Kleidermode … Papst Benedikt kommt nun den Reaktionären im Vatikan entgegen und versucht eine Reform der Reform in Richtung Vergangenheit durchzuführen. Vielleicht meint er, etwas von dem durch Skandale verlorenen inneren moralischen Glanz des Papsttums kompensieren zu können durch eine Restauration von altem Glanz und Gloria? Freilich hatte Joseph Ratzinger schon von Haus aus eine Neigung zum Barock und eine Nostalgie nach der alten Liturgie. Trotzdem wundern sich viele, dass dieser, wie man meinte, einfache und bescheidene Mann als Papst schon bald durch seine Kleidermode auf sich aufmerksam machte. Zusammen mit massgeschneiderten modernen roten Schuhen trug er wieder gerne den aus dem 13. Jahrhundert stammenden Schulterumhang (Mozetta) aus rotem Samt, besetzt mit Hermelin und eingefasst mit Seide. Er liess die mit Edelsteinen besetzte Mitra, die Pius IX. zur Eröffnung des Vatikanum I getragen hatte, aber auch den prunkvollen geschnitzten Fürstenthron von dessen Nachfolger Leo XIII. und einen schweren goldenen Hirtenstab aus dem Depot des Vatikans hervorholen.

Man mag darüber lächeln, wenn dieser Papst sich der Welt in immer neuen feinen Roben und reich bestückten Mitren präsentiert: so viel alter Prunk und Plunder, der nun manche Bischöfe anregen mag, es ihm gleichzutun. Aber mehr  als eine traditionalistische Modetorheit ist es, dass gerade ein deutscher Papst, der schon in den Gewändern des Borghese-Papstes Paul V. den Aschermittwoch 2008 gefeiert hatte, auch noch 30 neue liturgische Gewänder nach dem Design des Medici-Papstes Leo X. (1513-21) schneidern liess, der Luther verurteilt und die Reformation verschlafen hatte. Über diese kostspielige Taktlosigkeit gegenüber den Protestanten und Geschmacklosigkeit gegenüber reformorientierten Katholiken kann man nur den Kopf schütteln. Das Abendmahl Jesu ist in solchen Pontifikalmessen jedenfalls kaum noch zu erkennen.

HK, S. 206:
Evangelische Einfachheit:

Keine unrealistische Armutsromantik, aber Verzicht auf den aus früheren Zeiten der Petrusmacht stammenden Pomp und Luxus. Bescheidenheit in Kleidung, Dienerschaft, Hofhaltung, Ehrengarden und besonders im Gottesdienst. Päpstliche Orden und römische Hoftitel haben in einer Kirche des Dienstes wenig Sinn.

OR Nr. 11 vom 15.03.2013, S. 10:
Fischerring zerstört

Der Fischerring von Papst Benedikt XVI. sei durch Zerkratzen des Siegels unbrauchbar gemacht bzw. die Ringplatte mit einer Gravour durchtrennt worden, sagte der Pressesprecher des Heiligen Stuhles, P. Federico Lombardi SJ. Der Fischerring ist eine päpstliche Insignie. Nach dem Tod oder Amtsverzicht eines Papstes nimmt der Camerlengo den Ring in Verwahrung und veranlasst dessen Zerstörung. Dies ist gegenwärtig Kardinal Tarcisio Bertone. Die Bezeichnung „Fischerring“ geht auf die Abbildung zurück, die Petrus zeigt, der ein Netz mit Fischen in sein Boot zieht. Die Päpste erhalten den Ring nach ihrer Wahl im Rahmen des feierlichen Gottesdienstes zur Amtseinführung zusammen mit dem Pallium. Bis ins 19. Jahrhundert verwendeten die Päpste den Ring zur Siegelung.  →Heraldik

OR vom 18.04.2014 Nr. 16/17, S. 1
Ein neuer Kreuzstab für den Papst

Häftlinge der Strafanstalt im norditalienischen San Remo haben einen neuen Kreuzstab für Papst Franziskus gefertigt. Am Palmsonntag verwendete der Heilige Vater den schlichten Stock aus Olivenholz erstmals beim Gottesdienst auf dem Petersplatz. Den über 2 Meter hohen Stab hielt Franziskus in der linken Hans. (Zuoberst das lateinische Kreuz, aufgesetzt auf den Stab, unmittelbar geziert mit Blättern, rund 40 cm nach unten unterbrochen mit einem Wappen. Sehr schlicht. – Der Papst mit dem Kreuzstab, alle übrigen Würdenträger mit den Krummstab, heraldisch „Krümme“).

OR Nrn. 30/31 vom 25. Juli 2014, S. 11, Agostino Paravicini Bagliani
Weiss und rot für den Nachfolger Petri
Mittelalterliche Herkunft und symbolische Bedeutung der päpstlichen Gewänder
(WA: Zusammenfassung)

Einer weit verbreiteten Ansicht zufolge soll die weisse Soutane, die der Papst normalerweise trägt, von Papst Pius V. (1566-72) eingeführt worden sein, zur Erinnerung daran, dass er vor seiner Wahl zum Papst dem Predigerorden (Dominikaner im weissen Rock) angehört hatte. Hier liegt keine zuverlässige Quelle vor.

Eine erste Beobachtung mag überraschen: Und zwar die Tatsache, dass das erste päpstliche „Gewand“, von dem die Quellen reden, der rote Mantel ist, ein Wort, das Dante Papst Nikolaus III. (1277-80) deshalb aussprechen lässt, um ihm zu gestatten, sich vorzustellen („Um mich zu kennen, wohl, so sag‘ ich dir, / Dass ich den hehren Mantel einst getragen“, Inferno, XIX, 69f.). Das bestätigt, dass der rote Mantel für Dante jenes Gewand war, das mehr als alle anderen geeignet war, den Papst anhand des Amtes zu identifizieren. Um mehr zu erfahren, müssen wir in der Zeit weiter zurückgehen, bis zum Pontifikat Sylvesters II. (999-1003), des Papstes der ersten Jahrtausendwende. Tatsächlich erfahren wir, dass Bischof Arnulf von Orléans diesen beschuldigt, „angetan mit einem strahlend purpurfarben-goldigem Gewand auf dem erhabenen Stuhl zu sitzen.“ – Kaiser Konstantin soll Papst Sylvester I. (314-335) verschiedene kaiserliche Gewänder geschenkt haben, zu denen auch die „purpurfarbene Chlamys“ (Kurzmantel) gehört habe. E steht aber mit Sicherheit fest, dass auch Petrus Damiani, einer der wichtigsten Protagonisten (Vorkämpfer) der gregorianischen Reform, den roten Mantel mit dem päpstlichen Amt identifiziert. Der berühmte Kardinal fragte in der Tat den Gegenpapst Cadalus (1061-64), dessen Wahl er bestritt: „Bist du denn mit dem roten Mantel der römischen Päpste bekleidet worden, wie es die Sitte verlangt?“ Der erste Papst, der feierlich und ganz reell im Augenblick seiner Wahl den roten Mantel erhalten hatte, war Gregor VII. (1076).

Quellen (Zeremonienhandbücher von Albinus (1189) und Cencius (1192) berichten allerdings nur vom roten Mantel des Papstes, nie aber von einer weissen Soutane. Und das ist ein weiteres Kuriosum (Sonderbarkeit) in der Geschichte der päpstlichen Gewänder. Tatsächlich müssen wir bis zum späten 13. Jahrhundert warten, um ein Zeremonienhandbuch zu finden (den Ordo XIII, zusammengestellt auf Geheiss von Papst Gregor X. um das Jahr 1274), das sich ausdrücklich mit dem weissen Gewand des Papstes befasst. Von diesem Augenblick an vermelden alle päpstlichen Zeremonienhandbücher mit immer grösserer Ausführlichkeit, dass der Papst vom Augenblick seiner Wahl an Gewänder trägt, die in zwei Farben gehalten sind: Rot (Mantel, Mozetta, Schuhe) und Weiss (Soutane, Strümpfe). Der bedeutendste mittelalterliche liturgische Autor, Gulielmus Durandus, Bischof von Mende (bei Clemens IV. [1265.68] hatte er Ämter in der Kurie inne), sagt Folgendes: „Der Papst trägt stets einen aussen roten Mantel, der innen aber schneeweiss ist: denn das Weiss symbolisiert die Unschuld und die Liebe; das äussere Rot symbolisiert das Mitleid. – Man wird bemerkt haben, dass Gulielmus Durandus nicht sagt, dass der rote Mantel Teil der kaiserlichen Insignien war, die Konstantin dem Papst geschenkt haben soll. Vielmehr betrachtet er den roten Mantel als ein Symbol des Martyriums Christi. Aber auch die weisse Farbe der päpstlichen Soutane verweist auf Christus. In der Tat symbolisiert die weisse Farbe für Gulielmus Durandus die Unschuld Christi.

Später wird das Zeremonienhandbuch des Agostino Patrizi Piccolomini (1484-92) aussagen, das auf Befehl Innozenz‘ (1484-92) verfasst worden war, dass die weiss-rote Alltagstracht des Papstes als eine unverzichtbare Pflichtkleidung zu betrachten sei: „Bei den nicht-liturgischen Gewändern trägt der Papst über dem Rochett nur Rot; unter dem Rochett trägt der Papst stets die weisse Soutane und rote Strümpfe, mit Sandalen, die mit goldenen Kreuzen verziert sind.“

Eine Schlussfolgerung drängt sich ganz von selbst auf. Bereits mindestens 3 Jahrhunderte vor dem Pontifikat Pius‘ V. (1566-72) war das symbolische System, das die weissen und roten Gewänder des Papstes betraf, Gegenstand grosser Aufmerksamkeit der päpstlichen Liturgieexperten und Zeremonienmeister, weil die Farben der Gewänder symbolisch das Amt des Papstes als Statthalter Jesu Christi unterstützten.

* → Päpste, Benedikt XVI.     → Papstwahl           → Priester

Kleidergeschäft im Vatikan

AS, Vatikanistan, S. 155:

150 m hinter dem Petersdom liegt das päpstliche Bahnhofgebäude, ein Geschenk Mussolinis, aussen in Travertin, innen in Marmor gehalten. Seit die meisten Waren per Lastwagen angefahren werden und auch die Päpste sich lieber per Hubschrauber bewegen, ist das Stationsgebäude eigentlich überflüssig geworden. Also hat man umgebaut, in einen Tempel des Guten, Edlen und Teuren, wo sich steuerfrei und diskret einkaufen lässt. An der Fassade verrät kein Schild, dass sich hier ein Tempel der Eitelkeiten verbirgt, das Einkaufsparadies auf dem vatikanischen Hügel. Gleich hinter dem Eingang sind die Silberplatten und –gedecke, „Ferragamo“-Anzüge werden angepriesen. In langen Reihen stehen handgenähte Schuhe aus England, hinter einer Vitrine die Longines-Collection „Dolce Vita“, gegenüber in der Herrenuhrenabteilung etliche P.-Picot-Chronometer schon ab Euro 3’675.00 das Stück. Ein eigener Massschneider hat Ballen englischen Tuchs vor sich ausgebreitet.

Früher war das Kaufhaus unter dem – fast realsozialistisch anmutenden – Namen „Magazzino economato“ (Verkaufsladen des Wirtschaftsamtes) in den Verwaltungsräumen des „Governatorats“ untergebracht gewesen. Das hatte den Amtsbetrieb bisweilen gestört. Jetzt, im exklusiven Marmorambiente, ist aus dem Verkaufsladen eine Shopping-Oase geworden, die sich vor den Geschäften des Corso und der Via Condotti  nicht zu verstecken braucht. Verantwortlich ist niemand anderes als der Vatikan, denn dem steht laut „Wirtschaftsgesetz“ das Handelsmonopol auf seinem Territorium zu.

Ein wenig abseits steht im 1. Stock ein Schild und weist den Weg zur „Religiösen Abteilung“, wo man geschützt vor neugierigen Blicken den Messwein „Pellegrino“ oder auch eine Soutane im Gänswein-Stil für 454.00 Euro kaufen kann. Viel Umsatz wird hier nicht gemacht.

In der Damenabteilung im 2. Geschoss führen ein paar Stufen hinauf zur Dessousabteilung, mit Spaghetti-Tops, Negligés und Pantys aus der „Hanro of Switzerland“-Kollektion Perfectly Nude –„Die Wäsche wird zur perfekten zweiten Haut, einem Erlebnis, das selbst unter der engsten Oberbekleidung unsichtbar ist“, wirbt die Firma. Aber wer, um Gottes willen, trägt im Vatikan schon engste Oberbekleidung? Tatsächlich kaufen die Ordensschwestern ihre Unterwäsche meistens an den Billigständen der Sri Lanker  auf der Via Ottaviano. Es seien, so verrät eine Kundin, meist Diplomatinnen, die hier einkaufen, um vom Dutyfree-Status des Kirchenstaates zu profitieren. Denn das mache bei einer Tagheuer-Uhr schon einige 100 Euro aus. Im Fahrstuhl hängt ein Hinweis, dass bald ein Wohltätigkeitsverkauf an Silbergeschirr abgehalten werde, zugunsten des Leprahauses „St. Claire’s“.

Doch damit keiner vergisst, wo er sich befindet, hängt über dem Eingang ein bis zur Unkenntlichkeit stilisiertes Kreuz aus edelschwarz glänzendem Material. Ora et Armani.

Heute, Stand Oktober 2017:
Erdgeschoss u. a.: Uhren (Weltmarken), Lederwaren, Taschen, Papeterie-Artikel (Luxus-Kugelschreiber für Euro 200), Beauty-Artikel
Obergeschoss u. a. : Bettwäsche, Socken, Tücher, Herrenkleider, Hemden

Kleinste Armee der Welt, eine Korrektur

→Armee, kleinste der Welt, eine Korrektur (als Nebenregister unter dem Buchstaben A)

Klimawandel

OR Nr. 32/33 vom 10.08.2018, S. 4

Angesichts der globalen Herausforderungen durch Klimawandel und Migration vermisst Papst Franziskus echte politische Führung. Parolen nutzten ebenso wenig wie das Konkurrieren um den ersten Rang, heisst es in einer am 27. Juli veröffentlichten Botschaft an die Teilnehmer einer internationalen Konferenz über katholische Ethik, die vom 26. bis 29. Juli 2018 in Sarajevo stattfand, wo rund 500 Theologen aus 80 Ländern zusammengekommen waren.

OR Nr. 17 vom 26.04.2019, S. 2
Vatikanstadt. Die schwedische Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg hat am Mittwoch an der Generalaudienz von Papst Franziskus auf dem Petersplatz teilgenommen. Im Anschluss begrüsste der Heilige Vater die 16-jährige Schülerin persönlich und wechselte mit ihr einige Worte. Thunberg zeigte Franziskus ein Plakat mit der Anschrift „Join the Climate strike“ („Schliesse Dich dem Klimastreik an“). Wie Vatikansprecher „ad Interim“ Alessandro Gisotti anschliessend mitteilte, danke Franziskus der jungen Aktivistin für ihr Engagement und bestärkte sie darin. Umgekehrt habe Thurnberg dem Papst für seinen Einsatz zur Bewahrung der Schöpfung gedankt. Die Initiative zu dem Treffen sei von der Schülerin ausgegangen, betonte Gisotti.

OR Nr. 22 vom 31.05.2019, S. 3
Einsatz für nachhaltige  Entwicklung und Klimaschutz

Vatikanstadt. Papst Franziskus hat Finanzminister weltweit aufgerufen, sich für nachhaltige Entwicklung und Klimaschutz einzusetzen. „Ich hoffe, dass ihr euch als Finanzminister der Welt auf einen gemeinsamen Plan einigt, der Ergebnissen der Klimaforschung, umweltfreundlicher Energiegewinnung und vor allem einer Ethik der Menschenwürde entspricht“, sagte er am Montag, 27.05.2019, im Vatikan. Besonders drängte der Papst zum Erreichen der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen und der Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens. „Wir müssen das erreichen, was wir vereinbart haben, denn davon hängen unser Überleben und Wohlbefinden ab“, so der Papst.
Der Heilige Vater äusserte sich bei einer Audienz für Finanzminister, die an einer Konferenz der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften  zum Thema Klimaschutz teilnahmen. Es dürften keinerlei Geschäfte  auf Kosten der Umwelt  gemacht werden, so der Papst. Konkret forderte Franziskus etwa, sich unabhängig von fossilen Brennstoffen (z.  B. Kohle, Erdöl) zu machen und auf Wind, Wasser- und Sonnenenergie zu setzen. Zudem rief er zur Unterstützung der Armen und Bedürftigen auf.

Kirche heute 23/2019 Juni, S. 2
Appell zur Klimakrise

Mit einem eindringlichen Appell hat sich der Vatikan hinter weltweiten Klimademonstrationen junger Menschen gestellt. Die politisch Verantwortlichen müssten mutiger sein und auf den dramatischen Schrei hören, den die Wissenschaftler und die Jugendbewegung für das Klima erheben, hält Kurienkardinal Peter Turkson in einer Botschaft zum vierten Jahrestag der päpstlichen Umweltenzyklika „Laudatio si“ fest. Nach Aussage des Kardinals, der sich unter anderem auf den jüngsten Sonderbericht des Weltklimarats von 2018 beruft, braucht es einen radikal anderen Lebensstil aller.

Kloster „Mater Ecclesiae“im Vatikan

In den vatikanischen Gärten gelegen, im Jahre 1994 gegründet. Ehemaliges Gärtnerhaus. Erste Schwestern waren die  Klarissen. Alle 5 Jahre ist Wechsel.

  Das (aufgehobene) Klösterchen: heller, kleiner Vorbau

Ziel: Bezugspunkt zum kontemplativen Ordensleben innerhalb der vatikanischen Mauern zu schaffen.

Hier befinden sich Nonnen aus verschiedenen Ländern, um die Präsenz der Weltkirche zu symbolisieren.

Die Karmelitinnen, die seit 1999 den Konvent „Mater Ecclesiae“ in den vatikanischen Gärten bewohnt haben, kehrten in diesen Tagen (Okt. 2004) in ihre Heimatprovinzen zurück. Sie wurden durch sieben kontemplative Benediktinerinnen ersetzt. Der Substitut im Päpstlichen Staatssekretariat, Erzbischof Leonardo Sandri, zelebrierte mit den Ordensfrauen am Festtag der hl. Thérèse von Lisieux einen Gottesdienst und dankte in seiner Predigt den Karmeliterinnen für den wertvollen Dienst, den sie für den Papst und den Heiligen Stuhl geleistet haben. „Ihr habt dem Papst, seinen Mitarbeitern, mir persönlich und allen, die hierher in den Konvent gekommen sind, um euch einen Besuch abzustatten und in dieser Kapelle zu beten, ein lobenswertes Beispiel gegeben vom geweihten Leben gemäss der Spiritualität des Karmel“, sagte Erzbischof Sandri. Das Kloster „Mater Ecclesiae“ wurde von Papst Johannes Paul II. 1994 eingerichtet, um einen Bezugspunkt zum kompletativen Ordensleben innerhalb der vatikanischen Mauern zu schaffen. (Ein früheres Kloster vorher war St. Martha.) (Karmel =NW-SO verlaufender, 32 km langer Gebirgszug in N-Israel. Karmeliten = kath. Bettelorden [bestätigt 1226], von den Beschuhten und Unbeschuhten)

Die Klausur verlassen sie nie, und ausserhalb der Gebetszeiten schweigen sie. Gebetszeiten: von der Matutin (Frühmesse) bis zur Komplet. Sieben Schwestern aus sieben verschiedenen Klöstern kamen hierher.

Ora et labora: Verpflegung, Putzen, Mitren und Kaseln (Messgewänder) für Bischöfe anfertigen, Pergamente in gotischer Schrift malen. Vier Orangen- und fünf Zitronenbäume. Gemüsegarten. Mist vom Bauernhof in Castel Gandolfo wird hier angeliefert.

OR vom 11.09.2009, Nr. 37:
Ein Bild mit Schwester im Gemüsegarten (Gemüse und Hülsenfrüchte für den Papst und eigener Bedarf), ein Bild mit Schwester, die die Papstsoutane flickt.
Interview mit der abtretenden Äbtissin, Mutter Maria Sofia Cichetti, Benediktinerin:

Unsere Arbeiten: Garten, Übersetzungen, Stickereien für liturgische Gegenstände, Buchmalereien, Pergamente beschriften. Die Geschenke (Kleider, Spielzeug) und Lebensmittel, die wir erhalten, teilen wir mit dem Haus „Dono di Maria“ und der Kinderstelle S. Marta im Vatikan (→Kinderfürsorgezentrum S. Marta). Für den Garten (Tomaten, Paprika, Zucchini, Kohl, Kräuter, Minze) kommt der Mist aus dem Bauernhof aus Castel Gandolfo. Zitronen- und Orangenbäume. Ein spezieller Garten, wo Blumen gezogen werden: zwei Arten von Rosen (Beatrice d’Este und Johannes Paul II). Sie kommen in unsere Kapelle. Im Mai gelangen Rosen jede Woche in die Papstwohnung.

OR vom 23.10.2009, Nr. 43:
Die Klausurschwestern bauen gemäss den strengen Regeln der biologischen Landwirtschaft Obst und Gemüse für den päpstlichen Haushalt an.

OR vom 11.12.2009, Nr. 50, Seite 3:
Spanische Salesianerinnen übernahmen Klausurkloster im Vatikan: Im vatikanischen Kloster „Mater Ecclesiae“ sind vor kurzem neue Ordensschwestern eingezogen. Sieben Salesianerinnen haben den Konvent übernommen. Sie lösten die Benediktinerinnen ab, die nach fünf Jahren turnusgemäss das Kloster verlassen haben. – Neue Oberin des Klosters ist die Spanierin Maria Begona Sancho Herreros, die bisher den Salesianerinnen-Konvent in Burgos (Spanien) geleitet hat. Fünf weitere Ordensschwestern kommen aus Spanien, eine ist Italienerin. Vor ihnen lebten hier

  • Klarissen (1994-99)
  • Unbeschuhte Karmelitinnen (1999-2004)
  • Benediktinerinnen (2004-2009); von jetzt an nur noch alle 3 Jahre
  • Salesianerinnen (2009-2012/13); Schwestern der Heimsuchung Mariens
  • Frühjahr 2013: Aufgabe des Klosters zugunsten des Zweckbaus für die neue Wohnung von Papst Benedikt XVI. Ratzinger em.

Der kontemplative Orden der Salesianerinnen  wurde 1620 im französischen Annency vom hl. Franz von Sales (1567-1622) und der hl. Johanna Franziska von Chantal (1572-1641) gegründet.

OR vom 24.12.2010 Nrn. 50/51:
Der Heilige Vater besuchte am 14.12.2010, am Gedenktag des hl. Johannes vom Kreuz, die Schwestern im vatikanischen Kloster „Mater Ecclesiae“ und feierte mit ihnen die heilige Messe. In seiner Predigt hat er darauf hingewiesen, dass Jesus das endgültige Wort Gottes an die Menschen ist, denn durch die Hingabe seiner selbst hat er das wahre Antlitz des Vaters offenbart. Nach der heiligen Messe hat die Oberin des Klosters, Sr. Maria Begona Sancho, dem Heiligen Vater im Namen aller Mitschwestern ein Silberkreuz geschenkt, das verschiedene Reliquien enthält. Zudem überreichten die Ordensfrauen dem Heiligen Vater selbstangefertigte Gaben zum Weihnachtsfest, die Papst Benedikt XVI. mit Interesse entgegennahm.

Alexander Smoltczyk, Vatikanistan, S. 112:
Die Ordensschwestern  haben die besondere Aufgabe, für den Papst zu beten, sich um seine Weisswäsche zu kümmern und eine bestimmte weisse, sehr aromatische Rosenart zu züchten, die „Johannes Paul II.“. Eine Nonne macht Übersetzungen, eine andere arbeitet online für die EDV-Abteilung des Vatikans.

OR Nr. 47 vom 23. November 2012, S. 11 (…):
Der 3-jährige Aufenthalt der Schwestern der Heimsuchung Mariens im Kloster „Mater Ecclesia“ im Vatikan:

Interview mit Sr. Sancho Herreros
7 Nonnen, mitten in der Nacht aufstehen. Gründung durch Johannes Paul II.: durch das Gebet den Papst und die Anliegen der Kirche unterstützen. Gründung des Klosters am 13. Mai 1994, 13. Jahrestag des Attentats auf den Papst.

Auflösung des Klosters

Mit dem Rücktritt von Papst Benedikt XVI. Ratzinger am 28. Februar 2013 stellte sich die Frage, wo er seinen neuen Aufenthalt platziert. Die Wahl fiel nicht etwa auf seine alte Heimat Bayern, sondern auf das Kloster „Mater Ecclesia“ im Vatikan, gegründet 1994. Die Ordensschwestern mussten deshalb ausziehen. Der Umbau für ein Wohnhaus für Papst, Ordensschwestern und Erzbischof Gänswein begann. Bis zum Einzug benutzte der em. Papst Räumlichkeiten des Palastes in Castel Gandolfo. Anfang Mai 2013 zog er in den Vatikan zurück und bezog in den Gärten das ehemalige Kloster.  WA

→Nuzzi G., Erbsünde, 2018, S. 37
Ein bislang unbekanntes Ereignis, über das hier erstmals berichtet wird, deutet in jedem Fall darauf hin, dass Papst Benedikt XVI. seine Rücktrittsentscheidung nicht erst auf seiner Mexiko- und Kubareise im März 2012 traf, wie vom Vatikan angegeben, sondern schon Monate zuvor. Die Salesianerinnen, die turnusgemäss im römischen Kloster Mater Ecclesiae zu Gast waren, erhielten nämlich bereits im Winter 2011/2012, also zeitgleich mit dem Verhandlungsangebot von seiten des Vatikans, eine ebenso überraschende wie erschreckende Nachricht. In dem 1992 unter Johannes Paul II. errichteten Kloster in unmittelbarer Nähe des Petersdoms beteten verschiedene Schwesterorden im Wechsel für den Papst. Doch auf einmal sollten die Salesianerinnen die 12 Zellen und den heiss geliebten Garten, in dem sie mit grosser Leidenschaft biologischen Anbau betrieben, vorzeitig verlassen. Verständlicherweise zeigten sie sich darüber nicht wenig erstaunt, woraufhin man ihnen erklärte, leider sei eine Renovierung der gesamten Anlage nunmehr unumgänglich. Dabei war das Gebäude noch keine 20 Jahre alt, und die Nonnen, die dort beteten, studierten und den Garten pflegten, hatten auch keinerlei Anlass zur Beschwerde gesehen. Doch selbstverständlich wehrten sie sich nicht, sondern zogen sich lieber zum Gebet zurück. Laut dem Statut von Mater Ecclesiae, das ab 1994 einen jeweils fünfjährigen Aufenthalt verschiedener Schwesterorden vorsah, hätten sie dort eigentlich bis Ende 2014 in Klausur leben sollen. (…)
Keine der Nonnen hätte sich auch nur im Entferntesten vorstellen können, dass das Kloster zur Residenz des ersten zurückgetretenen Papstes in der Geschichte der modernen Kirche umgebaut würde. Benedikt XVI. bereitete seinen Abgang diskret vor.
(Rücktritt von Benedikt XVI.: 28.02.2013)